Griechisches Etymologisches Wörterbuch


Griechisches Etymologisches Wörterbuch von Hjalmar Frisk, Heidelberg, 1954-1972.

Band I, pp. I-XXX, 1-938 [α-κο] (1960).
Band II, pp. 1-1154 [κρ-ω] (1970).
Band III, pp. 1-312 [Nachträge, Wortregister, Corrigenda] (1972).

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ἀ- verneinendes (privatives) Präfix (α στερητικόν); daneben, ursprünglich nur antevokalisch, ἀν-. — Durch Wegfall anlautender Konsonanten (ϝ-, σ-) ist die ursprüngliche Verteilung gestört worden: ἄισος (< *ἀ-ϝισος) neben neugebildetem ἄνισος hat Formen wie ἄ-οζος neben ursprünglichem ἄν-οζος (: Ast) hervorgerufen. ἀ(ν)- war im Griechischen wie in den übrigen idg. Sprachen anfänglich nur in Verbaladjektiven und Bahuvrihibildungen zu Hause. Frisk Adj. priv. 4ff., 44ff., Subst. priv. 8ff., Wackernagel Syntax 2, 284ff., 1, 282f., Puhvel Lang. 29, 14ff. — Über pleonastisches ἀ(ν)- s. zu ἀβέλτερος. Gr. ἀ(ν)- findet sich in den meisten idg. Sprachen wieder, z. B. aind. a(n)-, lat. in-, germ., z. B. got. un-, idg. *-. Damit ablautend die Satznegation *nĕ in lat. ne-scio, ne-fas usw., gr. viell. νέποδες (s. d.) und νηλεής (s. ἔλεος). Mehrere Bildungen können altererbt sein, wie ἄν-υδρ-ος = aind. an-udr--, ἄγνωτος = aind. ájñāta-, lat. ignōtus. — Seltene Nebenformen von ἀν- sind ν- (ν-ήνεμος, ν-ωδός, vgl. νηλεής oben) und ἀνα-, s. Schwyzer 431f. Fragliche Ablautspekulationen bei Gray Language 1, 119ff.; dazu Nehring Glotta 16, 248. I-1

ἁ- kopulatives Präfix (α ἁθροιστικόν); durch Hauchdissimilation und Psilose auch ἀ-, das analogisch weiterwuchern konnte: ἅπαξ, ἁπλοῦς; ἄλοχος, ἀδελφός; ἄπεδος ‘eben’, ἄβιος ‘reich’. — Identisch mit aind. sa- (sá-nāman- ‘mit demselben Namen, gleichnamig’), lat. sem-, sim- (sim-plex), idg. *sm̥-, schwache Ablautform von *sem in aind. sám ‘zusammen’, lat. sem-el usw., s. εἷς; vgl. auch ὁμός, ἅμα. — Aus der Bedeutung ‘zusammen, mit etw. versehen’ erwuchs wahrscheinlich das sog. α ἐπιτατικόν (intensivum), z. B. ἄ-εδνον· πολύφερνον Hes., vgl. s. v. ἐν. Das Präfix ἀ- ist nicht immer vom prothetischen ἀ- oder von ἀ- in zweisilbigen Wurzeln zu trennen (vgl. ἀμέλγω, ἀνήρ, ἄημι). Schwyzer 433 und 411f., außerdem noch Sturtevant Language 15, 148ff. (zweifelhaft). I-1

ἀ- in kleinasiatischen Namen, z. B. Ἄθυμβρα: Θύμβρα. — Kretschmer ist geneigt, nach dem Vorgang Forrers darin ein (chattisches?) Artikel-Präfix zu sehen; Glotta 21, 86ff., 22, 108 A. 3, 24, 218f., 32, 182f., 200ff. — Über eine ähnliche Erscheinung im Illyrischen (’Απενέσται: Penestae usw.) Krahe IF 57, 126f. I-1

ἆ Interjektion (seit Il.), — elementare Bildung, vgl. Loewe KZ 54, 103ff., Björck Alpha impurum 152. Davon ἄζω ‘seufzen, stöhnen’. Schwyzer 716. I-1

ἀάατος ep. Wort unsicherer Bedeutung: νῠν μοι ὄμοσσον ἀ. Στυγὸς ὕδωρ Ξ 271 (‘unverletzlich’?), ἄεθλος ἀ. φ 91, χ 5 (‘untrüglich’?), κάρτος ἀ. A. R. 2, 77 (‘unüberwindlich’?). — Schon wegen der unklaren Bed. ist die Herkunft nicht sicher zu ermitteln. Gewöhnlich zu ἄτη gezogen; s. d. und ἀάω. Vgl. ἀάβακτοι· ἀβλαβεῖς H.? I-2

ἄαδα · ἔνδεια. Λάκωνες H. s. ἅδην. — ἀαδεῖν· ἀπορεῖσθαι, ἀσιτεῖν H. s. ἅδην; — im Sinn von ὀχλεῖν, λυπεῖσθαι, ἀδικεῖν s. ἁνδάνω, ἡδύς. I-2

ἀάζω ‘mit offenem Munde ausatmen’ (Arist.), davon ἀασμός (Arist.). — Wohl onomatopoetisch (Schwyzer Mélanges Pedersen 73 A. 2). Anders Solmsen Unt. 284 (zu ἄημι). Vgl. ἄζω aus ἆ. I-2

ἀάνθα · εἶδος ἐνωτίου παρὰΑλκμᾶνι ὡςΑριστοφάνης H. — Nach Schulze Q. 38 als *αὐσανθα zu οὖς, was vor allem wegen der unklaren Bildung (vgl. οἰνάνθη; oder zu ἄνθος?? Chantraine Formation 369) sehr zweifelhaft ist. Vgl. auch Bechtel Dial. 2, 366. I-2

ἄαπτος in der epischen Formel χεῖρες ἄαπτοι, χεῖρας ἀάπτους (Hom., Hes.), danach κῆτος ἄ. Opp. — Nach den Scholien zu Α 567 und nach Eustathios soll Aristophanes ἀέπτους gelesen haben, das E. entweder mit εἰπεῖν oder mit ἕπεσθαι verbinden will. Bechtel Lex. s. v., der wie Wackernagel BB 4, 283f. ἄεπτος als die ursprüngliche Lesart ansieht, deutet χ. ἀ. als ‘Hände, deren Größe man nicht aussprechen kann’; wenig überzeugend. Vgl. ἄεπτος, ἀπτοεπής. I-2

ἄατος kontr. ἆτος ‘unersättlich’ — aus *ἄ-σᾰ-τος ep. neg. Verbaladjektiv zu ἄ-μεναι ‘sättigen’, s. ἅδην und ἆσαι. Vgl. ἄητος. I-2

ἀάω ‘schaden, verletzen’, Med. ‘in Verblendung handeln’, fast ausschließlich episch; außer ἀᾶται (Τ 91 = 129) nur Aoristformen ἄασα, -άμην, kontr. ἆσα, ἀάσθην. Primäres Verb, Aor. *ἀϝᾰ́-σαι mit themat. Präsens *ἀϝᾰ́-εται > ἀᾶται, dazu noch die σκ-Bildung ἀάσκει· φθείρει, βλάπτει H., κατέβασκε· κατέβλαψεν H. Verbalnomina: ἀϝᾰ́-τη (Alk. αὐάτα) > ἄτη ‘Schaden, Schuld, Verblendung’, s. d.; ἄασις in ἀασι-φόρος· βλάβην φέρων H. Vgl. noch ἀεσίφρων und Bechtel Lex. s. v. — Unerklärt. Hypothesen bei Bq s. ἄτη und WP. 1, 211. Vgl. γατάλαι. I-2

ἄβα · τροχὸς ἢ βοή H. — Im letzteren Sinn nach Specht KZ 59, 120f. zum hom. Ipf. αὖε ‘rief’. Specht zieht ferner heran ἀβήρει· ᾄδει und ἀβέσσει· ἐπιποθεῖ, θορυβεῖ H., außerdem noch ἀβώρ (ἄβωρ cod.) im Sinn von βοή. Sehr hypothetisch. Vgl. αὐδή, ἀείδω. I-2

ἄβαγνα · ῥόδα Μακεδόνες H. — Dunkel. Gehört hierher phryg. Ἄγνις, Ὕαγνις = ϝάγνις (N. eines phryg. Athleten)? Kretschmer Glotta 3, 156f., Pisani Rev. int. ét. balk. 3, 1 (5) 25 A. 3 (mit Lit.). I-2

ἀβακής nur Akk. sg. (äol.) ἀβάκην φρένα (Sapph.) ‘ἡσύχιον καὶ πρᾷον’ (EM). Davon ἀβάκησαν δ 249 ‘ἡσύχασαν’ (?) und ἀβακιζόμενος Anakr. Vom Nomen oder vom Verbum geht aus ἀβακήμων· ἄλαλος, ἀσύνετος H., vgl. Schwyzer 522 : 2, Chantraine Formation 173. — Wegen der nicht genau festzustellenden Bedeutung bleibt die Etymologie unsicher. Falls eigentlich = ‘ἄλαλος, stumm’ empfiehlt sich die alte Herleitung aus βάζω (βέβακται, βάξις). Die Anknüpfung an βάκτρον, βέβηκα, βάκται· ἰσχυροί H. (Walker Cl. Rev. 5, 448, Bechtel Lex. 3f. mit weiterer Lit.) wird von WP. 2, 104f. mit Recht in Zweifel gezogen. I-3

ἀβάντασιν · ἀνάβασιν H. — Aus *ἀμβάντασιν dissimiliert nach v. Blumenthal Hesychst. 2; kaum überzeugend. Schmidt ändert in ἀβάντεσσιν· ἀναβᾶσιν. I-3

ἄβαξ, -κος m. ‘Brett (zum Rechnen, Zeichnen, Spielen), Tafel’ (Kratin., Arist. usw.). Dem. ἀβάκιον (Lys. usw.), ἀβακίσκος. — Herkunft unbekannt. — Die Herleitung aus hebr. ’ābāq ‘Staub’ (s. Lewy Fremdw. 173) über ‘*mit Staub bestreute Zeichentafel’ ist semantisch willkürlich. Lat. LW abacus. I-3

ἀβαριστάν · γυναικιζομένην, καθαιρομένην καταμηνίοις. Κύπριοι H. — Unwahrscheinliche Hypothese von Schrijnen BSL 32, 57. I-3

ἀβαρύ · ὀρίγανον <τὸ ἐν> Μακεδονίᾳ H. — Vielleicht mit ἀμάρακον irgendwie zusammenhängend; s. d. W. mit Lit. I-3

ἄβεις · ἔχεις H. — Nach Bonfante RIGI 19, 167f. illyrisch mit β aus idg. gh wie in νίβα· χιόνα. Krahe IF 58, 133 erwägt daneben Lautsubstitution von gr. φ durch illyr. b. I-3

ἀβέλτερος, woraus ἀβελτερία, ἀβελτερεύομαι, att. Wort, ‘einfältig, dumm’. — Wahrscheinlich mit pleonastischem Privativpräfix für βέλτερος ursprünglich ‘sittlich gut’, dann herabsetzend ‘gutmütig, schlicht, einfältig’, Wackernagel GGN 1902, 745ff.; vgl. Fraenkel Glotta 20, 94. Kaum mit Benfey Wurzellex. 1, 321, Osthoff IF 6, 6f., Seiler Steigerungsformen 93 als Bahuvrihi ‘ohne das Bessere’. Wieder anders Osthoff MU 6, 177, Hatzidakis Glotta 11, 175f. I-3

ἀβήρ · οἴκημα στοὰς ἔχον, ταμεῖον. Λάκωνες H. — Nach v. Blumenthal Hesychst. 2f. illyrisch (zu idg. bher- ‘tragen’), was von Kretschmer Glotta 20, 249 mit Recht abgelehnt wird. Wohl einfach mit ἀ(ϝ)ήρ ‘Luft’ identisch, vgl. schwed. vind 1. ‘Wind’ 2. ‘Boden’, Frisk Eranos 32, 54. I-3

ἄβιν · ἐλάτην, οἱ δὲ πεύκην H. — Zu lat. abies, s. W.-Hofmann. Nach Mayer KZ 66, 96f. aus idg. *ab- ‘Baum’, das in einer Reihe illyrischer und skythischer (iranischer) Namen wie Ἄβαι, Ἄβροι, ’Αβική = ‘Υλαία (St. Byz.) erhalten sein soll. I-3

ἀβλαδέως · ἡδέως H. — Wohl mit Vokalvorschlag zu βλαδύς und weiterhin zu ἀμαλδύνω, μέλδομαι. Näheres bei Winter Prothet. Vokal 31f. I-3

ἀβληχρός ‘schwach’, bei Homer immer im Versanfang, später auch im Versinnern (A. R. 2, 205), vereinzelt auch in der Prosa. Bei Nik. Th. 885 ἀβληχρής. — Sonst βληχρός, s. d. Das anlautende ("prothetische") ἀ- ist dunkel, vgl. Wackernagel Glotta 2, 1ff., Winter Prothet. Vokal 31. — Leumann Hom. Wörter 55, 340 betrachtet ἀβληχρός als die ursprüngliche Form, woraus βληχρός durch Verschiebung der Wortfuge entstanden wäre. I-4

ἀβλοπές · ἀβλαβές. Κρῆτες H. Dazu in kret. Inschr. ἀβλοπια (Vaxos) und καταβλαπεσθαι (Gortyn). — Zu βλάπτω, βλάβη, s. d. Das Schwanken von π ~ β ist wegen der unsicheren Etymologie nicht sicher zu deuten, vgl. Fraenkel Glotta 2, 36f. Abzulehnen v. Blumenthal Hesychst. 25. I-4

ἀβολεῖς · περιβολαὶ ὑπὸ Σικελῶν H. — Wohl zu ἀβόλλης (s. d.) durch Volksetymologie. Unwahrscheinlich v. Blumenthal Hesychst. 2: aus *ἀμφιβολεῖς mit Silbendissimilation, Assimilation und Vereinfachung der Doppelkonsonanz. I-4

ἀβολέω hellen. Epik (A. R., Kall.) = ἀντιβολέω. ἀβολῆσαι · ἀπαντῆσαι H. Davon ἀβολητύς ‘Begegnung’, -ήτωρ ‘der begegnet’ (Antim.). — Prellwitz Glotta 19, 126 vergleicht ἤβολον ἦμαρ· καθὅ ἀπαντῶσιν εἰς ταὐτόν, ἢ εὔκαιρον, ἱερόν H., das nach ihm ein Präfix ἠ- < idg. - enthalten soll. Wie ἀ- in ἀβολέω zu erklären ist, erfährt man nicht (nach Schwyzer 433 copulativum). I-4

ἀβόλλης ‘Art Mantel’ (Kaiserzeit). — Wird allgemein und wohl richtig als LW aus lat. abolla (seit Varro) erklärt, s. W.-Hofmann s. v. Gegen diese Annahme könnte allerdings die maskuline Form von ἀβόλλης sprechen, die aus dem fem. abolla nicht ohne weiteres verständlich ist, während gr. Maskulina auf -ης im Lat. in Feminina auf -a übergehen, Wackernagel Syntax 2, 44. Jedenfalls wohl urspr. sizilisch; vgl. ἀβολεῖς. I-4

ἀβριστήν · μαστιγίαν H. — Winter Prothet. Vokal 31 erwägt Anschluß an μήρινθος, μέρμις ‘Seil’ usw., was sowohl wegen der unerklärten Bildungsweise wie wegen der Bedeutung zweifelhaft scheint. I-4

ἁβρός ‘zart, weichlich’ alt, vorw. poetisch. Fem. ἅβρα ‘Lieblingszofe’ hell. u. spät (nach Lewy Fremdw. 68 u. anderen aus aram. ḥabrā ‘Genossin’). Abl.: ἁβρότης, ἁβροσύνη; denom. ἁβρύνομαι, -ω ‘weichlich leben, großtun, sich brüsten’, bzw. ‘weichlich behandeln’. — Von L. Meyer 1, 614, Debrunner GGA 1910, 9, Schwyzer 481 zu ἥβη (eig. ‘in Jugendkraft strotzend’) gezogen. Hypothetisch. I-4

ἀβροτάζω ‘jn. verfehlen’ nur Konj. Aor. ἀβροτάξομεν Κ 65. Abl. ἀβρόταξις H., Eust. — Vielleicht nur metrisch bedingte Umbildung von *ἀβροτῶμεν (Schwyzer Mél. Pedersen 70). S. ἁμαρτάνω. Zu -βρ- für -μβρ- s. Schwyzer 277. I-5

ἀβρότονον (ἁ-) (Thphr., Nik. usw.). n. ‘Stabwurz’ — Herkunft unbekannt; wohl (volksetymologisch umgeformtes) LW. Abzulehnen Hoffmann Die Makedonen 40f. m. A. 7. I-5

ἀβρυτοί · ἐχίνων θαλασσίων εἶδος H. Daneben ἄμβρυττοι· εἶδος ἐχίνων θαλασσίων und die kürzeren Formen βρύττος (Ar.) und βρύσσος (Arist.). — Kühne Vermutungen bei Winter Prothet. Vokal 30: zu μορμύρος N. eines Meerfisches und fernerhin zu βρύχιος ‘tief’ (?). I-5

ἀβυδόν · βαθύ H. — v. Blumenthal IF 49, 175 erwägt illyrische Herkunft (= ‘grundlos’, zu βυθός). I-5

ἀβυρτάκη f. N. einer Sauce, ‘ὑπότριμμα βαρβαρικόν’ (Kom.). — Herk. unbekannt. I-5

ἀγα- verstärkendes Präfix, vorwiegend in älterer Sprache, z. B. ἀγα-κλεής ‘mit großem Ruhm’. — Zur Funktion stimmt völlig das lautlich anklingende aw. aš-, z. B. aš-aoǰah- ‘mit großer Stärke’. Schwyzer KZ 58, 184 erwägt, -α nur als "phonetische Stütze" zu betrachten. Gewöhnlich wird ἀγα- mit μέγα verbunden; die dabei vorauszusetzende Grundform idg. *m̥ĝ(a)- ist wenig erfreulich. Mit ἀγα- verwandt ist ἄγᾱν ‘zu sehr’, viell. Akk. eines verschollenen Nomens; zum unklaren -ᾱ- s. zuletzt Björck Alpha impurum 44f. Davon ἀγάζειν in μηδὲν ἀγάζειν A. Supp. 1061 (: μηδὲν ἄγαν). — Ob ἄγαμαι ‘sich wundern’, auch ‘beneiden, entrüstet sein’ zu ἄγα- gehört, ist etw. unsicher. Es sieht jedenfalls aus wie ein primäres Verb auf zweisilbiger Wurzel, vgl. Schwyzer 680. Thematische Umbildung in ἀγάομαι (Hes., Alkm.), daneben ἀγαίομαι (ep. ion., Neubildung nach ἔνασσα : ναίω usw., Risch 284), ἀγάζομαι (Pind.). Aor. ἀγάσ(σ)ασθαι usw. Nominale Ableitungen: ἄγη ‘Verwunderung, Neid’ (Hom. usw.), ἀγάσματα (S. Fr. 885, vgl. Nauck z. St.), ἄγασ(σ)ις H., EM. — Vgl. ἀγάλλομαι, ἀγανακτέω, ἀγαυός. I-5

ἀγαθίς, -ίδος f. ‘Knäuel’, selten (Pherekyd. u. a.). — Etym. unbekannt. Hypothetisch Grošelj Živa Ant. 2, 65. Ältere Lit. bei Bq. Vgl. unter ἀγαθός. I-5

ἀγαθός ‘gut, tüchtig, trefflich’ im weitesten Sinn von Personen und Sachen, allgemein seit Hom. — Unerklärt. Seit Legerlotz KZ 8, 416 (zuletzt Bartoli Arch. glottol. it. 32, 97ff.) vergleicht man oft die germ. Sippe got. goþs, nhd. gut, mnd. gaden ‘passen’ usw., ferner (Bezzenberger BB 13, 243) aksl. godъ ‘(rechte) Zeit’, goditi ‘gefallen’ und — in der Annahme einer ursprünglichen Bed. ‘umklammern, festhalten’ — aind. gádhya- ‘was festzuhalten ist’ usw. (wozu ferner auch ἀγαθίς ‘Knäuel’ aus *sm̥-ghadhi-); alles höchst unsicher. — Eine Grundform *ghadh- hätte eigentlich zu ἀ-καθός führen müssen, einer Form die tatsächlich in ἀκαθόν· ἀγαθόν H. vorliegt. Das -γ- wäre nach Güntert BphW 37, 263 sekundär nach ἀγα- eingetreten. Nach Specht Ursprung 256 und Havers Sprachtabu 56 ist die ten. aspirata θ durch Gefühlsbetonung verursacht (?). Weitere Lit. bei Bq und WP. 1, 531ff., 834. S. auch χάσιος. Von ἀγαθός werden in älterer Zeit keine Ableitungen gebildet. Erst seit dem Hellenismus (namentlich in der Septuaginta) erscheinen ἀγαθότης, ἀγαθωσύνη; ἀγαθόω mit ἀγάθωμα, ἀγαθύνω mit ἀγάθυνσις (früher dafür ἀρετή, ἀνδρεία usw.). Auch die Zusammensetzungen sind fast ausnahmslos spät (früher und allg. εὐ-). I-5-6

ἀγάλλομαι ‘stolz sein, sich freuen’ (seit Hom.), daneben ἀγάλλω ‘verherrlichen’ (Pi. usw.). Abl. ἄγαλμα eig. ‘πᾶν ἐφᾧ τις ἀγάλλεται’ (Schol. Ar. Th. 773) ‘Stolz, Schmuck, (Götter)statue’, vgl. Wilamowitz zu Eur. Her. 49, Porzig Satzinhalte 241; — in malam partem ἀγαλμός· λοιδορία H., vgl. u. ἀγαλλιάζει. — Für ἀγάλλομαι, -ω erscheint in späterer Sprache ἀγαλλιάομαι, -ιάω nach den Verben auf -ιάω (Schwyzer 732); davon ἀγαλλίασις, -ίαμα. Von ἀγαλλιάομαι ferner ἀγαλλιάζει· λοιδορεῖται H., vgl. zur Bildung Schwyzer 734, Mél. Pedersen 63ff.; daneben ἀγάλλιος· λοίδορος H. — Ob auch der Pflanzenname ἀγαλλίς (h. Cer., Nik.) zu ἀγάλλομαι gehört, sei dahingestellt; vgl. ἀναγαλλίς. ἀγάλλομαι sieht wie ein Denominativum von *ἀγαλός aus (Schwyzer 725); weitere Anknüpfungen (ἀγα- ?, μεγαλο- ??) zweifelhaft. Vielleicht ist ἀγανός (mit Stammwechsel λ ~ ν) verwandt. I-6

ἀγάλοχον n. ‘bitteres Aloeholz’ (Dsk. usw.). — Orientalisches LW, nähere Herkunft unbekannt. Vgl. Schrader-Nehring Reallex. 39f. I-6

ἄγαμαι s. ἀγα-. I-6

Αγαμέμνων, att. Vasen ’Αγαμέσμων, auch ’Αγαμέμμων, -μέν(ν)ων (Nachmanson Glotta 4, 246). PN — Nach Prellwitz BB 17, 171f. aus *Αγα-μέδμων ‘mächtig waltend’; s. noch Stolz Innsbrucker Festgruß 13ff. Kretschmer Glotta 3, 330f. zieht dagegen mit Curtius 311 das Hinterglied zu μένος und μένειν, indem er die Form mit -σμ- durch eine Art vulgärer Assimilation zu erklären sucht. S. auch Fiesel Namen 65ff. I-6

ἄγᾱν s. ἀγα-. I-6

ἀγανακτέω ‘aufgeregt, entrüstet sein’, att. und spät; davon ἀγανάκτησις ‘Entrüstung’ — Nicht sicher erklärt. Vielleicht expressive Bildung auf -ακτέω wie ὑλακτέω (: ὑλάω) zu *ἀγανάω (vgl. ἀγάνημαι· ἀσχάλλω, ἀγανακτῶ H.) und weiterhin zu ἀγάομαι, ἄγαμαι (ἰσχανάω : ἴσχω usw.) im Sinn von ‘sich entrüsten’. Frisk Eranos 50, 8ff. I-6-7

ἀγά-ννιφος, -ον ‘mit vielem Schnee’, — dichterisches Kompositum äolischen Ursprungs. Vom Wurzelnomen νίφ- ‘Schnee’, in νίφ-α Akk. sg., s. νείφει. Zur Bildung des Hinterglieds s. Sommer Nominalkomp.64. I-7

ἀγανός ‘mild, sanft’, poet. (Il. usw.) und spät. — Ohne Etymologie. Die Anknüpfung an ἄγαμαι ist semantisch unbefriedigend. Anschluß an γάνος n. ‘Glanz’ (Bechtel Lex. nach Döderlein) erklärt u. a. das ἀ- nicht. S. auch ἀγάλλομαι. I-7

ἀγαπάω ‘gastlich aufnehmen, gern haben, lieben’ (seit Il.), erweiterte Form ἀγαπάζω (ep. u. lyr.). Daraus als retrograde Bildung ἀγάπη ‘(christliche) Liebe’ (spät, vor allem LXX und NT). Sonstige Ableitungen ἀγάπησις (Arist. usw.), ἀγαπησμός (Men.), ἀγάπημα (Kaiserzeit). — Dunkel. Anknüpfung an ἀγα- erklärt weder Bedeutung noch Bildung (Hinterglied zu πάομαι nach Prellwitz; dagegen u. a. Lagercrantz KZ 34, 383). I-7

ἀγαρικόν N. verschiedener Pilze (Dsk. u. a.), — nach dem ON. ’Αγαρία (Sarmatien). Strömberg Pflanzennamen 122. I-7

ἀγαυός etwa ‘verehrungswürdig, edel’, ep. und poet., späte Prosa, bei Homer immer von Königen und Herren. — Nach Schwyzer IF 30, 430ff. (gegen Schulze Q. 64) äolisch = ἀγα-ϝός; viell. zu ἄγαμαι. Anders Curtius 172, Solmsen KZ 29, 111. I-7

ἀγαυρός Epithet unsicherer Bed. (‘stolz’?, ‘verehrungswürdig’?), vereinzelt bei Hes., Hdt. u. a. — Umbildung von ἀγαυός nach γαῦρος. I-7

ἄγγαρος ‘reitender persischer Eilbote’ (X., Theopomp. Hist. usw.), vereinzelt auch als Adjektiv, z. B. ἄγγαρον πῦρ ‘Signalfeuer’ (A. Ag. 282). m. Ableitungen: ἀγγαρήϊος = ἄγγαρος (Hdt.), Subst. ἀγγαρήϊον ‘die Einrichtung der ἄγγαροι’ (Hdt. 8, 98, wo die Einrichtung beschrieben wird). Denominatives Verb ἀγγαρεύω ‘zur Frone (für den Beförderungsdienst) heranziehen’ (Ev. Matt., Pap., Inschr.); davon ἀγγαρευτής ‘zur Frone Herangezogener’ (Pap. VIp) und ἀγγαρεία ‘Fronleistung (für den Beförderungsdienst)’ (Pap., Inschr., vgl. Preisigke Fachwörter s. v.), pl. ἀγγαρεῖαι ‘cursus publicus’ (Inschr. IIIp); auf ἀγγαρεία bezogen ἀγγαρικός (Pap.). — Hellenist. und späte Nebenformen ἐγγαρεύω, -έω, -ία, wohl nach dem Präfix ἐν-, s. Ernault-Hatzfeld Rev. ét. anc. 14, 279ff. — Zunächst aus persischer Quelle, aber letzter Hand (ebenso wie die Institution) wahrsch. babylonisch (aus agru ‘Mietling’, s. Jensen bei Horn Grdz. d. Neupers. Etym. 28 und 254). Zur Sache Rostowzew Klio 6, 249ff., vgl. noch W.-Hofmann s. angarius. I-7-8

ἄγγελος m ‘Bote, Gesandter’ (seit Il.). Denominatives Verb ἀγγέλλω ‘Botschaft bringen, melden’, Nominalabstraktum ἀγγελία ‘Botschaft’. Hom. ἀγγελίης m. ‘Bote’ wurde wahrscheinlich von einem epischen Dichter durch falsche Interpretation des Genetivs (τῆς) ἀγγελίης geschaffen, s. Leumann Hom. Wörter 168ff. Danach ἡ ἀγγελίη im Sinn von ‘Botin’ bei Hes. Th. 781. Andere Ableitungen: von ἀγγελία : ἀγγελιώτης, -ῶτις ‘Bote, -in’ (poet. u. selten seit h. Merc. 296); von ἄγγελος : ἀγγελικός ‘zum Boten gehörig, engelhaft’ (spät); von ἀγγέλλω : ἄγγελμα ‘Meldung’ (E., Th. u. a.), ἀγγελτικός ‘meldend’ (spät), ἀγγέλτειρα ‘Botin’ (Orph. H. 78, 3; nicht ganz sicher). — Die frühere Zusammenstellung mit aind. áṅgiras-, N. mythischer Wesen, beruhte auf der Ansicht, daß diese Vermittler zwischen Göttern und Menschen wären. Da das ganz unsicher ist, bleibt diese Etymologie sehr fraglich. Vermutlich ist ἄγγελος auf unbekannten Wegen aus dem Orient eingedrungen. Vgl. ἄγγαρος. I-8

ἄγγος n. ‘Gefäß’ seit Hom., vorw. poetisch; davon ἀγγεῖον, das mit der Zeit das Grundwort, namentlich aus der Prosa, verdrängt. Dem. ἀγγίδιον (Thphr. usw., falsch -είδιον). Zur Bedeutung vgl. Brommer Hermes 77, 356 . — Unerklärt, viell. Mittelmeerwort (Chantraine Formation 418). Die Versuche, ἄγγος aus dem Indogermanischen zu erklären (s. Bq, WP. 1, 38; 60, Pok. 46f.), haben zu keinen sicheren Ergebnissen geführt. I-8

ἄγγουρα · ῥάξ, σταφυλή H. — Mit unerklärtem Nasaleinschub (wie in ngr. kret. ἄγγουρος ‘jung, Jüngling’, ἀγγούρι ‘Gurke’) und sekundärem spirantischem Übergangslaut zu ἄ-ωρος ‘unreif, grün’; vgl. ngr. ἄγωρος, ἄγουρος ‘unreif, grün, Jüngling’, ἀγουρίδα ‘unreife Traube’ usw. Aus dem Mittel- und Neugriechischen stammen mpers. angūr ‘Weintraube’, ägypt.-arab. ag ́g ́ūr ‘Gurke’. Kretschmer Glotta 20, 239f. — Ob ἄγγουρος· εἶδος πλακοῦντος H. (daneben γοῦρος ‘Kuchenart’ Sol.) damit etwas zu tun hat, sei dahingestellt. Zum letztgenannten Wort vgl. Winter Prothet. Vokal 46. I-8

ἀγείρω ‘versammeln’ (seit Homer). Mehrere Ableitungen, vor allem ἀγορά, s. d. W.; mit demselben Ablaut ἄγορος ‘Versammlung’ (E. in lyr.). Die übrigen Bildungen enthalten in weitem Umfang die Schwundstufe ἀγυρ-; darüber Schwyzer 351. So ἄγυρις ‘Versammlung, Menge’ (Il. usw.) mit der geläufigen Zusammensetzung πανήγυρις ‘Allversammlung, große (Fest)versammlung’, woraus weiterhin πανηγυρίζω, -ισμός, -ικός. Arkad. dafür πανάγορσις, παναγορία. — ἀγύρτης ‘Bettler’ mit den Denom. ἀγυρτάζω (Od. usw.) und ἀγυρτεύω (Str.), wovon ἀγυρτεία; mit dem Adj. ἀγυρτικός (Str., Plu. u. a.). — ἀγυρτήρ ‘Bettler’ mit ἀγύρτρια ‘Bettlerin’ (A. Ag. 1273). — ἀγυρμός und ἄγυρμα. Die Bildungen auf ἀγερ- haben die Verbindung mit dem Verbum besser gewahrt: ἄγερσις ‘das Versammeln, Mustern des Heeres’ (Hdt.), ἀγερμός ‘das Sammeln von Geld, Truppen usw.’ (Inschr., Arist.), ἀγερμοσύνη (Opp.), ἀγέρτας ‘Einkassierer’ (IG 14, 423 I 35; Taurom.). — Endlich findet sich ἄγαρ- in ἄγαρρις ‘Zusammenkunft’ (IG 14, 759, 12; Neapel). Auch ἄγορρις· ἀγορά, ἄθροισις H. kann, falls äolisch, dieselbe Stufe vertreten; vgl. Chantraine Formation 280. — ἀγείρω hat keine direkten Entsprechungen in anderen Sprachen. Es wird gewöhnlich und wohl mit Recht zu γέργερα· πολλά H., τὰ γάργαρα ‘Gewimmel, Haufe’ (s.d.) gezogen, wobei ἀ- verschieden beurteilt worden ist, vgl. Schwyzer 433 A. 5, WP. 1, 590, Winter Prothet. Vokal 14 — Eine mit -θ- erweiterte Form liegt in ep. ἠγερέθονται, -το, -θεσθαι vor; vgl. zur Bildung Schwyzer 703 A. 1 m. Lit. Die einmaligen Formen ἠγερέθονται (Γ 231) und ἠγερέθεσθαι (Κ 127 nach Aristarch) haben aus metrischen Rücksichten ihren gedehnten Anlaut aus dem gewöhnlichen ἠγερέθοντο bezogen; s. Schulze Q. 149, Wackernagel Dehnungsgesetz 38, Chantraine Gramm. homérique 98, 328. I-8-9

ἀγέλη ‘Herde, Schar’ seit Hom., in älterer Zeit vorwiegend poetisch, mit dem Adj. ἀγελαῖος ‘zur Herde gehörig’ (seit Hom.), dem Adverb ἀγεληδόν· ‘nach Herdenart’ (Il. u. a.), dem Subst. ἀγελάτας ‘Führer einer ἀγέλα von Knaben’ (Herakleid. Hist.), dem Verbum ἀγελάζομαι ‘sich versammeln’ (Arist.); vom letztgenannten die später belegten ἀγελαστικός ‘gregarius’ und ἀγέλασμα. Selten und spät ἀγελικός, ἀγελίζω, ἀγελισμός. — Isolierte Abzweigung von ἄγω, s. d. Ein l-Suffix tritt auch auf in lat. agilis (und aind. ajirá- ?) ‘beweglich, rasch’, agolum ‘Hirtenstab’, s. W.-Hofmann s. vv. m. Lit. I-9

ἀγέρδα (cod. -αα) · ἄπιος, ὄγχνη H. — Makedonisch für ἄχερδος. Fick KZ 42, 150, Fraenkel KZ 43, 211. I-9

ἀγέρωχος ‘hochherzig’, auch ‘hochmütig, stolz’ (ep. poet., auch späte Prosa). Davon ἀγερωχία f. ‘Hochherzigkeit, Hochmut, Anmaßung’ (LXX, Plb. usw.). — Wahrscheinlich Zusammenbildung von γέρας ἔχειν (Hom. usw.) mit α copulativum. Vgl. dor. γερωχία (Ar. Lys. 980); dazu Schwyzer Glotta 12, 9 und Gramm. 218 A. 1 m. Lit. I-9

ἀγέτρια · μαῖα. Ταραντῖνοι H. — Für *ἀγρέτρια, von ἀγρέω. McKenzie Cl. Quart. 15, 48. I-9

ἄγη s. ἀγα- I-10

ἀγήνωρ ep. u. poet. Epithet unbekannter Bed. (‘mannhaft, mutig’?). Davon ἀγηνορίη (Hom. usw.), wozu noch ἀγηνορέω (Nonnos). — Das Vorderglied ist mehrdeutig; man hat darin sowohl ἄγω (Hoffmann Glotta 28, 32f.) wie ἀγα- und ἄγαμαι finden wollen; s. Sommer Nominalkomp. 169f., der für Verbindung mit ἄγαμαι eintritt. — Verfehlt Kuiper MAWNied. NR. 14: 5, 207. I-10

ἀγήρατον n. Pflanzenname, ‘Origanum onites’ (Dsk.). — Eig. ‘nicht alternd’, zu γηράσκω, γῆρας. Semantische Parallelen bei Strömberg Pflanzennamen 103. I-10

Αγησίλας, (lak. ΗΑΓΕΗΙΛΑΣ). — von ἡγέομαι. Zur Psilose Schwyzer RhM 78, 215ff. I-10

Αγήτωρ s. ἡγέομαι. I-10

ἅγιος ‘heilig, geweiht’, fehlt bei Hom., Hes. und den Tragikern (dafür ἁγνός). Neben ἅγιος (dreisilbig) steht seit Homer ἅζομαι (< *ἅγι̯ομαι) ‘verehren’ mit einer verschiedenen, durch die Wortlänge bedingten Lautentwicklung. Von ἅγιος ferner die späten Nomina ἁγιότης und ἁγιωσύνη (LXX u. a.), die Verba ἁγίζω ‘weihen, heiligen’ (Pi., S. u. a.) und ἁγιάζω (LXX usw.) mit den Nomina ἁγισμός ‘Totenopfer’ (D. S.), ἁγιασμός ‘Heiligung’ (LXX, NT), ἁγίασμα ‘Heiligung, Heiligtum’ (LXX); ἁγιστήριον ‘Weihkessel’ (Inscr. Perg. 255, 9), ἁγιαστήριον ‘Heiligtum’ (LXX) und ἁγιστύς ‘Zeremonie’ (Kall.). — Eine nominale Erweiterung auf -στ- (ἁγιστός nur Et. Gud. s. v. ἁγιστεία) wird auch vorausgesetzt von ἁγιστεύω ‘heilig, rein sein; heilig halten, weihen’ (Pl., E. usw.) mit den Ableitungen ἁγίστευμα ‘Heiligtum’ (Prokop.) und ἁγιστεία ‘Weihe, Heilighaltung’ (Isok. usw.). — Etymologisch nicht sicher erklärt. Die herkömmliche Zusammenstellung mit aind. yájati ‘durch Opfer und Gebete verehren’ läßt sich weder beweisen noch strikt widerlegen; das Gerundivum yájya-, formal = ἅγιος, findet sich nur bei dem Grammatiker Vopadeva (Debrunner GGA 1910, 9). Der Vergleich mit lat. sacer (Meillet BSL 21, 126f.), der einen Auslautwechsel k : g voraussetzt, ist kaum vorzuziehen. — Zur Bedeutung s. Williger Hagios. Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten 19 : 1 (1922), Nilsson Geschichte d. griech. Rel. 1, 61ff. (ἅγιος, ἁγνός, ἱερός), Roloff Glotta 32, 114ff. mit weiterer Lit. I-10

ἀγκ- — Stamm einer weitverzweigten Wortsippe, die im Griechischen wie in anderen idg. Sprachen durch zahlreiche Nomina vertreten ist. Das Aind. hat das primäre Verbum áñcati ‘biegen, krümmen’ (idg. *ánq-eti). — Neben ἀγκ- steht mit abweichendem Vokalismus ὄγκος. Zum Ablaut a : o vgl. außer Schwyzer 340 die Lit. zu ἅγω : ὄγμος. Die Bildungen ordnen sich am besten nach den verschiedenen Suffixen. Mit l-Suffix: ἀγκάλη f., gew. pl. ‘gekrümmter Arm, Armvoll’ (Archil., A. usw.). Demin. ἀγκαλίς, gew. -ίδες (Il. usw.), im Epos aus metrischen Rücksichten dem Grundwort vorgezogen. Die Lesung ἄγκαλον (Akk. sg.) ‘Armvoll, Bündel’ h. Merc. 82 ist nicht ganz sicher. — Von ἀγκάλη das Denominativum ἀγκαλίζομαι ‘auf die Arme nehmen’ (Semon. usw.) mit den Nomina actionis ἀγκάλισμα (Tim. Pers.), ἀγκαλισμός (Pap.). ἀγκύλος ‘gebogen, krumm’ (Il. usw.) mit den Denominativen ἀγκύλλω ‘zurückbiegen’ (Aret.) und ἀγκυλόω ‘biegen’ (Ar. u. a.); aus diesem ἀγκύλωμα ‘Schlinge’ (Gal.), -ωσις mediz. Terminus, Bez. krampfhafter od. gelähmter Zustände (Gal. u. a.). ἀγκύλη ‘Riemen, Schlinge (am Wurfspieß), Haken, Türangel usw.’ (B., Hp., S., E. usw.). Abl. ἀγκυλητός ‘mit ἀγκ. versehen’ (A.), ἀγκυλίς f. ‘Haken’ (Opp.) mit ἀγκυλιδωτός ‘mit Schlinge versehen’ (Hp. ap. Gal.), ἀγκύλιον ‘Schlinge’ usw. (Mediz.). — Zum υ-Formans vgl. ἄγκυρα unten, außerdem aind. aṅku-śá- ‘Haken’, aṅku-ra- ‘junger Sproß’ (Bed. wie awno. ōll ‘Keim’); zum l-Suffix noch ahd. angul ‘Fischhaken, Angel’, awno. ōl f. ‘Riemen’ (kann mit ἀγκύλη sogar identisch sein), ōll ‘Keim’ und mehrere andere germ. Wörter. — Eine l-Ableitung ohne vermittelnden Vokal liegt in ἀγκλόν· σκολιόν H. (richtig überliefert?) vor. Mit n-Suffix: ἀγκών, -ῶνος m. ‘Ellbogen’, Dat. pl. ἀγκάσι (Opp., Strat.), vgl. ἀγκάς unten, auch von mehreren hervorspringenden Gegenständen (seit Il.). Späte Deminutiva: ἀγκώνιον, -ίσκος, -ίσκιον. Denominativum ἀγκωνίζω ‘sich auf den Ellbogen lehnen’ (Com. Adesp., Gloss.) mit ἀγκωνισμός (Eust.). Femininbildung ἄγκοιναι ‘Arme’ (Hom. u. a.). — Mit alter e-Abtönung im Suffix ἐπ-ηγκενίδες pl. Benennung eines Schiffsteiles, s. Bechtel Lex. s. v. — Zum Nebeneinander der l- und n-Suffixe vgl. z. B. lat. umbō, -ōnis neben ὀμφαλός, umbilīcus. Mit r-Suffix: ἄγκῡρα ‘Anker’ (Alk. usw.) mit spärlich belegten Ableitungen wie ἀγκυρωτός ‘ankergeförmt’ (Ph. Bel.), ἀγκύριον (Ph. Bel. usw.), ἀγκυρίζω ‘jm. ein Bein stellen’ (im Ringkampf; alte Kom.). LW lat. ancora, vgl. Devoto Scientia 16, 32. Mit s-Suffix: ἄγκος n. ‘Bergschlucht, Felsental’ (Il. usw., selten), formal = aind. áṅkas- n. ‘Biegung, Krümmung’ (RV 4, 40, 4). Zum Kompositum μισγάγκεια Sommer Nominalkomp. 174f. m. Lit. Mit tro-Suffix: ἄγκιστρον ‘(Angel)haken’ (Od. usw.); Bildung unklar, s. Chantraine Formation 333f., Schwyzer 532, Specht Ursprung 142. Vereinzelt vorkommende Abl. ἀγκίστριον, ἀγκιστρεύω mit ἀγκιστρευτικός und ἀγκιστρεία. Mit -Suffix?: ἀγκάς· ἀγκάλας H. Wahrscheinlich durch Mißverständnis von Ψ 711 entstanden, Bechtel Lex. 7; vgl. unten. Zwei Adverbia: ἄγκαθεν ‘in die Arme (nehmend), auf den Ellbogen (gestützt)’ (A., vgl. Lejeune Les adverbes grecs en -θεν 323f.), und ἀγκάς ‘in die Arme’ (Hom., Theok., A. R.), davon ἀγκάζομαι ‘auf die Arme nehmen’ (Il. u. a.). Da ἀγκάς außer Ψ 711 nur vor Vokal erscheint, hat man darin entweder einen elidierten Dat. pl. mit Schwundstufe von ἀγκών (ἀγκάσι wie φρασί) oder eine elidierte Form von *ἀγκάσε sehen wollen. Bechtel Lex. 7, Schwyzer 631 A. 5. I-11-12

ἀγλαός formelhaftes Epithet, fast ausschließlich episch und lyrisch, etwa ‘glänzend, herrlich, stattlich’ od. ä. (Die kretische und kyprische Glosse ἀγλαόν· γλαφυρόν ist nach Leumann Hom. Wörter 272 A. 18 durch Mißverständnis einiger Homerstellen entstanden). Nominale Ableitung ἀγλαΐα ‘Pracht, Glanz’ (Il. usw., auch PN; zur Bed. vgl. Porzig Satzinhalte 208f.), denom. Verb ἀγλαΐζω ‘schmücken’, gew. Med. ‘glänzen, sich ergötzen’. Wohl als *ἀγλαϝός zu verstehen. — Wird gewöhnlich zu γαλήνη usw. gezogen; näheres bei Bechtel Lex., Winter Prothet. Vokal 14. Vgl. ἀγανός, ἀγαυός. I-12

Ἄγλαυρος Tochter des Kekrops, eine der Pflegerinnen des Erichthonios, eig. ‘die klares Wasser hat’, — von ἀγλαός und einem Wort für ‘Wasser’, das u. a. in ἄναυρος ‘wasserlos’ (s. d.) enthalten ist. E. Maaß Ath. Mitt. 35, 337ff., Kretschmer Glotta 4, 346. Vgl. Usener Götternamen I35ff., Nilsson Gr. Rel. 1, 294; 414. — Das bei Nik. Th. 62, 441 vorkommende Adj. ἄγλαυρος = ἀγλαός scheint durch eine willkürliche dichterische Umdeutung des PN entstanden zu sein. I-12

ἄγλῑς, -ιθος f. ‘Knoblauchkopf’ (Ar., Hp. usw.), Davon, mit suffixalem -ίδιον, ἀγλίδια· σκόροδα H. — wahrscheinlich mit γέλγις (s. d.) verwandt. Verfehlt Specht Ursprung 255. S. auch Winter Prothet. Vokal 14. I-12

ἀγλύεσθαι · βλάπτεσθαι H. — Nach v. Blumenthal IF 49, 176 hylläisch oder vielmehr messapisch, zu got. agls ‘schimpflich’ usw. (?). I-12

ἁγνός (Od. usw., vorw. poetisch) ‘heilig, rein’; zur Bedeutung Roloff Glotta 32, 114ff. m. Lit. Nominale Abl. ἁγνότης ‘Reinheit’ (NT u. a.). Verbale Abl. 1. ἁγνεύω ‘als heilig betrachten, rein sein, reinigen’ (ion. att.), wovon ἁγνεία ‘Reinigung’, ἅγνευμα, ἁγνευτήριος, ἁγνευτικός; 2. ἁγνίζω ‘reinigen, weihen’ (poet., sp.), wovon ἅγνισμα, -ισμός, -ιστικός u. a., aber auch ἁγνίτης ‘Reiniger’ (Lyk. u. a.) mit Anschluß an die Nomina auf -ίτης, vgl. Redard Les noms grecs en -της 11. — Mit ἅγιος verwandt (s. d.) und wie dies ohne sichere genaue Entsprechung in anderen Sprachen. Aind. yajñá- ‘Gottesverehrung, Opfer’ kann formal dazu stimmen. I-13

ἄγνος f. m. Baumname, ‘Vitex agnus castus’ (h. Merc. usw.). — Ohne Etymologie. Lidén IF 18, 506 vergleicht asl. jagnędь ‘Schwarzpappel’. Über volksetymologische Deutungen und falsche Lehnübersetzungen s. Strömberg Pflanzennamen 154. Kühne Spekulationen über die Bildung bei Specht Ursprung 173. S. auch Rohlfs WB s. v. I-13

ἄγνυμι, ἄξω, ἔαξα od. ἦξα, ἔᾱγα, ἅ̆γην od. ἐᾰ́γην (zu ἐά̄γη am Versende Λ 559 s. Wackernagel Unt. 141, Chantraine Gramm. hom. 18) ‘zerbrechen’. Seit Homer; gew. im Komp. καταγνυμι mit ᾱ aus -α-ϝαγ- (s. Björck Alpha impurum 42, 147 m. Lit.). Zahlreiche Verbalnomina: ἀγή (ᾱ- sicher A. R. 1, 554; 4, 941 und Numen. ap. Ath. 7, 305a im sechsten Fuße: κύματος ἀγῇ, bzw. ἀγῆς; dagegen ἀ̄γήν, bzw. περιᾱγήν Arat. 668 und 688, ebenfalls am Versende, vielmehr zu ἄγω) ‘Bruch(stück)’ (A., E. usw.); mit Reduplikation und Ablaut ἰωγή (< *ϝι-ϝωγ-ή) ‘Schutz gegen den Wind’, falls eig. ‘das Sichbrechen’ (des Windes; ξ 533), auch im Komp. ἐπιωγαί, -ή (ε 404 usw.) aus *ἐπι-ϝιϝωγαί dissimiliert (anders Bechtel Lex. s. v.) ‘geschützter Ort, wo sich Wind und Wogen brechen’. — ἀγμός m. ‘Bruch, steiler Abhang’ (Hp., E.), ἄγμα ‘Bruch(stück)’ (spät), ἄξος (vom σ-Aor.) = ἀγμός (Kreta, St. Byz.), als Stadtname ’Οάξος, d. h. ϝάξος (Hdt. 4, 154). — ἄγος n. H., EM. — Wohl als *ϝάγ-νυμι zu toch. wāk- etwa ‘bersten’, Kaus. ‘spalten, unterscheiden’, wākäm n. ‘Besonderheit, Vorzug’ (vgl. zur Form ἀγμός, aber davon unabhängig gebildet). Auch lat. vāgīna ‘Scheide’ könnte allenfalls hierher gehören, vgl. Scheide zu scheiden (Pisani REIE 3, 59ff., der auch vervāctum ‘Bruchacker’ aus *vēre vāctum heranzieht). — ἄγνυμι ist oft, aber falsch, mit ῥήγνυμι, unter Annahme eines idg. r-Wegfalls, zusammengestellt worden. I-13

ἀγνύς (Plu., Poll., Hdn.), pl. -ῦθες ‘Webersteine’ — Unerklärt. Verfehlt Prellwitz KZ 47, 305f. Vgl. Chantraine Formation 366. I-13

ἀγορά ‘(Volks)versammlung, -splatz, Markt, Handel, Verkehr’ (seit Hom.). Ableitungen: ἀγορητής ‘Redner’ (ep.), auch auf ἀγοράομαι zu beziehen, s. Fraenkel Nom. ag. 1, 25f., Redard Les noms grecs en -της 5f., 10. — Mehrere Denominativa: 1. ἀγοράομαι ‘(in der Versammlung öffentlich) reden’ (ep. ion. poet., aber nur in vereinzelten Formen) mit ἀγορητύς ‘Beredsamkeit’ (ep.) und ἀγορατρός ‘Redner’ (Delphi); 2. ἀγορεύω ‘ds.’ (seit Hom., als Simplex selten im Attischen, s. Wackernagel Unt. 220ff., Fournier Les verbes "dire" 41ff.), wovon die seltenen und späten Nomina ἀγορευτής ‘Redner’, -τήριον ‘Redestelle’, -σις ‘Rede’; 3. ἀγοράζω ‘auf dem Markte verkehren, einkaufen’ (ion. att.); davon ἀγόρασις ‘Einkauf’ (Pl. u. a.), boeot. ἀγόρασσις (s. Holt Les noms d’action en -σις 49f.), ἀγορασία ‘ds.’ (zur Bildung Chantraine Formation 85), ἀγορασμός ‘ds.’ (LXX u. a.), -ασμα, gew. ἀγοράσματα ‘Einkäufe, (eingekaufte) Waren’ (D. u. a.); ferner das Nomen agentis ἀγοραστής ‘Einkäufer’ (X. u. a.), fem. ἀγοράστρια (Pap.), mit ἀγοραστικός ‘zum Handel gehörig’ (Pl. u. a.). — Verbalnomen zu ἀγείρω, s. d. I-13-14

ἄγος n. ‘Fluch, (Blut)schuld’, auch ‘Sühne’ (Hdt., A., Th. u. a.), ἄγεα· τεμένη H. (lesbisch? Bechtel Dial. 1, 115). Zusammensetzung ἐν-αγής ‘fluch-, schuldbeladen’ (Hdt., S. u. a.); davon ἐναγίζω mit ἐναγισμός und ἐνάγισμα, ferner die seltenen und späten Adj. ἐνάγιος (nach ἅγιος) und ἐναγικός. Das Oppositum εὐ-αγής (Parm., S. usw.) ‘schuldlos’ wurde mit ἅγιος assoziiert, vgl. Εὐhαγης (Styra, Va). Daraus das Simplex ἁγής (Emp. 47; von der Sonne). — Unter der Annahme eines Ablautwechsels wird ἄγος allgemein mit aind. ā́gas- n. ‘Unrecht, Sünde’ verglichen. Diese ansprechende Etymologie schließt die sonst naheliegende Möglichkeit aus, mit den Lexikographen des Altertums (Et. Gud.) ἄγος als psilotische Form von ἅγος mit ἅγιος zu verbinden. I-14

ἀγοστός. — Bei Homer (Λ 425 usw.) nur in der Formel ἕλε γαῖαν ἀγοστῷ, gewöhnlich als ‘(die zum Fassen gekrümmte) Hand’ gedeutet. Hellenistische Nachahmer (A. R., Theok.) benutzen es daneben irrtümlich im Sinn von ‘Ellenbogen, Arm’. Im Suffix stimmt ἀγοστός zu den semantisch verwandten παλαστή ‘flache Hand, Breite von vier Fingern’, aind. hásta- ‘Hand’, nhd. Faust, aksl. grъstь ‘Handvoll’ usw., s. Solmsen Wortforschung 1ff., Frisk Suff. -th- im Idg. 17. Nach Solmsen a. a. O. als "Sammler" aus *ἀγορ-στος zu ἀγείρω, vgl. zunächst aksl. grъstь. Fragliche Kombinationen zur Stammbildung bei Specht Ursprung 225. Abzulehnen Ehrlich Betonung 44f. (zu γέμω). I-14

ἄγρα f. ‘Jagd, Beute’ (seit Od., vorw. poet.); ἀγρεύς ‘Jäger’ (Pi., A., E. u. a.); ἀγρεύω ‘erjagen’ (Hdt., S., E., X. u. a., gewöhnlicher als ἀγρεύς), wovon ἀγρευτής ‘Jäger’ (Sol., S. in lyr. usw.), ἀγρευτήρ ‘ds.’ (Theok., Kall. usw.), ἄγρευμα ‘Jagdbeute, -netz’ (Sol., A., E., X., u. a.); zu ἀγρέτης, Bed. unsicher, vgl. Redard Les noms grecs en -της 236 A. 58; — ἀγρώσσω ‘jägern’ (ε 53 usw.), vgl. Schwyzer 733 ζ. ἀγρέω ‘greifen’ (Hom. [nur Ipv. ἄγρει, -τε; aber vgl. Wackernagel Unt. 166f.], Sapph., Archil. u. a.), äol. Ipv. κατάγρεντον, Ptz. Aor. ἀγρέθεντα, -τες, Verbaladj. ἀγρεταί (Kos). Nom. ag. ἀγρέμων (-μών) ‘Jagdspieß, Jäger’ usw. (A., H., EM). Davon ἀγρέμιον ‘Beute’ (AP). Zusammensetzungen: auf -άγρα: πυράγρα ‘Feuerzange’ (Hom., Kall.), κρεάγρα ‘Fleischzange’ (Ar. usw.); — ὀδοντάγρα ‘Zahnzange’, ποδάγρα ‘Fußfessel, Podagra’, χειράγρα ‘Handgicht’, vorw. mediz. Termini; — auf -άγρετος: παλινάγρετος ‘was zurückzunehmen ist, widerruflich’ (ep. seit Il.), αὐτάγρετος ‘selbstgewählt’ (ep. seit Od.), ‘selbstwählend’ (Semon., Opp.). Die Komposita auf -άγρα und -άγρετος sind wahrscheinlich als Zusammenbildungen von einem Verbalstamm ἀγρ- zu betrachten. — Wie sich ἄγρα und ἀγρέω zueinander verhalten, ist nicht klargelegt. McKenzie Cl. Quart. 15, 47f. und 126 will, wenig überzeugend, ἀγρέω von ἄγρα, ἀγρεύω trennen. Er zieht die letztgenannten Wörter zu ἀγρός, wovon zunächst ἀγρεύς eig. ‘zum Felde gehörig’ mit nachträglicher Beziehung auf die Jagd, dann aus diesem ἀγρεύω und endlich daraus (nach θηρεύειν : θήρα) ἄγρα. Aber die Chronologie der Belege ist einer solchen Annahme nicht günstig. Ansprechender scheint seine Hypothese, ἀγρέω sei aus dem. Verbaladjektiv -άγρετος entstanden, das eigentlich zu ἀγείρω gehöre wie -αγρέτης in ἱππαγρέτης, κωλακρέτης (aus -αγρέτης, s. d.) u. a. Gegen ἀγρέω als Denominativum von ἄγρα mit Recht Schwyzer 727 A. 1. Eine Entscheidung wird dadurch erschwert, daß ἀγρέω und αἱρέω einander beeinflußt zu haben scheinen (αὐτάγρετος wie αὐθαίρετος, ἀγρέθεντα wie αἱρεθέντα, vgl. noch die Kontamination ’Εξαίγρετος auf kleinasiat. Münzen bei Imhof-Blumer 1, 165); da aber auch αἱρέω dunkel ist, bleiben die gegenseitigen Beziehungen ungewiß. — Zur Geschichte und Verwendung von ἀγρέω s. Vendryes Mél. Boisacq 2, 331ff., K. Wlaschim Studien zu d. idg. Ausdrücken für Geben und Nehmen. Diss. Wien 1927 (ungedruckt; vgl. Kretschmer Glotta 19, 207ff.). Aus anderen Sprachen werden zum Vergleich herangezogen: aind. ghāsé-ajra- ἅπ. λεγ. VS 21, 43, Bed. unsicher, gew. als ‘zum Verzehren antreibend’ erklärt; aw. azra- ἅπ. λεγ. im Ausdruck vəhrkąm azrōdaiδ īm ‘die auf Raub ausgehende Wölfin’ (Vid. 18, 45); außerdem eine keltische Gruppe, kymr. aer ‘Schlacht, Kampf’ (< *agrā, eig. *‘Hetze’), ir. ār n. ‘Niederlage’ (< *agrom), gall. Volksname Veragri. Vgl. auch ζωγρέω. I-15-16

ἀγρεῖφνα f. ‘Egge’ (AP 6, 297), ἀγρίφη f. ‘Egge, Harke’ (Hdn., H.). — Wohl mit Fick4 1, 404 zu γριφᾶσθαι· γράφειν. Λάκωνες. οἱ δὲ ξύειν καὶ ἀμύσσειν H. Das anl. ἀ- ist hier wie öfters nicht genügend erklärt. I-16

ἀγρήσκεται · πικραίνεται H. — Vielleicht für ἀγρίσκεται. Jedenfalls zu ἄγριος wie ἀγριαίνω; vgl. ἀλθαίνω : ἀλθίσκω und ἀλθήσκω. Verfehlt v. Blumenthal Hesychst. 24 (zu ἄκρος). I-16

ἀγρός m. ‘Feld, Acker’. Davon ἄγριος ‘agrestis, wild’ mit mehreren Ableitungen: ἀγριότης f. ‘Wildheit’ (Pl., D., X. u. a.), ἀγριόομαι, ἀγριόω, ἀγριαίνω ‘wild werden bzw. machen’. Ferner ἀγρότης m. (π 218, E., vgl. Fraenkel Nom. ag. 1, 57) und ἀγροτήρ m. ‘Landbewohner, ländlich’ (E. u. a.), auch ἀγρώτης (E., vgl. δεσμώτης usw.) und ἀγρώστης (S., E. usw.), Bildung unklar; gegen Anknüpfung an ed- ‘essen’ mit Recht Bechtel Lex. s. v. ἄγρωστις. Die Erweiterung ἀγροιώτης (Hom. usw.) ist wahrscheinlich am Versende entstanden, Risch 32. — Zum Komparativ ἀγρότερος Bechtel s. v. Über ἀγρέτης s. ἄγρα. — Altes Erbwort, das ursprünglich das unbebaute Feld bezeichnete und in mehreren Sprachen erhalten ist: aind. ajra-, lat. ager, germ., z. B. got. akrs, arm. art. Die allgemein verbreitete Ansicht, daß idg. *aĝros als ‘Trift’ eine Ableitung von *agō ‘treiben’ sei, ist nicht zu beweisen, aber sehr ansprechend. Die Ansicht Ungnads Language 13, 153, idg. *aĝros sei aus dem Sumerischen entlehnt, ist unhaltbar. — Das Kompositum ἀγροῖκος, ἄγροικος ‘Landmann, ländlich, bäurisch’ (< *ἀγρο-ϝοικος ‘der sein Haus auf dem Lande hat, auf dem Lande wohnend’) hat im Neugriechischen zum Oppositum γροικός = νοήμων Anlaß gegeben; davon ferner γροικῶ ‘verstehen, hören’ (Hatzidakis, s. Glotta 14, 208f.). I-16

ἄγρυπνος ‘schlaflos, wachsam’ (ion. att.). Ableitungen: ἀγρυπνία ‘Schlaflosigkeit, Wachsamkeit’, ἀγρυπνώδης ‘Schlaflosigkeit verursachend’ (Hp., vgl. Chantraine Formation 431), ἀγρυπνέω ‘schlaflos sein, wachen’ (Thgn. usw., LXX, NT) mit ἀγρυπνητήρ ‘Wächter’ (Man.) und ἀγρυπνητικός ‘wachsam (machend)’ (D. S., Plu., Pap. u. a.). — Die gleich gebildeten ἄγρ-αυλος ‘sein Lager auf dem Felde habend’ und ἀγρ-οῖκος (s. ἀγρός) führen auf die Deutung ‘seinen Schlaf auf dem Felde habend, auf dem Felde schlafend’, s. Wackernagel Verm. Beiträge 3f. Die schon früh eingetretene Anknüpfung an ἀγρέω hat die Bedeutung beeinflußt. I-16

ἄγρωστις, -ιδος, -εως ‘Feldkraut’ (ζ 90 usw.), — Fem. von ἀγρώστης, s. ἀγρός. Bechtel Lex. s. v., Strömberg Pflanzennamen 117. Vgl. auch Kalitsunakis bei Kretschmer Glotta 3, 315f. I-16

ἄγυια, pl. ἀγυιαί ‘Straße, Weg’ (seit Il., vorw. poetisch). Ableitungen: ’Αγυιεύς m. "Straßenhort", Bein. des Apollo (Kom., E. usw.), wovon der Monatsname ’Αγυίηος (Argos); ’Αγυιάτης m. ‘ds.’ (A.), auch ‘Stadtbewohner’ (Pharsalos), vgl. ἀγυιῆται· κωμῆται H.; fem. ἀγυιᾶτις (Pi., E. in lyr.). — ἄγυια, eig. "die hinfahrende’’ (intr.), ist der Form nach ein reduplikationsloses Ptz. Perf. Akt. zu ἄγω. Verfehlt Specht KZ 64, 62f. ("Stelle, auf der gefahren worden ist"). Zum Akzentwechsel Debrunner GGA 1910, 10, Wackernagel Gött. Nachr. 1914, 118f. I-17

ἄγχι Adv. u. Präp. ‘nahe’ (poet. seit Il.). Daneben ἀγχό-θι, -θεν, ἀγχοῦ. Komp. ἆσσον, ἀσσοτέρω, Sup. ἄγχιστα, -ον, wozu das adjektivische ἄγχιστος (mit ἀγχιστεύω, -εία, -εύς u. a.), auch ἄσσιστα nach ἆσσον. Schwyzer-Debrunner 547 mit weiteren Hinweisen, außerdem Seiler Steigerungsformen 44ff. Von ἄγχιστα wurde ἀγχιστῖνος ‘nahe beieinander’ (Hom.) gebildet (Chantraine Formation 204, Schwyzer 491; unrichtig Fraenkel Gnomon 21, 38, Glotta 32, 20). Zu ἀγχιστέδᾱν (Lokroi) = ἀγχιστήδᾱν s. Fraenkel Glotta 20, 84f. — ἄγχι kann als erstarrter Lokativ eines Wurzelnomens (Bed.?) zu ἄγχω erklärt werden (Schwyzer 622), sofern man nicht vorzieht, darin eine direkte Bildung zu ἄγχω nach πέρι, ἄντι zu sehen. — ἀγχέ-μαχος (Il. usw.) wohl nach τηλέ-μαχος (nur als PN bekannt), s. Schulze Kl. Schr. 128, Trümpy Fachausdrücke 113f. I-17

ἀγχίλωψ ‘Art Geschwulst, die den Tränenkanal versperrt’ (Gal. 19, 438). — Nach Galenos von ἄγχι und ὤψ. Strömberg Wortstudien 95f., der ihm zustimmt, erklärt einleuchtend das -λ- aus dem synonymen αἰγίλωψ. Vielleicht hat ἀγχίλωψ sogar sein ganzes Hinterglied von αἰγίλωψ bezogen. Im Vorderglied steckt aber vielmehr das Verb ἄγχω ‘zuschnüren’. I-17

ἄγχουσα Pflanzenname, ‘Anchusa tinctoria’ (Thphr., Dsk.), auch κατάγχουσα (Ps.-Dsk.), vgl. noch ψευδάγχουσα (Plin.). — Die daneben bestehende Form ἔγχουσα (Ar., X.) scheint ursprünglichen Zusammenhang mit ἄγχω, der sich anscheinend begrifflich erklären läßt (Strömberg Pflanzennamen 64) zu verbieten. Durch Kontamination mit κύνωψ entstand ἀγχύνωψ (Dsk.), s. Strömberg 159. I-17

ἄγχω ‘zuschnüren, erdrosseln’ (seit Il.). Ableitungen: ἀγχόνη ‘Strick, das Erdrosseln’ (vorw. poetisch; Bildung wie περόνη, ἀκόνη und andere Werkzeugnamen); davon wiederum ἀγχόνιος ‘zum Erhängen dienend’ (E., Nonn.), ἀγχονάω ‘erdrosseln’ (Man.). Lat. LW angina (zuletzt Leumann Sprache 1, 205). — ἀγκτήρ, -ῆρος m. "Zusammenschnürer", Gerät für Zusammenschnürung von Wunden (Cels. Med., Plu. usw.), vgl. Björck UUÅ 1932 : 5, 82 m. A. 1. — ἄγχω hat eine genaue Entsprechung in lat. ango ‘zuschnüren, beengen’. Dagegen fehlt im Griechischen der weitverbreitete u-Stamm: aind. aṃhú- ‘eng’, got. aggwus, arm. anju-k, aksl. ǫzъ-, lat. *angu- in angi-portum. Vgl. ἄγχι; auch ἀμφήν. I-17-18

ἄγω ‘treiben, leiten, führen; ziehen, gehen’. Zahlreiche Ableitungen, z. T. altererbt (s. unten), und Zusammensetzungen (ἀπ-, εἰσ-, ἐξ-, κατ- usw.). ἀγός ‘Anführer’ (poet. seit Il.), der Form nach mit aind. ajá- ‘Treiber’ identisch, aber trotzdem vielleicht griech. Parallelschöpfung, aus Zusammenbildungen wie στρατηγός (darüber Sommer Zum Zahlwort 12 A. 1) herausgelöst. — ἀγή ‘Transport’ (Chios), wohl auch im Sinn von ‘Lauf, Windung’ (Arat.); s. ἄγνυμι. — ἀγών, -ῶνος m. ‘Versammlung, Wettkampf usw.’ (Il. usw.) mit ἀγώνιος, ἀγωνία, ἀγωνιάω, ἀγωνιάτης; ἀγωνίζομαι, wovon ferner ἀγώνισις, ἀγώνισμα, ἀγωνιστής, ἀγωνιστικός u. a., vgl. Röttger Substantivbildung 51. — ἄκτωρ, -ορος ‘Führer’ (A.), auch EN (Il. usw.), lat. actor wohl davon unabhängig gebildet. — ἄγμα· κλέμμα H. — Reduplizierte Nomina: ἀγωγός m. ‘Führer, führend’ (ion. att.), ἀγωγή ‘Führung usw.’ (ion. att.) mit ἀγωγεύς, ἀγώγιμος, ἀγώγιον, ἀγωγαῖος, ἀγωγικά. — Über -αγέτης in Zusammenbildungen (ἀρχηγέτης usw.) s. Fraenkel Nom. ag. 1, 59ff., Sommer Zum Zahlwort 11f. — Mit Ablaut wahrscheinlich ὤγανον ‘Speiche’ (Frisk Indogermanica 17f.). — Vgl. noch ἄγυια, ἄξιος, ἄξων, ἀγέλη, ὄγμος; auch ἀγρός. — Eine Weiterbildung von ἄγω ist ἀγῑνέμεναι, ἀγινέω (ep. ion.), fast nur im Präsens, Bildungsweise unklar, vgl. Brugmann-Thumb 340, Schwyzer 696; s. auch Chantraine Étrennes Benveniste 14f. Daneben dor. ätol. ἀγνέω. — ἄγω ist ein altes thematisches Präsens mit genauen Entsprechungen in aind. ájati, aw. azaiti, arm. acem, lat. ago, air. -aig, awno. aka (nur intr. ‘fahren, reisen’), toch. āk- (B auch ăk-) ‘führen’. Das Verb war vielleicht ursprünglich nur im Präsens vorhanden, Specht KZ 63, 225 und 270 (Aor. u. Fut. ἤλασα, ἐλάω); gegen diese Suppletivtheorie wendet sich Bloch Suppl. Verba 14ff. I-18

ἀδαγμός · κνησμός H., auch S. Tr. 770 nach Phot. (codd. ὀδαγμός); ἀδακτῶ· κνήθομαι, ἀδαξῆσαι· κνῆσαι, ἀδαχᾷ· κνᾷ, κνήθει κεφαλήν. ψηλαφᾷ H. usw. — Durch Vokalassimilation aus ὀδα- entstanden (J. Schmidt KZ 32, 391ff.), s. ὀδάξ. I-18

ἀδαής, -ές ‘unerfahren, unkundig’ (Hdt., Pi. usw.). — Negatives Verbaladjektiv zu δαῆναι, s. d. (falls nicht zu einem verschollenen *δάος ‘Kunde’; vgl. δήνεα). Seit Homer auch die erweiterte Form ἀδαήμων im Anschluß an δαήμων. I-18

ἀδαλός · ἄσβολος H. — Nach v. Blumenthal Hesychst. 5 makedonisch für αἴθαλος. I-19

ἀδάμας, -αντος m. Bez. eines harten Metalls (‘Stahl’; seit Hes.), ‘Diamant’ (sicher bei Thphr. usw.). Ableitung ἀδαμάντινος (Pi., A. usw.). — Wegen der Bedeutung fremder Herkunft (mit volksetymologischer Angleichung) verdächtig. Falls echt griechisch, eig. ‘unbezwinglich’ (δάμνημι) und mit dem EN ’Αδάμας (Hom.) identisch. Zur Bildung vgl. ἀκάμας (Il. usw.) und Chantraine Formation 269, Schwyzer 526 : 3. I-19

ἀδάρεξα · εἰρήνη H. — v. Blumenthal Hesychst. 24 vergleicht ἀταραξία und nimmt illyrischen Ursprung an. Sehr unsicher. I-19

ἀδάρκη und -ης m., ἄδαρκος m., -ιον n. f. ‘Salzablagerung am Schilf’ (Dsk., Gal.). — Mit lat. adarca (seit Plin.) identisch und wie dies wahrscheinlich aus dem Gallischen entlehnt, vgl. ir. adarc ‘Horn’, aus bask. adar ‘Horn’ mit kelt. k-Suffix. Pokorny Zeitschr. celt. Phil. 14, 273; 16, 112. I-19

ἄδδαυον · ξηρόν. Λάκωνες H. — Von ἄζα und αὖος. Fraenkel Gnomon 21, 39, Glotta 32, 22 mit Fick u. a.; anders Peterson AmJPh. 56, 64ff.: aus *ἀδδαλέος (= ἀζ.) und αὖος. — Davon ἀζαυτός· παλαιότης καὶ κόνις H., vgl. Fraenkel ebd. I-19

ἀδελφεός att. ἀδελφός (wahrscheinlich durch Kürzung entstanden), ἀδελφεή, -φή ‘Schwester’ (seit Pindar [-εά]; vgl. Lommel Femininbildungen 11). ‘Bruder’ (Hom.) Davon ἀδελφιδέος, -δέη, att. -δοῦς, -δῆ ‘Neffe’, ‘Nichte’; außerdem ἀδελφίδιον Demin. (Ar. u. a.), ἀδελφικός ‘brüder- oder schwesterlich’ (Arist. usw.), ἀδελφότης ‘Bruderschaft’ (LXX usw.), ἀδελφίζω ‘zum Bruder annehmen’ (Hekat. u. a.) mit ἀδέλφιξις (Hp.). Aus α copulativum und einem Wort für Mutterleib, wahrscheinlich *δέλφος n., also *ἀ-δελφεσ-ός, vgl. H.: ἀδελφοί· οἱ ἐκ τῆς αὐτῆς δελφύος γεγονότες. δελφὺς γὰρ ἡ μήτρα. (Anders Wackernagel Unt. 52f. mit Solmsen KZ 32, 519ff. u. a.: aus -eio-, eig. Stoffadj.). — Die Entstehung und Bedeutungsentwicklung von ἀδελφός hängt mit dem Schicksal des ererbten idg. Wortes für ‘Bruder’, φράτηρ, zusammen, das auch von entfernteren Verwandten innerhalb der Großfamilie wie den Vettern gebraucht wurde und infolge der etymologischen Verknüpfung mit den als politischen Termini benutzten φράτρα, φρατρία selbst einen politischen Sinn erhielt. Im Gegensatz dazu hebt ἀδελφός die mutterliche Linie hervor und kann mit mutterrechtlichen Sitten innerhalb der vorgriechischen Bevölkerung Griechenlands in Zusammenhang stehen. Kretschmer Glotta 2, 201ff. (auch über Stammbildung), 27, 25f. (gegen die abweichende Auffassung Hermanns IF 53, 100f.). S. weiter s. v. δελφύς. I-19

ἀδευκής, -ές ep. Beiwort (Od., A. R. u. a.) unbekannter Bedeutung. — Wie Πολυ-δεύκης setzt auch ἀ-δευκής ein Nomen *δεῦκος n. voraus, dessen weitere Anknüpfungen (lat. dūco usw., Lagercrantz KZ 35, 276) man auf sich beruhen lassen muß. Vgl. δεύκει· φροντίζει H., ἐνδυκέως etwa ‘sorgfältig’; ἀδευκής also etwa ‘rücksichtslos’. In einem Scholion zu A. R. 1, 1027 wird δεῦκος mit γλεῦκος glossiert; ob echte Tradition oder Scholiastenkonstruktion, läßt sich nicht entscheiden. — Der Name Δευκαλίων kann aus *Λευκαλίων dissimiliert sein, s. Bechtel Lex. s. ἀδευκής. I-20

ἀδῆ · οὐρανός. Μακεδόνες H. — Mit gr. αἰθήρ identisch. I-20

ἀδημονέω ‘unruhig, ängstlich sein’ (Hp., Pl., X. usw.); davon ἀδημονία (Epikur., Plu. u. a.), ἀδημοσύνη (Demokr., X.). — Falls die bei Nik. Fr. 16 vorliegende Kürze des ἀ- auf alter Tradition beruht und nicht durch nachträgliche Assoziation mit dem α privativum entstanden ist, darf man mit Allen Cl. Rev. 20, 5 m. A. ἀδημονέω zu δαῆναι ziehen und mit Debrunner Mél. Boisacq 1, 266 als aus *ἀδαημονέω kontrahiert auffassen. Wagt man dagegen mit ursprünglicher Länge des ἀ- zu rechnen, liegt es nahe, darin einen Vertreter der Sippe von ἡδύς zu sehen. Leumann Hom. Wörter 309 A. 82 faßt das Ptz. ἀ̄δημονέων als eine epische (hexametrische) Erweiterung von *ἀ̄δήμων auf, das zu *ἀ̄δέω aus ἀηδέω (von ἀηδής) gebildet worden sei. Vgl. Bechtel Lex. s. ἀδέω, Dial. 3, 268. I-20

ἀδήν, -ένος f. m. ‘Drüse’ (Hp., Gal. u. a.). Ableitungen: ἀδενώδης (Plu., Mediz.), ἀδενοειδής (Mediz.). — Von de Saussure MSL 6, 53 mit lat. inguen, -inis (nach unguen, sanguen, abdōmen) ‘(Geschwulst in der) Schamgegend’ identifiziert, idg. *n̥gēn. Nisl. økkr m. ‘glans, glandula, tuber’ mit awno. økkvenn ‘glandulosus, tuberosus’ (Bugge BB 3, 115) kann eine, anders gebildete, damit ablautende Form, urg. *enku̯a-, idg. *engo- darstellen. Dagegen kann νεφρός nur mit willkürlichen Kunstgriffen hierher gezogen werden. I-20

ἅδην (Il. usw.) ‘bis zur Sättigung, genug’ — vielleicht Akkusativ eines Substantivs, das in ἁδη-φάγος ‘gefräßig’ vorliegen könnte; vgl. noch ἄαδα unten. Davon ἀδαῖος ‘zur Sättigung führend, unangenehm’ (Sophr., H.). Das zugrunde liegende Verb ist in mehreren Formen belegt, wie ἄ̄μεναι (Il.), Aor. ἆσαι, ἄ̄σασθαι (ep.) ‘sich sättigen’, s. d., dazu das Verbaladjektiv ἄατος, s. d. — Der mit δ erweiterte Stamm liegt in zahlreichen Ableitungen vor: ἅδην s. oben. Hierher auch ἄαδα· ἔνδεια. Λάκωνες. οὕτω καὶΑριστοφάνης ἐν γλώσσαις H. Davon (oder von *ἄαδος) ἀαδεῖν· ἀπορεῖσθαι, ἀσιτεῖν H.; s. Frisk Subst. priv. 16. — ἅδος m. od. n. ‘Sättigung’ (Λ 88). — ἁδινός ‘dicht gedrängt, reichlich’ (vorw. ep.). — ἁδρός, s. d. — ἀδμωλή, s. d. Unklar ist die Bildung von ἄση, s. d. — Der Stamm ἁδ- kann eine genaue Entsprechung in arm. at-ok‘ ‘voll, ausgewachsen’ (vgl. ἁδρός) haben, Frisk Etyma Arm. 16ff. In den übrigen Sprachen findet sich dafür eine t- Erweiterung: lat. satis, got. saþs ‘satt’ usw., s. Frisk a. a. O. I-20-21

ἀδίαντον auch ἀδίαντος m. n., Pflanzenname, ‘Adiantum’ (Thphr. usw.), eig. ‘was nicht benetzt werden kann’; — zur Erklärung Strömberg Pflanzennamen 74f. I-21

ἀδίκη ‘Nessel’ (Ps.-Dsk. 4, 93). — Bildung wie ἑλίκη ‘Weide’, aber sonst dunkel. Die Anknüpfung an Wörter für ‘Nessel’ in anderen Sprachen, z. B. ahd. nazza, nezzila, mir. ne-naid (Sütterlin IF 4, 92) steht und fällt mit der höchst unsicheren Herleitung aus einem idg. Grundwort mit anlautendem sonantischem -: *n̥d-ikā. I-21

ἁδινός s. ἅδην und ἁδρός. I-21

ἄδις · ὡςΑπίων, ἀθρόοι, ἢ ἐσχάρα H. — Im Sinn von ἀθρόοι falsch für ἅλις; im Sinn von ἐσχάρα nach v. Blumenthal IF 49, 179 makedonisch (= lat. aedes). I-21

ἀδμωλή · ἀπορία, ὀλιγωρία, ἄγνοια, ἡσυχία H. — mit Nebenform ἀδμωλία· ἡ ἄγνοια Suid. aus Kall. (Fr. 338), ἀδμολίη EM. Davon ἀδμωλῶ· ἀκηδιῶ Suid., ἀδμωλεῖν· ἀγνοεῖν ἢ ἀγνωμονεῖν ἢ ἀκηδιᾶν EM. Falls eig. ‘gesättigter Zustand’ (> ‘Überdruß, Gleichgültigkeit, Vernachlässigung’) zu ἅδην mit suffixalem -μωλ-. Frisk Eranos 41, 52, wo ausführlich über die Stammbildung. I-21

ἀδνόν · ἁγνόν. Κρῆτες H. — Wohl nur hyperkorrekte Aussprache, durch den bisweilen vorkommenden Übergang δν > γν (’Αριάγνη) verursacht. I-21

ἀ̄δολέσχης m. ‘Schwätzer, Plauderer’, — vgl. Björck Alpha impurum 142, 41 (alte Kom., Pl. usw.), auch (spät) ἀδόλεσχος. Davon ἀδολεσχία, -έω, -ικός. Vielleicht mit verbalem Vorderglied aus *ἀαδο-λέσχης zu ἀαδεῖν· ὀχλεῖν H. aus *ἀ-σϝᾰδεῖν, vgl. ἀαδής Thgn. 285 (aus ἀδαής verbessert). S. ἁνδάνω, ἡδύς. Boisacq s. v. nach Schulze Q. 452f. Andere Vorschläge bei Bq. I-21

ἀδραία · αἰθρία H. — Wohl makedonisch. Vgl. v. Blumenthal Hesychst. 5. I-21

Ἄδραστος ‘der nicht wegläuft’. — Über den Sinn dieses Namens s. E. Maaß Byz.-ngr. Jbb. 5, 179ff. I-21

ἀδράφαξυς s. ἀτράφαξυς. I-21

ἁδρός ‘voll, dicht, ausgewachsen, reif’ (ion. att.). Ableitungen: ἁδρότης ‘Stärke’ (hell. u. spät; über den homer. Akk. ἀ(ν)δροτῆτα s. ἀνήρ); ἁδρύνω ‘reif machen’, med. ‘reif werden’ mit ἅδρυνσις; vereinzelt auch ἁδρέω, ἁδρόομαι. Außerdem ἁδρώδης als Pflanzenname, Strömberg Pflanzennamen 82. Ableitung auf -ρο- von dem in ἅδην (s. d.) u. a. vorliegenden Stamm ἁδ-. — Näheres über die Bildung unbekannt; das nahverwandte ἁδινός könnte auf einen r-n-Stamm schließen lassen. Frisk Etyma Armen. 17f. m. Lit. I-21-22

ἄδρυα · πλοῖα μονόξυλα. Κύπριοι. ... Σικελοὶ δὲ ἄδρυα λέγουσι τὰ μῆλα, παρὰ δὲΑττικοῖς ἀκρόδρυα. H. Auch οἱ τύλοι ἀρότρου, διὧν ὁ ἱστοβοεὺς ἁρμόζεται. H. — Steht für *ἅ-δρυα ‘aus éinem Baum bestehend’, aus ἁ- und δρῦς. Lit. bei Bq; zu dem Pflanzennamen s. auch Strömberg Wortstudien 46. I-22

Ἄδωνις, -ιδος, auch Ἄδων, -ος. — Die geläufige und sehr bestechende Ansicht, daß ’Αδωνις ein semitischer Name wäre (vgl. hebr. ’ādōn ‘Herr’), wird von Kretschmer Glotta 7, 29ff. bestritten. K. sieht stattdessen darin eine Ableitung von ἁδεῖν, ἁνδάνω. Für semitische Herkunft noch W. W. Graf Baudissin ZDMG 70, 423ff.; dagegen, mit neuen Argumenten, Kretschmer Glotta 10, 235f. (älteste Form Ἅδωνις, mit spir. asper, inschriftlich aus Tarentum belegt). Unhaltbar Pisani Rend. Acc. Lincei 6: 5, 5f., vgl. Kretschmer Glotta 20, 250f. I-22

ἄεθλος m., -ον n. ep. ion. poet., [ἄ]ϝεθλα ark. (IG 5 : 2, 75), att. kontr. ἆθλος, -ον ‘Mühsal, Wettkampf, Kampfpreis’. Ableitungen: ἀέθλιον ‘Wettkampf, Kampfpreis’ (ep.), ἀέθλιος ‘zum Wettkampf gehörig’ (Thgn., Kall.), ἄθλιος ‘unglücklich’ (att.) mit ἀθλιότης; — ἀ(ε)θλέω, -εύω ‘sich bemühen, wettkämpfen’ mit ἀ(ε)θλητήρ, -τής, ἀ(έ)θλημα, -σις, -τικός. Zur Bedeutung vgl. Trümpy Fachausdrücke 150f. — Unerklärt. Fruchtlose Deutungsversuche sind verzeichnet bei Bq; s. ferner WP. 1, 223, Pok. 84, Güntert Weltkönig 70f. I-22

ἀείδω, att. ᾄδω ‘singen, besingen’. Ableitungen: ἀοιδή, ᾠδή ‘Gesang, Lied’, woraus ἀοίδιμος, ᾠδικός. Nom. agentis ἀοιδός, ᾠδός ‘Sänger’. Davon (oder von ἀοιδή) ἀοιδιάω ep. = ἀείδω (vgl. Schwyzer 732 β); von ᾠδήΩιδεῖον Gebäude (in Athen) für musische Wettkämpfe (vgl. Chantraine Formation 61). Ferner ἄεισμα, ᾆσμα n. ‘Gesang, Lied’ (ion. att.) mit ᾀσμάτιον (Pl. Kom.). ᾀσμός m. ‘ds.’ (Pl. Kom.). — Zu αὐδή, aber nähere Beziehungen unklar. Nach der geistreichen Annahme Wackernagels KZ 29, 151f. ist ἀείδω aus einem reduplizierten Aorist *ἀ-ϝε-ϝδ-εεν entsprungen, der zuerst durch Dissimilation *ἀ-ϝε-ιδ-εῖν ergeben hätte, wie (ϝ)ειπεῖν für *ϝε-ϝπ-εεν steht. Zu dem so neugeschaffenen Präsens ἀείδω ferner ἀοιδός usw. Aber nach ἀλκή, ἀλ-αλκ-εῖν (neben ἀλέξω) zu schließen, hätte man neben αὐδή einen Aorist *ἀϝ-αυδεῖν erwartet. — Die Zerlegung in eine Wurzel αὐ- (s. ἄβα) mit zwei Erweiterungen: ηι (> ει oder η) und δ: ἀϝ-εί-δ-ω, ἀϝ-η-δ-ών neben αὐ-δ-ή (Specht KZ 59, 119ff., Ursprung 281) ist sehr künstlich. Abzulehnen Diehl RhM 89, 96f., über den Gebrauch ebenda 91f. I-22-23

ἀείρω 1. att. αἴρω, wahrscheinlich zum Fut. att. ἀ̄ρῶ aus ἀερῶ neugebildet (anders Brugmann KZ 27, 196ff.) ‘emporheben, aufheben’. Verbalnomina: ἄρσις f. ‘Hebung’ (Arist. usw.; κάταρσις Th.); ἀρτήρ s. d. — Unerklärt. Gegen den sonst einleuchtenden Vorschlag von Buttmann Lexilogus 1, 260 A. 5 und von Bréal MSL 15, 149f., ἀείρω als Denominativum von ἀ̄ήρ abzuleiten wie nhd. lüften, nschw. lyfta von Luft, spricht die verschiedene Quantität des anlautenden ἀ-; doch ist dieser Einwand vielleicht nicht entscheidend (Frisk Eranos 32, 55f.). Verfehlt Margadant IF 50, 122. — Mit ἀείρω ist μετήορος, att. μετέωρος, äol. πεδάορος ‘in die Höhe gehoben’ semantisch verknüpft. Es kann aber auch eine Hypostase von ἀήρ sein. Vgl. αἰώρα, αἰωρέω; s. auch 2. ἄρμα. I-23

ἀείρω 2. (Κ 499 σὺν δἤειρεν ἱμᾶσι, Ο 680 πίσυρας συναείρεται ἵππους), vgl. ξυναίρεται· συνάπτεται H. nur mit σύν, ‘zusammenbinden, zusammenkoppeln’ Mit Solmsen Untersuchungen 289ff. wahrscheinlich von ἀείρω ‘heben’ zu trennen. Neben dem primären Verb steht ein Nominalstamm -αορ-, etwa ‘Band, Koppel’, in *τετρ(α)-άορος, τετρά̄ορος, kontrah. τέτρωρος ‘mit vier Koppeln, zu vieren gekoppelt, vierspännig’ (seit Od.); davon τετρᾱορία ‘vierspänniger Wagen’ (Pi.). Zu συναείρω ebenfalls συνά̄ορος, συνήορος ‘zusammengekoppelt, Gatte, Gattin’ (seit Od.) mit dem Denominativum συνωρίζω ‘zusammenkoppeln’ (E., Nik. u. a.) und der Ableitung att. συνωρίς, -ίδος f. ‘Zweigespann’; von συνωρίς stammt συνωρικεύεται ‘fährt mit einem Zweigespann’ (Ar. Nub. 15), das als Grundlage erwartete *συνωρικός fehlt; von συνωρίς ebenfalls συνωριαστής ‘Lenker e-r συνωρίς’ (Luk.), das eigentlich ein Verb *συνωριάζειν voraussetzt. — Als Kontrastbildung zu συνήορος dient παρήορος, παρά̄σρος (Il. usw.) ‘beigeschirrt(es Pferd)’, außerdem ‘ausgestreckt’ und ‘unvernünftig’ (darüber Leumann Hom. Wörter 222ff.); ebenso scheint neben συναείρω ein παραείρω existiert zu haben, allerdings nur in einer abweichenden Verwendung belegt: Π 341 παρηέρθη δὲ κάρη ‘der Kopf hing zur Seite’, vgl. Leumann a. a. O. Auch die vereinzelt vorkommenden ἀπήορος ‘weit entfernt’, ἐπήορος ‘darüber hängend’, κατήσρος ‘herabhängend’ (mit κατωρίς ‘herabhängendes Band’) werden von Solmsen hierhergezogen, aber wenigstens die beiden letztgenannten gehören vielmehr mit μετήορος, μετέωρος zusammen, s. ἀείρω 1. und ἀήρ. — Zu ἀείρω ‘anbinden’ gehört mit regelmäßiger o-Abtönung das Nomen actioms ἀορτή eig. *‘das Anbinden, das Anhängen’, konkret ‘angebundener, angehängter Gegenstand, Sack (zum Anhängen)’ (Men. usw.), als mediz. Ausdruck Bez. der Bronchien und der schlauchähnlichen Aorta (Hp., Arist. u. a.). Ferner das Nomen agentis od. instrumenti ἀορτήρ, -ῆρος m. eig. *‘Anbinder, Anhänger’, ‘das Koppel an dem das Schwert hängt, Wehrgehenk’; der o-Vokalismus ist nicht erklärt: nach ἄορ (Schulze Q. 206) oder ἀορτή?, kaum äolisch. — Daneben ἀόρτης (Pap., H.) und ἀορτεύς (H.). Eine denominative oder deverbative Bildung liegt im Ptz. ἀορτηθείς ‘aufgehängt’ (AP) vor. — ἄσρτρα n. pl. ‘Lungenlappen’ (Hp.) nach den Nomina auf -τρον, Chantraine Formation 331f. Unsicher ἄορ, -ορος n. ‘Schwert’, s. d. — Hierher ἀρτάω ‘aufhängen’, s. d. Vgl. noch ὄαρ. Eine überzeugende außergriechische Anknüpfung fehlt. Gewöhnlich wird ἀείρω ‘anbinden’ zu einer Wurzel u̯er- ‘binden, anbinden, anhängen, Schnur, Strick’ gezogen mit Vertretern im Baltischen und Slavischen, z. B. lett. veŕu, ver̃t ‘reihen, sticken usw.’, auch ‘einfädeln’, lit. virvė̃ ‘Strick’, aksl. obora (< ob-vora) ‘Strick’. In Betracht kommt auch alb. vjer ‘aufhängen’ (falls nicht zu ἀείρω ‘emporheben’), ferner mit anl. su̯- lit. sveriù und eine Menge anderer Wörter, die ungenügend untersucht sind, s. die Zusammenstellung bei WP. 1, 263ff. m. Lit., für das Albanesische noch Jokl Untersuchungen 194. — Zur Vokalprothese in ἀείρω Harl KZ 63, 18. I-23-24

ἀέλιοι · οἱ ἀδελφὰς γυναῖκας ἐσχηκότες H., — αἴλιοι· σύγγαμβροι H., daneben εἰλίονες bei Pollux 3, 32 (οἱ δὲ ἀδελφὰς γήμαντες ὁμόγαμβροι ἢ σύγγαμβροι ἢ μᾶλλον συγκηδεσταὶ καὶ παρὰ τοῖς ποιηταῖς εἰλίονες), das metrische Dehnung von *ἐλίονες (bzw. *ἑλίονες) sein kann. In αἴλιοι könnte itazistische Schreibung für *ἔλιοι (*ἕλιοι) vorliegen; anl. ἀ- in ἀέλιοι wohl kopulativ. Urverwandt mit awno. svilar m. pl. ‘Schwäger, deren Frauen Schwestern sind’, idg. *su̯e-lo-, su̯e-lii̯o(n)-, l-Ableitungen vom Reflexivum *su̯e. Vgl. Specht Ursprung 166, außerdem Mezger Word 4, 99. I-24

ἄελλα, ep. ἀέλλη, äol. αὔελλα ‘Sturmwind’. Ableitungen: ’Αελλώ, -οῦς f. N. einer Harpyie (Hes.); ἀελλαῖος, ferner auch ἀελλάς ‘sturmschnell’ (S.), ἀελλήεις (Nonn.), ἀελλώδης (Sch. Il.). Hierher ferner der Vogelname ἀελλός (H.) und ἄελλον· ταχύ EM; zu bemerken auch ἀελλής (κονίσαλος Γ 13), vielleicht nach ἄελλα aus ἀολλής umgebildet. Retrogrades Verb: ἀέλλεται· πνεῖ EM. — Bildung wie θύελλα von ἄημι (vgl. ἀε-τμός), zunächst zu einer l-Ableitung, die auch im Keltischen belegt ist: kymr. awel f. ‘Wind, Hauch’ u. a. Grundform also *ἀϝελ-ι̯ᾰ bzw. -ι̯ᾱ, vgl. ἀείλη· πνοή H. I-24-25

ἄεμμα n. ‘Bogen’ (Kall.). — Falls eigentlich ‘Bogensehne’ (vgl. νευρά ‘Bogensehne’, auch ‘Bogen’), wahrscheinlich künstliche Zerdehnung aus ἅμμα ‘Knoten, Band’. — Über den EN ’Εχέμμας (Kall.), eig. Kurzname für ’Εχέ-μηλος od. ä., aber vielleicht als ἔχων ἄεμμα gedeutet, s. Ziegler RhM 87, 74ff. I-25

ἀέξω s. αὔξω, αὐξάνω. I-25

ἄεπτος poet. Adj. unsicherer Bedeutung, vgl. ἄεπτον· ἰσχυρόν, ἀοίκητον (Abresch ἄθικτον) H. — In der Überlieferung durch ἄαπτος (s. d.) oder ἄελπτος (A. Supp. 908, Ag. 141 usw.) zurückgedrängt. Herkunft unsicher; neben ἔπος erwägt Wackernagel Stud. itfilcl. 5, 27ff. Verwandtschaft mit ἕπω ‘besorgen’. I-25

ἀεροπός · κοχλίας H. — Von Muller Mnemosyne 46, 153 erklärt als "aereis pedibus praeditus", von idg. *ai̯os ‘Bronze’. Unwahrscheinlich. Vgl. ἠερόφωνος. I-25

ἄεσα ‘zubringen’. ep. Aor., immer mit νύκτα(ς) verbunden, Dazu Präsens ἀέσκω, ἀέσκοντο (Hdn., H., EM). — Zu aind. vásati ‘verweilen’, got. wisan ‘sein’, arm. gom ‘ich bin’ usw. (L. Meyer KZ 22, 530ff.), fraglich dagegen heth. ḫuiš-zi ‘er lebt’ (Kuryɫowicz Ét. indo-eur. 74). Über das (prothetische?) ἀ- Solmsen Unt. 267. Die ursprüngliche Form ἄϝεσ-σα glaubt Bechtel Lex. in der Variante ἀέσσαμεν π 367 erkennen zu können. Vgl. ἄστυ, ἑστία. I-25

ἀεσίφρων (Hom., Hes.), — falsch für ἀασί-φρων ‘geschädigt am Verstande’ Buttmann Lexilogus 1, 212, Bechtel Lexilogus s. v. mit antiken Gewährsmännern. Davon ἀεσιφροσύνη (Hom., Hes.). Zu ἀάω; vgl. ἀασι-φόρος· βλάβην φέρων H. I-25

ἄζετον · ἄπιστον. Σικελοί H. Davon der Konjunktiv ἀζετωθέωντι (Delphi, SGDI 2034, 17). — Unerklärt. Vgl. Fraenkel Gnomon 21, 39, Hermann Mélanges Boisacq 1, 467. I-25

ἀζηχής, -ές Bei H. auch ἀζαχές und ἀζεχές· ἀδιάλειπτον. ‘ἄπαυστος, συνεχής, unablässig’ (Hom.). — Vgl. Suidas ἀζηχές· ἀδιεχές. Aus *ἀζαεχής, das überall bei Homer zulässig ist und für *ἀ-δια-εχής stehen kann. Schulze Q. 471, Bechtel Lex. I-25

ἄζον · μέλαν, ὑψηλόν H. — v. Blumenthal Hesychst. 33 schlägt ansprechend vor, statt μέλαν μέγαν zu lesen; sein Erklärungsversuch (aus *αγ-ι̯ον, zu ἄγαν und μέγας) ist dagegen sehr fraglich. I-25

ἄζω 1. ‘trocknen, dörren’ (poet. seit Il.); daneben ἄζα ‘Trockenheit, Hitze’ (hell. Dichter); im Ausdruck σάκος ... πεπαλαγμένον ἄζῃ (χ 184) gewöhnlich als ‘Rost, Schimmel’ erklärt. Bildungsweise und Verhältnis zu ἄζω unklar. — Ableitungen: ἀζάνομαι (h. Ven.), ἀζαίνω (Nik.) ‘austrocknen’, beide deverbativ. Adj. ἀζαλέος ‘dürr’ (Il. usw.), vgl. ἰσχαλέος, αὐσταλέος und andere Synonyme; das l-Suffix steht vielleicht mit dem n-Suffix in ἀζάνομαι, ἀζαίνω in Verbindung (Debrunner IF 23, 4 und 43, Chantraine Formation 253f.). — Über ἄδδαυον s. d. Ihre nächsten Verwandten haben ἄζω und ἄζα in čech. apoln. ozd ‘Malzdarre’, čech. slov. ozditi ‘Malz dörren’, idg. azd-. Daneben mit gutturalem Auslaut german. Wörter wie got. azgo, ahd. asca ‘Asche’. Idg. ā̆s- erscheint u. a. in lat. āreo ‘trocken sein’, wohl auch in āra, alat. āsa ‘Altar’ (wozu vielleicht auch heth. ḫašša- ‘Herd’ nach Pedersen Hittitisch 164), aind. ā́sa- m. ‘Asche, Staub’. Das nähere Verhältnis dieser Wörter zueinander ist nicht aufgeklärt; Spekulationen bei Specht Ursprung 201, 219, 232. Weitere Lit. bei Bq und Pok. 69. — Anders über ἄζα Fraenkel bei Winter Prothet. Vokal 7, Glotta 32, 22, Lexis 3, 55f. S. auch ἄσβολος. I-25-26

ἄζω 2. ‘seufzen, stöhnen’, s. ἆ Interjektion. I-26

ἀηδών, -όνος f. (m.) ‘Nachtigall’ (seit Od.), auch ἀηδώ, -οῦς f. (S. und Ar. in lyr.), aus *ἀϝηδών (ἀβηδόνα· ἀηδόνα H.). Ableitungen: ἀηδονίς f. (E. usw.), ἀηδονιδεύς m. (Theok. 15, 121 nach Valckenaer für ἀηδονιεύς), ἀηδόνιος (A., Ar.). — Zu ἀείδω, αὐδή; die näheren Beziehungen sind nicht festzustellen. Ansprechend ist der Vorschlag Solmsens Unt. 238, 266, ἀϝηδ-ών als Dehnstufe der in αὐδ-ή durch Schwundstufe vertretenen Wurzel (a)u̯ed- zu betrachten. Dann wäre ἀηδ-ών von χελι-δών, τενθρ-ηδών usw. morphologisch zu trennen. Anders Specht, s. ἀείδω. I-26

ἄημι ‘wehen’ (ep. poet.). Zum Formenbestand Schwyzer 680. Ableitungen: ἀήτη f., ἀήτης m. ‘Wind’, vgl. Leumann Hom. Wörter 268 A. 13; dazu noch die selteneren und ebenfalls poetischen ἄημα, ἄησις. Auf ein t-Suffix geht auch ἀήσ-υρος ‘luftig, windschnell usw.’ (poet.) zurück, vgl. aind. vātula- ‘windig’. Eine sekundäre Ablautstufe ἀε- (aus ἀϝε-, vgl. unten) liegt wahrscheinlich vor in ἀετμόν· τὸ πνεῠμα, woraus ἀτμός, s. d.; ebenso in ἄελλα, s. d. Neubildung ἄος· πνεῦμα ἢ ἄημα (cod. ἴαμα) H. Unverwandt dagegen ἀήρ. — ἄημι ist ein altes athematisches Präsens, bis auf ἀ- mit aind. vā́-ti ‘wehen’ identisch. Vgl. noch die germ. und slav. Wörter für ‘wehen’, got. wai-an, ahd. wā-jan, wāen, aksl. vě-jǫ. Neben der griechischen Ableitung auf -tā- in ἀήτη steht im Indoiranischen ein Substantiv auf -to-, aind. vā́-ta- m. ‘Wind’. Dafür bieten mehrere Sprachen eine (urspr. partizipiale?) Bildung auf -nt(o)- wie lat. ventus, got. winds, toch. A want, heth. ḫuu̯ant- ‘Wind’ mit anlautendem Laryngal (= ἀ- in ἄημι?). Näheres bei Solmsen Unt. 270ff., Persson Beiträge 7ff. mit teilweise unsicheren Verknüpfungen, Pok. 81ff. I-26-27

ἀ̄ήρ, ἠέρος ‘Nebel, Gewölk’ (so immer Hom., vgl. Louis Rev. de phil. 74, 63ff., Hes.) m. gew. ‘(niedere) Luft’ (ion. att.). Der Nominativ ἀ̄ήρ durch Dissimilation (Brugmann IF 38, 117), davon att. Gen. ἀ̄έρος; später ion. Nom. ἠήρ. Äol. αὔηρ, dor. ἀβήρ (= αὐήρ) H. f. Ableitungen: ἠερόεις, ἠεροειδής ‘dämmerig, umwölkt’; ferner αὔρ-α ‘frische Luft, leiser Luftzug’ (ε 469 usw., poet.). — ἀήρ gehört nicht zu ἄημι, sondern ist ein Wurzelnomen unbekannter Herkunft. Nach Meillet BSL 26, 7ff. eig. ‘suspension’, zu ἀείρω ‘emporheben’ (s. d.); Bedenken bei Frisk Eranos 32, 51ff. S. auch Fraenkel Glotta 32, 23. I-27

ἀήσυλος (ἅπ. λεγ. Ε 876 ἀήσυλα ἔργα). — Wahrscheinlich Umbildung von αἴσυλος ‘frevelhaft’ (αἴσυλα ῥέζειν Ε 403 usw.) nach unbekanntem Vorbild (ἄημι?, ἀήσυρος?). Andere Erklärungen bei Bechtel Lex. und Brugmann Sächs. Ber. 1901, 94. I-27

ἀήσυρος s. ἄημι. I-27

ἄητος in θάρσος ἄητον Φ 395 (θ. ἄᾱτον Q. S. 1, 217). — Vgl. H. ἄητοι· ἀκόρεστοι, ἄπληστοι, ἀήτους· μεγάλας. Hdn. Gr. 1,220 ἄητος· ὁ ἀκατάπαυστος. Die Erklärung durch ἀκόρεστοι, ἄπληστοι läßt auf Assoziation mit ἄμεναι, ἆσαι schließen; von ἄατος, ἆτος unterscheidet sich ἄητος somit durch die (sekundäre?) Verlängerung des Vokals. Vgl. auch αἴητος. I-27

ἀθᾰ́ρη (alte Kom.), auch ἀθήρη, -α f. (Hellanik., Sophr. usw.; von ἀθήρ beeinflußt?) f. ‘Weizenbrei, Speltgraupen’. Davon ἀθαρώδης (Ruf. Med.) und ἀθήρωμα ‘Art Geschwulst’ (Gal.). — Unerklärt; nach Plin. N. H. 22, 121 ägyptisch. Anschluß an ἀθήρ scheint weder lautlich noch begrifflich möglich zu sein. I-27

ἀθέλγειν · ἀμέλγειν H., EM. (ἐξ)αθέλγεται (Hp.), von Gal. mit παρίεται, διεκλύεται erklärt. — Erinnert an ἀθελβάζειν· διηθεῖν (H.), ἀθέλβεται· διηθεῖται (AB), ἀθέλδεται· διηθεῖται (Diokl. Com.) usw., s. Fick BB 16, 287, 290; 18, 142 und Solmsen Wortforschung 9 A. 1. Wegen ἀθέλβω erwägt Solmsen für ἀθέλδω eine Grundform *ἀθελg-ι̯ω, doch liegen vielmehr verschiedenartige Kontaminationen vor, ebenso wie ἀθέλγω im Auslaut offenbar vom bedeutungsverwandten ἀμέλγω beeinflußt wurde. Im übrigen dunkel. I-27

ἀθερίζω ‘gering achten, verachten’ bei Homer nur im Präsensstamm u. zw. immer mit Negation; später auch im Aorist und in bejahenden Sätzen. Dazu ἀθέριστος· ἀφρόντιστος Zonar., A. Fr. 128 (cod. -ιτον). — Nicht sicher erklärt. Seit Leo Meyer Vgl. Gramm. 2, 23 oft aus einem *ἄθερος = aind. ádhara- ‘unten befindlich’ hergeleitet, s. Bechtel Lex. Persson Beiträge 52 vergleicht ansprechend ἀθερές· ἀνόητον, ἀνόσιον H. und erwägt Verwandtschaft mit aind. dhar- ‘festhalten, tragen’ usw. (s. θρόνος). I-27-28

Αθήνη ep. poet.; dor. usw. ’Αθάνα, gemeinhellenische Stadtgöttin, die aus der gewappneten Palastgöttin der mykenischen Zeit hervorgegangen ist und letzten Endes auf eine hausschützende Schlangengöttin der minoischen Zeit zurückgeht. Nach der Göttin wurde die Stadt ’Αθῆναι, dor. ’Αθᾶναι, benannt. — Davon ’Αθηναῖος ‘athenisch, Athener’ (seit Il.) mit dem substant. Fem. ’Αθηναία, -η, das auch als Name der Göttin vorkommt (88mal im Epos). Daraus (über ’Αθηνάα) durch Kontraktion die attische Form ’Αθηνᾶ. — Wie die Göttin ist auch ihr Name vorgriechisch und unerklärt. Ausfuhrliche Darstellung bei Nilsson Gesch. d. griech. Religion 1, 433ff. mit weiterer Lit., außerdem Kretschmer Glotta 27, 243ff. m. Lit. — Verfehlt v. Windekens Le Muséon 63, 99ff. I-28

ἀθήρ, -έρος ‘Granne an der Ähre, Achel, Spreu’, auch ‘Schneide, Spitze einer Waffe’ (seit Hes.), ἀθηρηλοιγός ‘Worfschaufel’ (eig. "Achelverderber"?; Od.). m. Ableitungen: ἀθερίνη f., -ῖνος m. ‘Art Stint, Atherina hepsetus’ (Arist. usw.), vgl. Chantraine Formation 204, Thompson Fishes s. v.; ἀθερηΐς, -ίδος f. ‘stachelig’ (Nik.), ἀθερώδης (Thphr.). — Neben ἀθήρ stehen einige Wörter mit Nasal in ähnlichen Bedeutungen: ἀνθέριξ, -ικος m. = ἀθήρ, auch ‘Ähre, Halm’ (Il. usw.), ἀνθέρικος m. ‘Stengel des Asphodelos, Asphodelos-Pflanze’ (alte Kom., Thphr. usw.), davon ἀνθερικώδης (Thphr.). Mit dem ortsbezeichnenden Suffix -εών: ἀνθερεών, -ῶνος m. ‘Kinn’ (Il. usw.). Hinter ἀνθέριξ und ἀνθερεών liegt vielleicht ein Nomen ἀνθερο- (Bechtel Lex. s. ἀνθερεών, Krogmann Glotta 23, 220ff., der als Bedeutung ‘hervorragend’ ansetzt und auch ἄνθος anschließt, idg. andh- ‘hervorragen’; unbeweislich). — In Betracht kommen ferner ein paar Namen der Wespe oder Waldbiene: ἀνθρήνη, ἀνθρηδών, s. d. — Vgl. noch ἄνθρυσκον und ἄνθρωπος. — Etymologie unbekannt. Ob die nasalierten Formen durch volksetymologische Anknüpfung an ἄνθος zu erklären sind, bleibt unsicher; noch zweifelhafter ein idg. Ablautwechsel andh- : n̥dh- (> gr. ἀθ-). Frühere Erklärungsversuche bei Bq und WP. 1, 45; vgl. auch W.-Hofmann s. ador, das schwerlich mit ἀθήρ verwandt ist. I-28

ἀθραγένη Pflanzenname, ‘Clematis vitalba’ (Thphr.). — Morphologisch ganz dunkel. Das Vorderelement ἀθρα- erinnert an das folgende Wort und würde zu einem Schlinggewächs nicht schlecht passen. Andere Deutungsversuche bei Strömberg Pflanzennamen 108. I-28

ἄθρας · ἅρμα. ‘Ρόδιοι H. — Mit aind. vandhúra- m. ‘Wagenkorb (aus Geflecht)’ zu nhd. winden und verwandten Wörtern (WP. 1, 261). Idg. u̯endh- : u̯n̥dh- (> gr. [ϝ]αθ-). Lidén Streitberg-Festgabe 227. — Nach Bănăt̨eanu REIE 3, 149 dagegen kleinasiatisch. — Vgl. κάνναθρον. I-29

ἀθρέω ‘betrachten, anschauen, erwägen’ (seit Il., vorw. poet.). Ohne Ableitungen; nur von ἀν-, δι-αθρέω finden sich vereinzelt ἀν-, δι-άθρησις. — Nicht sicher gedeutet. Seit Ahrens Kl. Schriften 1, 447 und Fick4 1, 468 oft mit ἐνθρεῖν· φυλάσσειν H. zusammengestellt, wozu ferner θρήσκω· νοῶ H., θρησκεύω usw. Hoffmann Festschrift Bezzenberger 78f. geht von einem Nomen *ἀ-θρ-ος ‘auf ein Ziel gerichtet, loshaltend’ aus, das idg. dher- ‘halten’ (s. θρόνος) und α copulativum enthalten soll. Vgl. ἀθρόος. — Über Gebrauch und Bedeutung von ἀθρέω handelt Prévot Rev. de phil. 61, 246f. I-29

ἀθρόος und (att.) ἁθρόος (spiritus asper wiederhergestellt nach ἅπας, ἅμα) ‘zusammengedrängt, versammelt, insgesamt’ (seit Hom.). Davon ἀθροίζω (ἁ-) ‘versammeln’ (ion. att.) mit den Verbalnomina ἄθροισις, ἄθροισμα, -σμός und dem Adj. ἀθροιστικός vorw. Grammatikerterminus ‘kopulativ, kollektiv’. — Den besten Vergleich bietet aind. sadhríy-añc- ‘nach einem Ziele hingerichtet, vereinigt’ (Brugmann Totalität 14ff.); vgl. ἀθρέω, θρόνος. Die Bildungsweise von ἀθρόος ist aber nicht genügend aufgeklärt (abzulehnen Brugmann IF 38, 135ff.: *ἁ-θρο-ι-ος eig. ‘zusammenhaltend gehend’). — Risch 179 vergleicht ἀλλό-θροος; urspr. also "zusammenrufend"? I-29

ἀθύρω ‘spielen, sich belustigen’, vorw. poet. seit Il., nur im Präsensstamm. Ableitungen: ἄθυρμα ‘Spiel, Unterhaltung’ (seit Il.), im Plur. auch ‘Schmucksachen’, mit dem Deminutivum ἀθυρμάτιον. Ein Deverbativum ist ἀθυρεύεσθαι· παίζειν, μιγνύειν, σκιρτᾶν H. — Erwägenswert ist die Anknüpfung Perssons Beiträge 577 A. 1 an eine besonders im Baltischen und Slavischen vertretene Sippe, z. B. lit. padùrmai ‘mit Ungestüm’, russ. durь ‘Torheit’, idg. dhu̯er- ‘wirbeln, stürmen, eilen’. Das ἀ- wird gewöhnlich als Schwundstufe von idg. *en ‘in’ betrachtet. Vgl. θέω, θύω, θοῦρος. I-29

αἰ ‘wenn’ s. εἰ. I-29

αἶα f. ‘Erde’ (poet. seit Il.). Ohne Ableitungen. — Nach Brugmann IF 15, 94ff., 29, 206ff. eigentlich ‘Mutter’ und mit lat. avia identisch, vgl. EM 27, 24 αἶα· ὑπὸ Κυρηναίων τηθὶς καὶ μαῖα. Sehr unsicher. Noch zweifelhafter Jacobsohn KZ 38, 295f., Philol. 67, 484f.: zu aind. sasyám ‘Feldfrucht’, kymr. haidd ‘hordeum’. Vgl. γαῖα und μαῖα; dazu Güntert Reimwortbildungen 126f. I-29

αἰάζω ‘ächzen, jammern, klagen’ (Tragg. u. a.). Davon αἴαγμα ‘das Ächzen’, αἰακτός ‘zu bejammern’, αἰαστής eig. ‘der Jammerer’, N. der Pflanze ὑάκινθος (Nik.). — Eig. ‘αἰ(αῖ) rufen’, von der Interjektion αἴ, die mit ähnlichen Bildungen in anderen Sprachen elementarverwandt ist. I-30

αἰᾱνής, ion. αἰηνής ‘grausig, düster’ (poet., ion. att.), im Sinn von ‘ewig’ (A., Lyk.) nach αἰεί umgedeutet. — Mehrere Deutungsvorschläge. Nach Wackernagel Verm. Beiträge 7 aus *σαιϝ-ᾱνής ‘mit grausigem Antlitz’ (: lat. saevus und ein Wort für ‘Antlitz’, s. ἀπηνής). Anders, weit unwahrscheinlicher, Froehde BB 7, 325, Flensburg Die Basis TER- 52ff., Prellwitz Glotta 19, 98 u. 104. I-30

Αἴας, -ντος N. von zwei homerischen Helden, 1. Αἴας Τελαμώνιος, A., Sohn des Telamon, Königs von Salamis, 2. ΑἴαςΟιλῆος, A., Sohn des Ofleus, Anführer der Lokrer. — Zur lat. Namensform Aiax (durch oskische Vermittlung?) s. Friedmann Die jon. u. att. Wörter im Altlatein 10f. m. Lit. — Nach Ansicht mehrerer Forscher (s. Kretschmer Glotta 15, 192f.) war Αἴας ein alter Erdgott; der Name wäre somit aus αἶα abzuleiten (vgl. ΤελαμώνΤάνταλοςἌτλας). Nach Blumel IF 43, 2 72f. wäre Αἴας von αἶα in der ursprünglichen Bedeutung von ‘Mutter’ gebildet: Αἴας ‘Sohn der echten Frau, der Mutter’, im Gegensatz zu Τεῦκρος ‘Sohn der Kebse’ (τεῦχρος· ἀδελφὸς νόθος H.). S. auch Danielsson IF 14, 386ff., Kretschmer Glotta 33, 12f. I-30

αἰγανέη f. ‘Wurfspieß’ (Hom., AP). — Herkunft unbekannt. In formaler Hinsicht stimmt αἰγανέη zu den Baumnamen und Tierhautbezeichnungen auf -έη, -έα, μηλέη, πτελέη, κυνέη usw. (Chantraine Formation 91f.). Falls αἰγανέη nach dem Materiale benannt worden ist, bietet sich mit Schrader KZ 30, 461f. zum Vergleich der Name der Eiche, urg. *aik-, idg. *aig-, der sich auch in αἰγίλωψ (s. d.) und lat. aesculus verbergen kann. Unerklärt bleibt dabei das Element -αν-; Grundwort *αἴγανος wie πλάτανος? — Dagegen faßt Thumb IF 14, 345 αἰγανέη als Ableitung eines Nomens *αἴγανον ‘das Werfen, Wurfgeschoß’ (Bildung wie δρέπανον) mit Anschluß an idg. aig- ‘(sich) heftig bewegen’ (aind. éjati), das u. a. in αἶγες· κύματα (s. αἴξ) gesucht worden ist. — Wieder anders Bechtel Lex. (nach Düntzer: zu αἰχμή). [KN.: Ausführlich und anders jetzt S. Laser Gymnasium 60, 115ff.] I-30

αἴγειρος f. ‘Schwarzpappel’ (vorw. ep. und poet.). Abl. αἰγειρών ‘Pappelhain’, αἰγείρινος, αἰγειρίτης ‘zur Pappel gehörig’ (alle hell. und spät). — Die Zusammenstellung mit αἰγίλωψ, αἰγανέη (Schrader KZ 30, 461) kommt über eine allgemeine begriffliche und lautliche Ähnlichkeit nicht hinaus. Unwahrscheinlich über die Stammbildung Specht Ursprung 165 (αἴγει-ρος?). Nach Sommer IF 55, 260 ist αἴγειρος wie αἴγιθος und zahlreiche Eigennamen mit Αἰγ- (Αἴγινα, Αἰγαί usw.) vorgr.-kleinasiatisch. Wieder anders Winter Prothet. Vokal 46f. I-30-31

αἰγιαλός m. ‘Gestade’, auch als ON, z. B. die Küste von Achaja (seit Hom., ion. att. ). Ableitungen: αἰγιάλειος, αἰγιαλεύς, αἰγιαλικός, -λίτης, -λώδης, seit hell. Zeit belegt (Αἰγιαλεῖς als Name der Küstenbewohner von Achaja Hdt.). — Wird gewohnlich mit αἶγες· τὰ κύματα. Δωριεῖς H. (vgl. auch Artem. 2, 12: καὶ γὰρ τὰ μεγάλα κύματα αἶγας ἐν τῇ συνηθείᾳ λέγομεν) in Verbindung gebracht. Das Hinterstück wäre nach Hirt IF 37, 229f. Gen. von ἅλς und das Ganze aus einer Verbindung ἐν αἰγὶ ἁλός ‘an der Brandung des Meeres’ verselbständigt. Anders Kretschmer Glotta 27, 28f. mit Bechtel Lex.: zu ἅλλομαι als sog. Zusammenbildung wie ὠκύαλος, "von den am Strande sich brechenden Wellen". Von den morphologischen Schwierigkeiten abgesehen, setzen diese Erklärungen voraus, daß αἶγες = κύματα ein besonderes Wort sei und nicht einfach ein metaphorischer Gebrauch von αἴξ ‘Ziege’. — Ägäisch? (Chantraine Formation 248); vgl. zu αἴγειρος. I-31

αἰγίθαλλος, -θᾱλος m. ‘Meise (Parus)’ (Ar., Arist. usw.). Von αἴγιθος (αἰγίοθος) ‘Hänfling?’ (Arist. u. a.) nicht zu trennen; — Ursprung unbekannt. Vgl. Thompson Birds s. vv. I-31

αἰγίλιψ (πέτρη, λισσάς; ep. poet.). ‘hoch, steil’ — Seit Uljanov (s. Solmsen Untersuchungen 73 A. 1) wird -λιψ, gewiß richtig, mit lit. lìp-ti zusammengestellt und das Ganze als ‘(nur) von Ziegen erkletterbar’ gedeutet, was weit zweifelhafter erscheint. Vgl. ἄλιψ· πέτρα H., wohl eigentlich ‘unersteiglich’; das anscheinende Simplex λίψ· πέτρα ἀφἧς ὕδωρ στάζει dürfte aus dem Kompositum abstrahiert sein (Solmsen, vgl. Persson Beiträge 152 m. A. 1). Verfehlt Wecklein MünchSb 1911 : 3 (s. WP. 2, 403, Kretschmer Glotta 5, 302). — Seiner Bildung nach erinnert αἰγί-λιψ an αἰθί-οψ. I-31

αἰγίλωψ, -ωπος m. — Als Name einer Eichenart wird αἰγίλωψ allgemein mit dem Stammelement in αἰγανέη und αἴγειρος verglichen. Der Ausgang -λωψ wird von Kretschmer Glotta 3, 335 zu λώπη ‘Schale, Rinde’ gezogen (vgl. auch H. λώψ· χλαμύς), indem er an eine schon von Cuny IF 26, 21ff. zitierte Pliniusstelle erinnert (Hist. nat. 16, 6, 13): aegilops fert pannos arentes ... non in cortice modo, verum et e ramis dependentes. Andere Versuche mit dem Worte zurechtzukommen: Cuny a. a. O., Pisani Rend. Acc. Lincei 6 : 4, 351ff., beide unannehmbar. Über αἰγ- noch Specht Ursprung 89, KZ 68, 196 (phantastisch: zu αἰ(ϝ)ών mit Wechsel : g). — Strömberg Pflanzennamen 137 will nach Senn αἰγίλωψ von αἴγιλος ‘Flughafer’ (Theok., Babr.), eig. ‘Ziegenpflanze’, ableiten, was indessen nur auf αἰγίλωψ in derselben Bedeutung passen würde. eine Eichenart (Thphr.), auch ‘Flughafer’ (Thphr. u. a.), außerdem ‘Tränenfistel’ (Dsk., Gal.; zur Bedeutung Strömberg Pflanzennamen 87). I-31-32

αἰγίς f. ‘Ziegenfell’ (E. Kyk., Hdt. 4, 189); — Bildung wie νεβρίς usw., Locker Glotta 22, 71. Gewöhnlich (Il. usw.) Bezeichnung des Schutzmantels oder des Harnisches des Zeus und der Athena, der auch als Schild gebraucht wird. Bei dem Schütteln der αἴγις erschrecken Götter und Menschen. Nachhomerisch wird αἰγίς auch im Sinn von ‘Sturmwind’ gebraucht, z. B. A. Ch. 593 (lyr.). In dieser Bedeutung ist αἰγίς wahrscheinlich von ἐπ-αιγίζω ‘einherstürmen’ (vom Winde; Β 148, ο 293 usw.) beeinflußt. Neben ἐπ-αιγίζω auch κατ-αιγίζω ‘herabstürmen’ (A., spät); davon als retrograde Bildung καταιγίς ‘Fallwind’ (Demokr. usw.). Beide Verba lassen sich als Metaphern erklären. Schon Hdt. 4, 189 betrachtet die Aigis der Athene als ein Ziegenfell, eine Auffassung, die von vielen neueren Forschern mit Recht verteidigt worden ist. — Eine andere Deutung (s. zuletzt Kretschmer Glotta 27, 28) leitet αἰγίς von einem Verb *αἴγω her = aind. éjati ‘sich bewegen, erbeben’, wozu außer αἴγλη auch αἶγες· τὰ κύματα H. gehören soll. Auch Thumb IF 14, 314ff. geht von idg. aig- ‘schütteln’ aus (vgl. αἰγανέη), das aber volksetymologisch mit αἴξ und anderen Wörtern zusammengeworfen wäre. Zu αἰγίοχος Epithet des Zeus (Il. usw.) vgl. γαιάϝοχος. I-32

αἴγλη 1. f. ‘Glanz’ (ep. poet.). Ableitungen: αἰγλήεις ‘glänzend’ (ep. poet.), αἰγλάτας, -ήτης Beiname des Apollon (Inschr. Anaphe, Thera; A. R.); αἰγλάζω ‘glänzen’ (Man.). — Von Bechtel Üb. die Bezeichnungen der sinnl. Wahrnehmungen 119 und Thumb IF I4, 343f. mit aind. éjati ‘sich bewegen, erbeben’ (vgl. αἰγανέη) verbunden. Dann muß die Ähnlichkeit zwischen ’ΑπόλλωνΑσγελάτας (Anaphe) und ’Απόλλων Αἰγλάτας (Anaphe, Thera) auf Zufall beruhen, oder aber das Appellativum αἴγλη ist vom Eigennamen Αἴγλα aus *Ἄσγλα (vgl. v. Wilamowitz Isyllos von Epidauros 92ff.) zu trennen. Falls wiederum ’Ασγελάτας mit αἴγλη zusammenhängt, steht dieses für urspr. *ἄσγλα; zum Lautlichen Schwyzer 276. Bechtels Versuch, Lex. s. v. (vgl. auch Prellwitz BB 23, 67 und Winter Prothet. Vokal 47), darin eine Zusammensetzung mit der Wurzel in γελάσαι zu sehen, ist schon wegen des dabei unaufgeklärten ersten Elementes anfechtbar. Vgl. auch seine Bemerkungen Dial. 2, 551f. I-32

αἴγλη 2. ‘Ring’. — Von Lewy KZ 59, 188ff. aus αἴγλας· ἀμφιδέας καὶ ψέλια. τὰ περὶ τὴν ὕνιν τοῦ ἀρότρου H.; αἰγ<ί>λια· δακτυλίδια H. und anderen lexikalisch belegten Wörtern erschlossen und aus hebr. ‘āgīl ‘(Ohr)ring’ als LW erklärt. Hypothetisch. In einigen der von Lewy angeführten Fälle kann es sich sehr wohl um metonyschen Gebrauch von αἴγλη ‘Glanz’ handeln. I-32-33

αἰγυπιός m. ‘Geier’ (vorw. poet.). — Kann von aind. r̥ji-pyá- Beiwort des Raubvogels śyená- (‘Adler, Falke’), aw. ərəzi-fya- m. ‘Adler’ (vgl. ἄρξιφος· ἀετὸς παρὰ Πέρσαις H.), arm. arciw, Gen. arcui (< *arci-wi) ‘Adler’ nicht getrennt werden. Die Form ergab sich durch volksetymologische Umwandlung nach αἴξ und nach γύψ (ein Vorderglied ἀργυ- = aind. r̥jú- anzunehmen, ist nicht notwendig). Brugmann IF 17, 361ff., wo auch eine unhaltbare Vermutung über das dunkle Hinterglied (zu ἐπιέναι; zum Vorderglied vgl. 1. ἀργός und ὀρέγω) ausgesprochen worden ist. Anders Pisani Rend. Ist. Lomb. 77, 539ff. Vgl. Thompson Birds s. v. I-33

αἰγωλιός oder αἰγώλιος m. N. einer Eulenart (Arist. u. a.). Daß die Lesart αἰτώλιος (Arist. ΗΑ 563a 31) unrichtig ist, geht aus den heutigen unteritalischen Formen agoléo usw. hervor; Rohlfs ByzZ 37, 55. — Etymologie unbekannt. Vgl. Thompson Birds s. v. I-33

ἀΐδηλος, -ον ‘verhaßt, verderblich’, auch (vorw. spät) ‘unsichtbar, dunkel’ (ep. poet. seit Ilias). — Zusammenbildung aus α privativum und ἰδεῖν mit ηλο-Suffix, also eig. ‘nicht anzusehen’. Unrichtig Bechtel Lex. und Frisk Adj. priv. 7 (nach Buttmann) *‘unsichtbar machend’ aus denominativem *ἀϝιδέω. Wieder anders Risch 101 und Thieme Studien 50 A. 3. I-33

Ἅιδης, -ου att., ’Ᾱΐδης jüngere ion. Poesie (Semon., Herodas), ’Ᾱΐδας, -α dor. (bei d. Tragg.); ’Ᾰΐδης, ’Ᾰΐδας, -αο, -εω ep. poet. Neben dem -Stamm kommen im Epos und in hellenist. Poesie auch Formen eines kürzeren Konsonantstammes Ἄϊδ- vor: Ἄϊδος, -ι, -α, wobei im Ausdruck Ἄ̄ϊδος εἴσω (vereinzelt auch sonst) der Anlautvokal metrisch gedehnt wird (dagegen z. B. ’Ᾰ́ϊδόσδε βεβήκει). Die u. a. von Thieme Studien 35ff. vertretene, an und für sich verlockende Annahme, der Konsonantstamm bezeichne ursprünglich die Unterwelt, der davon abgeleitete -Stamm dagegen den Gott der Unterwelt, läßt sich nicht ohne Willkür aufrechterhalten, s. Nilsson Gesch. der griech. Religion 1, 426. Ableitung: ’Αϊδωνεύς ep. poet., ohne erkennbaren Unterschied gegenüber dem Grundwort; vgl. Risch 145. Gott der Unterwelt bzw. die Unterwelt — Die Erklärung dieses schwierigen Wortes, das den Gott der Unterwelt bzw. die Unterwelt bezeichnet, dessen eigentliche Bedeutung indessen unbekannt ist, hängt vor allem von der Beurteilung des Anlautes ab. Wenn man die Vokalkürze als ursprünglich betrachtet, was ohne Zweifel am meisten für sich hat, und außerdem die Aspiration für sekundär hält, bietet sich die Analyse ἀ-ϝιδ(-ᾱ)- mit einer seit dem Altertum (Pl. Grg. 493b, Kra. 403 a) angenommenen Bedeutung ‘unsichtbar’ (oder vielmehr ‘nicht anzusehen’, vgl. ἀΐδηλος, außerdem ἀϊδής, ἀϊδνός). Um der att. Aspiration gerecht zu werden, setzt dagegen Thieme a. a. O. eine Grundform *ἁ-ϝιδ- an, die mit aind. sam-vid- ‘sich zusammenfinden, sich vereinigen’ (auch auf das Totenreich bezogen) identisch wäre und eigentlich das Sichzusammenfinden der Väter im Jenseits bezeichnet hätte. Da ϝιδ- im Sinn von ‘finden’ im Griechischen sonst unbekannt ist, müsse es sich um einen aus der idg. Vorzeit ererbten Ausdruck und eine ebenso alte Vorstellung handeln. Diese beiden Deutungen setzen voraus, daß die Vokallänge in ’Ᾱΐδης, Ἅιδης sekundär sei (Verallgemeinerung der epischen Dehnung? Schwyzer 266; anders Solmsen Unt. 7 4ff.). — Umgekehrt betrachtet Wackernagel Verm. Beiträge 4ff., weniger wahrscheinlich, die Vokalkürze als sekundär und erhält dadurch Anschluß an lat. saevus. Wieder anders Smyth Ionic 102: zu αἶα (darüber Wackernagel a. a. O.); Danielsson IF 14, 387f.: zu αἰόλος, ἀΐσσω als "der Eilige, Ungestüme, Gewaltige", Bez. eines Todesdämons. Weitere Lit. bei Fraenkel Nom. ag. 2, 168f. m. A. 2. Der Ausdruck Ἄϊδος κυνέη ‘Tarnkappe’ (Ε 845 usw.) kann (trotz Lamer RE 11, 2519, J. Roeger ΑΙΔΟΣ ΚΥΝΕΗ, Diss. Graz 1924, Kretschmer Glotta 15, 175f., Thieme o. c. 42) schwerlich vom Namen des Unterweltsgottes getrennt werden, s. Nilsson o. c. 426f. m. A. 1. Man hat somit schon in epischer Zeit ’Αϊδ(-ᾱ)- mit der Vorstellung des Unsichtbaren verknüpft. I-33-34

αἴδομαι ‘sich scheuen, verehren’ seltenes und poet. primäres Verb (αἴδεο, αἰδόμενος, αἴδετο, Hom. usw., vgl. Chantraine Gramm. hom. 1, 310f.) neben dem gewöhnlicheren αἰδέομαι, s. unten). Von αἴδομαι, bzw. von einem älteren athematischen Verb stammt αἰδώς f. ‘Scheu, Ehrfurcht’ (Il. usw.); zur Bedeutung und Geschichte dieses wichtigen Begriffes R. Schulz Αἰδώς, Diss. Rostock 1910; von Erffa Αἰδώς und verwandte Begriffe in ihrer Entwicklung von Homer bis Demokrit (Philol. Supp. 30 : 2, 1937); über αἰδώς bei Homer Verdenius Mnemosyne 1944, 47-60. Von αἰδώς gehen aus: 1. αἰδοῖος (< -οσ-ιος) ‘Scheu einflößend, verschämt’ (ep. poet. seit Il.) mit dem substantivierten Ntr. τὸ αἰδοῖον, gew. Plur. τὰ αἰδοῖα ‘Schamteile’ (seit Il.), wovon αἰδοιώδης und αἰδοϊκός. 2. das Kompositum ἀν-αιδής ‘schamlos’ (seit Il.) mit ἀναίδεια usw. 3. αἰδέομαι (aus αἰδέσ-ιομαι, vgl. Fut. αἰδέσομαι und ἀναιδής, -ές) ‘sich scheuen, verehren’ aber auch ‘sich versöhnen’ (ion. att. seit Hom.). Zu αἰδέομαι gehört αἴδεσις ‘Verzeihung, Begnadigung’ (D., Arist., vgl. Holt, Les noms d’action en -σις 52f., 157 A. 1), αἰδεστός ‘ehrwürdig’ (Plu.) mit αἰδεστικός (Schol.); ferner αἰδήμων ‘verschämt, bescheiden’ (X., Arist. usw., Chantraine Formation 173) mit αἰδημονικός und -μοσύνη (spät, selten). Der nachklass. Prosa gehört αἰδέσιμος ‘wovor man Achtung und Scheu hat’, daneben αἰδήσιμος (Orph.), s. Arbenz Die Adjektive auf -ιμος 95f., 89; nach dem Sinn und den Belegen zu schließen wurde αἰδέσιμος direkt zu αἰδέομαι, nicht zu αἴδεσις geschaffen; von αἰδέσιμος (in byz. Pap. auch als Titel) αἰδεσιμότης (Pap.). 4. αἰδοσύνη = αἰδημοσύνη (AB, Phot.). — Unter der unbewiesenen, aber nicht unmöglichen Annahme, daß αἰδ- für idg. aizd- steht, wird αἴδομαι seit Solmsen IF 13, 137, Walde KZ 34, 522 u. a. gewöhnlich mit got. aistan ‘sich scheuen vor’ und weiterhin mit aind. īḍé (< *izd-) ‘preisen, verehren’ verglichen. Wenn man d als Determinativ abtrennt, kann man ferner nhd. Ehre und verwandte germ. Wörter einbeziehen. Weiteres bei WP. 1, 13, Pok. 16, W.-Hofmann s. aestimo. I-34-35

ἀΐδυλος · θρασύς (H., EM). — Wohl mit Schmidt aus ἀΐδηλος (Ε 897) entstellt. Anders Leumann Glotta 32, 218 A. 4. I-35

αἴδωσσα (cod. αἰδῶσσα) · τῆς αὐλῆς τὰ τειχία H. — Nach v. Blumenthal Hesychst. 5f. illyrisch für αἴθουσα. I-35

αἰεί (ion. poet.), αἰϝεί (Kypros, Lokris, Phokis), ἀεί (att., auch dreimal bei Hom., s. Wackernagel Unt. 146; über αἰεί bei Hom. noch Marg Charakter 51ff.) . ‘immer’ Ableitung ἀ̄ΐδιος ‘ewig’ (ion. att.), wovon ἀϊδιότης ‘Ewigkeit’ (Arist., hell.). — Aus *αἰϝέσ-ι, Lok. eines s-Stamms, der in derselben Funktion ohne Endung in αἰές (dor.) und im Akk. αἰῶ erscheint. Neben dem s-Stamm steht der n-Stamm in αἰέν ‘immer’ (ep. poet.) und αἰών (s. d.). Zu αἰεί, -έν s. auch Björck Alpha impurum 91 u. ö. — Die s- und n-Stämme sind Erweiterungen eines u-Stamms, der dial. vorliegen kann, z. B. äol. αἶι(ν), ἄϊ(ν) aus *αἰϝ-ι(ν), kypr. ὑ-ϝ-αΐς ‘für immer’, s. Schwyzer 619 m. A. 6, Fraenkel IF 60, 142ff. Der u-Stamm ist als solcher auch im Indoiranischen bewahrt, z. B. aind. ā́yu- n. ‘Lebensdauer’; daneben 1. ein n-Stamm, Lok. ā́yun-i, der mit αἰέν, αἰών vielleicht direkt zu verbinden ist (Meillet MSL 9, 368); 2. ein s-Stamm ā́yuṣ- n., vgl. αἰές usw. Hypothesen über die Verteilung der n- und s-Stämme bei Specht Ursprung 539; vgl. auch s. αἰγίλωψ. Neben idg. *āi̯u-n- (ā̆i̯u̯-en-), āi̯u-s- (ā̆i̯u̯-es-) stehen *ai̯u̯-o- und ai̯u̯-i- in lat. aevum, bzw. got. aiwi-ns (Akk. Pl.). Der o-Stamm ist auch in tarent. αἰή ‘immer’ (Instr.) vermutet worden; außerdem noch, aber schwerlich mit Recht, in δην-αιός, s. d. — Über den vermuteten Zusammenhang mit der Sippe von lat. iuvenis s. Danielsson Gramm. u. etymol. Studien 1, 49 A. 1, Johansson Beitr. zur griech. Sprachkunde 139, Benveniste BSL 38, 107. I-35-36

αἰέλουρος m. f. Tiername, wahrscheinlich ‘Kater, Katze’, nach anderer Auffassung ‘Wiesel’ (Hdt., Ar. usw.), auch αἴλουρος (Arist. u. a.). — Wohl Kompositum von αἰόλος (< *αἰελος) und οὐρά : ‘mit beweglichem Schwanze’, Buttmann Lexilogus 2, 68, Schmidt KZ 32, 324 nach EM 34, 8 αἴλουρος παρὰ τὸ αἰόλλειν καὶ ἀνάγειν τὴν οὐρὰν καὶ κινεῖν, was allerdings sehr wohl auf Volksetymologie beruhen kann. Anders, gewiß nicht besser, Ehrlich Betonung 128ff.: aus *ϝαιϝέρουρος dissimiliert, zu lat. vīverra ‘Frettchen’, lit. vaĩveris ‘Männchen von Iltis od. Marder’ usw.; noch anders Schrader KZ 30, 462, BB 15, 128. I-36

αἰετός, att. auch ἀ̄ετός m. (vgl. Schwyzer 266) ‘Adler’, auch metaphorisch als term. technicus, z. B. ‘Giebel(feld)’. Mehrere Ableitungen, z. T. mit technischer Bedeutung: ἀετιδεύς m. ‘junger Adler’ (Ael., Aesop.), ἀετίτης (λίθος, Ael. u. a.), ἀετώδης (Philostr. usw.), αἰετόεις (Opp.); αἰετιαῖος ‘zum Giebelfeld gehörig’ (Inschr.); außerdem die Substantive ἀέτωμα ‘Giebelfeld’ (Hp., att. Inschr.; vgl. Chantraine Formation I87), ἀέτωσις ‘Giebelung, gewölbtes Dach einer χελώνη’ (Ath. Mech., vgl. die gleichgebildeten Denominativa bei Chantraine Formation 279, Holt Les noms d’action en -σις 152). — Zunächst für *αἰϝετος = αἰβετός· ἀετός. Περγαῖοι H. Wohl aus *αϝι-ετός zu lat. avis mit sekundärem (augmentativem) ετο-Suffix wie in νιφετός, πυρετός u. a.; Schulze Kl. Schr. 75 A. 5, Schwyzer 501. I-36

αἰζηός, episches Adjektiv unbekannter Bedeutung (etwa ‘kräftig, rüstig’). auch αἰζήϊος, Nebenform αἰζήεις (Theopomp. Kol.), αἰζᾶεν· εὐτραφὲς βλάστημα H. — Trotz der eingehenden Behandlung von Danielsson De voce αἰζηός quaestio etymologica (Upsala 1892) unerklärt. Andere Deutungsversuche s. Bq. I-36

αἴητος nur als Attribut von πέλωρ Σ 410; Bedeutung unbekannt. — Vielleicht metrisch bedingte Variante von ἄητος, s. d. I-36

αἰθάλη ‘Ruß’ (Hp., E., hell.), αἴθαλος m. als Adj. = αἰθαλόεις Nik. Th. 659. f., Mehrere Ableitungen: αἰθαλόεις (poet. seit Il.) ‘rußig, räucherig, rauchfarben’, auch vom Licht des Blitzes wie E. Ph. 183 (lyr., ob = ‘feurig, brennend’?); αἰθαλέος ‘ds.’ (A. R., Nik.); αἰθαλίων, -ίωνος (Theok. 7, 138, Beiwort der τέττιγες, wohl farbenbezeichnend; wahrscheinlich metrische Verlängerung im Versschluß); αἰθαλώδης ‘ds.’ (Arist., Gal.). Unklar ist αἰθαλίδες· τὰ ἐν τῶ σίτῳ γινόμενα, ἢ τοὺς ἐν τῷ ὕδατι σταλαγμοὺς τοῦ ἐλαίου H. — Denonunatives Verb αἰθαλόω, -όομαι ‘rußig machen’ bzw. ‘werden’ (E., Lyk. u. a.); davon, oder direkt von αἴθαλος (vgl. ἀέτωσις s. αἰετός), αἰθαλώσεις ‘Rußwolken’ (Max. Tyr. 41, 4). — Von αἴθω. — αἴθαλος wird von Fick u. a. wenig wahrscheinlich mit ahd. ītal ‘eitel’, ags. īdel ‘idle’ zusammengestellt. I-36-37

αἰθήρ, -έρος f. m. ‘(reine) Luft, (klarer) Himmel’ (seit Hom.). Mehrere Ableitungen: αἴθρη, -ᾱ ‘ds.’ (poet.); αἰθρίη, -ία ‘heiterer Himmel, schönes Wetter’ — Eine alte Ablautform liegt vor in ἰθαρός ‘heiter’ (Alk. usw.).(ion. att.) neben αἴθριος, -ον ‘zum Himmel gehörig, heiter’ (ion. att.); die Neutralform αἴθριον neben dem Deminutivum αἰθρίδιον wird in der Kaiserzeit als volksetymologische Wiedergabe von lat. ātrium gebraucht. — αἶθρος ‘frische kühle Luft’ (ξ 318 αἴθρῳ καὶ καμάτῳ δεδμημένον), auch = αἴθριον (Pap.). Vgl. αἰθρεῖ· χειμάζει H., αἰθρινόν· πρωϊνόν H. Daneben mit (sekundärer?) Hochstufe des Suffixes: αἰθέριος ‘in der Luft befindlich, zum Himmel gehörig’ (Trag. usw.), außerdem die vereinzelt und spät vorkommenden αἰθερώδης, αἰθεριώδης, αἰθερίτης; αἰθερόομαι. — Über αἰθήρ und αἴθρη als Hinterglied (ὑπαίθριος, ὕπαιθρος) Sommer Nominalkomp. 151f. — Ableitung von αἴθω, wohl nach Muster von ἀήρ (Meillet MSL 26, 17); Schwyzer 480 : 9a vermutet in αἰθήρ ein altes Neutrum. Über das angebliche aind. *īdhríya- Frisk Nom. 1 1f. m. A. 2, wo auch über indische Verwandte von ἰθαρός. Das danebenstehende Verb ἰθαίνειν (A. D., H.) läßt auf einen r-n-Stamm schließen. I-37

αἴθω = αἴθομαι (seit Il., vorw. poet.), ‘anzünden’, vereinzelt intr. ‘brennen, leuchten’ nur Formen des Präsensstammes. Neben dem Verb stehen zahlreiche nominale Ableitungen, die z. T. altererbt sein können: αἶθος m. ‘Brand’ (E.) = aind. édha- m. ‘Brennholz’, ahd. eit m., ags. ād ‘Glut, Scheiterhaufen’; αἰθός ‘funkelnd, glühend’, auch ‘brandfarbig, dunkel’, vgl. Sommer Nominalkomp. 119f., wo auch über αἶθοψ ‘funkelnd, dunkelfarbig’ gegen Hoffmann Glotta 28, 66f. — αἶθος n. ‘Brand’ (A. R.) = aind. édhas- n. ‘Brennholz’. — αἴθων, -ωνος (seit Il.) = αἶθοψ, αἰθός. — αἴθουσα f. "die glühende" = ‘wo die Sonne glüht’, ‘Säulenhalle’ (ep.); αἴθυια f. N. eines von der Farbe benannten Wasservogels (s. Thompson Birds s. v.), auch Beiname der Athene, s. Kiock Arch. f. Religionswiss. 18, 127ff. mit den Einwendungen Kretschmers Glotta 9, 229f. — αἰθήεις ‘brandfarbig’ (Nik.), αἰθής ‘brennend’ (Kratin. 88, falls nicht = αἰθῆς aus αἰθήεις); αἴθινος (H., EM). — Als Vorderglied αἰθι- in Αἰθί-οψ "mit verbranntem Gesicht", Volksname, mit Αἰθιοπίς, Αἰθιοπία usw.; Ableitung auf -ῑκ- in Αἴθῑκες thessal. Volksname, eig. Farbenbezeichnung, Schulze Kl. Schr. 125f. Über die r- (r- : n-) und l-Ableitungen s. αἰθήρ und αἰθάλη. Eine l-Ableitung ist auch in αἰθόλικες ‘Brandblasen’ (Hp., Gal.) verbaut; zur Bildung usw. vgl. πομφόλυξ ‘Wasserblase’ und Strömberg Wortstudien 91f.; unsichere Kombinationen bei Specht Ursprung 209. Eine Weiterbildung von αἴθω mit eigenartiger Bedeutungsentwicklung muß in αἰθύσσω ‘heftig bewegen’ (Sapph., Pi. usw., auch präfigiert: ἀν-, δι-, κατ-, παρ-) vorliegen; das Verbalnomen αἴθυγμα ‘Glanz, Funke’ (Plb. u. a.) hat im Gegensatz zu αἰθυκτήρ ‘sich heftig bewegend’ (Opp.) die metaphorische Entwicklung von αἰθύσσω nicht mitgemacht. Vgl. Debrunner IF 21, 239, der auch auf das wohl retrograde καταῖθυξ (ὄμβρος· ὁ καταιθύσσων H.) hinweist. — Ein anderer Ablaut erscheint in ἰθαρός, ἰθαίνω (s. αἰθήρ), vielleicht auch in κακ-ιθής, s. κέγκει. Eine genaue Entsprechung von αἴθω gibt es nirgendwo. Das Aind. kennt im Verb nur die Schwundstufe idh-, Präsens mit Nasalinfix i-n-ddhé ‘er entflammt’ (womit das Nasalsuffix in ἰθαίνω in entfernter Verbindung stehen könnte). Dagegen kann αἶθος m. und n. alt sein, s. oben. Das Latein liefert mehrere Nomina: aedes, aestas, aestus, ebenso die übrigen Sprachen, z. B. aw. aēsma- m. ‘Brennholz’, lit. íesmė ‘ds.’, ahd. eit (s. oben), awno. eisa f. ‘glühende Kohle’. Dagegen kann awno. eldr, ags. ǣled m. ‘Feuer’ wohl nur entfernt damit verwandt sein (idg. *ai-l-?). I-37-38

αἰκάζει · καλεῖ H. — Pisani IF 58, 243 vergleicht osk. aíkdafed, das er als ‘proclamavit’ erklärt. Eine andere, ebenfalls unsichere Kombination (lett. aîcinât ‘laden, rufen’) wird von Pok. 15 mit Recht in Zweifel gezogen. I-38

αἰκάλλω ‘schmeicheln, liebkosen’, nur Präsensstamm (Trag., Kom., hell. u. späte Prosa). — Sieht aus wie ein Denominativum von αἰκάλος· κόλαξ H., das aber ebensowohl eine retrograde Bildung sein kann. Ebenso αἰκάλη· ἀπάτη Zonar. — Etymologie unbekannt. Unwahrscheinlich Machek Listy filol. 72, 69f. I-38

ἀϊκής (ἀϊκῶς Χ 336), Trag. αἰκής aus *ἀ-ϝικ-ής neben ion. poet. ἀεικής. ‘unziemlich, schmählich’. — Privatives Verbaladj. zu ἔοικα, dual. ἔ-ϊκ-τον. Das -ει- in ἀεικής wohl nach εἰκάζω, εἰκών usw. (schwerlich als Bahuvrihi zu *εἶκος). S. εἰκάζω, ἔοικα. Davon ἀεικείη, αἰκεία, αἰκία ‘unziemliche Behandlung, Schmach’; ἀεικίζω, αἰκίζω, -ομαι ‘mißhandeln’ mit αἴκισμα (Trag., Lys.), αἰκισμός (D., LXX usw.). In ἀεικέλιος, αἰκέλιος (poet. seit Hom.) liegt eine Erweiterung des gleichbedeutenden ἀεικής, αἰκής vor, Frisk Adj. priv. 7. I-38

αἶκλοι · αἱ γωνίαι τοῦ βέλους H., s. αἰχμή. I-39

αἶκλον (ἄϊκλον) n. ‘Abendmahl der Spartiaten’ (Epich., Alkm. u. a.). Davon ἀναίκλεια· ἄδειπνα H. Daneben αἶκνον· δεῖπνον H., Suid. — Vgl. αἰκάζει· καλεῖ H. Sonst ungedeutet. Ob αἰκάλλω ‘schmeicheln’ damit zu verbinden ist, scheint fraglich. I-39

αἴλινος ‘Klaggesang’ (Trag. u. a.), vereinzelt auch adjektivisch gebraucht ‘klagend’ (E. Hel. 171), wovon αἴλινα als Adverb (Kall., Mosch.). m. — Etymologie unbekannt; Boisacq vermutet phrygische Herkunft (wie für ἔλεγος). Der Anklang an die Interjektion αἴ und an λίνος (s. d.) kann nicht zufällig sein. I-39

αἴλιοι s. ἀέλιοι. I-39

αἷμα n. ‘(flüssiges) Blut’, alt und häufig. In ähnlicher Verwendung kommen auch Komposita vor wie ἔναιμος, ὕφαιμος. Als denominative Verba sind zu nennen: 1. αἱμάσσω, -άττω ‘blutig machen od. sein’ (ion. att.); davon späte Substantiva: αἱμαγμός, αἵμαξις; außerdem die Adjektiva αἱμακτός, αἱμακτικός; 2. αἱματόω (ion. att.) mit αἱμάτωσις (Gal.); 3. αἱματίζω (A., Arist.). Ferner die Substantiva αἱμάς ‘Blutstrom’ (S.); αἱμάτιον Demin., auch Name eines Gerichts (Arr., M. Ant., Inschr. Kos, Milet u. a.), αἱματία ‘spartanische Blutsuppe’ (Poll.). Zahlreiche synonyme Adjektivableitungen, die aus dem Bedürfnis nach expressiven und nicht abgetragenen Ausdrücken entsprossen sind: αἱματόεις ‘blutig’ (ep. und poet.); αἱματηρός (poet.), auch αἱμηρός (Man.); αἱματώδης (Hp., Th., Arist., hell.), auch αἱμώδης (Luk., vgl. s. αἱμωδέω); αἱματικός (Arist. u. a.), αἱμάτινος (Arist.); αἱμαλέος (AP, Nonnos); αἵμων (E.), αἱμώνιος ‘blutrot’ (Ath.); αἱματίτης ‘blutähnlich’ (Hp., Thphr. usw.); αἱματωπός (E.), αἱμωπός (Ph. u. a.). — αἷμα hat, wahrscheinlich infolge sprachlicher Tabuvorstellungen, das alte Wort für Blut, ἔαρ, ersetzt. Sichere außergriechische Verwandte fehlen. Seit Fick wird αἷμα oft mit ahd. seim ‘Honigseim’ verglichen; vgl. auch Loewenthal PBBeitr. 49, 416, Oehl IF 57, 27. Anders Sommer Lautst. 29ff.: zu aind. iṣ- ‘Saft, Trank’ (ebenso Porzig IF 42, 258 und Havers Sprachtabu 182). Vgl. auch αἰονάω. I-39

αἱμασιά (seit Od.) ‘Umfriedigung, Zaun, Mauer’, aus Stein (so sicher Hdt. 2, 138), wohl auch aus Dornen, vgl. αἱμοί· δρυμοί. Αἰσχύλος Αἰτναίαις H. Ableitung αἱμασιώδης (Pl.). — Seit Froehde BB 17, 318 wird αἱμασιά gewöhnlich mit lat. saepes verglichen, so zuletzt Specht KZ 68, 124 mit dem Versuch, einen Wechsel p : m morphologisch zu begründen. Andere Vorschläge bei Bq und WP. 2, 464. — Zur Betonung vgl. Scheller Oxytonierung 87f., zur Bedeutung Picard Rev. Arch. 1946, 68f. I-39

αἱμύλος, auch (als metrische Variante) αἱμύλιος (ep. und poet.). Davon αἱμυλία (Plu.). Meist von Worten gebraucht und gewöhnlich mit ‘schmeichelnd’ wiedergegeben. — Zur Bildung vgl. στωμύλος ‘geschwätzig’. Direkter Zusammenhang mit ahd. seim ‘Honigseim’ (Schrader KZ 30, 463) ist semantisch ansprechend, aber natürlich ganz unsicher. — Von Güntert Götter und Geister 103 als "listig berechnend" zu αἵμων gezogen. I-40

αἱμωδέω ‘stumpfe Zähne haben, wie es durch Saures bewirkt wird’ (Hp., Kratin.), αἱμωδία ‘Stumpfheit der Zähne’ (Hp., Arist., Dsk. u. a.). Von αἱμωδία stammt αἱμωδιάωαἱμωδία empfinden’ (Hp., Arist. usw., ngr. μουδιῶ, μουδιάζω), wovon wiederum αἱμωδιασμός H. Eine retrograde Bildung ist αἱμώδης im Sinn von ‘αἱμωδία habend’ (Gal.; daneben αἱμ-ώδης ‘blutig’, zu αἷμα). αἱμωδέω und αἱμωδία setzen zunächst ein *αἱμωδός voraus, sofern αἱμωδέω keine Zusammenbildung vom Typus πολιορκέω ist (vgl. Schwyzer 726). — Das Hinterelement ist von ὀδών ‘Zahn’ schwerlich zu trennen; im übrigen ist das Wort unklar. — Solmsen Wortforsch. 25ff. sieht im Vorderglied *αἱ-μος einen Verwandten von germ. *sai-ra- in got. sair, ahd. sēr ‘Schmerz’, awno. sār ‘Wunde’. I-40

αἵμων, -ονος nur Ε 49 Σκαμάνδριον αἵμονα θήρης, Bedeutung unsicher (‘eifrig’?, ‘kundig’?) — und somit auch etymologisch nicht zu erklären. Verzeichnis älterer Etymologien bei Bq, außerdem Fay IF 26, 27ff. (zu aemulor usw. als ‘raptor, rapax’), von Kretschmer Glotta 3, 335 abgelehnt. Das Wort kommt auch in thessalischen Namen, z. B. ‘Ιππαίμων Αἵμονος, zum Vorschein; Bechtel Dial. 1, 203. I-40

αἶνος ‘Rede, Lobrede’ (ep. ion. und poet., späte Prosa), auch ‘Beschluß’ (Inschr.). Vereinzelt αἴνη (Hdt.). — Neben αἶνος steht das primäre ἀναίνομαι ‘leugnen, sich weigern’ (vorw. poet. seit Il.) aus *ἀνα-αίνομαι (vgl. ἀνα-νεύω), Bechtel Lex.; unwahrsch. Stolz WSt 25, 133ff. (zur Neg. ἀν-, die aber nur präfigiert vorkommt). m. Ableitung αἰνέω, -ήσω usw., sekundär -έσω usw. (Wackernagel Unt. 180f.), ‘rühmlich erwähnen, loben, preisen’, auch ‘beschließen’, vorw. ep. ion. poet. (att. dafür ἐπαινέω), äol. (Hes.) αἴνημι. Davon αἴνεσις ‘Lob’ (LXX, NT), αἴνησις (Ph.). Selten ist die erweiterte Form αἰνίζομαι ‘loben’ (Hom.; vgl. Schwyzer 736), gewöhnlich das denominative (deverbative?) αἰνίσσομαι, -ττ-, ion. att. (späte Prosa auch αἰνίσσω), in der verschobenen Bedeutung (‘sinnvolle Rede halten’ >) ‘dunkel, in Rätseln sprechen’. Auf αἰνίσσομαι gehen mehrere Nomina zurück: αἴνιγμα ‘dunkle Rede, Rätsel’ (Pi., A., Pl. usw.) mit αἰνιγματώδης, αἰνιγματιστής, αἰνιγματίας, αἰνιγματικός; — αἰνιγμός ‘ds.’ (att.); αἴνιξις ‘ds.’ (Plot.). — αἰνικτήρ ‘der in Rätseln redet’ (S.), αἰνικτής (Timo), αἰνικτηρίως (A.). — Etymologie unbekannt. Frühere Bemühungen (Osthoff BB 24, 199ff.) s. Bq, WP. 1,2, Pok. 11. Zum Gebrauch von αἶνος s. E. Hofmann Qua ratione ἔπος, μῦθος, αἶνος, λόγος ... in antiquo Graecorum sermone adhibita sint. Diss. Göttingen 1922. I-40-41

αἰνός ‘schrecklich’ (ep. ion., poet.), gewöhnlich als Vorderglied in poet. Komposita, dagegen keine Ableitungen. — Über den Ausdruck αἰνόθεν αἰνῶς Leumann Hom. Wörter 258f., über adverbielles αἰνά ibid. 166. — Unerklärt. Bisherige Vermutungen sind notiert bei Bq, WP. 1, 2, Pok. 10. αἰνός kann vom synonymen δεινός formal beeinflußt sein. I-41

αἴνυμαι, nur im Präsensstamm, ‘greifen, nehmen’, vorw. ep., oft mit ἐξ- verbunden. Davon ἔξ-αιτος ‘ausgegriffen, auserlesen’ (Hom., A. R. usw.). — Zu αἴνυμαι gehört ein Nomen *αἶτος, wahrscheinlich altererbt (= aw. aēta- m. ‘Strafe’ als ‘der gebührende Teil’?; vgl. αἰτία), das ein Denominativum αἰτέω hervorrief, s. d. Zu toch. B ai- ‘geben’ (A e-), wie αἴνυμαι nur präsentisch, heth. p-ai ‘geben’; Frisk Indogermanica 8ff. Von idg. ai- ‘greifen’ vielleicht auch lat. ae-mulus ("der nach etw. greift", Frisk Eranos 41, 53), außerdem die PN Aetor (illyrisch? Krahe Glotta 23, 112f.) und Aimos (venet., Krahe ibid.). Zur Bedeutung von αἴνυμαι s. die Diss. von K. Wlaschim (Titel s. ἄγρα, ἀγρέω). Vgl. αἶσα, αἰτέω, αἰτία, δίαιτα. I-41

αἵνω, Aor. ἧναι ‘die Körner von der Spreu reinigen’, näherer Prozeß unbekannt (‘dreschen’, ‘worfeln’) (Pherekr., Hp.). Daneben ἀ̄νέω (Ar. Fr. 694, Lesung unsicher, Ath., Paus. Gr.), ἀφᾱνέω Ar. Eq. 394 (v. 1.), ἄφηνα· ἔκοψα, ἀφῆναι· τὸ τὰς ἐπτισμένας κριθὰς χερσὶ τρῖψαι H.; außerdem αἵνων· πτίσσων, ἥνας· κόψας und γάναι (= ϝᾶναιπεριπτίσαι (cod. -πτύσαι, vgl. Solmsen Unt. 280). — Davon nach Fick KZ 42, 146f. Ἄνιος PN. Bechtel KZ 46, 374 zieht auch den Phratrienamen ϝανίδαι (Argos) heran. Zum Vergleich bietet sich lat. vannus ‘Futterschwinge’; ferner ahd. wintōn ‘worfeln’, got. dis-winþjanλικμᾶν’, die aber beide wie lat. ventilare ‘worfeln’ von den Wörtern für ‘Wind’, ahd. wint, got. winds, ausgehen, mit denen αἵνω höchstens indirekt (als nasalerweiterte Tiefstufe von idg. u̯ē- ‘wehen’) verwandt sein kann. Die Bildung von ἀ̄νέω ist dunkel; die Herleitung aus *ἀ-ϝαν-έω (Solmsen Unt. 272) ein Notbehelf. S. noch Sommer Lautst. 54, 104, Brugmann IF 3, 259f. I-41

αἴξ, αἰγός f. ‘Ziege’ selten m. ‘Ziegenbock’ (seit Hom.). Auch übertragen als Name eines Wasservogels (dazu Janzén [s. u.] 17) und im Sinn von ‘Meteor’ (Arist.). Ableitungen: αἴγειος, αἴγεος ‘zur Ziege gehörig, Ziegen-’ (Hom. usw., vgl. Chantraine Formation 50, Schwyzer 467f.), später auch αἴγινος und αἰγικός (Pap.). — Außerdem αἰγίς ‘Ziegenfell’ s. d., αἰγίδιον Demin. von αἴξ (Pherekr., Antiph. usw.). Vgl. noch αἴγιλος s. αἰγίλωψ. Eine Metapher liegt wahrscheinlich vor in αἶγες· τὰ κύματα. Δωριεῖς H., s. αἰγιαλός. Inwieweit das Wort für Ziege in griechischen Ortsnamen enthalten ist (Αἰγαί, Αἰγαῖος, Αἴγινα usw.), ist strittig; vgl., außer der Literatur zu αἰγιαλός, Sommer IF 55, 259f. (vorgriechisch), V. Burr Nostrum mare (Würzb. Stud. zur Altertumswiss.) Stuttgart 1932. αἴξ ist mit arm. ayc ‘Ziege’ identisch. Es wird von Specht KZ 66, 13 (s. auch Die Ausbreitung der Indogermanen, 1944, 10f.) aus ungenügenden Gründen als gemeinsames Lehnwort der Indogermanen bei ihrem ersten Vorstoß auf die Balkanhalbinsel betrachtet. Als tiefstufige Form wird gewöhnlich aw. ī̆zaēna- ‘aus Leder’ beurteilt. — Höchst unsichere, z. T. entschieden verfehlte weitere Kombinationen bei A. Janzén Bock und Ziege (GHÅ 43 [1937 : 5]) 9ff. Anfechtbar auch Meillet Rev. d. ét. slav. 5, 9. Zu den vielen Namen der Ziege im Idg. s. Lidén Armen. Studien 13f. Zum a-haltigen Vokalismus Specht Ursprung 204 A. 1, Kuhn KZ 71, 145f. I-41-42

αἰόλος ‘schnell beweglich, schillernd, bunt’ (ep. poet.). Denominative Verba, alle selten: αἰόλλω (nur Präsens) ‘schnell hin und her bewegen’ (υ 27), ‘Farbe wechseln’ (Med., Hes. Sc. 399), ‘bunt machen’ (Nik. Th. 155). — αἰολέω = ‘ποικίλλω’ (Pl. Kra. 409a) mit αἰόλησις ‘schnelle Bewegung’ (Sch. Pi. P. 4, 412). — αἰολίζω ‘bunt ausstatten’ (S. Fr. 912) mit αἰόλισμα ‘Buntheit’ (S. Ichn. 319). — αἰολάομαι ‘rastlos sein’ (Hp. Mul. 2, 174b, Lesung unsicher). — Ferner spärlich belegte Sekundärableitungen : αἰολίας m. Fischname, vgl. Strömberg Fischnamen 23, Thompson Fishes s. v., αἰόλειος EM, αἰολίδας· ποικίλους, ταχεῖς H. — Etymologie unsicher. Nach Fraenkel Gnomon 22, 239 aus *(ϝ)αι-ϝόλ-ος mit dissimilatorischem Schwund des anl. ϝ- zu u̯el- ‘wälzen, drehen, wenden’ in εἰλέω (s. d.) usw. — Anders Fick, L. Meyer (s. auch Benveniste BSL 38, 107); noch anders Danielsson IF 14, 386ff., s. Ἅιδης. Das Kompositum αἰέλουρος setzt, falls hierher gehörig, ein älteres *αἰελος voraus, das durch Vokalharmonie seinen ε-Vokal umgefärbt hätte. Näheres bei Bechtel Lex. Zur Bedeutung vgl. W. Schulz Das Farbenempfindungssystem der Hellenen. Leipzig 1904. I-42

αἰονάω ‘befeuchten, bähen’ (Hp. u. a.). Davon die Verbalnomina αἰόνησις und αἰόνημα. — Etymologie unbekannt. Zwei vergebliche Deutungsversuche von Fick GGA 1894, 229 und Bezzenberger BB 27, 144. I-42-43

αἰπόλος m. ‘(Ziegen)hirt’ (seit Od.), Ableitungen: αἰπολέω (nur Präsensstamm) ‘(Ziegen) weiden’ (A., Lys., Theok. u. a.); αἰπόλια n. pl. (-ιον sg.) ‘(Ziegen)herde(n)’ (Il. usw.); αἰπολικός (Theok. u. a.). — aus *αἰγ-πόλος. — Wie βουκόλος (s. d.) ist αἰ(γ)-πόλος ein sog. synthetisches Kompositum, dessen Hinterglied zu πέλω, πέλομαι, lat. colo usw. gehört. De Saussure MSL 6, 161f. Weitere Lit. bei Bq. Abzulehnen Pedersen KZ 36, 88 und Lagercrantz Mélanges Boisacq 2, 59 (zu lat. ōpilio usw.). Über den Wegfall von -γ s. Schwyzer 398. — Die Hesychglosse αἰπόλος· κάπηλος παρὰ Κυπρίοις beruht nach Leumann Hom. Wörter 271f. auf willkürlicher Deutung von ρ 249f. I-43

αἶπος n. ‘steile, schroffe Höhe’ (A., E., Hp. u. a.); davon αἰπεινός (< *αἰπεσ-νός) ‘steil’ (poet. seit Il.). Dagegen ist αἰπήεις (αἰπήεσσαν Φ 87, danach A. R. 2, 721 und AP 7, 273) nur eine Erweiterung von αἰπύς (Schwyzer 527: 3; verfehlt Thieme Studien 71). — Neben αἶπος steht αἰπύς ‘steil, jäh’ (meist ep. und poet. seit Il.). Die abweichende Stammbildung in αἰπά (αἰπὰ ῥέεθρα Θ 369, Versende) und αἰπήν (πόλιν ... αἰπήν γ 130 usw., immer am Versende) ist offenbar metrisch bedingt. Hierher wahrscheinlich αἶψα, s. d. — Unerklärt; phantastisch Brugmann IF 37, 155 ff. I-43

αἶρα 1. f. ‘Schmiedehammer’ (Kall. Fr. 129). — Von H. auch mit ἀξίνη erklärt. Dunkel. Nach Prellwitz, dem Schwyzer 474 zustimmt, von αἴρω. Andere Versuche bei Bq. I-43

αἶρα 2. f., oft Plur. αἶραι ‘Unkraut im Weizen, Lolch’ (Kom., Arist., Thphr. u. a.). Ableitungen: αἴρινος ‘aus Lolch bestehend’ (Dsk. usw.), αἰρώδης ‘mit Lolch vermengt’ (Thphr.). Denominativum ἐξ-αιρόομαι ‘sich in Lolch verwandeln’ (Thphr.). — Unklar der Bildung nach ist αἰρόπινον n. ‘Sieb’ (Ar. Fr. 480); nach Grimme Glotta 14, 17 orientalischer Herkunft. — Die Zusammenstellung von αἶρα mit aind. erakā f. ‘eine Grasart’ hat Specht KZ 66, 12 in ein neues Licht bringen wollen, indem er annimmt, das Wort sei in beiden Sprachen aus einer orientalischen Quelle entlehnt. I-43

αἱρέω ‘greifen, nehmen’, Med. ‘an sich nehmen, wählen’, seit ältester Zeit als Simplex und mit Präverbien; Aorist, bis auf späte Formen (ἀν-ῄρησα Q. S. u. a.), ἑλεῖν. Ableitungen: αἵρεσις ‘Einnahme, Wahl, Partei’ (ion. att.) mit αἱρέσιμος ‘einnehmbar’ (X., vgl. Arbenz Die Adjektive auf -ιμος 63); αἱρετός ‘zu nehmen, zu wählen, erwählt’ (ion. att.), αἱρετικός ‘zu wählen, Parteiungen anstiftend’, auch auf αἵρεσις zu beziehen (spät); αἱρετής ‘Erwähler’ (Vett. Val.), auch Titel eines Bibliotheksbeamten (Pap.); καθαιρέτης ‘Zerstörer’ schon Th.; fem. αἱρετίς f. ‘Erwählerin’ (LXX), wohl retrograde Bildung von αἱρετίζω ‘auserwählen’ (hell. und spät), das als Denominativum von αἱρετός verständlich ist (Schwyzer 706 : 4). Von αἱρετίζω wiederum αἱρετιστής ‘Erwähler, Parteigänger’ (Plb., D. L. usw.). — Zum Gebrauch von αἱρέω s. die Diss. von K. Wlaschim (Titel s. ἄγρα); zur Bildung der Tempusstämme Fraenkel Nom. ag. 1, 228f. — Mehrere Erklärungsversuche, von denen keine befriedigt: Brugmann IF 32, 1ff. (zu ὁρμή usw., s. d.), McKenzie Cl. Quart. 15, 46f. (geht von ἐξ-αίρετος aus, das aus ἔξ-αιτος und -άγρετος kontaminiert wäre; ἐξαιρέω somit älter als αἱρέω, was zu den Tatsachen schlecht stimmt, vgl. Kretschmer Glotta 13, 272). — Kret. αἱλέω ist aus αἱρέω und ἑλεῖν kontaminiert; pamphyl. ἀγλέσθω aus ἀγρέω und ἑλεῖν; weitere Mischformen bei Vendryes Mél. Boisacq 2, 331ff. I-43-44

αἰρόπινον s. 2. αἶρα. I-44

αἴρω s. 1. ἀείρω. I-44

αἶσα f. ‘Anteil, Lebenslos, Geschick, Gebühr’ (vgl. Krause Glotta 25, 145f.), ep. lyr. dial. (zur Verbreitung der ganzen Sippe s. Solmsen Wortforsch. 71ff.). Ableitungen: αἴσιος ‘gunstig, gebührend, billig’, auch mit ἐν-, ἐξ-, κατ-, παρ-, wovon αἰσιόομαι ‘als günstiges Zeichen aufnehmen’ (Plu., App.); αἴσιμος ‘vom Schicksal bestimmt, angemessen, vernünftig’ (ep. usw.) neben ἐν-αίσιμος und ἀναίσιμος ‘unangemessen’ (Emp.), vgl. Frisk Adj. priv. 14; zu αἴσιος und αἴσιμος Arbenz Die Adj. auf -ιμος 18ff. — Mit Präfix versehenes Denominativum ἀν-αισιμόω ‘(*den gebührenden Anteil) verbrauchen, verzehren’ (ion.), wovon ἀναισιμώματα ‘Kosten’ (Hdt.); καταισιμόω ‘gänzlich verbrauchen’ (Kom.; καταίσιμος = αἴσιμος H., also Hypostase von καταἶσαν). Von αἴσιμος ferner als Adjektivabstraktum αἰσιμίαι πλούτου ‘gebührende Anteile des Reichtums’ (A. Eu. 996). Zu αἰσιμνάω, αἰσυμνάω, αἰσυμνήτης s. bes. — Mehrere EN: Αἴσων, Αἰσίας usw., s. Solmsen a. a. O. — αἶσα gehört letzten Endes zu αἴνυμαι, ist aber zunächst als Femininableitung auf -ι̯α des in osk. aeteis ‘partis’, gr. *αἶτος (s. αἰτέω) vorliegenden t-Stammes zu verstehen, vgl. Krause a. a. O. Eine ablautende Form sucht Fick (Odyssee 20) in ἴσσασθαι· κληροῦσθαι. Λέσβιοι (H.) und im Gen. sg. ἴσσης (ι 42 = 549), wie er für das allein überlieferte ἴσης lesen will; letzteres jedenfalls etwas fraglich (zustimmend Bechtel Lex. s. v. ἴσσα und Schwyzer 474 : 3). I-44

αἴσακος · ὁ τῆς δάφνης κλάδος, ὅν κατέχοντες ὕμνουν τοὺς θεούς H. (Plu. 2, 615b). — Nach EM 38, 49 mit dem Vogelnamen ερίθακος synonym. Herkunft unbekannt, vielleicht vorgriechisches (kleinasiatisches) Lehnwort (Nehring Glotta 14, 183; Krause KZ 67, 214 m. A. 4). I-44-45

αἰσάλων m. ‘Falkenart’, vgl. Thompson Birds s. v. (Arist., Ael., Plin.), αἰσάρων· εἶδος ἱέρακος H. — Herkunft unbekannt. Nach Krause (s. αἴσακος) thrakisch. Nach Kretschmer Glotta 11, 281 aus einem pelasgisch-tyrrhenischen *αἴσαρος = ἱερός substantiviert. Aber das synonyme ἱέραξ gehört nicht zu ἱερός ‘heilig’, sondern, wie Kretschmer selbst hervorhebt, zu (ϝ)ιερός ‘rasch’. I-45

Αἴσηπος m. Fluß in Kleinasien. — Unwahrscheinliche Deutung von Krause KZ 67, 213f. (thrakisch; eig. "Wildwasser"). I-45

αἰσθάνομαι, vereinzelt αἴσθομαι, Aor. αἰσθέσθαι, Fut. αἰσθήσεσθαι ‘empfinden, wahrnehmen, bemerken’ (ion. att.). Ableitungen: αἴσθησις ‘Wahrnehmung, Kenntnis’ (ion. att., vgl. Holt Les noms d’action en -σις 121), seltener (Arist. usw., auch E. IA 1243) ‘(Gegenstand der) Empfindung’; auch αἰσθησίη (Aret.) = αἴσθησις. — αἰσθητός ‘wahrnehmbar’ und (auf αἴσθησις bezüglich) αἰσθητικός ‘der Wahrnehmung fähig’, beide vorwiegend als philosophische Termini gebraucht; — αἰσθητήριον ‘Sinnesorgan’ (Arist. usw.), αἰσθητής m. ‘Wahrnehmer’ (Pl.). — Wird allgemein auf *ἀϝισ-θ- mit Anschluß an ἀΐω ‘wahrnehmen, hören’ zurückgeführt; dieselbe idg. dh- Erweiterung kann auch in lat. audio, falls aus *au̯iz-dh-io, vermutet werden. Vgl. ἀΐω und W.-Hofmann s. audio. I-45

ἀΐσθων oder vielmehr ἀϊσθών (Π 468), ἄϊσθε (Υ 403) (θυμόν) ‘aushauchen’ — Mit ἄϊον (= τὸ ἀπέπνεον Eust.) in ἄϊον ἦτορ (Ο 252) irgendwie verwandt; weitere Anknüpfungen ganz unsicher. Vgl. Bechtel Lex. I-45

ἀΐσσω (ep. lyr. Hdt.), ᾄσσω (Pi., Trag.), ᾄττω (att. Prosa, selten), Fut. ἀΐξω (wonach spätes Präsens ἐπ-αΐζω, Zingerle Glotta 19, 74) ‘sich schnell bewegen, anstürmen, losfahren’, vereinzelt trans. ‘schwingen’ . Ableitung ἀϊκ-ή ‘Ansturm’ (Ο 709, Opp. H. 4, 651); außerdem das Wurzelnomen ἄϊξ in ἀνέμων ἄ̄ῑ̈κας A. R. 4, 820, als Hinterglied (Zusammenbildung?) in πολυ-άϊξ, κορυθ-άϊξ; auch τριχάϊκες? (s. d.). — Anl. ἀ- immer lang im Epos mit Ausnahme von ὑπαΐξει (Φ 126; wohl zufällige Kürzung, vgl. Chantraine Gramm. hom. 110; von Hermann IF 35, 170f. aus ungenügenden Gründen als Äolismus betrachtet), ἀΐξῃ (A. R. 3, 1302), sonst vorwiegend kurz. — Nicht sicher erklärt. Nach einer zuerst von Osthoff PBBeitr. 8, 271 vorgetragenen Deutung eine Intensivbildung *ϝαι-ϝικ-ι̯ω und mit aind. ve-vij-yá-te ‘zurückweichen’ zu vergleichen. Semantisch nicht unmittelbar einleuchtend; außerdem muß ϝ- dissimilatorisch gefallen sein, da jede Spur davon fehlt (Solmsen Unt. 189). Wegen der Länge des ῑ zieht Danielsson IF 14, 386ff. vor, von einem Nomen *αἰϝ-ῑκ- auszugehen, vgl. Ἅιδης und αἰόλος. I-45-46

αἴσυλος ‘ungebührlich, frevelhaft’ (Gegensatz αἴσιμος) vereinzelt bei Homer und anderswo (h. Merc. 164, AP 7, 624), dazu αἰσυλο-εργός (Max. Astrol.) nach αἴσυλα ῥέζειν (Hom.). — Unerklärt. Wertlose Versuche verzeichnet Bq. Vgl. ἀήσυλος. I-46

αἰσυμνάω, meg. αἰσιμνάω, ‘herrschen’, vorw. administrativer Terminus. Davon αἰσυμνητήρ (Ω 347 v. 1.) (Bed. unklar), αἰσυμνήτης (αἰσιμνάτας) Titel eines leitenden Beamten in verschiedenen Städten (Inschr., Arist. usw.), bei Homer θ 258 gewöhnlich als ‘Kampfordner, -richter’ erklärt. Fem. αἰσυμνῆτις (Suid.). Ableitung αἰσυμνητεία ‘Amt eines αἰσυμνήτης’ (Arist. u. a.); in derselben Bedeutung das Verbalnomen αἰσυμνητύς (Miletos). — Postverbal (falls nicht aus *αἴσυμνος, s. u.) ist αἰσύμνιον Bez. des βουλευτήριον in Megara (Paus.). — Die von Prellwitz und Brugmann Sächs. Ber. 1901, 94 vorgeschlagene Anknüpfung an αἶσα (über αἴσιμος, *αἰσίμων, *αἴσιμνος) ist von Solmsen Wortf. 36ff. und Fraenkel Nom. ag. 1, 172f. näher ausgeführt worden (-υ- für -ι- durch Assimilation an die folg. Labiale?; dagegen Schwyzer 275 Zus. 1 m. Lit.). Zweifel bei Chantraine Formation 216, der ebenso wie v. Blumenthal Hesychst. 33 an fremde (asianische) Herkunft denkt. I-46

αἶσχος ‘Schande’, pl. ‘Schandreden, -taten’; ‘Häßlichkeit’ (seit Il.). Daneben die primären Komparativ- und Superlativbildungen αἰσχίων, αἴσχιστος und, mit dem Wechsel zwischen ro- und u-Stamm, einerseits αἰσχρός ‘schändlich, häßlich’, anderseits das denominative αἰσχύνω ‘beschimpfen, häßlich machen’ Med. ‘sich schämen’ (seit Il.) mit dem retrograden αἰσχύνη ‘Schande, Scham’ (ion. att.). Der u-Stamm noch in Αἰσχύλος. Vgl. Leumann Glotta 32, 217 und Seiler Steigerungsformen 76f. n. Ableitungen: 1. Von αἰσχρός : αἰσχρότης ‘Häßlichkeit’ (selten: Pl. Grg. 525a, Ep. Eph. 5, 4), αἰσχροσύνη (Tz.). 2. Von αἰσχύνω (-ομαι): αἰσχυντήρ ‘Schänder’ (A. Ch. 998), αἰσχυν-τ-ηλός ‘schüchtern, bescheiden’, auch ‘schändlich’ (Pl., Arist.) mit αἰσχυντηλία (Plu.); das -τ- stammt aus dem Oppositum ἀν-αίσχυντος (Alk., att.) mit ἀναισχυντία, -τέω, -τημα; sekundär αἰσχυντός (Ps. Phok.). Daneben die noch selteneren αἰσχυντηρός und αἰσχυντικός. — Die Bedeutung, z. T. auch die Form legen einen Vergleich mit got. aiwiski n. ‘αἰσχύνη’ nahe. Die Grundformen werden indessen einigermaßen verwickelt (αἶσχος aus idg. *aigzghos < aighs-qos, aiwiski aus idg. *aighes-qii̯om?). Vgl. außer Bq, wo ältere Lit., Brugmann-Thumb 117, Feist Vgl. Wb. d. got. Spr. s. aiwiski. I-46-47

αἰτέω ‘fordern, begehren’ (ion. att.), oft mit Präverb, ἀπ-, ἐξ-, παρ-αιτέω usw. Ableitungen: 1. αἴτησις ‘Forderung, Bitte’ (ion. att., näheres bei Holt, Les noms d’action en -σις 126) mit αἰτήσιμος (Arbenz Die Adj. auf -ιμος 88f.); 2. αἴτημα ‘Forderung, Bitte, Postulat’ (Pl., Arist. usw.) mit αἰτηματικός und αἰτηματώδης; 3. αἰτητής ‘Bittsteller’ (Pap., D. C.); daneben αἰτητικός (Arist., D. L.), vielleicht direkt vom Verb oder von αἴτησις, 4. αἰτίζω = αἰτέω (ep. seit Od.). — αἰτέω ist ein Denominativum von *αἶτος, s. αἶσα und αἴνυμαι. I-47

ἀΐτης (Theok. 12, 14; 20), dor. ἀΐτας (Ar., Lyk., AP) . Fem. ἀῗτις (Alkm. 125, Hdn.). m. ‘Geliebter’ — Unklar. Gewöhnlich zu ἐνηής ‘mild, wohlwollend’ gezogen, s. d. Nach Diels Hermes 31, 372 und Bechtel Dial. 1, 203 zu ἀΐω ‘auf einen hören’. I-47

αἴτιος, -α, -ον ‘schuldig, verantwortlich, Urheber’ (ion. att.); davon (oder direkt von *αἶτος, s. unten) αἰτία ‘Schuld, Verantwortlichkeit, Anklage, Ursache’; auch ‘Krankheit’ (Bickel Glotta 23, 213ff., Björck Glotta 24, 251ff.). Von αἰτία (oder allenfalls von αἴτιος) das denominative αἰτιάομαι ‘beschuldigen, anklagen’, sekundär umgebildet αἰτιάζομαι (X., D. C. u. a.). — Weitere Ableitungen: Von αἰτιάομαι: αἰτίασις (Antipho, Arist. u. a.) und αἰτίαμα (A., Th.) ‘Beschuldigung, Anklage’; dagegen αἰτιατός (Arist., Plot.) ‘Ursache habend, bewirkt’ (τὸ αἰτιατόν ‘Wirkung, Bewirktes’ im Gegensatz zu τὸ αἴτιον ‘Ursache’) wegen der Bedeutung eher direkt von αἰτία; von τὸ αἰτιατόν geht aus ἡ αἰτιατικὴ πτῶσις eig. ‘Kasus des Bewirkten’ (Wackernagel Syntax 1, 19). — Von αἰτία (bzw. τὸ αἴτιον): αἰτιώδης ‘ursächlich usw.’ als philosophischer Terminus (hell. und spät), ebenso (Chantraine Formation 186f.) αἰτίωμα (Pap., Act. Ap.) = αἰτίαμα; mit demselben Vokalismus auch αἰτίωσις (Eust.) = αἰτίασις. Formal liegt es sehr nahe, in αἴτιος (und αἰτία) eine Ableitung des auch dem Verb αἰτέω zugrunde liegenden Nomens *αἶτος ‘Anteil’ (s. αἴνυμαι, αἰτέω) zu sehen. Auch begrifflich ist diese Herleitung gut möglich; vgl. besonders, mit ähnlicher Übertragung auf das Rechtswesen, aw. aēta- ‘Strafe’. — Zur Erhaltung des -τι- s. Schwyzer 270 : 3 m. Lit. I-47

αἴφνης Adv. ‘plötzlich’ (E. IA 1581, Hp. Int. 39), weit gewöhnlicher und älter ἐξαίφνης (Hom., Pi., Trag., att. Prosa, Arist. u. a.). Umgekehrt ist das Adj. αἰφνίδιος (A., Th., Arist. u. a.) gewöhnlicher und älter als ἐξαιφνίδιος (Pl., Gal.). Andere Bildungen: αἰφνηδίς, -δόν (Hdn.). — Wahrscheinlich mit αἶψα verwandt, s. d. Direkter Zusammenhang mit ἄφνω, ἄφαρ ist nicht glaubhaft. I-47-48

αἰχμή ‘Lanzenspitze, Lanze’, übertr. ‘Krieg’ (ep. poet., Hdt., sonst selten in d. Prosa; zum Gebrauch bei Homer s. Trümpy Fachausdrücke 52ff.). Ableitungen: αἰχμήεις ‘lanzenbewaffnet’ (A., Opp.); αἰχμητής ‘Lanzenschwinger’ (ep. poet.), daneben αἰχμητᾰ́ Ε 197 (zur Erklärung Schwyzer 560), fem. αἴχμητις EM; sekundär αἰχμητήρ (Opp., Q. S., Nonn.); — αἰχμητήριος ‘lanzenbewaffnet, kriegerisch’ (Lyk. 454 am Versende, vgl. Chantraine Formation 45). — Denominativum: αἰχμάζω ‘die Lanze schwingen’, auch ‘mit Lanze bewaffnen’ (ep. poet.). Ein festes Kompositum ist αἰχμ-άλωτος ‘Kriegsgefangener’ (ion. att.) mit mehreren Ableitungen: fem. αἰχμαλωτίς, Adj. αἰχμαλωτικός, Abstr. αἰχμαλωσία. Dazu zwei Denominative, beide hell. und spät: αἰχμαλωτίζω und (seltener) αἰχμαλωτεύω. Von αἰχμαλωτίζω: αἰχμαλωτιστής und αἰχμαλωτισμός. — Wegen αἶκλοι· αἱ γωνίαι τοῦ βέλους H. auf *αἰκ-σμᾱ zurückzuführen und mit lit. iẽšmas, apreuß. aysmis ‘Bratspieß’ (< -(s)m-) am nächsten verwandt. Schmidt Zur Geschichte d. idg. Vokalismus 1, 76, weitere Lit. bei Bq, WP. 1, 7f., Pok. 15. — Ein anderer Ablaut liegt vor in kypr. ἰκμαμένος (= ἰχμ-? oder sogar = ἰγμ-? Bechtel Dial. 1, 448) ‘verwundet’, ἰκτέα· ἀκόντιον H., ἴκταρ (ep. lyr.) ‘nahe’, eig. "anstoßend", vgl. zur Bed. aind. ghanám ‘nahe’ zu han- ‘schlagen’. In Betracht kommen ferner: ἴγδις f. (Sol., Dsk. u. a.), ἴγδη (Hp., Hdn.) ‘Mörser’, das von λίγδος ‘ds.’ beeinflußt worden ist (Osthoff bei Solmsen Wortf. 172, Güntert Reimwörter 158), auch ἴξ, s. d. Mit demselben Ablaut wahrscheinlich lat. ico ‘treffen, verwunden’, vgl. W.-Hofmann s. v. I-48

αἶψα Adv. ‘schnell, plötzlich’ (Hom., poet.), davon αἰψηρός ‘schnell, rasch’ (Hom., Pi. u. a.; zur Bildung Schwyzer 482:7, Chantraine Formation 232). — Wahrscheinlich mit Sommer IF 11, 243 zu αἶπος, αἰπύς ("jäh") als *αἰπ-σ-ᾰ; wegen des auslautenden -ᾰ vgl. Schwyzer 622f. Hierher wohl auch αἴφνης aus *αἰπ-σ-νᾱ-ς. I-48

ἀΐω ‘wahrnehmen, hören’ (ep. ion. poet., in att. Prosa nur ἐπαΐω ‘verstehen’, Björck Alpha impurum 149f.), Ipf. ἄϊον, nach Schulze KZ 29, 25Iff. = KL Schr. 344ff. urspr. Aorist mit hinzugebildetem Präsens ἀΐω; Spuren eines ursprünglichen Präsens *ἀείω vermutet Schulze u. a. in ἄει· ἀκούει, ἄετε· ἀκούσατε H. und in ἐπ-ᾴειν E. HF 773 (lyr.). S. noch Bechtel Dialekte 3, 191f. Von ἐπαΐω, ἐπᾴω ferner ἐπῇσα (ἐπήϊσα) und ἐπ-άϊστος ‘wahrgenommen, entdeckt’ (Hdt. u. a.). — Der ursprüngliche Aorist ἄϊον kann auf *ἄϝισ-ον zurückgehen und mit aind. āvíṣ Adv. ‘offenbar’ ablauten, vgl. auch aksl. (j)avě Adv. ‘kund, offenbar’. Mit heth. uḫḫi ‘ich sehe’, aušzi ‘er sieht’ besteht höchstens eine entferntere Verwandtschaft, desgleichen mit aksl. umъ ‘Verstand’ (aus *au-mo-). Vgl. außer Schulze 1. c. Schwyzer 686: ε, WP. 1, 17, Pok. 78 mit weiterer Lit. I-48-49

αἰών, -ῶνος m., auch f. ‘Leben(szeit), Zeit(dauer), lange Zeit, Ewigkeit’ (seit Hom.). Ableitungen: αἰώνιος ‘andauernd, beständig, ewig’ (Pl., hell., NT) mit αἰωνιότης ‘perpetuitas’ (Gloss.). — αἰωνίζειν ‘verewigen, ewig sein’ (Dam., Phot., Suid.) mit αἰώνισμα ‘Verewigung, Denkmal’ (Ostr.) — Aus *αἰϝών, einem n-Stamm, der auch in αἰέν vorliegt. Daneben der s-Stamm im Akk. αἰῶ (A. Ch. 350 für αἰῶνα nach AB 363 mit Ahrens) und αἰές, αἰεί; weiteres s. αἰεί. — Zur religiösen Bedeutung von αἰών und αἰώνιος s. Owen Journ.ofTheolStud. 37, 265ff., 390ff.; zum Begriff im allg. Stadtmüller Saeculum 2, 315ff. I-49

αἰώρα ‘Schwebe, Hängebett, Schaukel, schaukelnde Bewegung’ (Pl., D. H., Plu. usw.). Verbalabstrakta : αἰώρησις (vorw. mediz.), συν- (Pl.), ὑπερ- (Hp.); αἰώρημα (E. in lyr., Lyk.). Daneben αἰωρέω, gewöhnlicher -έομαι ‘erheben, hängen’, Med. ‘schweben, hangen’, auch übertragen (Pi., ion. att.). Zusammensetzungen : συν-, ὑπερ-αιωρέομαι, -έω. — Die einzigartige Grundform *ϝαι-ϝώρ-α enthält sowohl Intensivreduplikation wie Dehnstufe, ebenso *ϝαι-ϝωρ-έω, das als ein deverbatives Intensivum (Iterativum) zu verstehen ist, vgl. Schwyzer 423, 647 : a 1, 720 : 2. Davon wahrscheinlich als postverbales Nomen das später auftretende und seltenere *ϝαιϝώρα > αἰώρα. — Zu 1. ἀείρω ‘emporheben’; vgl. auch alb. vjer ‘aufhängen’ s. 2. ἀείρω ‘(zusammen)binden’. I-49

ἄκαινα ‘Spitze, Stachel’ (A. R., AP), auch als Längen- bzw. Flächenmaß von 10 (100) Fuß (Thessalien, Kleinasien, Ägypten). — Ableitung auf -ια des in ἄκων (s. d.) vorliegenden n-Stammes, vgl. Chantraine Formation 109, Schwyzer 475 : 4. I-49

ἀκακαλίς, -ίδος f. Name verschiedener Pflanzen (Dsk. u. a.); vgl. ἀκακαλλίς· ἄνθος ναρκίσσου. Κρῆτες H. — Orientalische (ägyptische) Herkunft wahrscheinlich; die Wörter mit ἀκ- (ἄκανθα usw.) haben die Form beeinflussen können. I-49

ἀκάκητα episches Epithet unbekannter Bedeutung, auf Hermes (Hom., Hes., Suid.) und auf Prometheus (Hes.) bezogen. Ableitung ἀκακήσιος (von Hermes; Kall.. Paus.). — Falls die Hesychglossen ἀκακίεις· συνίεις und ἀκακιεῖ· συνιεῖ auf echter Tradition beruhen, ergibt sich eine ansprechende Deutung als ‘συνετός’, zu ἀκή usw.; vgl. acūtus. Hoffmann BB 17, 328. Andere Deutungen s. Bq und Chantraine Formation 28. I-49-50

ἀκακία f. Baum- und Pflanzenname ‘Akazie’, ‘Ginster’ (Dsk., Aret.). — Fremdwort, vgl. zu ἀκακαλίς. I-50

ἀκαλανθίς = ἀκανθίς, s. ἄκανθα. I-50

ἀκαλαρρείτης nur im Vers ἐξ ἀκαλαρρείταο βαθυρρόουΩκεανοῖο (Η 422, τ 434). — Für ἀκαλα-ρρεϝέ-της, eine Zusammenbildung von ἀκαλά und ῥέω mittels des Suffixes -της. Im selben Sinn auch ἀκαλάρροος (Orph.). Das als Adverb fungierende Vorderglied kommt nur noch vereinzelt vor (Hes., Sapph.), daneben Glossen wie ἀκαλόν· ἥσυχον, πρᾶον, μαλακόν H.; Adv. ἀκαλῶς Eust. — Gewöhnlich wird ἀκαλά als ein neutraler Plural angesehen (Bechtel Lex., Wackernagel Unt. 87), was jedoch nicht ganz sicher ist, s. die Fälle bei Schwyzer 622: 8. Zum Vergleich melden sich ἀκήν, ἀκέων (Buttmann Lexilogus 1, 11f.), ferner ἦκα (Bechtel Lex. 23). Adjektiva auf -αλο- sind selten: ὁμαλός, ἁπαλός u. a. (Chantraine Formation 245; zu ἀταλός vgl. s. v.). I-50

ἀκαλήφη ‘See-Anemone, Brennessel’ (alte Kom., Arist., Dsk. usw.), bei Thphr. HP 7, 7, 2 ἀκαλύφη. — Vielleicht unter Einfluß von ἄκανθα und anderen Wörtern mit ἀκ- umgebildet; Ursprung sonst unbekannt. Semitische Etymologie bei Lewy Fremdwörter 50. Beispiele von bh-Suffix in Baum- und Pflanzennamen bei Specht Ursprung 267. Vgl. Thompson Fishes s. v. — Nicht überzeugend Grošelj Živa Ant. 2, 205. I-50

ἄκανθα ‘Dorn, Distel’, Bez. verschiedener stacheliger Pflanzen (Strömberg Pflanzennamen 17), auch ‘Rückgrat’, (seit Od.) und ἄκανθος m. ‘Bärenklau’ (Acanthus mollis) . Aus ἄκανθα stammen mehrere Adjektiva : ἀκάνθινος, ἀκανθώδης, ἀκανθικός, ἀκανθηρός, ἀκανθήεις ‘aus ἄκ. bestehend’. Ferner die Substantiva ἀκάνθιον (Demin.), ἀκανθίας Art Haifisch, Art Heuschrecke (vgl. Strömberg Fischnamen 47, Wortstudien 17), ἀκανθίς Vogelname (‘Distelfink’ oder ‘Hänfling’, vgl. Thompson Birds s. v.), auch Pflanzenname, ἀκανθυλλίς Vogelname (Thompson s. v.), ἀκανθίων ‘Igel’, ἀκανθέα Pflanzenname, ἀκανθεών und -θών ‘Dorngebüsch, spinetum’, ἀκανθηλή Bed. unbekannt. — Denominatives Verb ἀκανθόομαι ‘Dornen erhalten’ (Thphr.). — Die Erklärung aus *ἀκαν-ανθα, bzw. *ἀκαν-ανθος von ἄκανος und ἄνθος ist hypothetisch, aber ein Kompositum *ἄκ-ανθα ‘Stachelblume’ (Kretschmer Einleitung 403 A. 1) ist nicht besser. Noch anders (ἄκαν-θα) Solmsen Wortf. 264. — Hierher gehört wohl auch ἀκαλανθίς = ἀκανθίς (Ar. u. a.); nach Niedermann Glotta 19, 8ff. durch Umstellung aus *ἀκανθαλίς, nach Bq durch Dissimilation aus *ἀκαν-ανθις. I-50

ἄκανος m. Distelart, ‘Atractylis gummifera’, ‘dorniger Fruchtkopf’ (Thphr.); daneben ἄκαν, -νος LXX (4. Kōn. 14, 9). Ableitungen: ἀκανικός, ἀκανώδης, ferner ἀκανίζω (alle Thphr.) und ἀκάνιον H. — Zur Bildung vgl. βάλανος, πλάτανος, ῥάφανος, πύανος usw.; zugrunde liegt das Element ἀκ- in ἀκή usw., zur n-Erweiterung vgl. noch ἄκαινα, ἄκων, ἀκόνη. I-51

ἀκαρής, -ές ‘winzig, kurz’, gewöhnlich in adverbiellen Redewendungen (von der Zeit) oder in sonstigen Maßbezeichnungen, z. B. ἐν ἀκαρεῖ (χρόνου), ἀκαρῆ (Ar., D., Luk. u. a.). Davon ἀκαριαῖος ‘winzig, gering’ (D., Arist. u. a.), zur Bildung vgl. Maßadjektiva wie σταδιαῖος, πλεθριαῖος usw. (Chantraine Formation 49). Hierher wahrscheinlich auch ἀκαρί n. ‘Milbe’ Arist. ΗΑ 557 b 8). — Nach alter Deutung zu κείρω, ἐκάρην (wie ἐμίγην : ἀμιγής) als ‘unscherbar’, vgl. τὸ βραχύ, ὅ οὐδὲ κεῖραι οἷόν τε H. — Vgl. καρός. I-51

ἄκαρον · τυφλόν H. — Unerklärt. Gegen Zusammenstellung mit lat. aquilus ‘dunkel’, lit. ãklas ‘blind’ (Fick KZ 19, 255f. u. ö.) s. W.-Hofmann s. v., Endzelin Don. nat. Schrijnen 399f. Vgl. ἄγχραν· μύωπα. Λοκροί H. (nach ἄγχι? WP. 1, 34). I-51

ἀκαρός · σημαίνει τὸν ἐγκέφαλον ἢ τὴν κεφαλήν. EM 45, 13. — Vgl. die gleichbedeutenden ἔγκαρος und ἴγκρος. Kann somit die schwache Form von ἐν enthalten (Schulze KZ 29, 263f. = Kl. Schr. 358). I-51

ἄκασκα Kratin. 126, ἀκασκᾷ Pi. Fr. 28 Adv. ‘sanft, ruhig’ = ἡσύχως, μαλακῶς, βραδέως H. Davon ἀκασκαῖος A. Ag. 741 (lyr.). — Zu ἀκήν, ἀκέων mit eigenartiger Bildung. I-51

ἄκαστος · ἡ σφένδαμνος H. — Falls aus *ἄκαρ-στος, urverwandt mit lat. ăcer, -ris ‘Ahorn’, ahd. ahorn (zum letztgenannten vgl. besonders ἄκαρνα· δάφνη H.), gallorom. *akar(n)os ‘Ahorn’ (Hubschmid Rev. celt. 50, 263f.). Ausführliche Behandlung bei Osthoff Etym. Parerga 1, 187ff., dazu W.-Hofmann s. 1. acer, Pok. 20. Zur Bildung vgl. zunächst πλατάνιστος; Näheres bei Chantraine Formation 302 (verfehlt Osthoff a. O.: -στο- zu sē- ‘säen’). I-51

ἄκατος f. (m.) ‘Nachen’ (Thgn., Pi., Hdt., Th. usw.), ‘nachenähnlicher Becher’ (Kom.), mit den Demin. ἀκάτιον, auch übertr. ‘Art Frauenschuh’, (Ar., Th., Plb.) und ἀκατηνάριον (Olsson Arch. f. Pap. 11, 219). Von ἄκατος ferner ἀκάτειος, τὰ ἀκάτεια (sc. ἱστία) ‘die kleineren, am Nebenmast befindlichen Nebensegel’ (X., Luk. usw.); ἀκατίς f. ‘Tausendfüßer’ (Steph. Med.). — Als technischer Terminus wahrscheinlich Lehnwort. Oft, aber ohne Grund, zu ἀκ- ‘spitz’ (s. ἀκή) gezogen. Anders Winter Prothet. Vokal 12: zu κητήνη· πλοῖον μέγα ὡς κῆτος H. (?). I-51

ἀκαχίζω s. ἄχομαι. I-52

ἀκαχμένος ep. Ptz. (Hom., Opp.) ‘geschärft’. — Reduplizierte Bildung, wahrscheinlich aus *ἀκ-ακ-σ-μένος zu ἀκ-ή usw. (Lit. bei Bechtel Lex.). Anders (zu ἔγχος) Schwyzer Glotta 12, 10ff. I-52

ἀκεύει · τηρεῖ. Κύπριοι H. — Außerdem sehr unsichere Konjektur Leg. Gort. 2, 17. S. ἀκούω. I-52

ἀκέων, -έουσα, -έοντε ‘schweigend, stumm’, hom. Ptz., auch ἀκέων unflektiert (vgl. Leumann Hom. Wörter 167 m. A. 16). Von finiten Formen nur der nachträglich hinzugeschaffene Opt. ἀκέοις (A. R. 1, 765). Daneben ἀκήν hom. Adv. = ἀκέων, gewöhnlich im Ausdruck ἀκὴν ἐγένοντο σιωπῇ. Später auch als Objekt ἀκὴν ἔχεν (Mosch. 2, 18), ἀκὴν ἦγες· ἡσυχίαν ἦγες H. Bei Pi. P. 4, 156 der Instrumental ἀκα. — Ableitungen: ἀκήνιον· ἥσυχον EM 48, 1, ἀκαλός (s. ἀκαλαρρείτης), ἄκασκα sive ἀκασκᾷ (s. d.). — Damit lauten ab: ἦκα, ἤκιστος und, mit bewahrtem Spir. asper, ἥκιστος, ἥττων, s. dd. Unhaltbar über ἀκήν Prellwitz Glotta 19, 120f. (-ήν verstärkender Zusatz). I-52

ἀκήἀκμὴ σιδήρου’ Suid., H. (cod. αἰχμή). Daneben ἀκίς, -ίδος f. Bez. allerhand spitzer Gegenstände wie Nadel, Pfeil, Widerhaken, Meißel (ion. att.), wahrscheinlich Ableitung (Umbildung) eines verschollenen Wurzelnomens, vgl. Schwyzer 465. Von ἀκίς gehen mehrere Nomina aus: ἀκίδιον ‘kleiner Widerhaken’ (BCH 29, 572), ἀκιδώδης ‘spitz’ (Thphr.), ἀκιδωτός ‘ds.’ (Paul. Aeg. u. a.), auch Pflanzenname wie ἀκιδωτόν (Dsk.), außerdem das passive Verbaladj. ἠκιδωμένος (IG 2, 807) und das Komp. ἀκιδοειδής (Prokl.). — Dagegen ist ἀκίσκλων (Gen. pl. BGU 1028, 12; 16, IIp, Bed. unsicher) aus lat. acisculum ‘der kleine, spitze Hammer der Steinmetzen’ entlehnt, vgl. Schubart z. St. — Eine reduplizierte Form liegt in ἀκωκή vor (vgl. ἀγωγή) ‘Spitze (einer Lanze, eines Schwerts usw.)’ (Hom., Theok., Opp., späte Prosa). — ἀκή, ἀκίς, ἀκωκή enthalten alle ein Element ἀκ-, das u. a. in den bedeutungsverwandten ἄκαινα, ἄκανος, ἄκων, ἀκμή, ἄκρος, ἠκή vorliegt, s. dd. I-52

ἀκήρατος 1. ‘unversehrt, unbeschädigt’, auch ‘unbefleckt, rein’, in der letztgenannten Bedeutung von 2. ἀκήρατος ‘unvermischt, rein’ beeinflußt. Vorw. ep. und poet. Eine davon abgeleitete Nebenform ist ἀκηράσιος (h. Merc., AP u. a.). Ähnliche Bildungen: ἀκήριος ‘(von den κῆρες) unbeschädigt, unversehrt’ (ep. seit Od.), ἀκέραιος ‘unversehrt, unzerstört’ (ion. att.). Von ἀκέραιος: ἀκεραιότης (Plb.), ἀκεραιοσύνη (Suid.), ἀκεραιόομαι (Eust.). — Von diesen Privativa fußt ἀκήριος offenbar als Bahuvrihi auf κήρ, Pl. κῆρες ‘Tod(esgöttin)’; dasselbe dürfte auch bei ἀκήρατος der Fall sein (κηρ-αίνω A. Supp. 999, spät, von κήρ gebildet, kann nicht zugrunde liegen), sofern nicht metrische Dehnung für *ἀ-κέρα-τος unter Einwirkung von κήρ vorliegt, vgl. ἀκέραιος und 2. ἀκήρατος. Dagegen enthält ἀ-κέρα-ιος den Verbalstamm κερα-, der erweitert auch in κερα-ίζω erscheint (kaum denominativ mit Schwyzer 735 unten). — Ältere Lit. bei Bq. Weiteres s. κήρ. I-52-53

ἀκήρατος 2. ‘ungemischt, rein’, ποτὸν ἀ. A. Pers. 614, wohl auch ὕδωρ ἀ. Ω 303 (nach Schulze Q. 234ff. zu 1. ἀκήρατος). Davon abgeleitet ἀκηράσιος (οἶνος) ι 205. Im selben Sinne steht, wie Bechtel Lex. s. ἀκηράσιος bemerkt, β 341 ἄκρητον ποτόν, das offenbar zu κεράννυμι gehört. — An den obengenannten Stellen wurden somit ἀκήρατος und ἀκηράσιος mit κεράννυμι jedenfalls assoziiert und als ‘ungemischt’ gedeutet. Unsicher ist indessen, ob ein ἀκήρατος im Sinn von ‘ungemischt’ von Anfang an existiert hat. Dann muß es aus metrischen Rücksichten bzw. nach κήρ für *ἀ-κέρα-τος stehen (Bartholomae IF 3, 8). I-53

ἀκιδνός ‘schwach, winzig’ (ep., auch Hp.). — Unerklärt. Leere Vermutungen sind bei Bq notiert. Zur Bildung Schwyzer 489, Chantraine Formation 194. Nebenform ἀκιδρός (Kyrills Gloss.) mit ἀκιδρωπάζω· ἀμβλυωπῶ H. Vgl. ἀκιρός. I-53

ἀκῑνάκης m. ‘krummer Säbel der Perser und Skythen’ (Hdt., X., Luk. u. a.). — Aus dem Iranischen; nähere Herkunft unbekannt. Unter dem Einfluß von ἀκινάκης scheinen ἀκίναγμα = τίναγμα (Lyr. Adesp. 30 B) und ἀκιναγμός· τιναγμός, κίνησις H., evtl. durch *ἀκινάσσω = τινάσσω vermittelt, zunächst in der Sprache der Komödie aufgekommen zu sein (Mansion Les gutturales grecques 64). I-53

ἀκιρός - ἀκιρῆ· ἀσθενῆ, ἀκιρῶς· εὐλαβῶς, ἀτρέμας H. ‘schwach’ Theok. 28, 15 (ἄκιρος, äol.), Nik., als v. l. Hes. Op. 435, ΕΜ. — Dunkel; vgl. ἀκιδνός, ἀκιδρός. — Bei H. auch ἀκιρός· ὁ βορρᾶς. Vgl. Hoffmann Dial. 2, 222, Bechtel Dial. 1, 116. I-53

ἀκκώ, -οῦς f. ‘Popanz’ (Plu. 2, 1040b), nach anderen (Zen. 1, 53) ‘eitles Weib’. Auch EN (Plu. u. a.). Davon ἀκκίζομαι ‘sich verstellen, sich zieren’ (Pl., Men., Alkiphr., Luk. u. a.). — Lallwort der Kindersprache, vgl. lat. Acca (Larentia), aind. akkā (Gramm.), auch kleinasiatisch (Kretschmer Einleitung 351). Vgl. Güntert Kalypso 53f. I-53

ἀκμή ‘Spitze, Schärfe, Schneide, Höhepunkt, rechter Zeitpunkt’ (ion. att.); der Akkusativ ἀκμήν als Adv. ‘eben noch’, ngr. ἀκόμη, vgl. Kretschmer Glotta 22, 234f. gegen Hatzidakis ’Αθηνᾶ 41, 79ff. Ableitungen: ἀκμαῖος ‘voll ausgewachsen, rechtzeitig’ (ion. att.), ἀκμηνός ‘voll ausgewachsen’ (ψ 191, Paus.). Denominatives Verb ἀκμάζω ‘in voller Kraft, auf dem Höhepunkt stehen’ (ion. att.); davon 1. ἀκμαστής = ἀκμαῖος (Hdn.), οἱ ἀκμασταί N. eines gymnastischen Klubs in Thyatira (Inschr.); 2. ἀκμαστικός = ἀκμαῖος (Hp., Gal. u. a.). Ableitung auf -μή desselben Wurzelelementes wie in ἄκ-αινα, ἀκ-ή, ἄκ-ρος usw. — Dieselbe Bildung kann in schwed. dial. åm ‘Sumpfgras, Cladium mariscus’ vorliegen, dessen Zurückführung auf urgerm. *aχma- (idg. *ak-mo-) durch das finnische Lehnwort ahma ‘Equisetum’ wahrscheinlich gemacht wird (Lidén Sertum philol. Johansson 110). I-53-54

ἄκμηνος ‘nicht essend, nüchtern’, viermal in T, sonst nur bei hellen. Dichtern. — Nach einem Scholion zu Τ 163 von äol. ἄκμα, das von Hesych mit νηστεία, ἔνδεια erklärt wird. Bechtel Lex. vergleicht (nach Fick BB 28, 109) κομῶσα· γέμουσα H.; dann wäre ἄκμα als eine Zusammenbildung von α privativum und der Schwundstufe -κμ- zu betrachten. Sehr unsicher. Noch fraglichere Kombinationen sind bei Bq verzeichnet. Neuer Versuch von Pisani AnFilCl 5, 93. I-54

ἄκμων, -ονος m. ‘Amboß’ (ep. ion. poet.), vereinzelt auch ‘Meteorstein’ (Hes. Th. 722), = οὐρανός H., = ἀλετρίβανος. Κύπριοι H. Deminutivum ἀκμόνιον (Aisop.), zu bemerken ferner das Syntheton ἀκμό-θε-τον n. (Hom.) ‘Untersatz des Ambosses’, Zusammenbildung mit dem Verbalstamm von τίθημι durch Hinzufügung des Kompositionssuffixes -το-. — In derselben Bedeutung ἀκμο-θέ-της Poll. 10, 147. Altes Wort für ‘Stein’, das in mehreren Sprachen auftritt: aind. áśman- m. ‘Stein, Fels, Himmel’ (als Steingewölbe vorgestellt, Reichelt IF 32, 23ff., Fraenkel KZ 63, 183f., vgl. ἄκμων im Sinn von ‘Meteorstein’ und ‘Himmel’), wovon aśmar-a- ‘steinern’ mit Wechsel n : r; aw. asman- ‘Stein, Himmel’, apers. asman- ‘Himmel’; lit. ãšmens, lett. asmens m. pl. ‘Schneide’. Daneben ohne Palatalisierung lit. akmuõ, -eñs ‘Stein’. — Das Verhältnis der genannten Wörter zu aksl. kamy, -ene ‘Stein’ und zu der germanischen Gruppe awno. hamarr ‘Hammer’ (eig. aus Stein), auch ‘Felsenabsturz’ u. dgl. läßt sich auf keine bestimmte Formel bringen. Vielleicht ist ein Wort für ‘Stein’ mit der Gruppe idg. aḱ- in ἄκαινα usw. schon in uralter Zeit kontaminiert worden. Vgl. zu dieser schwierigen Frage H. Petersson Heteroklisie 26, Güntert WuS 11, 140, W.-Hofmann s. 2. ācer. I-54

ἄκνηστις ‘Rückgrat’ (A. R. 4, 1403 ἐπἄκνηστιν); als Pflanzenname Nik. Th. 52. — Das Wort ist durch falsche Zerlegung κατἄκνηστιν von urspr. κατὰ κνῆστιν (κ 161) entstanden. Wackernagel Glotta 2, 1, Fraenkel Glotta 4, 42, Leumann Hom. Wörter 49 mit weiterer Lit. I-54

ἀκοίτης, -ου m., ‘Lagergenosse, -in, Gatte, -in’ (ep. poet.) — sekundär zu ἄκοιτις f. gebildet (s. Chantraine REGr. 59-60, 225f.). Von α copulativum und κοίτη oder κοῖτος ‘Lager’ (zur Stammbildung Chantraine Formation 26ff. und 113f.; zum Akzent Schwyzer 385). S. κεῖμαι. I-54-55

ἄκολος m. ‘Bissen, Brocken’ (ρ 222, AP, J.); nach Stratt. 47, 7 böot. — Auf einer phrygischen Inschrift (Jahresh. 8 Beibl. 95) βεκος ακκαλος τι. Fremde Herkunft nicht unwahrscheinlich. Die Anknüpfung an aind. aśnā́ti ‘essen’ (seit Curtius 1 14) läßt die Bildung unerklärt. Vgl. ἄκυλος. I-55

ἀκόλουθος, -ον ‘begleitend, Begleiter, -in, entsprechend’ (att. und sp. Prosa, Kom.). Deminutivum ἀκολουθίσκος (Ptol. Euerg.). Abstraktbildung ἀκολουθία ‘Gefolge, Reihenfolge, Konsequenz’ (vorw. philosoph. Terminus). Denominatives Verb ἀκολουθέω ‘folgen’ mit dem Verbalsubst. ἀκολούθησις (Arist.) und dem Adj. ἀκολουθητικός (Arist. usw.). — Von α copulativum und κέλευθος ‘Pfad’ mit Ablaut wie in φρήν: ἄφρων, vgl. Schwyzer 355 Zus. 2. Nicht überzeugend Fraenkel Mélanges Boisacq 1, 375. I-55

ἀκόνη ‘Wetzstein’ (Pi., alte Kom. u. a.). Davon das Verb ἀκονάω ‘wetzen, schärfen’ (ion. att.) mit den nominalen Ableitungen ἀκόνησις (H., Suid.), ἀκονητής (Ed. Diocl., Hdn.); ferner die Nomina ἀκόνιον Name eines Augenheilmittels (Dsk.), ἀκονίας Fischname (Numen. ap. Ath. 17, 326a). — Bildung auf -όνη wie περόνη, βελόνη usw. (Chantraine Formation 207) von ἀκ- in ἄκαινα, ἀκμή usw. Zum n-Suffix vgl. ἄκων. I-55

ἀκόνῑτον n. Giftpflanze, ‘Aconitum’ (Thphr., Dsk. u. a.). Davon ἀκονιτικός (X.). — Nach den Alten von ἀκονιτί ‘ohne (vorangehendes) Bestauben’, d. h. ‘ohne Kampf’ (ἀκόνιτος Q. S.), ‘mühelos’, also eig. ‘unbezwingbar’ wegen der nicht zu überwindenden tödlichen Wirkung. Semantisch unbefriedigend. Versuche dem Inhalt des Wortes gerecht zu werden bei Jüthner Glotta 29, 73ff. mit Lit., Strömberg Pflanzennamen 150 A. 1. — Verfehlt Lagercrantz Eranos 35, 35f. S. auch Kretschmer REIE 1, 171ff. I-55

ἄκορνα f. Distelart (Thphr.). — Strömberg Wortstudien 17 vergleicht κόρνος, nach H. sizilisch für κεντρομυρσίνη, und σκόρνος· κόρνος, μυρσίνη τὸ φυτόν; der Name sei volksetymologisch auf ἀκ- ‘spitz’ bezogen worden. Von ἄκορνα stammt nach Strömberg ἀκορνός (ὀκορνός) = ‘ἀττέλεβος, πάρνοψ’ (H., Phot.), weil die Heuschrecken unter den Disteln leben und sich von diesen nähren. Ebenso von κόρνος κόρνοψ ‘Art Heuschrecke’, vgl. auch ἀκανθίας von ἄκανθα. Zum Anlaut vgl. noch Winter Prothet. Vokal 12. I-55

ἄκορον n. ‘Wasser-Schwertlilie, Iris Pseudacorus’ (Dsk., Gal.). — Dunkel, von den Alten auf κόρη ‘Pupille’ bezogen, s. Strömberg Pflanzennamen 98. I-55-56

ἄκος n. ‘Heilung, Heilmittel’ (ep. ion. seit Il., vorw. poetisch). Denominatives Verb ἀκέομαι ‘heilen, ausbessern’ (ion. att.). Von ἀκέομαι stammen mehrere Nomina actionis und agentis (zu den letztgenannten s. Fraenkel Nom. ag. 2, 13ff.): 1. ἀκέσματα ‘Heilmittel’ (Il., Pi., A., Inschr., vgl. Chantraine Formation 183) und ἀκεσμός ‘Heilung’ (Kall.) mit ἀκέσμιον· ἰάσιμον H. 2. ἄκεσις ‘Heilung’ (Hdt., Inschr., vgl. Holt, Les noms d’action en -σις 111) mit ἀκέσιμος ‘heilend’ (Plu.) und ἀκέσιος Beiname des Apollon (Paus.), außerdem ἀκεσίας· ἰατρός Phot. — 3. ἀκέστωρ Beiname des Apollon (E. Andr. 900), fem. ἀκεστορίς (Hp. Flat. 1, ἅπ., vgl. Lejeune Rev. de phil. 76, 12); Nominalabstraktum ἀκεστορία ‘Heilkunde’ (A. R. u. a.). 4. ἀκεστήρ ‘sänftigend’ (χαλινός S. OC 714 lyr.) mit ἀκεστήριος ‘heilend’ (App.) und ἀκεστήριον ‘Schneiderwerkstatt’ (Lib.); außerdem ’Ακεστηρίδης EN (Styra). Mit den Nomina auf -τωρ, -τηρ stehen in Verbindung die Feminina ἀκεστρίς ‘Hebamme’ (Hp.) und ἀκέστρια ‘Schneiderin’ (Antiph., Luk.). 5. ἀκεστής m. ‘Flicker, Schneider’ (X., Lyk. usw.), fem. ἀκεστίδες ‘Eisenbarren in Schmelzöfen’ (Dsk. 5, 74). Nomina instrumenti: 6. ἀκέστρα f. ‘Stopfnadel’ (Luk., Pap.), aber 7. ἄκεστρον n. ‘Heilmittel’ (S.), vgl. Chantraine Formation 333. Hinzu kommen die Adjektiva: ἀκεστός ‘der Heilung fähig, heilbar’ (Ν 115, Hp., Antipho), ursprünglich von ἄκος gebildet, aber verbal umgedeutet und auf ἀκέομαι bezogen; ἀκεστικός: ἀκεστικὴ τέχνη ‘Flick-, Schneiderkunst’ (Demokr., Pl. u. a.). Neben ἄκος steht das seltene ἀκή ‘Heilung’ (Hp. Mochl. 21), das wahrscheinlich ein Postverbale von ἀκέομαι ist (Schwyzer 460). Von ἀκή vielleicht *ἄκιμος Cic. Att. 10, 12a, 4, s. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 93, Thomas Stud. zur lat. u. gr. Sprachgeschichte 125ff. — Eine überzeugende Etymologie von ἄκος fehlt. Die Zulässigkeit einer Anknüpfung an air. hīcc ‘Heilung’, kymr. iach ‘gesund’ (Fick4 2, 222) hängt zunächst davon ab, ob ir. für urkelt. i̯a stehen kann, was unsicher ist, s. die Lit. bei Bq und WP. 1, 195. I-56

ἀκοστή ‘Gerste’ (Nik. Al. 106). — Nach H. kyprisch; nach Schol. Ζ 506 thessalisch als Benennung aller Lebensmittel, vgl. Bechtel Dial. 1, 204. Denominatives Verb im Ptz. ἀκοστήσας (ἵππος) Ζ 506, Ο 263. Außerdem ἀκόστιλα· ἐλάχιστα H. Mit Schwund des anl. Vokals κοσταί· κριθαί H. — Seit Prellwitz und Hoffmann Dial. 1, 278 als Ableitung des in lat. acus -eris n. ‘Granne, Spreu’ vorliegenden s-Stammes betrachtet, der auch von den germanischen Wörtern got. ahs, ahd. ahir n. usw. ‘Ähre’ vorausgesetzt wird. Etwas abseits liegen lit. akstìs ‘hölzerner Bratspieß’, russ. ostь ‘Spitze, Granne usw.’. Der Bildung nach wäre ἀκοσ-τή als substantiviertes Femininum ("die Grannige") mit lat. onus-tus, venus-tus (locus-ta?) zu vergleichen, was natürlich möglich ist, ebenso wie Anschluß an die große Gruppe der Bildungen von ἀκ- in ἄκαινα, ἀκμή usw. in Betracht kommen kann. S. auch ἄχνη. I-56-57

ἀκούω ‘hören’, auch ‘gehorchen, im Rufe stehen’. Zahlreiche Ableitungen: 1. ἀκουή (ep.), ἀκοή (zum Lautlichen vgl. ἀκήκοα und Schwyzer 348; ἀκουή vom Präsens abgeleitet? Porzig Satzinhalte 230) ‘Gehör, Kunde’, auch ‘Ohr’; zum Plural ἀκοαί ‘Ohren’ oder ‘Stimmen’ vgl. Wolters Hermes 49, 149ff., Weinreich Hermes 51, 624. Deminutiv ἀκοΐδιον ‘Öhrchen’ (Gloss.). Denominatives Verb ἀκοάζῃ· ἀκούεις H. (vgl. indessen ἀκουάζομαι unten) mit dem davon abgeleiteten Nom. ag. ἀκοαστῆρες· ἀρχή τις παρὰ Μεταποντίοις H. — 2. ἄκουσις ‘das Hören’, plur. ‘Laute’ (Arist., Phld., Plot.), ἀκούσιμος ‘zum Hören geeignet’ (S.), vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 81. ? 3. ἄκουσμα ‘das Gehörte, Laut, Gerücht, gehörte (= mündliche) Lehre’ (S. OC 518 lyr., X., Arist. usw.), vgl. Radermacher Festschrift Kretschmer 162f. Demin. ἀκουσμάτιον (Ps.-Luk. Philopatr.), Adj. ἀκουσματικός (Iamb.). — 4. ἀκουστής ‘Hörer, Schüler’ (Men., D. H., Phld. u. a.; für älteres ἀκροατής, vgl. Fraenkel Nom. ag. 2, 68) und ἀκουστήριον ‘Hörsaal, Zuhörerschaft’ (Gal., Them., Porph.). — 5. ἀκουστός ‘hörbar, audiendus’ (h. Merc., ion. att.) mit ἀκουστίζω (auch auf ἀκουστής bezüglich) ‘hören machen’ (LXX); daneben ἀκουστικός ‘auf das Hören bezüglich’ (Arist., Epik. u. a.). — Außerdem zwei Deverbative: ἀκουάζομαι (selten -άζω) ‘hören, lauschen’ (Hom., Hp.), vgl. Schwyzer 735 oben, Mélanges Pedersen 69, Chantraine Gramm. hom. 1, 338; formal könnte es auch von ἀκουή ausgehen. Desiderativum ἀκουσείω (S., H.). — Oft mit Präfix: ὑπακούω mit ὑπήκοος (zur Vokaldehnung Schwyzer 397f.), aber ohne Dehnung ὑπακοή (LXX, Ep. Rom., Pap. Masp.). Ebenso ἐπακούω, ἐπήκοος, κατακούω, κατήκοος usw. — Bei der Erklärung von ἀκούω sind zwei Wege geprüft worden: 1. Zusammenbildung ἀκ-ουσ-ι̯ω ‘scharfes Ohr hinhalten’, von ἀκ- in ἄκαινα usw. und οὖς (Fick BB 1, 334, Johansson IF 3, 199), vgl. ἀκροάομαι s. ἄκρος; 2. zu got. hausjan ‘hören’ (Delbrück KZ 16, 271), wobei ἀ- entweder Schwundstufe von idg. *en- ‘in’ sei (Prellwitz) oder für idg. *sm̥- stehe (Schrader KZ 30, 465) oder einfach prothetisch wäre (Benveniste BSL 32, 76, Meillet BSL 36, 107). Neben ἀκούω und hausjan, die nach Prévot REGr. 48, 70ff. als Desiderativa zu erklären sind, stände als primäres Verb ἀκεύει mit weiterem Anschluß an κοέω usw. (Prévot l. c., Bezzenberger BB 27, 145f., der das anlautende ἀ- dem lett. sa- in sa-just ‘fühlen, bemerken’ gleichsetzt). — Kretschmer KZ 33, 563ff., Glotta 27, 25 sucht die beiden Deutungen gewissermaßen zu vermitteln, indem er in hausjan Wegfall des Anlautvokals in idg. aḱ- ‘spitz’ annimmt. Wer ἀκούω nach 1. zu erklären vorzieht und dennoch ἀκεύει davon nicht trennen will, muß ἀκεύει als Neubildung nach der Proportion εἰλήλουθα : ἐλεύσομαι = *ἀκήκου[σ]α : *ἀκεύσομαι : ἀκεύει verstehen, was äußerst unwahrscheinlich ist. I-57-58

Ακράγας, -αντος m. f. Fluß und Stadt in Sizilien, — wahrscheinlich illyrischen Ursprungs. Kretschmer Glotta 14, 87ff. I-58

ἀκρᾱής, -ές Beiwort des Windes (β 421, ξ 253, Hes. Op. 594, Cic. Att. 10, 17, 9, Adv. ἀκραεὶ πλεῖν Arr.) — als ‘scharf wehend’ gedeutet, aber ursprünglich wahrscheinlich = ‘auf den Höhen wehend’, von ἄκρος (ἄκρα, ἄκρον, s. d.) und ἄημι mit kompositioneller Dehnung und Übergang in die s-Stammflexion. I-58

ἀκραιφνής, -ές ‘lauter, rein, unversehrt’ (fast nur poet. und spät). — Unerklärt. Wertlose Vermutungen sind bei Bq verzeichnet. I-58

ἀκρά̄χολος ‘heftig zürnend’ (att.) mit ἀκρᾱχολία, ion. (Hp.) ἀκρηχολίη; denom. Verb ἀκρᾱχολέω (Pl.). — Eig. "mit ungemischter Galle", aus *ἀκρά̄τ-χολος, von *ἀκρά̄ς = ἄκρᾱτος, vgl. ἀκρητό-χολος (Hp.) und εὐκρά̄ς = εὔκρᾱτος ‘wohlgemischt’. Später (Arist. usw.) nach ἄκρος in ἀκρόχολος, -ία umgestaltet. Brugmann IF 17, 8, Fraenkel Nom. ag. 1, 84ff. Dasselbe Vorderglied wird von Brugmann a. a. O. 174ff. in ἀκρήπεδος· ἡ ἀγαθή (scil. γῆ) H. vermutet. I-58

ἀκρεμών, -όνος (Akzent nach Hdn. Gr. 1, 33; Hss. gew. -έμων) m. ‘Ast, Zweig’, zur Bedeutung Strömberg Theophrastea 141f., 54f. (Simon., E., Thphr. usw.). Davon ἀκρεμονικὴ (ἀπόφυσις) Thphr., vgl. Strömberg 98 A. 1. — Seit Benfey zu ἄκρος gezogen; zur Bildung Brugmann Grundriß2 2 : 1, 241, Schwyzer 522, Chantraine Formation 172f. Die apokopierte Form κρεμών (Eratosth.) kann durch Anschluß an κρεμάννυμι veranlaßt sein. I-58

ἀκριβής (-ῑ-), -ές ‘genau, sorgfältig, sparsam, streng’ (ion. att.); auch als Stilbegriff, s. Weßdörfer Die Φιλοσοφία des Isokrates 95f. Abstraktbildung ἀκρίβεια ‘Genauigkeit usw.’ (ion. att.). Mehrere Denominativa: 1. ἀκριβόω (Schwyzer 731f.) ‘genau ausführen, genau kennen’ (att. und spät), auch intr. ‘genau sein’ (Arist.). Davon ἀκρίβωσις ‘genaue Beobachtung’ (J.) und ἀκρίβωμα ‘genaue Ausführung, genaue Kenntnis’ (Phld., Epikur.). 2. ἀκριβεύω ‘richtig benutzen, genau unterrichten’ (S. E., Did., Pap.). 3. ἀκριβάζω mit ἀκριβασμός, -ασμα, -αστής ‘genau untersuchen’, auch ‘stolz sein’ (pass.), bzw. ‘genaue Untersuchung’, ‘Untersucher’, auch ‘Gebot, Gesetz’, ‘Gesetzgeber’ (LXX, Aq., Thd.). — Unerklärt. Nach Schwyzer Glotta 12, 12ff. zu ἄκρος und εἴβω mit frühem Itazismus; ältere Versuche, alle unbefriedigend, sind bei Bq zu finden. I-58-59

ἀκρίς, -ίδος f. ‘Heuschrecke’ (Φ 12, Ar., Arist., hell.). Deminutiv ἀκρίδιον (Dsk.). — Nicht sicher gedeutet. Strömberg Wortstudien 15ff. (wo über frühere Vorschläge) zieht ansprechend, auf mehrere Bedeutungsparallelen gestützt, ἀκρίς zu κρίζω ‘schreien’; der Anlautsvokal bereitet allerdings gewisse Schwierigkeiten. Winter Prothet. Vokal 15 vergleicht κέρκα· ἀκρίς H. I-59

ἄκριστιν · κλέπτριαν, ἀλετρίδα. Φρύγιοι H. — Dunkel. Zum phrygischen Suffix -(i)stis s. Kretschmer Glotta 22, 205f. I-59

ἀκροάομαι ‘(aufmerksam) hören, horchen’ (ion. att.), ὁ ἀκροώμενος auch ‘der Leser’ (Philostr.). Mehrere Ableitungen: ἀκρόασις ‘das Anhören, Gehorchen’, auch ‘Vorlesung, Hörsaal’ (ion. att.). — ἀκρόαμα ‘das Gehörte, Gegenstand des Hörens, Gerücht, Vorlesung, Gesang’ (X., Arist., Plb., vgl. Radermacher Festschrift Kretschmer 162f.), im Plur. auch personifiziert ‘Vorleser, Sänger’ (Plb. u. a.); davon ἀκροαματικός ‘(nur) zum Anhören bestimmt’ (Plu. u. a.); ferner die ngr. Denonunativa ἀκουρμάζω, κουρμαίνω ‘hören’ (Hatzidakis; s. Glotta 4, 333). — ἀκροατής ‘Zuhörer, Schüler’, auch ‘Leser’ (att., hell.) mit ἀκροατικός. — ἀκροατήριον ‘Hörsaal, Zuhörerschaft’ (Act. Ap., Ph., Plu.). — Eine Weiterbildung liegt in ἀκροάζομαι (Epich.) vor. — Schon Fick BB 1, 334 hat in ἀκροάομαι ein Kompositum von ἄκρος und οὖς erkannt. Das Wort ist eine sog. Zusammenbildung, d. h. eine Ableitung des Ausdrucks ἄκρον οὖς, eig. ‘die Ohrspitze machen, die Ohren spitzen’, Frisk GHÅ 56 : 3, 21. I-59

ἄκρος, -α, -ον ‘äußerst, oberst, höchst, an der Spitze befindlich’; daneben seit alters ἄκρα f., ἄκρον n. ‘das äußerste Ende, Spitze, Höhe, Vorgebirge’, ‘τὸ ἄριστον καὶ κάλλιστονEM; Hom. κατἄκρης (πόλιος) ‘von der oberen (Burg) hinab’, κατἄκρηθεν, att. κατἄκρας ‘gänzlich’, s. Leumann Hom. Wörter 56ff.; zu ἄκρον noch Krahe IF 58, 141; ἄκρος eig. adjektiviertes Substantiv? (Frisk IF 56, 113f.). Sehr gebräuchlich als Vorderglied wie in ἀκρόπολις (für älteres ἄκρη πόλις, Frisk IF 52, 282ff., Risch IF 59, 20), immer in lokalem Sinne; danach ἀκραής eig. ‘auf den Höhen wehend’. — Neben ἄκρος, -α, -ον steht ἄκρις, -ιος f. ‘Berggipfel’ (Od., h. Cer., immer im Plural; im Sing. nur Epigr. Gr. 1035, 8). — Ableitungen von ἄκρος (-α, -ον): ἀκραῖος, -αία ‘auf der Höhe, auf der Burg lebend’, Beiname verschiedener Götter, vgl. Paton ClRev. 21, 47f., auch = ἄκρος (Opp.). — ἀκρία· ἡΑθηνᾶ ἐν Ἄργει H. (auch Name anderer Göttinnen), ἀκρίαι· τὰ ἄκρα τῶν ὀρέων H. — Substantiva: ἀκρότης ‘höchster Punkt, äußerste Grenze, Vollendung’ (Hp., Arist., Phld. usw.). — ἄκρων, -ωνος m. ‘Extremität’ (Hippiatr. 7), Demin. ἀκρωνάριον (ibid.), Abstraktbildung ἀκρωνία A. Eu. 188, wahrscheinlich ‘Verstümmelung’ (vgl. ἀκρωτηριασμός unten). — ἀκρωτήριον ‘der äußerste, vorragende Teil, Vorgebirge, Schiffsschnabel, Giebelvorsprung’, pl. auch ‘Extremitäten’ (ion. att.); wahrscheinlich direkt von ἄκρος gebildet mit Überspringung eines Zwischengliedes, vgl. etwa δεσμός : [δεσμώτης :] δεσμωτήριον, s. noch Fraenkel Nom. ag. 1, 204 A. 2, Schwyzer 470. Von ἀκρωτήριον: ἀκρωτηριάζω ‘die ἀκρ. entfernen, verstümmeln, amputieren’ (ion. att.; vgl. ἀκρωτερῆσαι· κόψαι ἢ ἀχρειῶσαι H.), auch ‘ein Vorgebirge bilden, wie ein Vorgebirge hinausragen’ (Plb., Str.). Davon die Verbalnomina ἀκρωτηριασμός (Dsk. u. a.), ἀκρωτηρίασις (Gloss.). — Von ἄκρος werden auch Verba gebildet: ἀκρίζω ‘auf den Fußspitzen gehen’ (E.), = ‘τἂ ἄκρα ἐσθίειν’ Sch. Φ 12; ἀκρώσσει· ἀκροᾶται, ἑκὼν οὐχ ὑπακούει, προσποιεῖται H., s. Frisk GHÅ 56 : 3, 22. — Es gibt in den übrigen idg. Sprachen viele r-Ableitungen des Elementes aḱ-, die mit ἄκρος, ἄκρις am nächsten verwandt sind: aind. áśri- f. ‘Ecke, scharfe Kante’, catur-aśra- ‘viereckig’ (vgl. indessen auch ὄκρις), lat. ācer, -ris, re (alte Vr̥ddhibildung? Frisk IF 56, 113f.), gall. EN Aχrotalus ‘mit hoher Stirn’, air. ēr ‘hoch’, alit. aštras, aksl. ostrъ ‘scharf’. Über akro- in illyrischen Namen s. Krahe Pannonia 1937, 310 A. 40, Karg WuS NF. 4, 183. — Heth. ḫekur ‘Fels(gipfel)’ bleibt fern, vgl. über dieses Wort Sommer Aḫḫijavā-Urk. 317f. — Weitere Verwandte s. ἄκαινα, ἀκή, ἀκμή usw., auch ὄκρις. I-59-60

ἀκταίνω (A. Eu. 36, στάσιν od. βάσιν; Trag. Adesp. 147, μένος), ‘aufrichten’ Aor. ἀκταινῶσαι (Anakr., Pl., vgl. Immisch Phil. Woch. 48, 908), ὑποακταίνοντο· ἔτρεμον H. als v. l. in ψ 3 für ὑπερικταίνοντο (πόδες). — Trotz der Bedeutung wohl am besten zu ἄγω als Erweiterung von *ἀκτάω oder *ἄκτω (s. über diesen Bildungstypus Schwyzer 705f., Mélanges Pedersen 70). Zu -αίνω vgl. besonders κρυσταίνω. Die von Boisacq herangezogenen τ-Bildungen ἀκολασταίνω : ἀκόλαστος, ἀλασταίνω : ἄλαστος sind als Ableitungen lebendiger Verbaladjektiva mit ἀκταίνω nicht vergleichbar. I-60

ἀκτέα, ἀκτῆ auch ἀκτέος m. f., ‘Holunder, Sambucus nigra’ (Emp., B., Hp., Thphr. usw.). Davon ἄκτινος (Thphr.). — Etymologie unbekannt. Daraus lat. acte (Plin., Ps.-Apul.), ahd. atuh, at(t)ah. I-60-61

ἀκτή 1. f. ‘Vorgebirge, Felsküste, schroffes Ufer, Landzunge, Kante’ (seit Il.; in der älteren Sprache vorwiegend poetisch). Ableitungen: ἀκταῖος, -α, -ον ‘an der Küste gelegen, zur Küste gehörig’ (Th., Hp., Kall. u. a.). Fem. ἀκταία auch Pflanzenname (Plin.); darüber und über die Pflanzennamen ἄκτιον und ἀκτίνη Strömberg Pflanzennamen 115. — ἄκτιος Beiname von Pan (Theok.) und Apollo (A. R.), ἄκτιον = ἀκτή (Ael.). — ἀκτίτης m. ‘Küstenbewohner’ (A. P.), ἀκτ. (λίθος) ‘Stein aus Piräus oder Argolis’ (IG, S.; vgl. Redard Les nom grecs en -της Index 266), πέτρος ἀκτῖτις (Ath. Mitt. 31, 143). Nach Plu. 2, 668 b gehört hierher auch ein Verb ἀκτάζω ‘schmausen’, eig. *‘am Ufer schmausen’. Es handelt sich aber vielleicht eher um eine Ableitung von 2. ἁκτή, die irrtümlich an 1. ἀκτή angeschlossen worden ist. — Nicht sicher gedeutet. Die herkömmliche Erklärung aus ἀκ- ‘spitz’ ist allenfalls möglich. Das Wort hat im Anlaut nicht Digamma besessen. I-61

ἀκτή 2. oft Δημήτερος oder ἀλφίτου ἀκτή. f. ‘Korn’ (ep. poet.), — Etymologie unbekannt. Keine Spur von anl. Digamma. Die vergeblichen Deutungsversuche sind bei Bq verzeichnet. I-61

ἀκτηρίς, -ίδος f. ‘Stab’ (Achae. 21), ‘Holzstange zum Stützen der Deichselstange’ (Poll. 10, 157). — Durch Univerbierung von ἀκταίνω (*ἀκτάω) und ἐρείδω entstanden? I-61

ἀκτίς, -ῖνος f. ‘Strahl, Licht’ (vorw. poetisch von Hom. an), auch ‘Speiche’ (AP). Ableitungen: ἀκτινωτός ‘mit ἀκτῖνες versehen’ (Inschr. Delos IVa Michel 815, Ph. u. a.), ἀκτινώδης ‘strahlenähnlich’ (Philostr.), ἀκτινηδόν Adv. ‘strahlengleich’ (Luk.). Öfters als Vorderglied. ἀκτίς ist wie δελφίς, γλωχίς, ὠδίς usw. gebildet und setzt wie diese ein Nomen voraus. — Am nächsten steht aind. aktú- ‘Strahlung, Nacht’ (zur Bedeutung s. Renou Monographies sanskrites 2, 6). Damit verbindet man seit Joh. Schmidt Pluralbild. 212ff. got. uhtwo f. (urg. *χtwōn-) ‘Morgendämmerung’ und, mit anderem Ablaut, lit. ankstì ‘früh’. Weiterer Anschluß an die Wörter für ‘Nacht’ (s. νύξ) ist hypothetisch. Vgl. außer Schmidt und Renou die Literatur bei WP. 2, 338f., Feist Vgl. Wb. d. got. Spr. s. uhtwo; außerdem Güntert Reimwortbildungen 66f. I-61

ἄκυλος m. und f. ‘die eßbare Eichel, Frucht der Steineiche’ (κ 242, Pherekr., Arist., Theok., Thphr. u. a.). — Von Solmsen KZ 34, 79 und Persson Beitr. 825f. mit aind. aśnā́ti ‘essen’ verbunden. Hypothetisch. Vgl. ἄκολος. I-61

ἄκων, -οντος (für älteres *-ονος) m. ‘Wurfspieß, Wurflanze’ (poet. seit Il., späte Prosa, vgl. Trümpy Fachausdrücke 52ff.). Auf ἄκων fußen mehrere Nomina: Demin. ἀκόντιον (h. Merc. 460, Hdt., Pl. usw.), ἀκοντίας m. ‘Schlangenart’, ‘Meteor’ (wegen der Schnelle; Nik., Plin. u. a.), ἀκοντίλος m. = ἀκοντίας (H., EM). Ferner das Verb ἀκοντίζω ‘einen Wurfspieß schleudern’ (seit Il., vgl. Trümpy 108f.) mit mehreren Verbalnomina: 1. ἀκοντιστύς ‘Speerkampf’ (Il., zur Bedeutung s. Benveniste Noms d’agent 70); 2. ἀκόντισις ‘Speerwerfen’ (X.); 3. ἀκοντισμός ‘Speerwerfen, Wurf’ (X., Str., Arr. u. a.); zum Verhältnis von ἀκόντισις und ἀκοντισμός (-μός konkreter gefärbt) s. Holt Les noms d’action en -σις 133f., Glotta 27, 182ff.; 4. ἀκόντισμα ‘Wurfweite’ (X.), ‘Wurfspieß’ (Str., Plu. u. a.); 5. ἀκοντισία = ἀκόντισις (SIG 1060, 1062), vgl. Chantraine Formation 86. — Nomina agentis: ἀκοντιστής m. ‘Wurfschütze’ (Il. usw.), vgl. Schwyzer 500α; ἀκοντιστήρ ‘ds.’ (E.), wohl Neubildung, vgl. Chantraine 325. Bei Opp. und Nonnos auch als Adj. gebraucht; über ἀκοντιστήρ im Sinn von ‘Springbrunnen’ Zingerle Glotta 19, 72f. — ἀκοντιστήριον ‘Wurfmaschme’ (Agath.). — ἀκοντιστικός ‘zum Speerwerfen gehörig’ (Pl., X. u. a.). — ἄκων ist eine n-Ableitung des in ἀκ-ή usw. vorliegenden Elements; vgl. insbesondere ἀκόνη, ἄκαινα, ἄκανος, ἄκανθα. Aus anderen Sprachen: aind. aśáni- ‘Pfeilspitze usw.’, lat. agna ‘Ähre’, germ., z. B. got. ahana ‘Spreu’, awno. ǫgn, pl. agnar ‘Spreu’. I-62

ἀλάβαστος, später ἀλάβαστρος m. und ἀλάβαστρον n. ‘Salbgefäß’, oft aus sog. Alabaster gemacht (Hdt., Kom., Inschr.). Demin. ἀλαβάστιον (Eub.). Sonstige Ableitungen: ἀλαβάστριον n. und ἀλαβαστρίνη (sc. λιθοτομία) ‘Alabasterbruch’ (Pap.); ἀλαβαστρίτης (λίθος) m. ‘Alabaster’, ἀλαβαστῖτις πέτρα (Kallix.), vgl. Redard Les noms grecs en -της 52; ἀλαβάστρινος (Pap.); ἀλαβαστρών m. ‘Alabasterbruch’ mit ἀλαβαστρωνίτης ‘Arbeiter eines Alabasterbruchs’ (Pap.), s. Redard 35. — Nach Sethe BerlAkSb. 1933, 888f. aus ägypt. *‘a-la-baste ‘Gefäß der Göttin Ebáste’ (= Bubastis). I-62

ἀλαζών, -όνος m. f. ‘Marktschreier, Prahler’ (ion. att.), auch adjektivisch gebraucht. Ableitungen: ἀλαζονικός ‘prahlerisch, stutzerhaft’ (Hp., X., Arist. usw.), ἀλαζονίας = ἀλαζών (Hdn.), ἀλαζοσύνη ‘Großtuerei’ (Aq.). — Verbum: ἀλαζονεύομαι ‘großtun, prahlen’ (Kom., Redner usw.). Davon ἀλαζονεία, ἀλαζόνευμα. ἀλαζών ist mit dem thrakischen Volksnamen ’Αλαζών identisch, der zum Appellativ geworden ist. Bonfante BSL 37, 77ff. I-62

ἀλαιθερές · χλιαρόν, ἡλιοθερές H. — Unhaltbare Spekulationen bei Prellwitz Glotta 19, 119. I-63

ἀλαλά Interj., auch personifiziert ’Αλαλά (Pi.); daneben ἀλαλαί (Ar.), das auch als pluralisches Subst. ‘(Kriegs)geschrei, Jubel’ (Pi.) vorkommt. Davon ἀλαλητός m. ‘(Kriegs-, Sieges-, Angst)geschrei’ (Il., Hsd., Pi. u. a.). — ie Auffassung Leumanns Hom. Wörter 211, daß ἀλαλητός eigentlich zu ἀλάλημαι ‘umherschweifen’ (s. ἀλάομαι) gehöre und durch Umdeutung von Π 78 auf ἀλαλά bezogen worden sei, ist nicht ohne Bedenken. — Denominatives Verb ἀλαλάζω (Schwyzer 716 : 3) ‘ἀλαλά rufen, ein Geschrei erheben’ (vorw. poetisch, außerdem X. und späte Prosa). Davon drei Nomina: ἀλαλαγμός (Hdt., E., Arr. u. a.), ἀλάλαγμα (Kall., Plu.), ἀλαλαγή (S.). Primäre Interjektion, elementarverwandt mit z. B. aind. alalā-bhávant- (RV., ‘munter rauschend’, vom Wasser). Vgl. Theander Eranos 15, 98ff. mit den Bemerkungen Kretschmers Glotta 9, 228ff. Ähnlich ἐλελεῦ, ὀλολύζω. I-63

ἀλάλυγξ, -υγγος f. etwa ‘Schlucken, Schluchzen’ (Nik. Al. 18). — Expressive Kontamination von λύγξ ‘Schlucken’ und einem anderen Wort, vgl. die Bildungen s. ἀλύω und ἀλάομαι. I-63

ἀλάομαι ‘umherirren, umherschweifen, in der Verbannung leben’, Aor. ἀλήθην (vorw. ep. und poet.). Daneben die indefiniten Perfektformen ἀλάλησθαι, ἀλαλήμενος (fast nur Hom.), beide mit Präsensbedeutung, womit der unregelmaßige Akzent zusammenzuhängen scheint, s. Wackernagel Gött. Nachr. 1914, 117f. Eine Umbildung von ἀλάομαι ist ἀλαίνω (vgl. Schwyzer 733). Postverbales Nomen : ἄλη (Od., Hp., Trag., späte Prosa); daraus erweitert ἀλεία (AB, H.). — Nomen agentis: ἀλήτης m., auch Adj., dor. ἀλάτας, auch EN, vgl. Björck Alpha impurum 165, ἀλῆτις, -ιδος f. ‘Bettler, Flüchtling; umherirrend’ (Od., Hdt., Trag. usw.) mit ἀλητικός (D. Chr.). Von ἀλήτης das denominative ἀλητεύω ‘(als Bettler od. Flüchtling) umherirren’, davon ἀλητεία, ἀλατεία (A., E. in lyr., späte Prosa). Neben ἀλήτης vereinzelt ἀλητήρ als Name eines Tanzes (Arristox.), dazu bei H. ἀλήτωρ· ἱερεύς, wohl eig. "Bettelpriester". — Von ἀλάομαι auch ἀλήμων ‘umherschweifend’ (Od., AP) mit ἀλημοσύνη (Man. u. a.). — Nomina actionis: ἀλητύς ‘das Umherirren’ (Kall., Man.), vgl. Chantraine Formation 291; ἄλημα· ὁδοιπορία H. — Aus der reduplizierten Form stammt die ganz besondere Bildung ἀλάλαγξ· ἡ πλάνη H., nach Leumann Hom. Wörter 211 auch ἀλαλητῷ Π 78, was etwas zweifelhaft scheint, vgl. s. ἀλαλά. — ἀλάομαι ist ein altes Intensivum auf -άομαι, das in lett. aluôt ‘umherirren’ sein nächstes Gegenstück hat (Fick BB 2, 264). Ob auch lat. ambulo hierhergehört, ist strittig, s. W.-Hofmann und Ernout-Meillet s. v. Vgl. 2. ἀλέα, ἀλύω, ἠλάσκω, ἅλιος. I-63-64

ἀλαός ‘blind’ (Hom., Trag. in lyr., A. R.). Denominatives Verb ἀλαόω im Aorist ἀλαῶσαι (Od., AP), vgl. Wackernagel Unt. 127. Davon ἀλαωτύς (ι 503) ‘Blendung, Blindheit’, vgl. Benveniste Noms d’agent 68. et. — Die abstrakt-logisch unanfechtbare Erklärung aus λάω ‘sehen’ (Bq s. λάω, Bechtel Lex. s. ἀλαός) hat gegen sich, daß man für den Begriff ‘blind’ einen anschaulicheren Ausdruck erwartet. I-64

ἀλαπάζω Aor. ἀλάπαξα, Fut. ἀλαπάξω. ‘zerstören, erschöpfen, plündern’ (vorw. Hom.), Davon ἀλαπαδνός mit analogisch eingeführtem -δ- (Schwyzer 489) ‘aufgerieben, schwach’, meistens mit Negation (Hom., Hes.). Ableitung ἀλαπαδνοσύνη (Q. S.). — Im selben Sinne gebraucht Aisch. zweimal (Th. 47, 531) das Futurum λαπάξειν (Ag. 130 zweifelhaft); das Präsens λαπάσσω wird von den Medizinern als terminus technicus ‘ausleeren’ verwendet. Bei A. Eu. 562 liest man nach Musgrave λαπαδνόν (cod. λέπ-) = ἀλαπαδνόν. Zu bemerken noch λαπάζειν· ἐκκενοῦν, ἀφοὗ καὶ τὸ ὄρυγμα H. — Etymologisch dunkel; gegen Ficks (14, 5) Anknüpfung an aind. álpa- ‘klein’, lit. alpstù ‘verschmachten, ohnmächtig werden’ mit Recht WP. 1, 92, Pok. 33. Weitere Lit. ebenda und bei Bq. Ob das anl. ἀ- prothetisch hinzugefügt oder sekundär verlorengegangen ist, läßt sich kaum entscheiden. Vgl. λαπαρός. I-64

ἄλαστος ep. und poet. Beiwort von πένθος, ἄχος, auch als herabsetzende Anrede (ἄλαστε, z. B. Χ 261) gebraucht. Denominatives Verb ἀλαστέω (Hom., Kall. u. a.), ἐπαλαστήσας (α 252, A. R.), Bezeichnung einer Gemütserregung. Außerdem ἀλασταίνω· δυσπαθέω H.; EM. — Ursprüngliches Nomen agentis ἀλάστωρ, vgl. ἀνάκτωρ, δυνάστωρ, κτίστωρ usw., entweder von ἀλαστέω oder direkt von ἄλαστος gebildet (vgl. Schwyzer 531 : 1), hom. EN, Attribut von Göttern und Göttinnen, aber auch von Menschen, wahrscheinlich ionischen Ursprungs, Fraenkel Nom. ag. 1, 216f., 69. Nebenform ἀλάστορος (A., S. u. a.), Ableitung ἀλαστορία (J.). Seit Prellwitz BB 13, 145, Solmsen KZ 34, 445, IF 3, 92 wird ἄλαστος mit antiken Gewährsmännern gern als privatives Verbaladjektiv zu λανθάνομαι erklärt: *‘wer oder was nicht vergessen wird oder werden kann, unerträglich’; davon ἀλαστέω *‘etw. unerträglich finden, empört werden, zürnen’, eine formal tadellose, aber inhaltlich sehr hypothetische Deutung. Vgl. zur Bedeutung noch v. Wilamowitz zu Eur. Herakles v. 911. — Anders Muller Don. nat. Schrijnen 649ff., Mnemos. 57, 116ff.: zu λάω ‘sehen’ mit ἀ- aus *-, Schwundstufe von ἐν ("invisus, invisor, qui invidendo nocet"). Wieder anders Prévot Rev. de phil. 61, 249ff.: zu λάω ‘sehen’ mit prothetischem ἀ-. Abzulehnen Prellwitz Glotta 19, 119. Weitere Lit. bei Bq (mit Add. et corr.). I-64-65

ἄλγος n. ‘Schmerz, Leid, Kummer’ (vorw. ep. poet.). Ableitungen: ἀλγεινός (aus *ἀλγεσ-νός), ep. ἀλεγεινός (vgl. ἀλέγω) ‘schmerzhaft, kummervoll’; ἀλγινόεις ‘ds.’ (poet.; metrische Umbildung s. Chantraine Formation 271, vgl. auch Schwyzer 527f.); ἀλγηρός ‘ds.’ (LXX) wohl eher auf ἀλγέω zu beziehen, vgl. Chantraine 231ff.; ἀργαλέος, dissim. aus *ἀλγαλέος ‘ds.’ (vorw. ep. poet., nicht bei den Tragg.), näheres bei Debrunner IF 23, 10f., Severyns Mélanges Boisacq 2, 239ff.; davon ἀργαλεότης (Ph., Eust.). — Denominative Verba: 1. ἀλγέω, -ήσω ‘Schmerz empfinden, leiden, bekümmert sein’ (ion. att.; Schwyzer 724: 1, vgl. auch Leumann Hom. Wörter 113). Davon ἄλγησις ‘das Leiden’ (S., Ar., späte Prosa) und ἄλγημα ‘das Leid’ (Hp., S., E., Men. usw.; zum Bedeutungsunterschied Holt Les noms d’action en -σις 148); ferner ἀλγηδών ‘Leid’ (ion. poet., Pl. usw.); über ἀλγηρός s. oben. — 2. ἀλγύνω, -ομαι ‘in Schmerz versetzen’, bzw. ‘Schmerzen empfinden’ (vorw. trag. und sp. Prosa). Von ἀλγύνω: ἄλγυνσις (Phlp., Olymp.) und ἀλγυντήρ (Zos.). — Neben ἄλγος stehen die primären Komparationsbildungen ἀλγίων und ἄλγιστος (Hom., Trag.; Schwyzer 539, Seiler Steigerungsformen 85f.). — Wahrscheinlich zu ἀλέγω, s. d. I-65

ἀλδαίνω ‘wachsen lassen, stärken’ (A.), Aor. ἤλδανε (σ 70 = ω 368). Daneben ἀλδήσκω ‘wachsen’ (Ψ 599), ‘wachsen lassen’ (Theok.) und ἀλδισκάνω (Hdn. Gr. 2, 716). Iterativpräteritum ἀλδήσασκε (Orph. L. 370). — Postverbal ἄλδη ‘Wachstum’ (Hdn. Gr. 1, 311); scheinbar davon abgeleitet, aber vielmehr vom Verb ausgegangen ist ἀλδήεις ‘wachsend’ (Max.), ebenso ἀλδήμιος ‘wachsen machend’ (Method. ap. EM). — Als Hinterglied findet sich -αλδής: ἀναλδής ‘nicht gedeihend, unfruchtbar’ (Hp., Ar., Arat.), νεαλδής (Opp.) und νεοαλδής (H.) ‘neu gewachsen’, alle direkt vom Verb gebildet. — ἀλδαίνω, ἤλδανε und ἀλδήσκω sind Umbildungen eines unbekannten Wurzelverbs, das eine δ-Erweiterung des in ἄναλτος (s. d.) vermuteten Verbalstamms enthält (Schwyzer 702: c α mit Nachtrag). Vgl. ἀλθαίνω. I-65

ἀλέα 1. (ἀλέα?, vgl. ἀλεαίνειν unten), ion. ἀλέη ‘Wärme’, insbes. ‘Sonnenwarme’ (ep., ion. att.). Ableitungen: ἀλεεινός ‘heiß, der Sonne ausgesetzt’ (ion., X., Arist. u. a.), nach φαεινός usw. gebildet (Chantraine Formation 196); ἁλυκρός ‘lauwarm’ (Nik., EM), nach θαλυκρός (oder daraus durch falsche Interpretation als θἁλυκρός entstanden? Debrunner GGA 1910, 6), vgl. ἀλυκτρόν· εὔδινον H.; ἀλεόν· θερμὸν ἢ χλιαρόν H.; nicht völlig sicher ἀλεής (S. Ph. 859 lyr.; ἀδεής Reiske). — Denominative Verba: 1. ἀλεαίνω ‘erwärmen, sich wärmen’ (Hp., Archil., Ar., Arist., Men.), im Attischen nach Eust. 1636 aspiriert: ἁλ-; davon ἀλεαντικός ‘zur Erwärmung geeignet’ (S. E.). — 2. ἀλεάζω ‘warm sein’, auch ‘erwärmen’ (Arist., Gal., H.). — ἀλέα ist vermittels des Suffixes -έα von einem Verb abgeleitet, das im Griechischen verloren gegangen ist, aber im Germanischen und Baltischen fortlebt, z. B. ags. swelan ‘langsam verbrennen’, nhd. schwelen (Hochstufe), lit. svìlti ‘sengen’ (intr.; Schwundstufe wie im Griech.). Fick4 1, 580, Sommer Lautst. 111. Weiteres s. εἵλη. I-65-66

ἀλέα 2., ion. ἀλέη ‘das Ausweichen, Entrinnen, Schutz’ (ep.ion.) — aus *ἀλέϝ-ᾱ (nach φυγή? Porzig Satzinhalte 232). Verbalnomen von ἀλέομαι aus *ἀλέϝομαι, vgl. ἀλεύω (Trag. in lyr.), Aor. ἀλεύασθαι neben ἀλέασθαι ‘ausweichen, entfliehen’ (ep. ion.). Ein anderes Verbalnomen ist ἀλεωρή ‘das Ausweichen, Schutz’ (ep. ion., hell.), aus *ἀλεϝ-ωλή mit Dissimilation (Chantraine Formation 243, Schwyzer 258). Denominatives Verb: ἀλεείνω = ἀλέομαι (ep.), wahrscheinlich von einem Nomen *ἀλεϝ-εν- (vgl. Schwyzer 521); der komplettierende r-Stamm in ἄλεαρ· ἀλεωρίαν H. Eine Bildung auf -άζω, entweder denominativ von ἀλέα oder deverbativ von ἀλέομαι, ist bewahrt in ἀλεάζειν· κρύπτειν ἢ προβάλλειν, καὶ εἴργειν, ἀφανίζειν H. Neben *ἀλεϝ-ομαι steht mit anderem Ablaut in derselben Bedeutung ἀλύ-σκω (ep., trag., sp. Prosa), Fut. ἀλύξω mit analogisch eingeführtem ξ (Schwyzer 708 A. 5, vgl. Debrunner Mélanges Boisacq 1, 252f.). Erweiterungen davon: ἀλυσκάζω und ἀλυσκάνω (ep.). ἀλέομαι und ἀλύσκω werden gewöhnlich zu ἀλύω und weiterhin zu ἀλάομαι (Erweiterung ευ : υ) gestellt, s. dd. I-66

ἀλέγω, nur Präs., gew. mit Negation, ‘auf etw. achten, sich um etw. kümmern’ (ep. lyr.). Erweiterungen: ἀλεγίζω und ἀλεγύνω, beide nur Präs. und Impf., vgl. Schwyzer 736, bzw. Risch 253. — Von ἀλέγω das Hinterglied -ηλεγής (kompositionelle Dehnung) in den Syntheta δυσ-ηλεγής ‘schmerzvoll, rücksichtslos’ (ep.) und ἀν-ηλεγής ‘der sich um nichts kümmert, rücksichtslos’ (Q. S.), wahrscheinlich auch bei Homer für τανηλεγής einzusetzen (Bechtel Herm. 39, 155f., Leumann Hom. Wörter 45, der mir die semantischen Schwierigkeiten zu überschätzen scheint). Ein Substantiv *ἄλεγος anzusetzen, ist jedenfalls nicht notwendig, denn auch das Adj. ἀλεγεινός läßt sich anders, und zwar als eine Umbildung von ἀλγεινός nach ἀλέγω erklären. — ἀλέγω, eig. ‘Schmerz, Leid über etwas empfinden’ und ἄλγος ‘Schmerz, Leid, Kummer’ sind wegen der übereinstimmenden Bedeutung zusammenzuhalten unter der Annahme eines Ablautwechsels ἀλεγ- ~ ἀλγ- (vgl. ἀλέξω : ἀλκή). Dabei ist die ohnehin anfechtbare Zerlegung in ἀ- (Schwundstufe von ἐν-) und λέγω (Hermann IF 35, 171) aufzugeben. Weitere Beziehungen sind ganz unsicher, vgl. WP. 1, 160; 2, 423. I-66-67

ἄλεισον ἄλεισος m. (Ar.). n. ‘Trinkgefäß mit zwei Henkeln’ (s. Brommer Herm. 77, 356f., 363f.) (Hom., Kall., Ath.), — Die Zusammenstellung mit got. leiþu (Akk. sg.) ‘Obstwein’, ahd. lid ‘geistiges Getränk’ unter der Annahme einer Grundform *(ἀ)λειτϝ-ον (Schulze KZ 29, 255 = Kl. Schr. 358f., weitere Anknüpfungen bei Bq und WP. 2, 392) muß bei einem Gerätenamen dieser Art als höchst unsicher betrachtet werden. Eher Mittelmeerwort. I-67

ἀλείτης ‘Frevler’ (Hom., A. R.), ἀλεῖτις f. (Hdn.). m. Ableitung: ἀλειτεία· ἡ ἁμαρτία Suid. — Mit qualitativem Ablaut: ἀλοίτης ‘Rächer’ (Emp.), ’Αλοῖτις Beiname der Athena (Lyk. 936); ἀλοιτός ‘Frevler’ (Lyk. 136), ἀλοιταί· κοιναί, ἁμαρτωλαί, ποιναί H. Denominatives Verb: ἀλοιτεύειν· ἀλιτήριος εἶναι EM. ἀλοιτήεσσαν· κοινήν, ἄνανδρον H. — Mit Schwundstufe: ἀλιταίνω, Aor. ἤλιτον ‘freveln, sich an jn. versündigen’ (ep. poet.). Der Aoriststamm als Vorderglied z. B. in ἀλιτό-ξενος ‘gegen Freunde fehlend’ (Pi.), mit metrischer Dehnung z. B. ἠλιτό-μηνος ‘den (rechten) Monat verfehlend’, d. h. ‘zu früh geboren’ (Il. usw., vgl. Sommer Nominalkomp. 125ff.). — Ableitungen von ἀλιτεῖν : ἀλιτήμων ‘verwünscht, verderblich’ (Il., Kall., A. R.) mit ἀλιτημοσύνη ‘Frevel’ (Opp.); Subst. ἀλίτημα ‘Frevel’ (AP). Von ἀλιτεῖν wohl auch ἀλιτήριος ‘frevelnd, sündhaft’ (att.); *ἀλιτήρ nicht belegt, aber vgl. ἀλίτρια· ἡ ἁμαρτωλός Et. Gud. 2 und ἀλιτρός unten; ἀλιτηρός ‘ds.’ (S. OK 371, falls nicht falsch für -ήριος); erweitert in ἀλιτηριώδης ‘verwünscht, verderblich’ (Pl., D. C.). — Neben ἀλιταίνω steht ἀλιτρός ‘Frevler, Schelm’, auch Adjektiv (ep. poet., auch sp. Prosa); der Suffixwechsel kann auf einen alten r-n-Stamm hindeuten. Danach ἀλιτραίνω = ἀλιταίνω (ep. poet.), vgl. Fraenkel Arch. philol. 7, 21ff. Eine andere Verbalableitung ist ἀλιτρέω A. Eu. 316 (ἀλιτρῶν codd.: ἀλιτών Dorat). Abstrakta von ἀλιτρός: ἀλιτρία (S., Ar.), ἀλιτροσύνη (A. R., AP usw.). — Sichere Verwandte dieser wegen der Ablautsvariationen offenbar alten Wortsippe fehlen. Seit Fick4 1, 533 vergleicht man die germanische Gruppe ahd. leid, awno. leiđr ‘unangenehm, verhaßt’, nhd. Leid. WP. 2, 401. Zum anlautenden ἀ- (prothetisch?) Harl KZ 63, 18. I-67

ἀλείφω ‘einölen, salben’ (ion. att.). Mehrere Ableitungen. Verbalabstrakta : 1. ἄλειφαρ, -ατος ‘Salböl, Salbe’ (ep. ion. poet.), daneben ἄλειφα n. (älter?, Schwyzer 520: 8), wovon lat. adeps (W.-Hofmann s. v.); Ableitung ἀλειφατίτης (ἄρτος) ‘mit Öl gebackenes Brot’ (Epich.). — 2. ἀλοιφή ‘Salbung, Salbe, Schmiere’, auch ‘Rasur’, (ion. att.) mit dem Adjektiv ἀλοιφαῖος (Lyk. 579) und den ebenfalls seltenen ἀλοιφεῖον ‘Salbungszimmer’ (Eust., Chantraine Formation 60f.) und ἀλοιφάω ‘mit Pech beschmieren’ (Aq.). — 3. ἄλειψις ‘das Salben’ (ion. hell.). — 4. ἄλειμμα ‘Salböl, Salbe’ (ion. att.) mit ἀλειμμάτιον (Diog. ap. D. L.) und ἀλειμματώδης (Hp.). Daneben äol. ἄλιππα (EM 64, 40). — 5. ἀλειφάς f. ‘Ausstreichen, Rasur’ (Pap.). — 6. ἀλείφιον· ᾧ χρῶνται οἱ ἀλεῖπται H. — Nomina agentis: ἀλείπτης ‘Einsalber, Lehrer der Athleten’ (Arist., hell.) mit ἀλειπτικός (Plu. u. a.); ἀλειπτήρ ‘ds.’ (Man.) mit dem Fem. ἀλείπτρια (Lys., Kom.). Davon oder direkt von ἀλείφω das nomen loci und instrumenti ἀλειπτήριον (Alex. Kom. usw.). — ἀλειφεύς (Inschr. Priene). — ἀλείφω gehört nach allgemeiner Annahme zu λίπος (s. d.) usw., wovon es sich durch sekundäre Aspiration und Vokalprothese unterscheiden soll. I-67-68

ἀλεκτρυών, -όνος m. f. ‘Hahn, Huhn’ (ion. att.). Mehrere Ableitungen, alle spärlich belegt. Demin. ἀλεκτρυόνιον (Ephipp. Kom.); ἀλεκτρυόνειος (Hp.), ἀλεκτρυονώδης (Eunap.); ἀλεκτρύαινα f. ‘Huhn’ (von Ar. Nu. 666 gebildet), ἀλεκτρυονίς f. ‘Huhn’ (Schol. ibid.). — Das appellativisch gebrauchte ἀλεκτρυών ist aus dem gleichlautenden epischen Eigennamen entstanden. Bildung wie ἁλκυών, Γηρυών (Schwyzer 487); Grundwort ἀλέκτωρ, -ορος m. ‘Hahn’ (ion. poet., sp. Prosa) mit der Femininbildung ἀλεκτορίς ‘Huhn’ (ion. dor.) wie ἀηδονίς zu ἀηδών (Lejeune Rev. de phil. 76, 12). Weitere Ableitungen: Demin. ἀλεκτορίσκος (Babr. u. a.); ἀλεκτόρειος (Aët.), ἀλεκτοριδεύς ‘Küchlein’ (Ael., vgl. Chantraine Formation 364), ἀλεκτόριον n. ‘Hühnerhof’ (IGRom.). ἀλέκτωρ, eigentlich Nomen agentis von ἀλέξω ‘abwehren’ (s. d.), ist aus dem epischen Eigennamen ’Αλέκτωρ hervorgegangen, wohl ursprünglich als scherzhafte Bezeichnung dieses kampflustigen Tieres. Fick Curt. Stud. 9, 169; weitere Lit. bei Bq 1091f. und Pok. 32, bes. Fraenkel Nom. ag. 1, 154ff.; 2, 28 A. 1. — Anders Schlerath KZ 71, 28f. I-68

ἀλέξωἀλέξω ist mit aind. rákṣati ‘beschützen, bewahren’ identisch. Der einsilbige und s-lose Stamm ἀλκ- ist dagegen nirgends mit Sicherheit wiederzufinden. Der Vergleich mit ags. ealgian ‘schützen, verteidigen’ ist indessen erwägenswert, aber die übrigen german. und balt. Wörter, die herangezogen worden sind, z. B. got. alhs ‘Tempel’, lit. el̃kas, al̃kas ‘heiliger Hain’, liegen etwas abseits. Versuch, die Zusammenstellung semantisch zu motivieren, bei Meringer WuS 9, 107ff. — Bartholomae Sb. Heidelb. 1916 : 9, 10 erwägt Verwandtschaft mit miran. ark ‘Arbeit, Anstrengung, Mühe’. ‘abwehren, verteidigen’ (ep. ion. poet., X. usw.). Als Vorderglied oft ἀλεξ(ι-), z. B. in ’Αλέξανδρος, woraus nach Kretschmer heth. Alakšanduš (Glotta 13, 205ff., 21, 244ff., 24, 242ff., 33, 22f.). Auch Sommer hält diese Gleichung für möglich, aber nur unter der (wenig wahrscheinlichen) Voraussetzung, daß der Name ursprünglich kleinasiatisch sei und von den Griechen volksetymologisch zurechtgelegt wäre (IF 55, 187ff., Nominalkomp., bes. 186ff.); vgl. auch Björck Alpha impurum 333ff. Ableitungen: ἀλέξιον ‘Heilmittel’ (Nik.), ἄλεξις ‘Hilfe, Abwehr’ (Aristid., EM). Über ἀλέκτωρ, ἀλεκτρυών (aus ἀλεξ-τ-) s. bes. — Auf den mit -η- erweiterten Stamm (vgl. ἀλεξήσω) gehen mehrere Bildungen zurück : ἀλέξησις ‘Abwehr, Hilfe’ (ion.), ἀλέξημα ‘Abwehr, Heilmittel’ (ion. poet., sp. Prosa); ἀλεξητήρ ‘Verteidiger, Helfer’ (vorw. ep.) mit fem. ἀλεξήτειρα (AP, Nonn.) und den Abl. ἀλεξητήριος ‘abhelfend’, ἀλεξητήριον ‘Heilmittel’ (Hp., Thphr. usw.); daneben ἀλεξήτωρ (S.); außerdem ἀλεξητικός (Alex. Aphr.). I-69-70

ἀλέω, Aor. ἤλεσα, ep. ἄλεσσα ‘mahlen’ (ion. att.). Zahlreiche Ableitungen. Nomina actionis: 1. ἀλέ-ατα ‘(Weizen)mehl’ (Inschr. Miletos, VIa) aus *ἀλέ-ϝατα, woraus mit metrischer Dehnung ἀλείατα (Hom.), vgl. Schulze Q. 226 und Hdn. 2, 472, 12, wo der Sing. ἄλειαρ aus ἄλεαρ erklärt wird. Thematische Umbildung in ἄλε-υρ-ον, gew. pl. ἄλευρα ‘(Weizen)mehl’ (ion. att.); verfehlt Specht Ursprung 114. Davon ἀλεύρινος und ἀλευρώδης (Mediz.), ἀλευρίτης (ἄρτος), s. Redard Les noms grecs en -της 88. — 2. ἄλητον, -τα ‘Mehl’ (Hp., Sophr. u. a.) mit sekundärem η, wohl nach ἄμητος. Davon ἀλήσιον· πᾶν τὸ ἀληλεσμένον H., lakon. ἀληιον. — 3. ἀλετός m. (Plu.) und ἀλητός (Babr.) ‘das Mahlen’. — 4. ἄλεσις und ἄλησις ‘ds.’ (Gp.). — 5. ἀλεσμός ‘ds.’ (J.) und ἄλεσμα ‘Mahlgut’ (EM), beide mit unursprünglichem σ. — 6. ἄλημα n. ‘Mehl’, übertr. ‘ein durchtriebener Mann’ (S.). — Nomina agentis: 1. ὄνος ἀλέτης ‘der obere Mühlstein’ (Gortyn, X., vgl. Schwyzer 499 und Fraenkel Nom. ag. 2, 57f.), im selben Sinne ὄνος ἀλετών (Alexis). — 2. ἀλετρίς ‘Müllerin’ (ep. poet.), vgl. Chantraine Formation 329, mit ἀλετρεύω ‘mahlen’ (ep.). — Nomen instrumenti: ἄλεστρον ‘Mahlkosten’ (Pap.), s. Chantraine 332 m. Lit., Schwyzer 532. — Außerdem das Adj. ἀλετικός ‘zum Mahlen gehörig’ (Pap.). — Zum unklaren ἀλετρίβανος m. ‘Mörserkeule’ (Ar. u. a.) vgl. Schwyzer 263 und 438. — ἀλέω ist wahrscheinlich aus einem athematischen Präsens hervorgegangen (Schwyzer 682 : 4). Die in *ἄλεϝαρ, ἄλευρον vorliegende Bildung auf -ϝ(α)ρ- hat ihr genaues Gegenstück in arm. alewr ‘Mehl’. Auch das Verb kehrt, mit anderem Vokal im Stammauslaut, in arm. aɫam ‘mahlen’ wieder. Auch im Indischen und Iranischen ist diese Wortsippe vertreten, z. B. nind. (hindi, bengali) āṭā ‘Mehl’, npers. ārd ‘Mehl’, aw. aša- (< *arta-) ‘gemahlen’, vgl. Bailey Trans. Cambr. Philol.Soc. 1933, 60. (Unsicherer ist aind. áṇu- ‘fein, dünn’; unhaltbar darüber Specht Ursprung 125, wo weitere Lit.) Dagegen fehlt sie in den übrigen Sprachen; vgl. μύλη. I-70-71

ἀληθής, dor. ἀλᾱθής ‘wahr, wirklich’ (allg. seit Hom.). Adjektivabstraktum ἀληθείη, -είᾱ und ἀλήθειᾰ (jünger, Schwyzer 469) ‘Wahrheit, Wirklichkeit’. Zur Begriffsentwicklung Bultmann Zeitschr. f. neut. Wiss. 27, 113ff. — Denominative Verba: ἀληθεύω ‘die Wahrheit reden’ (ion. att.), ἀληθίζομαι ‘ds.’ (Hdt., sp. Prosa). Außerdem ἀληθίζω (PHolm.) in der technischen Bedeutung ‘mit (wahrem) Purpur färben’, vgl. ngr. dial. ἀληθινός ‘rot’ (Rohlfs ByzZ 13, 544); anders Lagercrantz ad loc. — Von ἀληθεύω weiterhin die spät belegten ἀλήθευσις ‘Wahrhaftigkeit’ (S. E.) und ἀληθευτής ‘der stets die Wahrheit spricht’ (Max. Tyr.); außerdem das Adj. ἀληθευτικός ‘wahrheitsliebend, aufrichtig’ (Arist. u. a.). — Neben ἀληθής stehen die erweiterten Bildungen ἀληθινός (ion. att., vgl. Chantraine Formation 201) und ἀληθικός (Ps.-Kallisth.). — ἀληθής kann ein Bahuvrihikompositum von α privativum und *λῆθος, dor. λᾶθος (Theok.), oder λήθη (seit Hom.) sein; direkte Beziehung auf λήθω (seit Hom.) ist indessen auch möglich. Eigentliche Bedeutung somit ‘wer nicht verborgen ist, offenbar’. Vgl. W. Luther "Wahrheit" und "Lüge" im ältesten Griechentum. Borna-Leipzig 1935, Frisk GHÅ 41 (1935 : 3), 18. I-71

ἁ̄λής (ἀ̄λής) ‘versammelt, zusammengedrängt’ (ion.). Denominatives Verb ἁλίζω ‘versammeln’ (ion. poet.). Abstraktbildung ἁλίη, dor. ἀλία ‘(Volks)versammlung’. Erweiterte Form dor. ἀλιαία ‘ds.’, att. ἡλιαία ‘Versammlung (der Richter), Volksgericht, Gerichtshof’ (zum Anlaut vgl. unten). — Davon ἡλιάζομαι ‘in der ἡλιαία sitzen’ (Ar.) mit ἡλιαστής (dor. ἀλ-) ‘Volksrichter’, falls nicht direkt vom Nomen nach Muster von δικαστής (von δικάζω, aber auch auf δίκη bezüglich) u. a.; Adj. ἡλιαστικός. — Nomina actionis: ἡλίασις ‘das Sitzen im Volksgericht, Gerichtsamt’ (att.), ἁλίασσις (Tegea) ‘Versammlung’; ἁλίασμα Bed. unklar (Gela). Ein urspr. Nomen agentis ist ἁλιακτήρ· τόπος ἐν ᾧ ἁθροίζονται οἱ Σικελοί H., viell. eig. Heroenname, s. Fraenkel Nom. ag. 1, 161. — Zu ἁλία auch der Monatsname ‘Αλιαῖος (Dreros). — In derselben Bedeutung wie ἁ̄λής findet sich im Äolischen ἀολλής (s. d.). Falls ursprünglich identisch, müssen ἁλής auf *ἁ-ϝαλνής und ἀολλής auf *ἀ-ϝολνής zurückgeführt werden; zum Lautlichen Schwyzer 283. Zugrunde liegt dann ein Substantiv *ϝέλνος, wozu *ἁ-ϝαλνής und *ἀ-ϝολνής (mit α copulativum) die Schwundstufe (idg. ) darstellen; eventuell kann diese Schwundstufe auch in das Substantiv eingedrungen sein. Eine andere Form der Schwundstufe liegt wahrscheinlich vor in ἀλανέως· ὁλοσχερῶς Ταραντῖνοι H. und in αϝλανεως Bed. unsicher (Elis). Hochstufe vielleicht erhalten in ἀελλής; vgl. indessen s. ἄελλα. — Das anlautende ἡ- in att. ἡλιαία usw. kann nur als falsche Ionisierung eines dorischen (argivischen) Lehnwortes verstanden werden, vielleicht im Anschluß an ἥλιος; s. Ed. Meyer Philol. 48, 187. — Das Substantiv *ϝέλ-νος ‘Gedränge, Menge’, mit demselben Suffix wie ἔθνος, σμῆνος usw. gebildet (Chantraine Formation 420), gehört zu εἴλω, s. d. Vgl. ἅλις, ἀολλής. WP. 1, 295f. m. Lit., besonders Solmsen Unt. 285ff. I-71-72

ἀλθαίνω, -ομαι ‘heilen’, bzw. ‘heil werden’ (ion. hell.), ἀλθεῖν· ὑγιάζειν (Hp. ap. Gal. 19, 76), ἄλθετο (Il.). Futurum ἀλθήσομαι, -σω (Il. usw.). Daneben ἀλθήσκω oder ἀλθίσκω (Hp.). — Postverbale Substantiva, beide nur lexikalisch belegt: ἄλθα· θεραπεία H., ἄλθος· φάρμακον EM. Dazu ἀλθεύς· ἰατρός H. Auch ἀλθήεις ‘heilsam’ (Nik.) ist direkt vom Verb gebildet. Hierher ferner der mythische Name ’Αλθαία und der damit identische Pflanzenname (Art Malve, Thphr. usw.; vgl. Strömberg Pflanzennamen 81 mit teilweise unrichtigen Schlüssen); daneben ἀλθίσκον (Ps.-Dsk.), vgl. das synonyme ἰβίσκος. — Das Fut. ἀλθέξομαι (Aret.) ist nach dem Oppositum πυρέξομαι (von πυρέσσω) gebildet; dazu ἄλθεξις ‘Heilung’ (Hp., Aret.). — Außerdem ἀλθεστήρια ‘Heilmittel’ (Nik.), vgl. χαριστήρια, ἱλαστήριον u. a. (Chantraine Formation 63f.). — Zum Eigennamen Ἄλθηπος, auch Ἄλθηφος, Bechtel Hermes 56, 228. — ἀλθαίνω beruht auf einer θ-Erweiterung des in ἄναλτος (s. d.) vermuteten Verbalstammes (Schwyzer 703 β). Vgl. ἀλδαίνω. I-72

ἀλίβας, -αντος m. ‘Leichnam, Gestorbener’ (Pl. R. 387 c, H.), auch von Styx (S. Fr. 790) und übertragen vom Weinessig (Hippon., Kall.). — Die antike Erklärung als ‘saftlos’ aus a privativum und λιβάς ist leere Spekulation; die modernen Erklärer sind aber nicht glücklicher gewesen. Lit.: Lawson ClassRev. 40, 52ff., 116ff.; v. Wilamowitz Herm. 54, 64; Immisch Arch. f. Religionswiss. 14, 449f.; Wahrmann Glotta 17, 252f.; Kretschmer Glotta 28, 269; Petersson Gr. u. lat. Wortstudien (1922) 3f.; zur Bildung vgl. noch Schwyzer 526 : 4. I-72

ἁλιβδύω ‘(sich) ins Meer versenken, verstecken’ (Lyk., Kall.). — Vom Etym. Gud. aus ἅλς und *βδύω, das äolisch für δύω wäre, erklärt. Andere, ebenso lose Vermutungen sind bei Bq verzeichnet. I-72

ἀλίγκιος ‘gleich, ähnlich’ (ep. poet.). — Unerklärt. Der Vergleich mit aksl. lice ‘Gesicht, Wange’ und anderen slavischen Wörtern (s. Bq) ist willkürlich, vgl. WP. 2, 399. Gewöhnlicher als ἀλίγκιος ist das ebenfalls poetische ἐναλίγκιος, dessen genaues Verhältnis zum "Simplex" sich nicht feststellen läßt; vgl. Strömberg Greek Prefix Studies 120ff. I-73

ἄλιζα · ἡ λεύκη τῶν δένδρων. Μακεδόνες H. ‘Populus alba, Silber pappel’. — Nach Kretschmer Glotta 15, 305f. und anderen (s. auch Kretschmer Glotta 22, 104f.) mit ahd. elira, got. *alisa in span. alisa, russ. olьcha ‘Erle’ identisch; vgl. noch alte germanische Orts- und Flußnamen, z. B. Alisa (Krahe Beitr. z. Namenforschung 3, 165ff.). Hierher auch mit Fick der thessalische Ortsname ’Ολιζών. Wahrscheinlich mit Hatzidakis Glotta 23, 268ff. als Lehnwort im Makedonischen aus einer nördlichen Sprache zu betrachten. Das Suffix wäre nach Hatzidakis dasselbe wie in ρίζα, φύζα, κόνυζα. Anders Barić und Pisani, s. Mayer Glotta 32, 46f. I-73

ἀλίη · κάπρος. Μακεδόνες H. — Unerklärt. — Nach E. Maaß RhM 74, 472 eig. = ἀσθενής, ἀδύνατος, zu ἄλιν· ἠλίθιον, μάταιον, κενόν, ἐλαφρόν H. (?). I-73

ἁλικάκκαβος Pflanzenname, ‘Physalis Alkekengi’ (Dsk., BGU 1 120, 37), — in ἁλι-κάκκαβος zu zerlegen; vgl. Strömberg Pflanzennamen 114. I-73

ἀλινδέω, ἀλίνδω, Aor. ἤλῑσα ‘wälzen’ (Ar., Herod., hell. und spät). Dazu ἄλινδον· δρόμον ἁρμάτων EM, H. — Verbalsubstantiva: ἀλίνδησις ‘das Wälzen’ (im Staub, von Athleten; Hp., Ruf.), ἀλινδήθρα ‘Wälzplatz’ (Ar., Phryn.). — ildung wie κυλινδέω, κυλίνδω. Näherer Ausgangspunkt unbekannt, jedenfalls zu derselben Wortsippe wie εἰλέω, ἴλλω usw. Zum Ablaut vgl. besonders ϝάλη (cod. ὑάλησκώληξ H. und ἅλυσις. I-73

ἀλίνειν (cod. -νεῖν) · ἀλείφειν H. ἀλῖναι· ἐπαλεῖψαι H. ἰν-αλαλισμένα ‘eingeritzt’ (Kypros). Verbalnomen ἄλινσις τοῠ ἐργαστηρίου (Epid.), vgl. Holt Les noms d’action en -σις 137 A. 1. Zu ἀλιν[ν]όν s. ἀλέω. — ἀλίνω steht wahrscheinlich zunächst für *ἀλιν-ι̯ω und gehört zu lat. lĭno ‘beschmieren, bestreichen’, urspr. n-Präsens (Perf. lēvi) wie aind. lināti (Gramm.) ‘sich anschmiegen’, falls eigentlich ‘ankleben’; in Betracht kommt ferner air. lenaid ‘folgen’; Näheres bei WP. 2, 389. I-73

ἄλιξ, -κος m. ‘Speltgraupen’ (Chrysipp. Tyan. ap. Ath.). — Wohl mit Walde LEW2 25 zu ἀλέω; Bildung wie ἕλιξ, χόλιξ u. a. (Chantraine Formation 382f.). Anders, wenig überzeugend, Specht Ursprung 114: zu ἀλίφατα· ἄλφιτα (s. d.) usw. — Daraus entlehnt lat. alica. I-73

ἅλιος -α, -ον ‘fruchtlos, vergeblich’, wovon ἁλιόω ‘vereiteln’, beide ep. und poet. (S.). — Man pflegt ἅλιος mit ἠλίθιος, ἠλάσκω zu vergleichen und weiterhin zu ἀλάομαι zu ziehen. Der Spiritus asper bleibt aber dabei ungeklärt. Spuren von ϝ- sind nicht vorhanden, vgl. Sommer Lautst. 98. Schwyzer 461 A. 5 erinnert an den Ausdruck εἰς ὕδωρ γράφειν; somit zu ἅλς? I-74

ἅλις Adv. ‘in Menge, genug’ (fast nur ep. und poet.). Davon ἁλιδίως· ἱκανῶς, μετρίως H. — Die Form γάλι· ἱκανόν H. bestätigt die Zugehörigkeit zu εἴλω ‘zusammendrängen’, ἁλής, ἀολλής (s. dd.). In ἅλις sieht Solmsen Wortforsch. 1, 155ff. ansprechend einen erstarrten Nominativ, und zwar entweder eines Abstraktums ‘Gedränge’ oder eines Adjektivs ‘gedrängt’. Abweichend Meillet BSL 16 p. C (altes Adv. wie ἄνις, χωρίς, aind. bahíḥ). I-74

ἀλισγέω ‘verunreinigen’ (LXX). Davon ἀλίσγημα ‘Verunreinigung’ (Act. Ap.). — Expressives Wort unbekannter Herkunft. Bq erinnert an ἀλίνειν. Kontamination mit einem anderen Wort? I-74

ἁλίσκομαι, Aor. ἁλῶναι ‘gefangen werden’ (bei Hom. nur Aor., sonst ion. att.). Ableitungen: ἅλωσις ‘Einnahme, Gefangennahme’ (ion. att., vgl. Holt Les noms d’action en -σις 105) mit ἁλώσιμος ‘einnehmbar, faßlich’ (vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 61f.); ἅλωμα = ἀνάλωμα, ‘Aufwand’ (böot. Inschr.), vgl. ἀναλίσκω und Fraenkel Nom. ag. 1, 119. — ἀλωνάκη· ἀνάλωμα. Χαλκιδεῖς H. unklar; wahrscheinlich verdorben. — Thess. ϝαλίσσκε̄ται und ark. ϝαλόντοις bezeugen anlautendes ϝ-; Aor. ἑά̄λων somit aus *ἠ-ϝᾰ́λων; der Asper kann von αἱρεῖν, ἑλεῖν eingedrungen sein (Sommer Lautst. 101). — Das ι in ἁλίσκομαι kann zum Suffix gehören, ein Ablautswechsel mit ω (aus ωι) in ἁλῶναι (Schwyzer 709 : 4) ist wenig wahrscheinlich und jedenfalls nicht zu beweisen; ω auch nicht mit Schwyzer 743 : 2 aus ωυ unter Heranziehung von ἅλυσις (s. d.). — Gewöhnlich wird ϝαλίσκομαι als *‘gerissen werden’ zu lat. vello ‘rupfen, raufen’, got. wilwan ‘rauben’, arm. goɫanam ‘stehlen’ und weiterhin zu gr. οὐλή gezogen. Vgl. auch ἀναλίσκω und εἵλωτες. Zum Gebrauch von ἁλίσκομαι s. die Abhandlung von Wlaschim (Titel unter ἄγρα). I-74

ἀλίφαλος · γένος δρυός H. — Cuny MSL 19, 199ff. vergleicht ἁλίφλοιος ‘Meerkork, Meerrinde (einer Eichenart)’ und will dementsprechend ἀλίφαλος aus ἅλς und *φαλ(ο)- erklären mit Anschluß an φελλός, φλόος, φλοιός. Ebenso unbefriedigend Specht Ursprung 114 (zu ἀλωφός, ἀλφός usw.). I-74

ἄλιψ · πέτρα H., s. αἰγίλιψ. I-74

ἀλκή 1. ‘Abwehr, Hilfe’ S. ἀλέξω. I-74

ἄλκη 2. ‘Elch’ (Paus. 5, 12, 1; 9, 21, 3). — Wie lat. alcēs, alcē (seit Caesar) aus dem Germanischen entlehnt. Am nächsten steht ano. elgr aus urg. *alʒí-, woneben eine Form mit Anlautsbetonung anzunehmen ist, urg. *álχ-, auf die alcēs und ἄλκη zurückgehen. Die westgermanische Form lautet dagegen mit e- an: ahd. elho > nhd. Elch, ags. eolh, und weicht auch in der Stammbildung ab, urg. *élχa(n)-. Slavische Formen wie russ. losь ‘Elch’ führen auf idg. *olḱis zurück und können also mit ano. elgr identisch sein. Eine dritte Ablautsform wird in aind. ŕ̥śya- ‘Antilopenbock’ vermutet. — Unter Abtrennung eines suffixalen -- wird ἄλκη ebenso wie eine Menge anderer Wörter, u. a. ἔλαφος (s. d.), sehr hypothetisch und unwahrscheinlich auf eine idg. "Farbwurzel" *el-, *ol- ‘rot, braun’ zurückgeführt, WP. 1, 154f., Pok. 302ff., W.-Hofmann s. alcēs mit Lit. Noch kühnere Kombinationen bei Specht Ursprung 113ff. I-75

ἀλκυών -όνος und ἁλκυών (nach ἅλς), f. ‘Meereisvogel, Alcedo ispida’ (ion. att.). Davon ἀλκυονίς ‘ds.’ (A. R.), ἀλκυονίδες (ἡμέραι) ‘Tage der Wintersonnenwende, wo das Meer ruht und der Eisvogel sein Nest baut’ (Ar. u. a.), auch ἀλκυόνειοι (Arist.) genannt. — In ἁλκυδών umgebildet (Hdn. Gr. 2, 285) nach den übrigen Vogelnamen und sonstigen Bildungen auf -δων. — Daraus entlehnt lat. alcēdo. — Herkunft unbekannt; wertlose Spekulationen sind bei Bq und W.-Hofmann angeführt; s. außerdem Pok. 304. Ausführliche Darstellung bei Thompson Birds s. v. I-75

ἀλλά ‘aber, sondern’. S. ἄλλος. I-75

ἀλλᾶς, -ᾶντος m. ‘Wurst’ (Hippon., Kom. u. a.). — Nicht sicher gedeutet. Nach einer Hypothese von Kretschmer Glotta 1, 323 eig. *‘Knoblauchwurst’ aus *ἀλλᾱ-ϝεντ- von dor. *ἄλλᾱ aus dem Oskischen, vgl. ἄλλην· λάχανον. ’Ιταλοί H. (messapisch nach v. Blumenthal Hesychst. 15) und lat. ālium. I-75

ἀλλάσσω,-άττω, Aor. ἀλλάξαι ‘verändern, vertauschen’ (seit Hom.). Oft mit Präverb: δια-, ἐξ-, ἐν-, ἐπι-, κατα- usw. Ableitungen: ἀλλαγή (vgl. ἀλλαγῆναι) ‘Tausch, Wechsel’ (att. hell.); davon byz. ἀλλάγιον ‘permutatio, collegium militum’ > ngr. ἀλλάγι ‘feierlicher Zug, Reihenfolge’ (Psaltes ’Αρχ. ’Εφ. 27, 99ff.). — ἄλλαγμα ‘Austausch, Preis’ (Hp., LXX u. a.), ἀλλαγμός ‘ds.’ (Man.). — ἄλλαξις ‘Austausch, Tauschhandel’ (Arist.); davon, bzw. direkt von ἀλλάσσω, ἀλλάξιμα (scil. ἱμάτια) Pap.; Gloss. ‘mutatoria’, vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 97; erweiterte Form ἀλλαξιμάριον (Pap., Olsson Symb. Oslo. 4, 62f.). — ἀλλακτικός ‘zum Austausch gehörig’ (Pl., Arist. u. a.), ἀλλάγδην ‘abwechselnd’ (Hdn.), ἀλλάξ· ἐνηλλαγμένως H., ἐπ-, παρ-, ἀμφ-αλλάξ (Hp., Th., S., X. usw.). — ἀλλάσσω ist von ἄλλος abgeleitet, und zwar entweder durch Vermittlung eines nominalen Gutturalstammes (ἀλλάξ? ἀλλαχοῦ, -χῆ?; weder die weite Verbreitung von ἀλλάσσω noch die Bedeutung macht direkten Zusammenhang glaubhaft) oder, nach unbekanntem Vorbild, mit suffixalem -άσσω. Vgl. Debrunner IF 21, 218f., 227, Schwyzer 725 : 4. I-75-76

ἄλλιξ, -ῐκος f. ‘χλαμύς’, auch ‘ἐμπόρπημα’ H., EM, Suid., die das Wort als thessalisch betrachten und es aus hellenistischen Dichtern (Kall., Euph.) zitieren, vgl. Hoffmann Dial. 2, 224. — Dunkel, daraus entlehnt lat. ălicula, s. W.-Hofmann s. v. I-76

ἀλλοδαπός ‘von anderswoher, fremd’ (ion. att.). — Von ἄλλος mit derselben Bildungsweise wie τηλεδαπός, παντοδαπός, ποδαπός, ἡμεδαπός. Gewöhnlich als ἀλλοδ-απός erklärt mit altem neutralem (lat. aliud) oder analogisch eingeführtem -δ-. Das Hinterglied wäre mit lat. -inquus (longinquus usw.) identisch, idg. -ng/ko-. Bechtel Lex., Schwyzer 604 A. 1 m. Lit. Anders Meillet BSL 28, 42ff.: -δαπός ein sonst unbekanntes Suffix (?). I-76

ἅλλομαι, ep. Aor. ἀλτο (Quantität unbekannt, vgl. Schwyzer 751 m. A. 1) ‘springen, hüpfen’ (seit Hom.). Verbalnomina ἅλμα ‘Sprung’ (ion. poet.), auch als Sportterminus, s. Jüthner WienStud. 53, 68ff.; ἅλσις ‘das Springen’ (Hp., Arist. usw.). — Aus *ἅλ-ιομαι und mit lat. salio identisch. Weitere Verwandte (WP. 2, 505) sehr fraglich. In Betracht kommt immerhin aksl. slьpatiἅλλομαι’ mit slov. slâp (aus *solpo-) ‘Wasserfall, Schwall, Woge’. Verfehlt Specht KZ 68, 124: slav. p wechsele mit μ in ἅλμα, da das griechische Verbalnomen natürlich eine einzelsprachliche Neuerung ist. I-76

ἄλλος ‘anderer’. Abstraktbildung ἀλλότης f. (Arist. Komm.) — Adjektivbildung auf -οῖος (nach τοῖος, ποῖος, οἷος) ἀλλοῖος ‘andersartig, verschieden’ (ion. att.); davon ἀλλοιότης ‘Verschiedenheit’ (Hp., Pl.) und ἀλλοιώδης ‘von fremdem Aussehen’ (Aret., Vett. Val.). Denominatives Verb ἀλλοιόω ‘verändern’ (ion. att.) mit ἀλλοίωσις ‘Veränderung, Verschiedenheit’ (Pl., Arist. u. a.), ἀλλοίωμα ‘ds.’ (Damox.) und ἀλλοιωτικός (Arist., Gal.). — Über ἀλλάσσω s. bes. — Mehrere Adverbbildungen: ἄλλοθεν usw., ἀλλαχῇ usw. Zu ἀλλοδαπός s. bes. — Durch Wiederholung entstanden ἀλλήλων (Schwyzer 446 A. 8, 614). — Von einem Adverb auf -τρ-, das der Bildung nach aind. anyá-tra ‘anderswo’ entspricht, stammt ἀλλότριος ‘alienus, anderen gehörig, fremd’ (seit Il.). Davon wiederum ἀλλοτριότης (Pl., Arist. u. a.), ἀλλοτριόω (ion. att.) mit ἀλλοτρίωσις (Th., hell.). Schwyzer 326 Zus. 5, 630f. : 6. — Aus dem Neutr. ἄλλα stammt die Partikel ἀλλά (Schwyzer-Debrunner 578). — Über ἀλλο- in ἀλλο-φρονέω, ~-φάσσω vgl. ἠλάσκω. — ἄλλος, kypr. αἶλος entspricht ganz arm. ayl, lat. alius, got. aljis, air. aile ‘anderer’ (gall. Allo-broges), toch. B alye-k, A ālak (mit sekundärer Entpalatalisierung nach mättak ‘selbst’, Pisani Ist. Lomb. 75, 8). Fraglicher Versuch, ἄλλος mit aind. aryá- (urspr. Bedeutung unbekannt, eig. ‘fremd’?) zusammenzustellen bei Specht KZ 68, 42ff. Neben idg. *ali̯o- steht *ani̯o- in aind. anyá- ‘anderer’. Hypothesen über ihr gegenseitiges Verhältnis bei Debrunner REIE 3, 1ff. I-76-77

ἄλμα (Lyk. 319) = ἄλσος, s. d. I-77

ἀλοάω ‘dreschen’ s. ἀλωή. I-77

ἀλόη f. ‘Aloe’ (Dsk., Plu. u. a.). — Wie ἀγάλοχον (s. d.) orientalisches LW aus unbekannter Quelle. Vgl. außer der dort genannten Lit. auch Lewy Fremdw. 36. I-77

ἄλοξ, -κος ‘Furche’ (Trag., Kom.). Mehrere Nebenformen: αὖλαξ (Hes., Hdt., Pi. usw.) ὦλκα, -ας Akk. sg. und pl. (ep.), ὦλαξ EM 625, 37, als dorisch bezeichnet, aus der Lit. nur durch das Komp. ὁμ-ώλακες (A. R. 2, 396, nach den Scholl. dor.) bekannt. Ferner εὐλάκᾱ ‘Pflug’ mit dem lakon. Fut. inf. εὐλαξεῖν (Orac. ap. Th. 5, 16). Umbildung zum -Stamm mit gleichzeitiger Aspiration des Gutturals auch in αὐλάχα· ἡ ὕννις H. Außerdem ὄλοκες (cod. ὀλοκεύςαὔλακες H. f. Ableitungen: ἀλοκίζω ‘Furchen ziehen, pflügen’ (Ar., Lyk.); αὐλακίζω ‘ds.’ (Pap. usw.) mit dem Verbalnomen αὐλακισμός (Pap.). Außerdem von αὖλαξ die seltenen und späten Nomina αὐλακόεις (Max.), αὐλακώδης (Eust.), αὐλάκιον Demin. (Schol.). — Das Verhältnis der verschiedenen Formen zueinander kann nicht mit völliger Sicherheit festgestellt werden. Nach Solmsen Unt. 258ff. steht ep. ὦλκα(ς) für *ἄολκα(ς) aus *ἄϝολκα(ς) mit sekundärer Kontraktion (κατὰ ὦλκα Ν 707 für ursprüngliches *κατἄϝολκα). Durch Umstellung von *ἀολκ- wäre ἄλοξ entstanden. Neben der Vollstufe *ἀ-ϝολκ- stehe die Schwundstufe *ἀ-ϝλακ- in αὖλαξ und, mit verschiedener Vokalprothese, *ἐ-ϝλακ- in εὐλάκᾱ. Die übrigen Formen seien durch Verschränkungen hervorgegangen. (Verfehlt v. Blumenthal Hesychst. 43.) — Nach Pisani IF 53, 29 gehört αὖλαξ zu αὐλός und ist von ἄλοξ und den übrigen Formen zu trennen. ἄλοξ usw. gehört als altes ablautendes Wurzelnomen zu dem in lit. velkù, aksl. vlěkǫ, aw. varək- ‘ziehen, schleppen’ vorliegenden Verb, Grundbedeutung also ‘die (sich) Ziehende’. Eine Parallelbildung liegt in ἕλκω (idg. selq-) vor. Die Versuche, idg. u̯elq- und selq- in eine gemeinsame Grundform su̯elq- hineinzuzwingen (zuletzt Specht KZ 66, 25f.), haben wenig Wert; eher liegen alte Reimwörter vor. I-77

ἁλοσύδνη f. Beiwort der Thetis Υ 207, der NereidenA. R. 4, 1599, Name einer Seegöttin δ 404. Eigentliche Bedeutung unsicher; — oft mit ἅλς und ὕδωρ verbunden als "Meereswoge", s. ὕδωρ. — ὕδναι· ἔγγονοι, σύντροφοι und ὕδνης· εἰδώς, ἔμπειρος H. sind natürlich aus ἁλοσύδνη erschlossen. I-77-78

ἄλπνιστος Pi. I. 5 (4), 12; ἔπαλπνος Pi. P. 8, 84 = ἡδύς, προσηνής (Sch.); ἀλπαλέον· ἀγαπητόν H., woraus ἁρπαλέος durch Dissimilation entstanden sein kann, vgl. ἁρπάζω. Hierher auch nach Bechtel Namenstudien 5f. der Name ’Αλπονίδης (Inschr. Karthaia). — Statt ἄλπνιστος will Wackernagel KZ 43, 377 mit guten Gründen *ἄλπιστος lesen, das somit eine regelrechte, auf der Schwundstufe (vgl. unten) gebaute primäre Superlativbildung wäre und tatsächlich als Eigenname überliefert ist (A. Pers. 982; Text allerdings lückenhaft). Als Hinterglied enthält ἔπ-αλπνος einen r-n-Stamm *ἄλπαρ, ἀλπν-, woneben ἀλπαλέος wie πιαλέος neben πῖαρ, πίων (vgl. *Ἄλπων in ’Αλπονίδης). Vgl. Benveniste Origines 15; ungenügend Bechtel l. c. und Strömberg Greek Prefix Studies 94f. S. auch Seiler Steigerungsformen 79f. ἀλπ- aus *ϝαλπ- gilt als Schwundstufe von *ϝελπ- in ἔλπομαι, ἐλπίς, s. d. I-78

ἅλς, ἁλός ‘Salz’ (sehr oft Plur.), f. (nur Sing.) als poetische Benennung des Meeres (nach θάλασσα oder als Kollektivum?); seit Arist. ἅλας, -ατος n. aus dem Akk. plur., s. zuletzt Leumann Hom. Wörter 160f. m. Lit. m. Mehrere Ableitungen. 1. ἅλ-μη ‘Salzwasser, Salzlake’ (seit Od., vgl. Chantraine Formation 148) mit zahlreichen Ablegern: ἁλμαία ‘ds.’ (Ar., Nik.), ἁλμάς (ἐλαία) ‘eingepökelte Olive’ (Kom. usw.), ἁλμυρός ‘salzig, bitter’ (seit Od.), nach Schwyzer 482: 6 aus *ἁλυρός (vgl. ἁλυ-κός) umgebildet; von ἁλμυρός stammen ἁλμυρώδης, ἁλμυρότης und die Verba ἁλμυρίζω, ἁλμυρόω, außerdem noch ἁλμυρίς f. ‘salziger Boden, salzige Flüssigkeit’ usw., vgl. πλημυρίς und ἁλιμυρήεις (s. μύρομαι), außerdem Chantraine 231; von ἅλμη ferner ἁλμήεις (A.) und ἁλμεύω ‘einpökeln’ (Dsk.) mit ἅλμευσις, ἁλμευτής. — 2. ἅλιος, (-α), -ον ‘zum Meere gehörig’ (ep. poet.) mit ἁλιάς f. ‘Fischerkahn’ (Arist., D. S.). — 3. ἁλία f. ‘Salzfaß’ (Kom., hell.). — 4. ἅλινος ‘aus Salz bestehend’ (Hdt., Str.). — 5. ἅλιμος ‘zur See gehörig’ (Trag. adesp., LXX), ἅλιμον Pflanzenname, vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 20, Strömberg Pflanzennamen 97, 114. — 6. ἁλίτης ‘salzig, zur See gehörig’ s. Redard Les noms grecs en -της 39, 88, 110f. — 7. ἁλίζω ‘salzen’ (Arist. usw.) mit ἁλισμός (Sor.), dagegen nicht ἄλισμα ‘Alisma plantago’ (Dsk.), s. Strömberg 115 (unerklärt). — 8. Nach ἅλιος, ἅλινος u. a. und in Anlehnung an ἁλι- als Vorderglied (für ἁλ- nach den i-Stämmen, nicht lokativisch mit Schwyzer 476 : 5, 1; s. auch Boßhardt Die Nomina auf -ευς 32) ἁλιεύς ‘Fischer’ (seit Od.) mit ἁλιεύω ‘fischen’ (LXX, NT, Plu. usw.), -εύομαι (auch Kom.), und ἁλιευτικός ‘Fischern od. dem Fischen gehörig’ (Pl., X., hell.); von ἁλιεύω wiederum ἁλιευτής ‘Fischer’ (Kerk.), von ἁλιεύς oder ἁλιεύω : ἁλιεία ‘Fischfang’ (Arist., Str.), von ἁλιεύω : ἁλίευμα ‘ds.’ (Str.). — 9. ἁλι-άδης ‘Seemann’ (S. lyr.). — 10. ἁλι-αρός ‘salzig’ (Eust.). — 11. ἁλυ-κός ‘salzig’ (Hp., Arist. u. a.) mit ἁλυκότης (Arist.), ἁλυκίς f. ‘Salzquelle’ (Str. u. a.), ἁλυκώδης (Hp.; auch Thphr. HP 9, 11, 2 für codd. ἁλικώδης zu lesen), ἁλυκεία ‘das Einsalzen’ (Ptol.); die u-Erweiterung wird auch im Flußnamen Ἅλυς vermutet. — 12. Vom Neutr. τὸ ἅλας stammen die späten Bildungen ἁλάτιον (Demin.), ἁλάτινος, ἁλατίζω und ἁλατικόν ‘salarium’ (Gloss.). — Zur Bedeutung von ἅλς s. Lesky Herm. 78, 260ff., Blümner Philol. 26, 447, Kopp Das physikal. Weltbild d. frühen griech. Dichtung. Diss. Freiburg (Schweiz) 1939, 75. Altes Wort, das in den meisten idg. Sprachen erhalten ist: lat. sāl (sekundäre Längung), arm. (i-Stamm), lett. sāls, aksl. solь (i-Stamm, wohl sekundär neben dem Konsonantstamm in slanъ ‘gesalzen’ aus *solnъ), toch. B salyiye, A sāle. Eine d-Erweiterung in got. salt ‘Salz’ usw., arm. aɫt, und im Balt.-Slav., z. B. lit. sald-ùs ‘süß’, aksl. sladъ- ‘ds.’; zur Bedeutung s. J. Schmidt Pluralbild. 182. Auf Grund von aksl. slanъ, air. salann ‘Salz’, gr. ἅλασιν ὕει (Suid.) setzt Schmidt a. a. O. einen obliquen Stamm *sal-n- neben den Nom. *sal-d oder *sal-i an, eine unsichere Annahme, für die jedenfalls der anscheinend späte griechische Ausdruck keine Stütze bilden kann. S. auch, mit teilweise hypothetischen Annahmen, Benveniste Origines (Index 217). — Das Wort fehlt im Indoiranischen, sofern nicht aind. salilá- n. ‘Meerflut’ als *‘salzig’ hierher gehört (Thieme KZ 69, 215 A. 1). I-78-79

ἄλσος n. ‘(heiliger) Hain, geweihte Stätte’ (seit Il.). Ableitungen: ἀλσώδης ‘zum Hain gehörig’ (E. in lyr., Thphr. usw.), ἀλσηΐδες νύμφαι (A. R., nach Νηρηΐδες usw.); ἀλσίνη ‘Parietaria lusitanica’ (Thphr., Dsk.); ἄλσωμα und ἀλσών = ἄλσος (Aq.). — Unerklärt. Der Name des hl. Tempelbezirks in Olympia Ἄλτις f., der nach Paus. 5, 10, 1 mit ἄλσος gleichbedeutend ist, legt für ἄλσος eine Grundform *ἄλτι̯ος nahe; das synonyme ἄλμα (Lyk.) erklärt sich formal am einfachsten aus ἀλ- ‘nähren’ (s. ἀλδαίνω, ἀλθαίνω). Ἄλτις und ἄλσος mithin eigentlich Verbalnomina "Wuchs, Wachstum", was indessen semantisch ziemlich blaß und nichtssagend wäre. S. außer Bq WP. 1, 90 A. 1, wo auch andere Deutungen erörtert werden. I-79

ἄλυζα · ἄλυπον H. — Hypothese bei v. Blumenthal Hesychst. 34 : aus *ἀ-λυγ-ι̯α zu λυγρός, λευγαλέος. I-79

ἀλυκτοπέδη (Hes., A. R., AP usw.) Bezeichnung einer Fessel, wahrscheinlich nach dem Vorbild von ἱστοπέδη (Od.) gebildet, s. Risch IF 59, 26 m. Lit. — Vorderglied nicht ganz klar; nach Schulze KZ 28, 280 (= Kl. Schr. 360) zu aind. ruj- ‘brechen’, was von Risch nicht ohne Grund bezweifelt wird, indem er dafür einer Kontamination von ἄλυτος und ἄρρηκτος (πέδας ... ἀρρήκτους ἀλύτους Ν 36f.) unter Mitwirkung von ἀλύσκω, ἀλύξω das Wort redet. I-80

ἅλυσις f. ‘Kette, Fessel, Kettenschmuck’ (ion. att.). Davon die hellen. Deminutiva ἁλύσιον und ἁλυσίδιον, außerdem ἁλυσιδ-ωτός ‘aus Ketten bestehend’ (Plb., D. S. usw.) und ἁλυσηδόν ‘in Ketten’ (Man.). — Eigentlich ‘Windung’ aus *ϝάλυ-τις, zu ϝέλυ-τρον ‘Umwindung’, εἰλύω ‘umhüllen’ (s. d.) usw. Frisk Eranos 43, 225ff. I-80

ἄλυσσον n. Pflanzenname (Dsk. usw.). — Von α privativum und λύσσα ‘Wut’, wegen der angeblichen Heilkraft des Samens (Dsk. 3, 91). Vgl. Strömberg Pflanzennamen 91. I-80

ἀλύτας m. = ῥαβδοφόρος ἢ μαστιγοφόρος (EM 72, 15), elische Polizeibehörde (Inschr., EM). Davon wahrscheinlich als Denominativum ἀλυτᾶται (cod. ἀλύταταιπαρατηρεῖ H. Kompositum ἀλυτάρχης ‘Befehlshaber der ἀλύται’ (Inschr., Luk.). — Aus *ϝαλυ-τᾱς "Stabträger" zu got. walus ‘Stab’, awno. vǫlr ‘runder Stab’ s. Bechtel Dial. 2, 863, Gött. Nachr. 1920, 247; nach Krahe Glotta 22, 123f. illyrischer Herkunft. I-80

ἀλύω nur Präsensstamm bis auf ἀλαλύσθαι· φοβεῖσθαι, ἀλύειν H., ‘außer sich sein’, vor Schmerz, vor Angst, gelegentlich auch vor Freude, ‘irren’ (poet. seit Il., späte Prosa). Nominale Ableitungen, vorwiegend von den Medizinern gebraucht: ἀλυσμός mit ἀλυσμώδης, ἄλυσις, ἀλύκη ‘Angst, Unruhe’; s. auch ἀλάλυγξ. Retrograde Bildung ἄλυς ‘Unruhe’, auch ‘Langeweile’ (Hp., Zeno, Plu. u. a.). — Verbale Bildungen: ἀλύσκω mit ἀλυσκάζω und ἀλυσκάνω s. 2. ἀλέα. — ἀλύσσω, Fut. ἀλύξω = ἀλύω (ep. ion.), -σσω wohl nur erweiternd; Stamm ἀλυκ-, vgl. ἀλύκη, jedoch nicht ausgeschlossen. Ein κ-Element auch in ἀλυκ-τέω, Perf. ἀλαλύκτημαι (ep. ion.) ‘sich ängstigen’ und in dem erweiterten ἀλυκτάζω ‘sich ängstigen, irren’ (B., Hdt.), vgl. Schwyzer Mélanges Pedersen 70, Bechtel Lex. s. ἀλύω. — Weiterbildungen auf -στάζω, -σταίνω (vgl. Schwyzer a. O., Gramm. 706 : 4) : ἀλυστάζω· ἀλύω H. und ἀλυσταίνω, ἀλυσθαίνω H., EM; die Form mit θ (auch Nik.) vielleicht in Anlehnung an ἀσθενής, -έω, vgl. ἀλυσθένεια· ἀσθένεια EM 70, 45. Außerdem ἀλυσθμαίνω ‘schwach, krank sein’ (Kall.) und ἀλυδμαίνειν· ἀλύειν, ἀπορεῖν H.; Näheres bei Debrunner IF 21, 23. — ἀλύω wird wie ἀλέομαι (s. 2. ἀλέα) als eine u-Erweiterung (Vorbild?) von ἀλ- in ἀλάομαι (s. d.) betrachtet. Über die verfehlte Zusammenstellung mit aind. roṣati ‘aufgebracht sein’ s. WP. 1, 88 A. 1, Pok. 27 A. 2. I-80-81

ἄλφα (Pl., Arist. usw.) n. — aus dem Sem.; vgl. hebr. ’aleph mit hinzugefügter Vokalstütze (Schwyzer 140 γ m. Lit.). Ebenso βῆτα vgl. hebr. bêth. Durch Zusammensetzung ἀλφάβητος m. f.; näheres bei Schwyzer KZ 58, 199ff. I-81

ἀλφάνω (Kom., E.), ἀλφαίνω (H., EM), Aor. ἀλφεῖν (seit Hom.) ‘verdienen, erwerben’. Ableitung: ἀλφή ‘Erwerb’ (Lyk.), ἄλφησις (Gloss.). — Hierher oder zu ἄλφι das in Opposition zu ὠμηστής gebildete ἀλφηστής in dem ep. Ausdruck ἀνέρες ἀλφησταί (Od. u. a.), auch als Fischname (Epich. u. a.), mit ἀλφηστικός (Arist. u. a.), vgl. Strömberg Fischnamen 56L, wo Zusammenhang mit ἀλφαίνω im Sinn von ‘ἀμείβω, ἀντικαταλλάσσω’ (unverwandt; zu ἀλφός?) vermutet wird. Der thematische Aorist ἀλφεῖν fällt bis auf den Akzent lautlich mit aind. árhati ‘verdienen’ zusammen und hatte vielleicht vor dem Aufkommen von ἀλφάνω präsentische Geltung. ἀλφή stimmt formal ganz zu lit. algà ‘Lohn’, ist aber damit nicht urverwandt, sondern parallele griechische Neubildung. Nach Fraenkel Gnonom 22, 236 enthalten die griech. Wörter sonant. im Gegensatz zu der Vollstufe (el-, ol-) der indoir. und balt. Wörter. — Ausführlich über ἀλφάνω Froehde BB 3, 12f. I-81

ἄλφι ‘Gerstengraupen, Gerstenmehl’ (h. Cer. 208), Pl. ἄλφιτα (seit Il.),woraus ein neuer Sing. ἄλφιτον, bei Hom. nur im Ausdruck ἀλφίτου ἀκτή. Ursprünglicher Plural vielleicht *ἄλφατα als i-n-Stamm wie aind. ásth-i, asth-n-ás ‘Knochen’, vgl. ἀλίφατα· ἄλφιτα ἢ ἄλευρα H. n. Ableitungen: ἀλφιτηρός (Antiph., Herod.), ἀλφιτεύς ‘Müller’ (Hyp.), ἀλφιτεύω ‘Gerste mahlen’ (Hippon.) mit ἀλφιτεία (Hyp., Poll.) und ἀλφιτεῖον (Poll., AB). Außerdem ἀλφιτισμός ‘das Einmischen von Gerstengraupen’ (Inschr. Delos) wie von *ἀλφιτίζειν; ἀλφιτηδόν (Dsk.). — ἄλφι kann mit alb. elp, elbi ‘Gerste’ (aus idg. *albhī N. pl.) identisch sein, s. zuletzt Jokl Festschrift Kretschmer 92. Hierher auch nach Vasmer Stud. z. alb. Wortforschung 1 (Dorpat 1921) 16ff. turko-tatar. usw. arba ‘Gerste’ aus iran. *arbi. ἄλφι hängt wahrscheinlich mit ἀλφός zusammen (vgl. λεύκἄλφιτα Σ 560), s. Osthoff IF 8, 66f. m. Lit., außerdem Specht Ursprung 68 und 114. Zur Bedeutung noch Moritz Class. Quart. 43, 113ff. I-81

ἀλφός m. ‘weißer Ausschlag, lepra’ (Hes., Hp., Plat., Thphr.). Ableitung ἀλφώδης ‘leprosus’ (Gal., Vett. Val.). Als Adj. bei Hesych: ἀλφούς· λευκούς, daneben ἀλωφούς· λευκούς. Davon ἀλφινία· ἡ λεύκη. Περραιβοί H. — ἀλφός ist mit lat. albus, umbr. alfu ‘alba’ identisch; eine Erweiterung mit idg. d-Suffix (s. κεμάς) liegt vor im germ. und slav. Wort für ‘Schwan’, z. B. ahd. albiz, aksl. lebedь. Unter den zahlreichen Ortsnamen, die hierhergezogen worden sind, sind besonders zu erwähnen die Flußnamen ’Αλφειός, lat. Albula, ferner lat. Albis = nhd. Elbe, auch ano. elfr ‘Fluß’ als Appellativ, falls eig. "Weißwasser" (vgl. Schulze BerlAkSb 1910, 797 = Kl. Schr. 120f.,WP. 1, 93, Pok. 30); zu den Flußnamen jetzt besonders Krahe Beitr. z. Namenforschung 4, 40ff. — Die Form ἀλωφός (H.) kann an und für sich an arm. aɫawni ‘Taube’ (idg. *alə-bh-n-) angeknüpft werden; auf eine zweisilbige Wurzel vor -bh- scheint auch die Intonation von serb. läbûd ‘Schwan’ zu führen (Pedersen KZ 38, 313). Hierher wohl auch ἄλφι (s. d.). Ausführlich über ἀλφός Osthoff IF 8, 64ff. — Da idg. bh als Suffix in Farbenbezeichnungen sehr verbreitet ist, öffnet sich die Möglichkeit, al()- als Stammelement abzusondern, wodurch eine Brücke zu den verschiedenartigsten Farbenbezeichnungen und Bezeichnungen farbiger Gegenstände geschlagen wird, s. insbesondere die z. T. sehr abenteuerlichen Spekulationen bei Specht Ursprung 114f. I-81-82

ἀλωή f. ‘Tenne, bebautes Land, Garten’ (ep.), auch ‘Hof (um Sonne und Mond)’ (Arat.). — Herkunft unbekannt. Die kyprische Hesychglosse ἄλουα· κῆποι, womit kypr. a.la.vo (= ἀλϝω?) irgendwie zusammenhängt (Hoffmann Dial. 1, 71), läßt auf ein ursprüngliches *ἀλωϝη schließen, dessen Verhältnis zu ἅλως mehrdeutig ist; viell. ω aus ōu̯ (Schwyzer 479 : 7 mit A. 7). Nach Schwyzer l. c. eigentlich ‘Rund’, zu idg. u̯el(u)- ‘winden’, aber dann müssen die kyprischen Wörter ausscheiden. Weitere, noch unsicherere Anknüpfungen bei Bq, WP. 2, 407f. m. Lit., bes. Solmsen Unt. 104ff. Auch semantisch sind ἀλωή und ἅλως noch der Erklärung bedürftig. Daneben ἅλως, Gen. -ω, auch -ωος und -ωνος, zu welch letzterem ein neuer seltener Nom. ἅλων, ‘Tenne’, auch ‘Getreide auf der Tenne’ (Pap.), übertragen ‘Rundung’ von verschiedenen Gegenständen (Schildrand, Sonnen- und Mondscheibe, Vogelnest, Sonnen- und Mondhof usw.; ion. att.). — Ableitungen: ἁλωεύς ‘Landwirt, Bauer’ (A. R., Arat., bei Hom. als Eigenname); ἁλωεινός (AP) und ἁλώϊος (Nik.) ‘zur Tenne gehörig’, ‘Αλωιάς, Beiname der Δηώ (Nonn.). — ἁλων-ία ‘Tenne, Getreide auf der Tenne’ (Pap., Ath. u. a.), Demin. ἁλών-ιον (Gp., Hdn.); ἁλων-ικός (Pap., Ed. Diocl.). Denom. ἁλων-εύομαι (App.), ἁλωνίζω (H.) ‘auf der Tenne arbeiten’. — Vom Vokalstamm abgeleitet ἀλοάω, ep. ἀλοιάω ‘dreschen, zerschlagen’, auch als Hinterglied in πατρ-αλοίας usw. (att. und spät, Schwyzer 451 : 4). Davon ἀλοησμός ‘Dreschen’, ἀλοητής ‘Drescher’, ἀλόητρα pl. ‘Drescherlohn’, sämtliche aus den Pap. bekannt. Auch ἀλοιητήρ ‘Drescher’ (Nonnos, AP), ἀλο(ί)ησις (EM, Gloss.). I-82-83

ἀλώπηξ, -εκος f. ‘Fuchs’ (ion. att.). Mehrere Ableitungen, alle ziemlich spärlich belegt: Demin. ἀλωπέκιον (Ar.); ἀλωπεκέη, -ῆ ‘Fuchsbalg’ (Hdt. u. a.); ἀλωπεκία Name einer Haarkrankheit (Arist.), in dieser Bedeutung auch ἀλωπεκίασις (Gal.), vgl. Holt Les noms d’action en -σις 137 A. 3; ἀλωπεκίας m. ‘mit dem Zeichen des Fuchses gebrandmarkt’ (Luk.); ἀλωπεκίς f. = κυναλώπηξ (X.), auch ‘Kopfbedeckung aus Fuchsfell’ (X.) und ‘Art Weinrebe’ (Plin.); in der letztgenannten Bedeutung auch ἀλωπέκεως (H.), wohl mit Anspielung auf die Fabel des Aisopos (Strömberg Pflanzennamen 139); ἀλωπεκιδεύς m. ‘junger Fuchs’ (Ar.), vgl. Chantraine Formation 364; außerdem die Adjektiva ἀλωπέκειος (Gal. u. a.), ἀλωπεκώδης (H., EM). — Ferner das Denominativum ἀλωπεκίζω ‘sich als Fuchs benehmen’, d. h. ‘hinterlistig sein’. — ἀλώπηξ, -εκος entspricht bis auf den Stammauslaut arm. aɫuēs ( sekundäre Dehnung), Gen. -esu ‘Fuchs’. In Betracht kommen auch andere Wörter für ‘Fuchs’ oder ähnliche Tiere, zunächst lit. lãpė und lett. lapsa (mit s aus idg. = gr. κ?). Aind. lopāśá- ‘Schakal’ und mp. rōpās ‘Fuchs’ weichen im Vokal ab (urspr. Diphthong). Noch entlegener sind lat. volpes ‘Fuchs’, lit. vilpišỹs ‘wilde Katze’. Es ist unmöglich, diese Wörter auf einen Nenner zu bringen. Falls alle überhaupt miteinander verwandt sind, muß es sich z. T. um Entlehnungen, vielleicht auch um absichtliche Verdrehungen in euphemistischer Absicht handeln. Lit., außer WP. 1, 317f., Nehring Glotta 14, 184, Lidén KZ 56, 212ff., Fraenkel KZ 63, 189f., Hermann KZ 69, 66. — Eine Kurzform ist ἀλωπά (Alk., H.), ἀλωπός (Hdn.), vgl. Schulze KZ 52, 311; eine Vermutung über die Entstehung bei Sommer Nominalkomp. 5 A. 5. Davon ἀλωπεύει· ἀνιχνεύει H., vgl. ngr. (Kreta) λαγονεύω ‘nachspüren’ von λαγώς, Kukules ’Αρχ. ’Εφ. 27, 70f. I-83

ἅμα ‘zusammen, zugleich’. Ableitung ἄμυδις (äol.) ‘zusammen’. — Enthält die Schwundstufe des in εἷς, ὁμός vorliegenden idg. sem-, som-. Über das unklare auslautende -α s. Schwyzer 622 : 8. Neben ἅμα steht dor. ἁμᾶ, eig. Instrumental, s. Schwyzer 550. — Vgl. 2. ἀμάομαι und die ebenda genannten Wörter. I-83

Αμαζών, -όνος, gew. pl. (seit Il.) mit den Ableitungen ’Αμαζονίδες (Pi., Kall.), ’Αμαζονικός und ’Αμαζόνιος (beide spät). — Nicht sicher erklärt. Nach Lagercrantz Xenia Lidéniana (1912) 270ff. aus einem iranischen Volksnamen *ha-mazan- eig. Appellativ ‘Krieger’, vgl. ἁμαζακάραν (ir. kar- ‘machen’)· πολεμεῖν. Πέρσαι H. Vgl. μάχομαι. — Unwahrscheinlich Jacobsohn KZ 54, 278ff.: echthellenisch aus *a-mangi̯on- "die Mannlose", zu aksl. mǫžь ‘Mensch’ usw. I-83-84

ἄμαθος f. ‘Sand’ (ep.). Davon ἀμαθῖτις f. ‘im Sande lebend’ (κόγχος, Epich.), auch ON (J., s. Redard Les noms grecs en -της 164); ἀμαθώδης ‘sandig’ (Str.), ’Αμαθοῠς kypr. ON. Denominatives Verb ἀμαθύνω ‘zu Staub machen, (als Sand) zerstreuen’ (ep. poet.). — Wahrscheinlich mit Hauchdissimilation zu mhd. sampt aus idg. *samədho-; daneben mit urgerm. Assimilation md > nd nhd. sand usw. Gewöhnlicher als ἄμαθος ist ψάμαθος, das wie ψάμμος zu ψῆν usw. gehört; daneben das jüngere ἄμμος. Zwei ursprünglich verschiedene Wörter sind wahrscheinlich wechselseitig miteinander kontaminiert worden, s. Güntert Reimwortbildungen 119f. I-84

ἀμαιμάκετος, (-η), -ον episches Beiwort unsicherer Bedeutung; vom Epos drang es auch in die lyrische Sprache ein. — Wegen der nicht näher feststellbaren Bedeutung schweben alle Erklärungsversuche in der Luft (: μακρός, μαιμάω, μάχομαι?, s. Bechtel Lex., Debrunner GGA 1910, 12). Da das Wort wahrscheinlich schon den Rhapsoden nicht recht verständlich war, wurde es in verschiedenen Zusammenhängen ziemlich willkürlich gebraucht. I-84

ἀμαλδύνω ‘zerstören, schwächen, entstellen’ (ep. ion.). — Wahrscheinlich faktitives Denominativ von *ἀμαλδύς, bis auf den (prothetischen?) Anlautsvokal = lat. mollis (< *moldu̯is), aind. mr̥dú-; mit anderem Ablaut arm. meɫk. Falls nicht prothetisch, könnte ἀ- im Anschluß an die Privativbildungen hinzugefügt sein (oder nach ἀμαλός?). Neben *ἀ-μαλδύς steht, mit anderer Behandlung des sonantischen l, βλαδύς in βλαδεῖς (s. d.)· ἀδύνατοι ἐξ ἀδυνάτων H., wohl auch in βλαδέα (Konj. Hp. Aër. 20); ferner, nach einer glaubhaften Vermutung bei Gal. 19, 88, βλαδαρός < *μλαδ- ‘schlaff’, mit dem bekannten Suffixwechsel υ : ρο (αἰσχύνη : αἰσχρός). Vgl. μέλδομαι, μαλθακός, außerdem ἀμαλός und ἀμβλύς, des weiteren auch βλέννα und μύλη. Ältere Lit. bei Bq und WP. 2, 288. I-84

Αμάλθεια, ion. -είη oder -ίη f. Mythisches Wesen (Jungfrau, Nymphe), aus dessen nie versiegendem Horn u. a. das Zeus-Kind ernährt wurde (ion. att.). Davon ’Αμαλθεῖον Landhaus des Atticus in Epirus (Cic.). Retrogrades Verb ἀμαλθεύω = τρέφω (S., H., EM). — ’Αμαλθείη geht wahrscheinlich auf ’Αμαλθεσ-ία zurück; durch sekundäre Umbildung entstanden ’Αμαλθίη und ’Αμάλθεια (Schwyzer 469: 4; kaum richtig Wackernagel Syntax 2, 288). Grundwort also *ἀ-μαλθής zu *μάλθος, das formal = aind. mŕ̥dhas- n. etwa ‘Vernachlässigung, Fehlschlag, Mangel’ sein könnte. Vgl. μαλθακός. I-84-85

ἄμαλλα f. ‘Garbe’ (Soph. u. a.). ἀμαλλοδετήρ ‘Garbenbinder’ Il. Davon ἀμαλλεύω ‘Garben binden’ (EM) und ἀμαλλεῖον (ἀμάλλιον) (Kall. Kom., H., Eust.). — Femininableitung auf -ι̯α von einem l-Stamm, der ehestens an ἀμάομαι ‘sammeln, häufen’ und ἅμα anzuknüpfen ist; zur Bildung vgl. lat. simul usw. Solmsen Wortforschung 193f. I-85

ἀμαλογία v. l. Alkiphr. 4, 18, 10, Gloss. f. (= ἀβδηριτισμός, garrulitas). Von ἀμαλόγος· φλύαρος, garrulus (Gloss.). — Nicht sicher erklärt. Nach Latte Glotta 32, 37f. (mit Wilamowitz) haplologisch für *ἀμαλλολογία eig. ‘Garbenlese’, dann ‘das dabei gesungene Lied’ = ‘Geschwätzigkeit’. Sehr hypothetisch. I-85

ἀμαλός ‘schwach, zart’ (ep. poet.). Davon wahrscheinlich ἀμαλ[λ]οῖ· ἀφανίζει H. und ἀμαλάπτω (S., Lyk.), nach βλάπτω, δάπτω, s. Debrunner IF 21, 212. — Nicht sicher gedeutet. Vielleicht zu einer Sippe ‘zerreiben, mahlen’ (s. μύλη) und mit ἀμαλδύνω (s. d.) indirekt verwandt. Man zieht hierher auch ἀμβλύς ‘kraftlos, stumpf’ aus *ἀ-μλ-ύς. In beiden Wörtern wäre somit ἀ- als prothetisch zu betrachten. Vgl. Winter Prothet. Vokal 31. S. auch μαλακός. I-85

ἀμάμαξυς, -υ(δ)ος f. ‘die an zwei Pfählen hochgezogene Weinrebe’ (Sapph., Epich.). — Unerklärt. I-85

ἁμαμηλίς, -ίδος f. ‘eine Baum- oder Strauchart mit eßbaren Früchten’, vielleicht ‘Mispel’ (Hp., Aristomen., Ath. 14, 650 c-e). — Aus der ausführlichen Beschreibung bei Ath. geht hervor, daß die Gewährsmänner über die Bedeutung uneinig waren, und ebenso, daß die Form wechselt (ὁμομηλίς, ἐπιμηλίς). Jedenfalls Femininableitung eines *ἁμά-μηλος mit Beziehung auf μῆλον. I-85

ἀμάναν · ἅμαξαν H. — Nach v. Blumenthal Hesychst. 34 aus einer unbekannten idg. Sprache (Grundform *sm̥-aks-nā) und mit ἅμαξα verwandt. Sehr fraglich. — Nach Bănăt̨eanu REIE 3, 145 kleinasiatisch. I-85

ἀμάνδαλον = ἀφανές (Hdn. aus Alk.), davon ἀμανδαλοῖ· ἀφανίζει, βλάπτει H. — Nach Hdn. zu ἀμαλδύνω; ebenso (zweifelnd) Brugmann Grundr.2 1, 437 (aus *ἀμάλδαλος dissimiliert). I-85

ἅμαξα f. ‘(vierrädriger Last)wagen’ im Gegensatz zu ἅρμα, dem zweirädrigen Streitwagen (ion. att. seit Il.). Mehrere Ableitungen: ἁμαξίς f. (Hdt., Ar.), ἁμάξιον (Arist.), beide demin.; ἁμαξιαῖος ‘wagenlastschwer’ (D., X., Arist. usw.), zum maßbezeichnenden Suffix -ιαῖος Chantraine Formation 49; ἁμαξικός ‘zum Wagen gehörig’ (Thphr.); ἁμαξήρης eig. ‘an den Wagen gefügt’ (A. Ag. 1054), mit völliger Verblassung des Hintergliedes ‘zum Wagen gehörig’ (E. Or. 1251); ἁμαξίτης ‘zum Wagen gehörig’ (AP), ἁμαξῖτις = ἄγρωστις (Ps.-Dsk.), ἁμαξεύς ‘Kutscher’ (D. Chr.), auch ‘Zugtier’ (Plu., Philostr.). — Verb: ἁμαξεύω ‘mit einem Wagen befahren’ (Hdt. u. a.), ‘in einem Wagen fahren’ (Philostr., AP), auch ‘Kutscher sein’ (Plu., in diesem Sinne von ἁμαξεύς). — Eine Zusammenbildung mit ἰ-έναι ‘gehen’ und dem το-Suffix ist ἁμαξιτός ‘mit Wagen befahrbar’ (ὁδός, Pi., X.), gewöhnlich Subst. f. ‘Fahrstraße’ (ep. ion., Pi., S., Inschr. usw.). — Von einer urspr. Bedeutung ‘Rädergestell’ (Ω 189, 266) als Bezeichnung der beiden Räderpaare samt den Achsen ausgehend sieht Kretschmer Glotta 9, 216; 12, 216f. darin eine Ellipse für ἅμαξα κύκλα (aus ἅμα und ἄξων) mit sekundärer Singularisierung und Übertragung auf den Wagen. Zustimmend Adrados Emerita 17, 146f. mit der ansprechenden Abänderung, daß ἅμαξα eine Zusammenbildung von ἅμα und ἄξων mittels des Suffixes -ι̯α darstelle. — Die Erklärung als "Einachser" (Mermger KZ 40, 217ff., Schrijnen Neophil. 4, 277ff., Reichelt WuS 12, 113) ist mit der Konstruktion der vierrädrigen ἅμαξα nicht vereinbar. — Bănăt̨eanu REIE 3, 136f. nimmt ohne Not kleinasiatischen Ursprung an. I-85-86

ἀμάρα (ἁμ- ?), ion. ἀμάρη f. ‘Graben, Kanal’ (vorw. ep. poet.). Ableitungen: ἀμαρήιος (ὕδωρ, Nonn.), ἀμαρία (H., EM); ἀμαρεύω ‘durch Kanäle leiten’ (Aristaenet., H.), wovon ἀμάρευμα· ἀθροίσματα βορβόρου H. — Die Anknüpfung an δι-, ἐξ-αμᾶν im Sinne von ‘auf-, ausgraben’, ἄμη ‘Schaufel, Hacke’ (Schulze Q. 365f., Solmsen Wortforschung 194ff.) mit demselben Suffix wie in χαράδρα, τάφρος u. a. stößt auf gewisse formale Schwierigkeiten. Crönert s. v. erinnert an kypr. ἀμιραφι. Auffallend ist der Anklang an heth. amii̯ar(a)- ‘Kanal’ (G. Neumann bei Friedrich Heth. Wörterbuch s. v.). Orientalisches Kulturlehnwort? — Anknüpfung an alb. âmë "Flußbett" und Flußnamen wie Amantia, Amana usw. sucht Krahe Beitr. z. Namenforschung 4, 52f. I-86

ἀμά̄ρᾰκον -ος m. n. ‘Origanum Majorana, Majoran’ (Pherekr., Thphr. usw.). Ableitungen: ἀμαράκινος ‘aus M.’ (Antiph. usw.), ἀμαρακόεις ‘M.-ähnlich’ (Nik.). — Vgl. ἀβαρύ· ὀρίγανον <τὸ ἐν> Μακεδονίᾳ H. Orientalisches LW, mit aind. maruva(ka)- ‘Majoran’ verwandt. Aus dem Griech. stammt lat. amaracum, -us, mlat. maioracus, maiorana, woraus die modernen Formen. Weitere Kombinationen bei Bertoldi Riv. fil. class. 60, 338ff. I-86

ἀμαρεῖν · ἀκολουθεῖν, πείθεσθαι, ἁμαρτάνειν H. — v. Blumenthal Hesychst. 34 zerlegt das Lemma in zwei gleichlautende Worte, von denen ersteres ein Denominativum von ἄμηρος H. = ὅμηρος im ursprünglichen Sinne von ‘Begleiter’ sei, letzteres zu ἁμαρτάνειν gehöre. Sehr hypothetisch. I-86-87

ἁμαρτάνω, Aor. ἁμαρτεῖν (äol. Ind. ἤμβροτον) ‘verfehlen, sich irren’ (ion. att.). Ableitungen: ἁμαρτία ‘Fehler, Irrtum, Versehen’ (att. hell.; zur Bedeutungsgeschichte s. Hey Philol. 83, 1ff., 137ff.); im selben Sinn ἁμάρτιον (A.), ἁμαρτάς (ion. und spät), ἁμάρτημα (att. hell.), ἁμαρτωλή (Thgn., Rhian. u. a.), ἁμαρτωλία (Hp., Kom.); sekundär ἁμαρτωλός ‘Sünder’ (Arist., hell., vgl. Frisk Indogermanica 15 A. 2). Privatives Adj. νημερτής, νᾱμ- (ep. poet.) ‘unfehlbar, untrüglich’ mit νᾱμέρτεια (dor.) ‘Unfehlbarkeit’ (S., vgl. Björck Alpha impurum 128f., 230). — Bildung und Herleitung unklar. Vermutungen von Froehde BB 20, 215ff., Osthoff IF 8, 11, Sommer Lautstud. 30ff., 38 sind bei Bq in Kürze referiert. I-87

ἁμαρτή (Aristarch, sonst unrichtig -τῇ geschrieben) ‘zugleich, gleichzeitig’ (Hom., Sol., E.). Davon ἁμαρτήδην (Schol. Φ 162, H., wahrscheinlich auch Ν 584 für ὁμαρτήδην zu lesen, Wackernagel Unt. 70). — Erstarrter Instrumental eines Verbaladjektivs *ἅμαρτος ‘zusammengefügt, -treffend’ (ἀραρίσκω), wovon andererseits das denominative ἁμαρτέω ‘zusammentreffen’ (poet. seit Il.). Bechtel Lex. s. v. Anders Pisani Ist. Lomb. 77, 545ff. — In der alexandrinischen Überlieferung dringt, namentlich beim Verbum, die vielleicht aus dem Attischen stammende Form ὁμ- durch, s. Wackernagel a. a. O. I-87

ἀμαρύσσω ‘funkeln, schimmern’ (h. Merc., Hes., hell. und sp. Epiker) nur im Präsensstamm belegt. Davon verschiedene Nomina actionis: ἀμάρυγμα, äol. -χμα ‘das Schimmern, das Funkeln’ (Hes., Sapph., B., Theok. u. a.), ἀμαρυγή (ῡ metr. gedehnt) ‘ds.’ (h. Merc. usw.), ἀμάρυγξ ‘ds.’ (Hdn., H., zur Bildung Schwyzer 498 : 7). Nasaliertes Suffix auch in ’Αμαρυγκεύς (Ψ 630) und in dem dunklen ἀμαρυγκυσία· βοστρυχία H. — Ein Nomen agentis ist ἀμαρύττα· τοὺς ὀφθαλμούς H.; falls richtig überliefert wohl kret. Dual = ἀμαρύκτα ‘die Funkelnden’. — Sichere Erklärung fehlt; gewöhnlich zu μαρμαίρω (s. d.) gezogen. Jedenfalls wird -ύσσω als rein griechisches Ableitungselement aufzufassen sein, wodurch der Vergleich mit lit. mérkti ‘die Augen schließen, blinzeln’ und anderen ähnlichen Wörtern (s. Bq mit Lit.) hinfällig wird. Der anlautende ἀ-Vokal ist wie öfters von problematischer Natur, vgl. Winter Prothet. Vokal 20. I-87

ἀματα, ἅπ. λεγ. im Bundesvertrag zwischen den Ätolern und Akarnanen (SIG 421 Α 5 und 26; IIIa), — nach Soteriades (z. St.) und Schwyzer RhM 72, 434ff. = ἀδόλως und mit Baunack Philol. 65, 317f. in ἄ-ματα (vgl. αυτόματος) zu zerlegen. S. auch Kretschmer Glotta 12, 188. I-87-88

ἀμαυρός (ep. ion., poet., hell. und sp.); ‘trübe, dunkel, schwach’ (zur Bedeutung vgl. v. Wilamowitz zu Eur. Herakles 124; formale Analyse unrichtig). Nominale Ableitungen nur die seltenen ἀμαυρότης (Gal. u. a.) und ἀμαυρία = caligo (Gloss.). Denominatives Verb ἀμαυρόομαι, selten ἀμαυρόω ‘trübe usw. werden bzw. machen’ (ion., poet., hell. und sp.). Davon ἀμαύρωσις ‘Verdunkelung, Trübung’ (Hp., Arist. u. a.) und ἀμαύρωμα ‘ds.’ (Plu.). — Die synonyme Bildung ἀμαυρίσκω = ἀμαυρόω (Demokr.) hat sich nicht durchgesetzt. Neben ἀμαυρός steht das seltene μαῦρος oder μαυρός (Hdn., Gal., H.), wahrscheinlich Rückbildung aus μαυρόομαι, -όω (Hes., Thgn., A.), das durch Wegfall des Anlautvokals (vgl. die Belege bei Strömberg Wortstudien 44f.) aus ἀμαυρόομαι entstanden ist. Wertlose Vergleiche bei WP. 2, 223. Vgl. ἀμυδρός. I-88

ἀμάω 1. ‘schneiden’, bes. in ἀπ-,διαμάω ‘ab-, zerschneiden usw.’, ‘mähen, ernten’ (ep. ion. poet. und späte Prosa). Ableitungen: ἄμητος m. ‘Ernte, Erntezeit’ (ep. ion. poet.), ἀμητύς f. (Hymn. Is.), ἀμητήρ ‘Schnitter’ (Il., Theok., Nonn.), ἀμήτειρα f. (EM), ἀμητρίς f. (Poll. 1, 222). Daneben ἀμητής (Porph.). Nom. instr. ἀμητήριον ‘Sichel’ (Max. Tyr.), Adj. ἀμητικός ‘zum Schneiden geeignet’. — Ob auch ἄμαλλα ‘Garbe’ und ἀμάρα ‘Graben, Kanal’ hierher gehören, bleibt fraglich, s. dd. Ebenso ist die Zugehörigkeit von ἄμη im Sinn von ‘Schaufel, Hacke’ (Ar., Xen., Geop.) wegen der Bedeutung etwas zweifelhaft und hängt davon ab, ob δι-αμάω, ἐξ-αμάω ‘aufreißen, aufgraben’ von ἀμάω ‘mähen’ zu trennen sind; s. die Lit. unten. — Wenn ahd. māen, ags. māwan ‘mähen’ ursprünglich ‘schneiden’ bedeutet haben, bieten sie sich zum Vergleich mit ἀμάω; ἄμητος wurde sich dann fast ganz mit mhd. māt, ags. mǣ́ð ‘das Mähen’ decken. Weitere Beziehungen (lat. meto, heth. ḫamešḫ(a)- ‘Frühjahr’ usw.) sind gänzlich unsicher, s. Bechtel Lex., WP. 2, 259, Benveniste Or. 157. — In ἄμη ‘Schaufel, Hacke’ sieht Schulze Q. 365 A. 3 ein anderes Wort, das von Solmsen Wortforschung 195 u. a. mit aksl. jama ‘Grube’ verbunden worden ist; Morgenstierne Acta orientalia 7, 200 vergleicht pashto yūm ‘Spaten’. I-88

ἀμάομαι 2. ‘sammeln, häufen’ (ep. ion. poet. und späte Prosa), vorw. in Komp. ἐπ-, κατ- usw. selten ἀμάω (spät). — Erklärt sich am einfachsten als Ableitung von ἅμα; es könnte aber auch ein schwundstufiges Deverbativum sein. Jedenfalls ist ἄμη, eig. ἅμη (> lat. hama, seit Cato) ‘Wassereimer’ (Plu.) nicht das Grundwort, sondern entweder eine retrograde Bildung oder unabhängig davon entstanden. Von ἅμη stammt ἁμίς f. ‘Nachtgeschirr’ (Ar. usw.). Als weitere Verwandte kommen in Betracht ἀμνίον und ἄντλος, wohl auch ἄμαλλα (s. dd.). An ἅμη erinnert begriffsmäßig lit. semiù, sémti ‘schöpfen’ mit sámtis ‘Schöpflöffel’; ferner wird lat. sentīna ‘Schiffsbodenwasser’ hierhergezogen. Es bereitet keine ernstliche Schwierigkeit, ἅμη und semiù mit ἅμα, ἀμάομαι auf ein gemeinsames idg. sem- ‘eins, zusammen’ zurückzuführen. Vgl. Bechtel Lex. m. Lit., bes. Solmsen Wortforschung 180ff., WP. 2, 487, 489ff. I-88-89

ἄμβη · ἡ τῆς ἴτυος ὀφρῦς τῶν κυλλῶν ἀσπίδων H.,‘erhöhter Schildrand, Wulst’ (Demokr., Hp., Gal.). — Vgl. ἄμβων. Verfehlt v. Blumenthal Hesychst. 4f. (illyrisch, zu φέρω). I-89

ἄμβιξ, -ικος auch ἄμβικος m. ‘φοξόχειλος κύλιξ’ (Ath. 11, 480 d), m., ‘Art Becher’, auch ‘Destillierhelm’ (Posid. usw.). — Ausgang wie in κύλιξ; das Stammelement wahrscheinlich auch in ἄμβη, ἄμβων (s. dd.). Kaum mit Chantraine Formation 376 aus dem Semit. entlehnt. I-89

ἀμβλακίσκω s. ἀμπλακίσκω; vgl. auch ἀμβλίσκω. I-89

ἀμβλίσκω (Pl.), -άνω (Max. Tyr. u. a.), (ἐξ-)αμβλόομαι, -όω (ion. att.), -ώω (Max.), -ώσκειν· τὸ ἀτελὲς γεννῆσαι, τὸ φθεῖραι βρέφος (Suid.), -ώσσειν· ὠμοτοκεῖν H., Aor. (ἐξ-)αμβλῶσαι ‘eine Fehlgeburt tun, die Leibesfrucht abtreiben’. Von ἀμβλόομαι, -όω gehen mehrere Ableitungen aus: ἄμβλωσις ‘Fehlgeburt, Abtreibung’ (Lys., Arist. u. a.) mit ἀμβλώσιμος (Max., vgl. Arbenz Adj. auf -ιμος 88), ἄμβλωμα (Antipho Soph., Aret.), ἀμβλωσμός (Aret.); ferner das Nomen instrumenti ἀμβλωτήριον (Orib.) und das Adj. ἀμβλωτικός (Gal.). Eigenartig ist die Bildung von ἀμβλωθρίδιον ‘fehlgeborenes Kind’ (Ph.), auch ‘abtreibende Arznei’ (Poll.), -ίδιος ‘Fehlgeburt verursachend’ (Aret.): an -θρο- ist ein neues Suffix -ίδιον hinzugefügt worden, vgl. Chantraine Formation 373 und 68ff. — Anknüpfung an μύλη ‘Mißgeburt’ (Hp., Arist.) und besonders an das fernliegende μέλεος (Fick KZ 20, 169f., Froehde BB 7, 327) ganz hypothetisch. I-89

ἀμβλύς, -εῖα, -ύ ‘stumpf, schwach’ (ion. att.). Metrische Erweiterung ἀμβλυόεσσα (ὀμίχλη, Man.). Ableitung ἀμβλύτης ‘Abstumpfung, Schwäche’ (Arist., Plu. u. a.). Denominative Verba: 1. ἀμβλύνω ‘abstumpfen, schwächen’ (ion. att.); davon ἄμβλυνσις (Arist.-Komm.), ἀμβλυντήρ (Poeta de herb.), ἀμβλυντικός ‘Schwäche verursachend’ (Dsk. u. a.). 2. ἀμβλυώσσω (-ώττω) ‘schwachsichtig sein’ (Pl., Hp., Plu., Luk.), eig. von *ἀμβλυ-ωψ, vgl. ἀμβλυ-ωπός, auch ἀμβλωπός, ἀμβλῶψ; Schwyzer 733 ζ, Sommer Nominalkomp. 3ff., Hoffmann Glotta 28, 24 A. 1. — ἀμβλύς steht wahrscheinlich für *ἀμλ-ύς, vgl. ἀμαλός, μύλη, μαλακός. WP. 2, 285; 292. I-89-90

ἀμβρόσιος s. βροτός. I-90

ἄμβων, -ωνος nach Gal. 18a 340 attisch für ion. ἄμβη, m. ‘Gefäßrand, Bez. verschiedener erhöhter od. ansteigender Gegenstände’ (in Anlehnung an ἀναβαίνω) (A., Eup. u. a.). — Zur Bildung s. Chantraine Formation 162, Schwyzer 487 : 4; sonst unklar. Die Anknüpfung an ἀναβαίνω (Prellwitz) ist ebenso anfechtbar wie der alte Vergleich mit lat. umbo. I-90

ἀμέθυστος, -ον, Zusammenbildung von ἀ privativum und μεθύω, als Adj. ‘dem Rausch nicht verfallend’ (Plu., Gp.) oder, aktiv, ‘rauschhindernd’ (Dsk.); als Subst. ntr. (fem.) ‘Heilmittel gegen Trunkenheit’ (Plu. u. a.), auch Pflanzenname (wegen der heilbringenden Wirkung gegen den Rausch, s. Strömberg Pflanzennamen 91). — Der Amethyst "ist benannt nach der lila-violetten Farbe des in so hohem Grade mit Wasser verdünnten Rotweins, daß er nicht mehr trunken machen kann" (Clausing Glotta 20, 292). I-90

ἀμείβω, -ομαι ̌v. ‘wechseln, (ver)tauschen, eintauschen’, med. auch ‘antworten, vergelten usw.’ (alt und häufig). Neben dem alten Verbalnomen ἀμοιβή (s. unten) erscheint seit der hell. Zeit (Plb., LXX) die Neubildung ἄμειψις ‘Wechsel, Austausch usw.’ mit ἀμειπτικός. Seit alters weit verbreitet war dagegen ἀμοιβή mit verschiedenen Bedeutungen und Sinnfärbungen: ‘Wechsel, Tausch (handel), Vergeltung, Dank, Antwort u. a.’. Von ἀμοιβή wiederum mehrere Ableitungen: ἀμοιβαῖος ‘abwechselnd’ (Pi., Emp., Hdt. usw.), ἀμοιβάδιος ‘ds.’ (Opp., Q. S., AP; vgl. ἀμοιβαδίς und andere Adverbia unten); ἀμοιβιμαῖον ‘Vergeltung, Lohn’ (IGRom., Lydien; zur Bildung Chantraine Mélanges Maspero 2, 219ff.). Ein vereinzeltes Substantiv ist ἀμοιβεύς "Vertauscher", Benennung des Poseidon bei Lyk. 617. — Mehrere Adverbia: ἀμοιβηδίς, (ἐπ)αμοιβαδίς (Hom. usw.), vgl. Schwyzer 631 : 9, usw. — Das Denominativum ἀμοιβάζω ‘vertauschen’ tritt erst spät auf (Men. Prot.). — Neben ἀμοιβή steht seit Il. das Nom. ag. (Adj.) ἀμοιβός ‘ablösend, zum Entgelt’, sowohl als Simplex wie vor allem als Hinterglied. — Späte Gelegenheitsbildung ἀμειβώ = ἀμοιβή (Eust.). — Ohne sichere und genaue Entsprechung. Seit Walter KZ 11, 430 vergleicht man u. a. lat. migrare ‘wandern’ als Denominativum von *migros ‘den Ort wechselnd’. Durch Abtrennung eines g-Suffixes kann man auch lat. mū-nus usw. (idg. mei-) heranziehen. W.-Hofmann s. migro, WP. 2, 245. I-90

ἀμείνων ‘besser, tüchtiger, vorteilhafter’ (alt und häufig). — Enthält echtes ει, somit nicht aus *ἀμενι̯ων. — Unerklärt. Nach Osthoff MU 6, 303ff. aus einem Neutrum ἄμεινον, d. h. α privativum + Subst. *μεῖνον ‘Minderung’ hervorgegangen, das als Komparativ umgedeutet und als Komparativ flektiert worden wäre. Seiler Steigerungsformen 120, wo weitere Lit., führt ἀμείνων auf *ἀ-μεινι̯ων, zu *μινύς, zurück. I-91

ἀμείρω ‘berauben’ (Pi.), ἀπαμείρω (ρ 322 v. l., Hes. Th. 801, A. R., Nonn.). — Seit Solmsen KZ 29, 354 als Neubildung für ἀμέρδω zu ἀμέρσαι, ἀμερθῆναι gedeutet. Vgl. Leumann Hom. Wörter 162f. Die Erklärung ist allerdings von Solmsen selbst, Wortforschung 11 A. 1, angezweifelt worden. I-91

ἀμέλγω ‘melken’ (alt und häufig). Spärlich belegte Ableitungen: ἀμολγός (s. bes.), ἀμολγή (Hdn.), ἀμολγεύςund ἀμόλγιον ‘Milcheimer’ (Theok.), ἀμολγάδες βόες ‘Milchkühe’ (S. Ichn. 5). Zu ἀμολγαῖος, ἀμολγάζει s. ἀμολγός. Als Hinterglied u. a. in ἱππ-ημολγοί "Stutenmelker", Bez. skythischer und anderer Nomaden (Ν 5, Hes., Kall.). — ἄμελξις ‘das Melken’ (Pi., LXX); zum Pflanzennamen ἀμελξίνη (Ps.-Dsk.) s. Strömberg Pflanzennamen 160, der die gleichgebildeten ἀμερσίνη und ἑλξίνη vergleicht. — ἀμελκτῆρα H. als Erklärung von ἀρακτῆρα. — Altes Verb, das in ahd. melchan, ags. melcan ‘melken’ ein genaues Gegenstück hat. Daneben mit langem (das auch den griech. und germ. Formen ursprünglich zugrunde liegen kann) lit. mélžu, mit Schwundstufe aksl. mlъzǫ, mir. bligim. Lat. mulgeo kann entweder Schwundstufe oder alten o-Vokal enthalten. Vgl. noch alb. mjel (Mann Lang. 26, 382) und toch. A mālkant 3. pl. ‘Milch geben’ (Prät. Med.). Wahrscheinlich ist mit Meillet (vgl. auch Brugmann Grundr.2 2 : 3, 99) von einem ablautenden athematischen Wurzelpräsens *mēlĝ-mi, *ml̥ĝ-énti auszugehen, das sich formal mit ai. mā́rj-mi, mr̥j-ánti ‘abwischen’ völlig decken kann. Bei Urverwandtschaft muß in den europäischen Sprachen eine Bedeutungsverengung vorliegen. Anderseits kann ai. mā́rjmi von ὀμόργνυμι nicht getrennt werden. Zusammenfall von zwei verschiedenen Wörtern? I-91

ἄ̄μεναι ‘sich sättigen’ (Φ 70, 4. Fuß), s. ἆσαι. I-91

ἀμενηνός ‘kraftlos, schwach’ (ep. ion. poet., hell. und spät). Davon ἀμενήνωσεν Ν 562. — Wahrscheinlich aus ἀμενής (E.) erweitert, vielleicht nach dem Vorbild von ἀκμηνός (Od.). Kaum mit Bechtel Lex. aus *ἀμενεσᾱνός. Vgl. noch Schwyzer 490 : 6 m. Lit. I-91

ἀμέργω ‘abpflücken, ernten’ (lyr., hellen. Ep.), auch von den Oliven = ‘auspressen’? (Kom. Adesp. 437; ἀμέργω· τὸ ἐκπιέζω Hdn.). Davon nach allgemeiner Annahme ἀμόργη ‘Ölhefe’ (Hp., Thphr., Dsk.), woraus entlehnt lat. amurca, amurga (s. W.-Hofmann); Nebenformen ἀμόργης, ἄμοργος, ἄμοργις; ngr. μούργα, μοῦργος s. Kapsomenos ByzZ 36, 316f., vgl. auch Psaltes Festschrift Hatzidakis 66ff. — Nom. ag. in übertrag. Bed. ἀμοργοί· πόλεως ὄλεθροι Kratin. 214; ähnl. Emp. 84. — ἀμοργεύς ‘Ölpresser’ (Poll.), ἄμοργμα· σύλλεγμα, ἄρτυμα H. — Unklar ist die Herkunft von ἀμοργίς, -ίδος f. ‘der Stengel von Malva silvestris’ (Ar.); ob nach der Insel Amorgos benannt? — Adj. ἀμόργινος Beiwort von χιτών und anderen Kleidungsstücken (Kom., Aeschin.), vgl. ἀμόργεια· χρώματος εἶδος, ἀπὸ νήσουΑμοργοῦντος Suid. — Vielleicht mit ὀμόργνυμι ‘abwischen’, aind. mā́rj-mi ‘ds.’ (vgl. s. ἀμέλγω) verwandt. Aus dem Lat. wurden hierhergezogen mergae ‘Mähgabel’ und merges ‘Ährenbündel’; unsicher. Vgl. W.-Hofmann s. v., WP. 2, 283f. I-91-92

ἀμέρδω ‘berauben’ (ep. poet.); zur Bedeutung (auch ‘verletzen, schädigen’ oder sogar ‘blenden’?) Persson Beitr. 219f., Fraenkel Phil. 97, 172f. Davon nach Strömberg Pflanzennamen 65 ἀμερσίνη (Dsk.). Eine kürzere Form bei H.: μέρδει· κωλύει, βλάπτει, μερθεῖσα· στερηθεῖσα. — Sichere Verwandte fehlen: Anschluß an aind. mr̥ḍnā́ti, mardati ‘zerreiben, zerdrücken’ (vgl. μαραίνω und WP. 2, 278 m. Lit.) scheint allenfalls möglich. Bechtel Lex. 38 zieht auch βραδύς ‘langsam’ (aus *μραδύς) hierher. I-92

ἀμέσω · ὠμοπλάται H. — Nach Fick KZ 44, 336f. indisches Fremdwort (vgl. aind. áṃsau ‘die beiden Schultern’). Kritik bei Kretschmer Glotta 5, 302. I-92

ἀμεύσασθαι (Aor., Fut. ἀμεύσεσθαι) ‘übertreffen, überschreiten’, auch ‘Handel treiben’ (vgl. Bechtel Dial. 2, 778) (Pi., Euph., Gortyn). Ableitung: ἀμεύσιμος = πορεύσιμος (A. R. 4, 297 nach EM 82, 11; vgl. Arbenz Adj. auf -ιμος 100 und das Vorderglied in ἀμευσί-πορος, -επής, Pi.). Dagegen ἀμοιϝά ‘Tausch’ (Korinth) umgekehrte Schreibung für ἀμοιβά, s. Fraenkel KZ 43, 208 m. Lit. — Nur unsichere Anknüpfungen. Aus dem Griechischen vergleicht man ἀμύνω (s. d.), aus anderen Sprachen lat. moveo, lit. máuju ‘abstreifen, abreißen’, aind. mī́vati ‘schieben, drängen’ usw., WP. 2, 252f.; außerdem heth. maušzi ‘fallen’ (Pedersen Hittitisch 172 m. Lit.). I-92

ἀμήκωα · δεινά. Ταραντῖνοι H. — Nach v. Blumenthal Hesychst. 14 messapisch: a-mē-k--a, zu mē- ‘messen’. Äußerst hypothetisch. I-92

ἄμης, -ητος m. mit dem Deminutiv ἀμητίσκος ‘Kuchenart’ (Kom. u. a.). — Etymologie unbekannt. Vgl. ἄμιθα· ἔδεσμα ποιόν, καὶ ἄρτυμα ὡςΑνακρέων (139) H.; auch PHamb. 90, 18. I-92

ἀμία -ίας m. f., ‘Art Thunfisch, die in die Flüsse geht’ (Kom., Arist.). — Unerklärt. Thompson Fishes s. v. vermutet ägyptischen Ursprung (mehi, mḥit Fischname). Vgl. noch Strömberg Fischnamen 128. I-93

ἅμιλλα f. ‘Wettkampf, Kampf’ (ion. att., nicht bei Homer belegt). Denominatives Verb: ἁμιλλάομαι ‘wettkämpfen, sich eifrig bemühen’ (ion. att.); davon ἁμιλλητήρ ‘wettrennend’ (S.), ἁμιλλητήριος ‘zum Wettkampf gehörend’ (Philostr., Aristid.); ἁμιλλητικός ‘ds.’ (Pl.); ἁμίλλημα ‘Wettkampf’ (S. in lyr., Inschr. Kyr.). — Aus *ἅμ-ι̯λ-ια (vgl. θύελλα, ἄμαλλα usw., Schwyzer 475, Chantraine Formation 99, Specht Ursprung 328), ι̯α-Ableitung eines l-Stammes, der zu der Sippe von ἅμα, εἷς, ὁμός gehört; genauer Ausgangspunkt nicht bekannt. — Verfehlt Adrados Emerita 17, 119ff. (zu ἅμα und ἴλη). I-93

ἀμιχθαλόεσσα ungedeutetes Beiwort von Lemnos (Ω 753, h. Ap. 36), — danach Kall. Fr. 18, 8 ἀμιχθαλόεσσαν ... ἠέρα, von ihm also mit ὀμίχλη assoziiert und als ‘neblig’ verstanden. Nach einem Scholion zu Ω 753 dagegen = εὐδαίμων. Andere, ebenfalls unsichere Deutungen aus alter und neuer Zeit bei Leumann Hom. Wörter 214 A. 8, vgl. noch ibid. 273. I-93

ἄμμος f. ‘Sand’ (Pl., X. usw.). Ableitungen: ἀμμώδης (Hp.. Arist.), ἄμμινος (Peripl. M. Rubr.), ἀμμίτης m. (sc. λίθος), auch ἀμμῖτις f. ‘Sandstein’ (Plin., Isid.). Über ’Αμμίτης als Flußnamen Redard Les noms grecs en -της 130 usw. — Kontamination von ἄμαθος und ψάμμος, s. dd. I-93

ἀμνίον n. ‘Opferschale’ (γ 444), zur Bedeutung s. Brommer Herm. 77, 357 und 364. — Wahrscheinlich zur selben Sippe wie ἀμάομαι, aber die Bildungsweise ist nicht genügend aufgeklärt. Solmsen Wortforsch. 183 geht von einem Verbalnomen *ἅμων ‘Becher’, eig. "Sammler", aus, wovon ἀμνίον ein Deminutivum wäre. I-93

ἀμνός m. f. ‘Lamm’ (S., Ar., Theok., LXX usw.). Besondere Femininformen: ἀμνή, -ά (Kos, Gortyn u. a.), ἀμνάς (LXX usw.), ἀμνίς (Theok.). Adjektiva: ἀμνεῖος (Theok.), ἀμναῖος (Pap.) ‘aus Lamm(fell) gemacht’; daraus wohl übertragen ἀμνεῖον, ἀμνίον, auch ἀμνειός, ἄμνιος ‘inneres Häutchen des Fötus’ (Emp., Hippiatr., Sor., Gal.). — Unklar und zweifelhaft: ἀμνόα· πρόβατον, οἱ δὲ ἀμνός H. — ἀμνός kann mit lat. agnus urverwandt sein (gemeinsame Grundform idg. *agnos). Im Keltischen, Germanischen, Slavischen kommen ähnliche Formen vor, die jedoch in Einzelheiten voneinander abweichen: air. ūan mit anlautendem -, aksl. agnę mit anl. - oder -, ags. ēanian, engl. yean ‘lammen’ aus urg. *aunōn mit mehrdeutigem Anlaut. Näheres Thurneysen A Gram. of Old Irish 137, WP. 1, 39, Pok. 9, W.-Hofmann s. agnus. I-93-94

ἄμοιος · κακός. Σικελοί H. — Nach v. Blumenthal Hesychst. 15f. illyrisch. Er vergleicht μοῖτος = χάρις (Soph. 168), nach Bechtel Dial. 2, 285 mit lat. mūto urverwandt (andere Auffassungen bei W.-Hofmann s. mūto). Wenn diese Deutung richtig ist, steht ἄ-μοιος (von *μοῖος) neben μοῖ-τος wie ἄ-φορος neben φόρ-τος (unrichtige Analyse bei v. Blumenthal). I-94

ἀμολγός, bei Homer nur im Ausdruck (ἐν) νυκτὸς ἀμολγῷ. Außerdem A. Fr. 69, 6 ἱερᾶς νυκτὸς ἀμολγόν und, als Adj., E. Fr. 104 ἀμολγὸν νύκτα (H.), vgl. unten. Orph. H. 34, 12 διἀμολγοῦ | νυκτὸς ἐν ἡσυχίῃσιν. Ableitung ἀμολγαῖος : μάζα ἀμολγαίη Hes. Op. 590 (vgl. unten), ἀμολγαῖον μαστὸν ἀνασχόμενος AP 7, 657 (Leon.). — Verb: ἀμολγάζει· μεσημβρίζει H. — Falls Verbalnomen von ἀμέλγω, muß ἀμολγός ursprünglich die "Melkung" bezeichnet haben (Oxytonierung dann allerdings sekundär). Die Beziehung auf Melkung und Milch ist im Leonidasepigramm bewahrt, vielleicht auch im Ausdruck μάζα ἀμολγαίη bei Hes., wo es indessen von Proklos und im EM s. μάζα als ἀκμαία gedeutet wird: τὸ γὰρ ἀμολγὸν ἐπὶ τοῦ ἀκμαίου τίθεται. Dieselbe Interpretation findet sich auch bei Eustathios zu Ο 324 wieder: ’Αχαιοὶ δὲ κατὰ τοὺς γλωσσογράφους ἀμολγὸν τὴν ἀκμήν φασι. Wahrscheinlich ist diese Erklärung nur aus dem Epos herausgelesen und hat somit keinen eigenen Wert (Leumann Hom. Wörter 274). Mehr Glauben verdient die Hesychglosse ἀμολγάζει· μεσημβρίζει. — Das Wort ἀμολγός war schon im Altertum umstritten, wie u. a. aus H. hervorgeht: ἀμολγὸν νύκτα· ΕὐριπίδηςΑλκμήνῃ ζοφερὰν καὶ σκοτεινήν. οἱ δὲ μέρος τῆς νυκτὸς καθὅ ἀμέλγουσιν. Eine sichere Deutung steht noch aus; nach Nilsson Primitive Timereckoning 35f. bezieht sich der Ausdruck auf die Melkstunde am Beginn oder am Ende der Nacht. Verfehlt Charpentier Symb. phil. Danielsson 13ff. (darüber, mit eigenen Deutungsvorschlägen, Kretschmer Glotta 22, 262f.), Sinclair ClassRev 39, 98ff., Jacoubet REGr 37, 399ff. Weitere Lit.: Kretschmer Glotta 11, 108; 13, 166f.; Wahrmann Glotta 13, 98ff., Leumann Hom. Wörter 164. I-94

ἀμόρα · σεμίδαλις ἑφθὴ σὺν μέλιτι H. Auch Philetas ap. Ath. 14, 646d. Davon ἀμορίτης ἄρτος (LXX), woneben die Schreibungen ἀμορβίτης (Ath.) und ἀμοργίτας· πλακοῠντας H., beide = ἀμορϝίτης; vgl. Redard Les noms grecs en -της 88. — Grundform somit *ἀμόρϝα. Unerklärt. I-94

ἀμορβός ἀμορβάς f. (A. R.); auch ἀμορβεύς (Opp.), wohl retrograde Bildung von ἀμορβεύω. m. f. ‘Begleiter(in), Hirt’ (Kall., Nik., Opp.), Abgeleitetes Adjektiv ἀμορβαῖος Beiw. von χαράδραι (Nik. Th. 28, 489), Bed. unsicher, von den Scholl. mit ποιμενικαί oder σκοτεινώδεις erklärt; vgl. dazu EM 85, 20: ἀμορβὴς καὶ ἀμορβές· σημαίνει τὸ μεσονύκτιον παρὰ τὴν ὄρφνην .... σημαίνει καὶ τὸν ἀκόλουθον. — Denominative Verba ἀμορβέω (Antim.) und ἀμορβεύω (Nik.) ‘begleiten’. — Dagegen ἀμορβίτης zu ἀμόρα. — Unerklärt. Über ältere und neuere Deutungsversuche s. Pisani Ist. Lomb. 77, 541, der selbst von *ἁμορ-β-ός ausgeht, zu ἁμαρ-τή (aus *ἁμαρ-στη[?]) und βῆναι (?). I-94-95

ἀμόργη, ἀμοργίς s. ἀμέργω. I-95

*ἁμός in οὐδαμός, ἁμοῦ, ἁμῆ, ἁμοῖ, ἁμωσ-γέ-πως usw., indefiniter Pronominalstamm, — mit aind. sama- (enkl.) ‘irgendeiner, jemand’, got. sums ‘ds.’ identisch. Zu ἅμα, εἷς. Vgl. Schwyzer 617 : 4b. I-95

ἄμοτον ep. Adv. (seit Il.), vielleicht ‘unaufhörlich, unermüdlich’, besonders im Ausdruck ἄμοτον μεμαώς. Daraus das Adj. ἄμοτος (Theok., Mosch.; unsicher Simon. 37, 16). — Da sich die Bedeutung von ἄμοτον nicht sicher feststellen läßt, sind alle Erklärungsversuche hypothetisch. Vgl. Bq s. v., Bechtel Lex., Pisani Ist. Lomb. 77, 547f. I-95

ἄμπελος f. ‘Weinstock, Weinrebe’ (alt und häufig). Zahlreiche Ableitungen. Deminutiva: ἀμπέλιον (Ar., Hp.), ἀμπελίς (Ar.), auch Vogelname = ἀμπελίων, s. unten. Adjektiva: ἀμπελόεις ‘rebenreich’ (ep.); ἀμπέλινος ‘vom Weinstocke’ (Hdt., Arist., Plb. usw.), ἀμπελικός ‘ds.’ (hell. und spät), ἀμπέλιος ‘ds.’ (Ph., Ach. Tat.), ἀμπελώδης ‘rebenreich’ (Poll., H.). ἀμπελῖτις (γῆ, χέρσος) ‘Weinbau’ (Pap. usw., Redard Les noms grecs en -της 107f.) mit ἀμπελιτικός (Pap.). — Substantiva: ἀμπελών m. ‘Weinberg’ (Alschin. 2, 156 [v. l.], hell. und spät), auch ἀμπελεών (Theok., AP), Demin. ἀμπελωνίδιον (Pap.); ἀμπελεία ‘ds.’ (Inschr. Cherson., nach φυτεία). — ἀμπελίων m. Name eines unbekannten Vogels (Dionys. Av., s. Thompson Birds s. v.). — Die Versuche, ἄμπελος aus dem Idg. oder dem Semit. zu erklären (s. Bq), sind erfolglos geblieben. Ohne Zweifel ist ἄμπελος ein mediterranes Kulturwort. — Über vorrom. *ampua und dessen eventuelle Beziehungen zu ἄμπελος s. Hubschmid Zeitschr. f. rom. Phil. 66, 15ff. I-95

ἀμπλακίσκω, auch ἀμβλακίσκω, spätes und seltenes Präsens zu Aor. ἤμπλακον (ἤμβ-), Perf. Pass. ἠμπλάκημαι ‘fehlen, sich vergehen, verlieren’ (poet., nicht Hom.). Nomina actionis: ἀμπλακία ‘Vergehen’ (poet.) mit ἀμπλακιῶτις f. = ἱερὰ νόσος (Poet. de herb.); daneben ἀμπλάκιον (Pi. P. 11, 26) und ἀμπλάκημα (poet. und späte Prosa). — Wenn die Schreibung mit -β- ursprünglich wäre, könnte man an ἀμβλίσκω, viell. auch an βλάξ ‘weich, schlaff’ denken (vgl. Ehrlich Betonung 55). Dies ist aber höchst zweifelhaft, s. J. Schmidt KZ 37, 28f., Schwyzer 210 : 4. Somit muß ἀμπλακίσκω als noch unerklärt gelten. I-95-96

ἀμπρόν (Akzent nach Et. Gen., H.) n. ‘Zugleine’ (Inschr. V-IVa.). Ableitung: ἀμπρεύω ‘mit einer Zugleine ziehen, schleppen’ (E. ap. Phot., Kall., Lyk.), ἐξ-αμπρεύω (Ar. Lys. 289), wovon als retrograde Ableitung ἔξαμπρον ‘Ochsengespann’ (Gloss.); συν-αμπρεύω (Arist.). — ἀμπρευτὴς ὄνος (S. ap. Phot.). — Technischer Terminus unbekannten Ursprungs. I-96

ἄμπυξ, -ῦκος f. m. ‘metallenes Stirnband (der Frauen, der Pferde)’, χρυσ-άμπυξ ‘mit goldenem Stirnbande’; später auch als ‘Zaum’ verstanden (ep. seit Il., poet.). Poetische Erweiterungen sind ἀμπυκτῆρες (A.), ἀμπυκτήρια und ἀμπυκώματα (S.). Ableitung: ἀμπυκάζω ‘(mit einem Stirnband) aufbinden’ (AP, EM). — Komponiertes Wurzelnomen (oder Zusammenbildung) aus ἀμ- = ἀνα- und -πυξ, zu πύκα ‘dicht, fest’, πυκνός. Urverwandt mit aw. pusā (idg. *puḱā) ‘Diadem’, zu dem sich ἄμπυξ verhält wie z. B. πρόσ-φυξ zu φυγή; vgl. auch ἄν-τυξ. Lidén Symb. phil. Danielsson 148ff., Benveniste BSL 34, CR. 41, der weitere iranische Formen ebenso wie das toch. LW psuk ‘Kranz’ heranzieht. Aus dem Iranischen stammt ebenfalls arm. psak ‘Kranz, Diadem usw.’. I-96

ἄμπωτις f. ‘Ebbe’ (ion., Arist., hell.). Ableitung: ἀμπωτίζω ‘ebben’ (Ph., Eust.). — Nebenform zu ἀνάπωτις (Pi., spät), eig. fem. Nomen agentis zu ἀναπίνω, ἄμπωτις (θάλασσα) = resorbens unda (Hor.). Schulze KZ 56, 287; 57, 275 (= Kl. Schr. 361). S. auch Fraenkel Nom. ag. 1, 116 m. A. 2. I-96

ἀμυγδάλη ‘Mandel’ (Kom., Hp., Arist. usw.), ἀμύγδαλον n. auch ἀμύγδαλος f. (Luk.). f., Mehrere Ableitungen: ἀμυγδαλίς f. = ἀμυγδάλη (Philox., Plu.), Dem. ἀμυγδάλιον (Hp.). Adjektiva: ἀμυγδάλινος ‘aus Mandel bestehend’ (X., Thphr.), ἀμυγδάλιος ‘mandelförmig’ (Pap.), ἀμυγδαλόεις ‘ds.’ (Nik.), ἀμυγδαλώδης ‘ds.’ (Thphr.). — ἀμυγδαλέα, -ῆ ‘Mandelbaum’ (Eup., Hp., Arist., Thphr. usw.), ἀμυγδαλίτης ‘Wolfsmilch’ (Dsk., Plin., vgl. Redard Les noms grecs en -της 69). — Fremdwort unbekannten Ursprungs. Frühere Erklärungsversuche s. Bq. Daraus entlehnt lat. amygdala, auch amiddula, amyndala, amandula, woraus ahd. mandala ‘Mandel’. I-96

ἀμυδρός ‘dunkel, schwer zu erkennen, schwach’ (ion. att.). Daraus erweitert ἀμυδρήεις ‘ds.’ (Nik.). Adjektivabstraktum ἀμυδρότης ‘Dunkelheit, Schwäche usw.’ (Ph., Gal., Plot.). Denominativ ἀμυδρόομαι, -όω ‘dunkel usw. werden’ bzw. ‘machen’ (Ph., Arist.-Komm.); davon ἀμύδρωσις (Arist.-Komm. usw.). — Unklar. Beziehung zu, bzw. Umbildung nach dem synonymen ἀμαυρός nicht unmöglich. Prellwitz denkt an aksl. iz-mъděti ‘schwach werden’. I-96-97

ἄμυλος ‘Kuchen (aus feinstem Mehl)’ (Ar., Theok. usw.), ἄμυλον n. ‘Stärke(mehl)’ (Dsk., Plin., Inschr., Pap.). m. Demin.: ἀμύλιον n. 1. ‘Kuchen’ (Plu.), 2. ‘Stärke’ (Hp., Arist.); von 1. ἀμυλᾶτον ‘Kuchen’ (Sch. Ar. Pax 1195); von 2. ἀμυλιδωτόν ‘Art Chiton’ (Hermipp.). Bildung wie ἁλυσιδωτός, χειριδωτός (Schwyzer 503 : 4, Chantraine Formation 305). — Eine Deutung als ‘ungemahlen’, von μύλη (vgl. ἄμυλον· στερρόν, ἄκλαστον EM), die sich formal aufdrängt, bleibt noch begrifflich zu rechtfertigen. I-97

ἀμύμων ep. Epithet, nie von den Göttern gebraucht, etwa ‘edel, herrlich, trefflich, schön’, eig. ‘untadelig’, — zu μῦμαρ, nach H. äolisch für μῶμαρ, μῶμος ‘Tadel’ (s. d.). — ἀμύμων : μῦμαρ wie ἀπείρων : πεῖραρ (r-n-Stamm). I-97

ἀμύνω ‘abwehren, helfen’, med. ‘sich verteidigen, sich rächen’, erweiterte Präteritalform ἠμύναθον (Imperf. oder Aor.?, s. Schwyzer 703 m. A. 6 m. Lit.). Ableitungen: ἀμύντωρ ‘Abwehrer, Helfer, Rächer’ (Hom., Simon., E. usw.), auch PN; ἀμυντῆρες ‘die nach vorn gekehrten Spitzen der anwachsenden Hirschhörner’ (Arist.); ἀμυντήριος ‘zur Abwehr geeignet’ (Pl., hell. und spät), wahrscheinlich direkt vom Verb gebildet ebenso wie das Nomen instr. ἀμυντήριον (Pl., hell. und spät); ἀμυντικός ‘ds.’ (Pl., Arist. usw.). — ἀμυντρόν (A. ap. Phot. ohne Erklärung). — ἀμύντης ‘Verteidiger’ (Phot., Hdn.), auch PN, vgl. κηρ-αμύντης (Lyk.); ἀμυνίας ‘ds.’ (Ar. Eq. 570, wohl mit Anspielung auf den PN). — ἄμυνα ‘Abwehr, Vergeltung, Rache’ (Theop. Kom., hell. und spät; Rückbildung, s. Schwyzer 475 : 5, Chantraine Formation 101; das Kompositum χειμ-άμυνα = χλαῖνα παχεῖα (A. Fr. und S. Fr.) ist als Zusammenbildung zu beurteilen. — Wie κλίνω, πλύνω ist ἀμύνω eigentlich ein Nasalpräsens (Schwyzer 694); zugrunde liegt also ein Element ἀμυ-, das man in ἀμεύσασθαι (s. d.) wiederzufinden glaubt (urspr. Bedeutung somit *‘wegschieben’). I-97

ἀμύς, -ύδος f. ‘Süßwasserschildkröte’ (Archig. ap. Gal.). — Nach Strömberg Fischnamen 81 Kontamination von ἐμύς ‘ds.’ und ἀμία ‘Thunfisch, der in die Flüsse geht’. I-97

ἀμύσσω ‘ritzen, zerkratzen’ (ep. ion., hell. und spät). Zahlreiche Ableitungen: 1. ἀμυχή ‘Riß, Wunde’, wovon ἀμυχιαῖος (Pl. Ax. 366a, Bed. unsicher; zur Bildung Chantraine Formation 49) und ἀμυχώδης ‘rissig, aufgesprungen’ (Hp., Thphr.), außerdem ἀμυχηδόν etwa ‘oberflächlich, leicht’ (EM); 2. ἀμυχμός ‘Wunde’ (Theok.), ἀμυγμός cj. in A. Ch. 24; 3. ἄμυγμα ‘das Zerraufen’ (S., E.); 4. ἄμυξις ‘das Zerkratzen’ (Orph., Ach. Tat. u. a.). — Adv. ἀμύξ (ἐμφῦσα Nik.) = μόλις (Euph.). — Adj. ἀμυκτικός ‘aufritzend, irritierend’ (Plu., Mediz.). — Außerdem ἀμυκάλαι· αἱ ἀκίδες τῶν βελῶν H., EM; zur Bildung Chantraine Formation 245ff., Schwyzer 483 : 4. — Ohne genaue Entsprechung. Seit Curtius 546 vergleicht man lat. mucro ‘scharfe Spitze, Schwert, Degen’ (von einem Adj. *muk-ros ‘spitz’), außerdem, noch unsicherer, lit. mùšti ‘schlagen’ (Vaniček) und ags. gemyscan ‘betrüben, plagen’ (Holthausen IF 48, 266). I-97-98

ἀμυσχρός ‘unbefleckt, rein’ (Parth., H., EM), auch ἀμυχρός (S. ap. Phot., Suid.) und ἀμυχνός, ἀμυγνός, ἀμύσκαρος (Suid.); ἄμουχα· καθαρεύουσα Λάκωνες H. — ἀμυσχῆναι· καθᾶραι, ἁγνίσαι H. — Expressives, vielfach umgebildetes Adjektiv. Zu μύσκος· μίασμα, κῆδος H. Vgl. ἀπομύσσω, μύξα. I-98

ἀμφασίη (ἐπέων) ‘Sprachlosigkeit’ (Ρ 695 = δ 704, A. R., Bion) — = ἀφασίη von ἄφατος (φημί), mit ἀμ- aus ἀν-, antevokal. Form für ἀ-, wohl nur aus metrischer Bequemlichkeit. Andere Erklärungen bei Bq. I-98

ἄμφην, -ενος (Theok. 30, 28, äol.) daneben nach Jo. Gramm. Comp. 3, 16 äol. αὔφην. = αὐχήν ‘Nacken’, — Nach Schulze GGA 1897, 909 A. 1 aus *ἀγχϝ-ήν, von *ἀγχύ- = aind. aṃhú- ‘eng’ usw. (s. ἄγχω); kaum überzeugend. Vgl. αὐχήν und Pok. 43. I-98

ἀμφί Adverb ‘herum, auf beiden Seiten’ (ep.), Präposition ‘um’; ἀμφίς Adv. ‘ringsum, auf beiden Seiten, auseinander’, seltener Präp. ‘ringsum, außerhalb’ (ep.), vgl. Schwyzer 631 : 9, Schwyzer-Debrunner 436ff. m. Lit., Solmsen Wortforschung 177ff. — Altererbtes Adverb (idg. *ambhi) u. a. mit lat. amb(i)-, am-, an-, alb. mbi ‘bei, auf, an’ identisch. Daneben mit Schwundstufe (idg. *m̥bhi) im Keltischen, Germanischen und Indoiranischen, z. B. gall. ambi-, air. imb- ‘um’; ahd. umbi ‘um’, aind. abhí-tas, aw. aiwitō ‘zu beiden Seiten’. Vgl. ἄμφω. — Durch Hauchdissimilation ἀμπ- in ἀμπ-έχω und ähnlichen Fällen. — Zu mehreren epischen und sonstigen Komposita mit ἀμφι-, ἀμφ-ηρεφής, ἀμφι-βρότη, ἀμφι-λύκη usw. s. außer Schwyzer-Debrunner a. a. O. Bechtel Lex. s. vv. und unten zu den betreffenden Hintergliedern. I-98

ἀμφιάζω ‘bekleiden, anziehen’ — hellenistische Neubildung nach den Verba auf -άζω für ἀμφιέννυμι neben ἀμφιέζω vom Aorist ἀμφι-έσαι. Ableitungen: ἀμφίασις, ἀμφίασμα, ἀμφιασμός ‘Anzug’ (hell. und spät). I-98

Αμφιάραος, att. -άρεως, N. eines Sehers und Königs in Argos. — Nach Borgeaud Beitr. z. Namenforschung 1, 102ff. illyrisch aus *ambhi-sarāu̯os "qui habite sur les deux rives du *Sarāuos ou de la *Sarāua" (??). I-99

ἀμφίον od. ἄμφιον (Sch. D. T. 196) ‘Gewand’ (S., D. H., Inschr.). — Von ἀμφί oder (vielmehr) Abkürzung von ἀμφίεσμα u. dgl. Vgl. Coulon Phil. 95, 45f., Grégoire und Goossens Byzantion 13, 396ff. I-99

ἀμφίπολος (Hom., Hdt., vgl. Lommel Femininbildungen 2), f. m. ‘Dienerin, Diener’, auch (als Diener[in] der Götter und Göttinnen) ‘Priester(in)’ (ion. poet., zur Verbreitung s. Erika Kretschmer Glotta 18, 72). Ableitungen: ἀμφιπολεῖον ‘Wohnung eines ἀ.’ (IG 4, 39, Aigina, Va), ἀμφιπολία ‘Amt eines ἀ.’ (D. S.). — Denominativa : ἀμφιπολεύω ‘als ἀ. beschäftigt sein, besorgen, warten’ (ep., Hdt.), ἀμφιπολέω ‘ds.’ (Pi., B. usw.). — Altes Nomen agentis, mit lat. anculus ‘Diener, Knecht’ identisch; dieselbe Bildungsweise auch in aind. abhi-cara- ‘Diener’ (nur lexikalisch belegt); mit anderem Präfix pari-cará- ‘Diener’ (schon ved.). Zu ἀμφι-πέλομαι; s. πέλομαι, auch βου-κόλος. Über die Bedeutung usw. ausführlich Pax WuS 18, 1ff. I-99

ἀμφισβητέω (att., auch Hdt.), -βᾰτέω (ion., wohl auch äol., rhod.) ‘auseinander gehen, umstreiten, beanspruchen’. Ableitungen: ἀμφισβήτησις Rechtsausdruck: ‘Streit, Anspruch, Gegenbehauptung’ (att., hell. und spät) mit ἀμφισβητήσιμος ‘strittig, umstritten’, s. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 54f., 58; ἀμφισβητητικός ‘zur ἀμφισβήτησις gehörend’ (Pl.). — ἀμφισβήτημα ‘Streitfrage, Streitigkeit’ (Pl., Arist. usw.) mit ἀμφισβητηματικός (Aps.). — Neben ἀμφισβατέω : ἀμφισβασίη (ion. usw.). — Zusammenbildung von ἀμφίς und βαίνειν (βῆναι) ‘auseinander gehen’, virtuell von einem (nie existierenden) *ἀμφισβή-της (vgl. ἐμπυριβή-της), bzw. *ἀμφισβάτης (vgl. παραι-βάτης). Vgl. Fraenkel Nom. ag. 1, 34 und 117 (teilweise abweichend). I-99

ἀμφορεύς (ion. att.), m. zweihenkeliger konischer Krug, auch als Maß für Flüssigkeiten gebraucht. Ableitungen: ἀμφορίδιον (oder -είδιον, s. Schwyzer 471 A. 4 m. Lit.) (Ar.), ἀμφορίσκος m. (D., Inschr.); ἀμφόριον (Gloss.); unklar ἀμφορείῳ· φορτίῳ H. — ἀμφορίτης als Adj. (ἀγών ‘Wettkampf mit einem ἀ. als Preis’, Kall. Fr. 80), als Subst. unsicherer Bed. PSI 5, 535, 31, s. Redard Les noms grecs en -της 106f.; ἀμφορικός (Schol.); ἀμφορίξ Adv. (Eust.), daraus ein Verb ἀμφορίζω irrig erschlossen (Eust.). — durch Haplologie aus ἀμφι-φορεύς (ep.) entstanden, Eigentlich = "Zweiträger", d. h. ein Krug, der beiderseits getragen wird, aber als Nom. instr. gebildet. Nicht mit Schwyzer 477 ein Bahuvrihi, aus *ἀμφί-φορος "was beiderseits einen Träger hat" erweitert. — Daraus entlehnt lat. amphora mit Dem. ampulla. I-99-100

ἀμφουδίς ἅπ. λεγ. ρ 237 ἀμφουδὶς ἀείρας. — Wahrscheinlich ist mit Fick Odyssee 312 ἀμφωδίς zu schreiben, aus *ἀμφωϝαδίς ‘an beiden Ohren’. Vgl. ἐξωβάδια· ἐνώτια. Λάκωνες H. — Bechtel Lex. s. v. I-100

ἄμφω ‘beide’, später durch ἀμφότερος ‘beidseitig, beide’ verdrängt. Davon ἀμφίας· γένος οἴνου H., s. Baunack Philol. 70, 356. — Mit lat. ambō identisch; ein ähnlicher Anlaut auch in toch. A āmpi (aber B antapi, ānpi). Die übrigen Sprachen zeigen nasallose Formen: aind. ubháu, aw. uva, aksl. oba, lit. abù; im Germanischen, z. B. got. bai, fehlt auch der Vokal. Eine sichere Erklärung des schwankenden Anlauts steht noch aus, s. WP. 1, 55, Pok. 34f., Ernout-Meillet s. ambō. — Zusammenhang mit ἀμφί ist augenfällig; Urverwandtschaft oder sekundäre Angleichung? I-100

ἄμωμον n. N. einer indischen Gewürzpflanze (Hp., Arist., Thphr. usw.). Ableitungen: ἀμωμίς f. ‘falsches Amomum’ (Dsk., Plin., Edict. Diocl.); ἀμωμίτης (λίβανος, Dsk.). — Orientalisches LW. Vgl. κιννάμωμον. I-100

ἀμώσας · κρεμάσας. Ταραντῖνοι H. — Nach Immisch Leipz. Stud. 8, 276 aus ἀνεμώσας als "Allegroform" entstanden. Zustimmend v. Blumenthal Hesychst. 13 ("wohl vom Trocknen der Wäsche genommen"). I-100

ἁμωσ-γέ-πως ‘auf irgendeine Weise’ (att.). S. *ἁμός. I-100

ἄμωτον = καστάνειον (Ageloch. ap. Ath. 2, 54d). — Herkunft unbekannt. I-100

ἄν (ion. att., ark.), Modalpartikel, — mit den Fragepartikeln lat. an, got. an etymologisch identisch. Vgl. Schwyzer-Debrunner 305f., 558 m. weiterer Literatur, Chantraine Gramm. hom. 2 (s. Index). I-100

ἀνά (ion. att.) Adverb, Präposition und Präverb, durch Elision und Apokope ἄν, ἀν; lesb. thess., ark. kypr. ὀν ‘hinauf, entlang’. — Altes Adverb, auch im Iranischen und Germanischen zu belegen: aw. ana, apers. anā ‘auf — hin, längs’; got. ana, ahd. an(a), ags. on ‘an’. Außerdem vielleicht in lat. an-hēlāre, an-testārī und in arm. am-baṙnam ‘erheben’ u. ä. Dagegen ist aind. ánu ‘entlang’ wahrscheinlich fernzuhalten, s. Wackernagel Symb. phil. Danielsson 389f.; vgl. ἄνευ. Näheres über den Gebrauch Schwyzer-Debrunner 439ff. — Neben ἀνά steht ἄνω, gewöhnlich Adverb, selten Präposition ‘hinauf, (nach) oben’; davon ἄνωθεν, ἀνωτέρω, ἀνωτάτω. Zum auslautenden -ω s. Schwyzer 550. I-100-101

ἀναγαλλίς, -ίδος f. (auch m. H.) Pflanzenname, ‘Anagallis’ (Dsk., Longos u. a.) — Dunkel. Nach Prellwitz von ἀνά und ἀγάλλω. Vgl. ἀγαλλίς s. ἀγάλλομαι. I-101

ἀνάγκη (seit Il.), ep. ion. Erweiterung ἀναγκαίη (vgl. Schwyzer 469) f. ‘Zwang, Notwendigkeit’. Ableitungen: ἀναγκαῖος ‘zwingend, nötig’, auch ‘blutsverwandt’ (seit Il.), wovon ἀναγκαιότης f. ‘Blutsverwandtschaft’ (att., hell.), auch ‘Notwendigkeit’ (S. E.); ἀναγκαιώδης ‘unentbehrlich’ (ἀναγκαιωδέστερα Sch.). — Denominatives Verb: ἀναγκάζω ‘zwingen, nötigen’ (ion. att., nicht bei Hom.), wovon ἀνάγκασμα ‘Zwang(smittel)’ (J.); ἀναγκαστήρ ‘Zwinger’ (Amorgos), ἀναγκαστήριος ‘zwingend’ (D. H.); ἀναγκαστικός ‘ds.’ (Pl., Arist. usw.). — Nicht sicher erklärt. Man vergleicht einige keltische Wörter für ‘Not(wendigkeit), Schicksal’ wie air. ēcen, kymr. angen (Fick4 2, 32); außerdem aus dem Germanischen z. B. ahd. āhta, nhd. Acht ‘feindliche Verfolgung’ (Brugmann Grundr.2 1, 382); dazu noch heth. ḫenkan ‘Tod’ (Kuryɫowicz Symb. Rozwadowski 1, 101, Pedersen Hittitisch 183f.), WP. 1, 60, Pok. 45 m. weiterer Lit., W.-Hofmann s. neco. — Die Vermutung, ἀνάγκη sei postverbal gebildet aus ἀναγκάζω, eig. *‘in die Arme nehmen’ (Schwyzer 734 A. 8), verstößt u. a. gegen die Chronologie der Belege (s. oben). — Andere Vorschläge: zu ἐνεγκεῖν (Güntert Weltkönig 185); aus ἀν- privativum und einem Wort für ‘Arm’ (vgl. ἀγκών; Grégoire Mél. Desrousseaux 185f., dazu Deny Mél. Boisacq 1, 295; nicht zu empfehlen). I-101

ἀνάγυρις -ος m., auch ὀνόγυρος (Nik., Ps.-Dsk., volksetymologisch nach ὄνος?, Strömberg Pflanzennamen 155), f., Pflanzenname, ‘Anagyris foetida’ (Ar., Gal., Dsk. usw.). Davon der att. Demenname ’Αναγυροῦς, Adv. ’Αναγυρουντόθεν u. a., Adj. ’Αναγυράσιος (Ar., Pl. u. a.). — Etymologie unbekannt. I-101

ἀναίνομαι s. αἶνος. I-101

ἀναισιμόω s. αἶσα. I-101

ἀνακῶς, ἔχειν τινός ‘Acht haben auf etwas’ (Hdt., Hp., Pl. Kom., Thuk. usw.). — Aus *ἀνα-κόως, von *ἀνα-κόος, Verbaladjektiv zu einem iterativen Verb *ἀνα-κοέω ‘auf etw. achten’, s. κοέω. Zur Kontraktion vgl. ἀμνο-κῶν eig. "Schafwächter", ‘Schafskopf’ (Ar.), aus *ἀμνο-κόων. Debrunner GGA 1910, 6 (mit Baunack und Meister). — Anders Schulze Q. 505, Kl. Schr. 674 und Fraenkel Nom. ag. 1, 96, Gnomon 23, 373: zu ἄναξ in dem hypothetischen Sinn von ‘Schützer, Helfer’. I-101

ἀνακωχή s. ἀνοκωχή. I-102

ἀναλεῖ · σχολάζει. Ταραντῖνοι H. — Nach v. Blumenthal Hesychst. 23 = ἀν-αλέγει ‘sich um nichts kümmern’, entweder durch Korruptel entstellt oder vielmehr durch Schwund des γ und Kontraktion. Verfehlt, weil Verba nie mit ἀ(ν)- privativum negiert werden. Latte ändert in ἀναλεαίνει. I-102

ἀνᾱλίσκω, Fut. ἀνᾱλώσω, Aor. ἀνήλωσα, wozu ein neues Präsens ἀνᾱλόω ‘aufwenden, verbrauchen, verschwenden’ (ion. att.). Ableitungen: ἀνά̄λωσις ‘Aufwand, Verbrauch’ (ion. att.), ἀνά̄λωμα ‘Aufwand, Ausgabe’ (vorw. att.), ἀνήλωμα (Pap., Inschr.), sekundäres Simplex ἄλωμα (böot., Fraenkel Nom. ag. 1, 119); Demin. ἀναλωμάτιον (Ph., Pap.). ἀναλωτής ‘Verschwender’ (Pl.); ἀναλωτικός ‘verschwenderisch, verbrauchend’ (Pl., Ph. u. a.). — Aus *ἀνα-ϝαλίσκω eig. ‘aufreißen’, bzw. ‘an sich reißen’, ‘verzehren’. Vgl. ἁλίσκομαι. I-102

ἄναλτος ‘unersättlich’ (γαστήρ Od., Kratin.). — Negiertes Verbaladjektiv von dem in lat. alo, air. alim, awno. ala ‘nähren’, got. alandsτρεφόμενος’ vorliegenden Verb, das im Griechischen auch in νεᾱλής ‘munter, stark’ vermutet worden ist (s. auch Baunack Phil. 70, 355f. mit einer sehr fraglichen Kombination), aber sonst nur mit Erweiterungen erscheint: ἀλδαίνω, ἀλθαίνω (s. dd.). — Aind. anala- ‘Feuer’, nach den indischen Etymologen eig. ‘der Unersättliche’, das von Schulze KZ 54, 306 (= Kl. Schr. 215) hierhergezogen worden ist, ist wahrscheinlich dravidisches LW, s. Schrader KZ 56, 125ff., Mayrhofer Wb. s. v. I-102

ἄναξ, urspr. ϝάναξ, -κτος Fem. (ϝ)άνασσα (aus *ϝανακ-ι̯ᾰ) ‘Herrin’ (poet. seit Hom.). m. ‘Herrscher, Herr, Fürst’ (eig. ‘Schützer, Helfer, Retter’? s. Leumann Hom. Wörter 42ff. mit Lit.), pl. (ϝ)άνακες N. der Dioskuren, (poet. seit Hom.). Abstraktum ἀναξία ‘Herrschaft, Befehl’ (Pi., A.), auch auf ἀνάσσω beziehbar; Adj. ἀνάξιος ‘fürstlich’ (Sch.). — Von (ϝ)άνακες : (ϝ)ανάκειον ‘Tempel der Dioskuren’ (att., nwgr. usw.), ’Ανάκεια pl. ‘Fest der Dioskuren’ (Lys. u. a.); ἀνακώσιος Adj. (Rhegion, s. Chantraine Formation 42). — Denominatives Verb ἀνάσσω ‘Herrscher sein, herrschen’ (poet. seit Hom.). — Zugehörigkeitsadj. auf -τερος (vgl. ἀγρότερος, ὀρέστερος) in ägäisch u̯a-na-ka-te-ro = ϝανάκτερος, -ον? — Unerklärt. Nach Meillet Mél. Glotz 2, 587ff. u. a. (z. B. Boßhardt Die Nomina auf -ευς 22ff., wo auch über ἄναξ-βασιλεύς) Fremdwort. Die vorgebrachten Erklärungsversuche haben höchstens hypothetischen Wert: Schwyzer Glotta 6, 86 A. 1, Meringer WuS 9, 114, Ribezzo RIGI 12, 96, Pisani Rend. Acc. Lincei 6 : 6, 174 (auch zum Lautlichen), v. Windekens Le Muséon 61, 278ff. Über das (sekundär hinzu- getretene?) -τ- außerdem Doppler (s. Glotta 17, 245; abzulehnen). — Zu toch. B ñäkte, A ñkät, das fernzuhalten ist, Pedersen Tocharisch 31. — Phryg. vanaktei stammt aus dem Griechischen. I-102-103

ἀναρίτης — westgriechisch für νηρίτης (Magnien MSL 21, 59), s. d. I-103

ἀνα-ρριχάομαι auch ἀρριχάομαι (Hellanik., Ar., später Prosa; von Lukian als veraltetverpönt). Davon ἀναρρίχησις ‘das Emporklettern’ (Arist.). ‘mit Händen und Füßen emporklettern’, — Iterativ-intensive Ableitung von einem verschollenen primären Verb ohne sichere Entsprechungen. Unhaltbar Solmsen IF 13, 132ff.; vgl. noch Ehrlich Betonung 53. I-103

ἀνασταλύζω ‘aufweinen, aufschluchzen’ (Anakr. 43, 4). — Vgl. ἀσταλύχειν (zu lesen -ύζειν?)· ἀνα[β]λύζειν, κλαίειν H., νεόσταλυξ· νεοδάκρυτος H. Danach στάλυξ (postverbal) statt στάληξ zu lesen bei Zonar. = σταλαγμός. — Mit Prellwitz zu σταλάσσω, -άζω ‘träufeln, tropfen’. Zur Bildung vgl. γρύζω, ἰύζω, ὀλολύζω, ὀτοτύζω und andere Lautausdrücke. I-103

ἀναστίδωνος · ἀνατεταμένος H. — Unhaltbare Vermutung von Fick BB 18, 140: zu σπιδής = μακρός. Vgl. Pisani Ist. Lomb. 73 : 2, 23. I-103

ἀνασυρτόλις Hetärenbeiname (Hippon. 110). — Femininbildung zu einem Nomen auf -όλης von ἀνασύρομαι ‘die Kleider heraufziehen, sich aufdecken’; dasselbe Suffix u. a. im bedeutungsverwandten οἰφόλης, -λις. Das -τ- stammt wahrscheinlich aus einem Nomen auf Dental *ἀνασύρτης, -τις. Bechtel KZ 49, 118. I-103

ἄναυρος m. ‘Gießbach, Strom’ (Mosch., Nik.. Lyk. u. a.), auch thess. Flußname (Hes.). — Nach Persson IF 35, 199 und Kretschmer Glotta 10, 51ff. eig. "wasserlos", von dem im Sommer austrocknenden Wasserlauf; vgl. die Erklärung von ἄναυρος in EM: ὁ ἐξ ὑετῶν συνιστάμενος ποταμός; s. auch χαράδρα. — Von ἀν- privativum und einem Wort für ‘Wasser’, das als Simplex nicht belegt ist, aber sowohl in ἄγλαυρος (s. d.) wie (sehr hypothetisch) in θησαυρός und Κένταυρος gesucht wird (Kretschmer l. c.); vgl. noch den Quellnamen Αὔρα (Nonnos), den thrak. Flußnamen Αὔρας ebenso wie italische (illyrische) Flußnamen wie Metaurus, Pisaurus (Krahe IF 48, 216 A. 5), denen Pisani Beitr. z. Namenforschung 2, 65ff. noch Isaurus (Lucanus) hinzufügt. — Das Hinterglied wird als *αὔρα angesetzt (Persson, Kretschmer); möglich, aber keineswegs zwingend, vgl. ἄνυδρος : ὕδωρ : ὕδρος, -α. Jedenfalls war das Wort ursprünglich ein r-Stamm und mit aind. vā́r-(i), wahrscheinlich auch mit toch. A wär, B war nahe verwandt. Dasselbe Wort wird auch im Germanischen gesucht, z. B. awno. aurr m. ‘Naß, Wasser’ (Persson l. c.; die Bed. ist allerdings sehr unsicher). — Vgl. ἕρση, οὐρανός. WP. 1, 268f., Pok. 80f.; zu Αὔρας noch Brandenstein Archiv Orientální 17, 73f. m. Lit. — Anders angeschlossen (an FlN. Avara, Avantia, aind. avatá-, lett. avuõts u. a.) bei Krahe Beitr. z. Namenforschung 4, 49 (vgl. ebd. 115). I-103-104

ἁνδάνω, Aor. ἀδεῖν (ep. äol. Ind. εὔαδον), ep. Perf. ἕᾱδα (vorw. ion. und poet.). Zur Präsensbildung Schwyzer 699; att. ἥδομαι (s. d.), dor. viell. ἀ̄δάνω aus ἀδάνοντα· ἀρέσκοντα H. zu erschließen (Baunack Phil. 70, 353; vgl. ληθάνω). ‘gefallen’ Ableitungen: ἅδος ‘Beschluß’ (Halik., Thasos), ἅδημα· ψήφισμα H.; außerdem ϝάδιξις ‘Beschluß’ in γάδιξις· ὁμολογία und ἄδιξις· ὁμολογία παρὰ Ταραντίνοις H., zunächst zu *ϝαδίζομαι mit weiterem Anschluß an (ϝ)άδος; Bechtel Dial. 2, 419. — Genaue Entsprechungen zu den griechischen Formen liegen nirgends vor. Das Altindische hat ein damit eng verwandtes thematisches Wurzelpräsens svádati, -te ‘sich gefallen lassen, gefallen’; lat. suādeo ‘raten’ weicht dagegen in Form und Bedeutung stark ab. Der ϝ-Laut wird außer durch äol. εὔαδε (< *ἔ-σϝαδ-ε) auch durch kret. ἔϝαδε und lokr. ϝεϝαδηq_ότα bestätigt. — Verwandt sind ἥδομαι, ἡδύς (s. dd.). S. auch ἄσμενος und αὐθάδης. I-104

ἄνδηρα, τά (selten sing. ἄνδηρον) ‘erhöhte Ufer oder Ränder der Flüsse und Gräben; Erdaufwurf, Rabatte, Weinbeet’ (Hyp., buk., hell. u. spät). Davon ἀνδηρευτής ‘Rieselmeister des Weinlandes’ (Pap.). — Unerklärt. I-104

ἄνδινος · περίπατος (cod. περὶ παντός) H. (<παρὰ Ταραντίνοις> e sequenti linea huc revoc. Hemsterhusius). Davon ἀνδινέω (cod. ἀναδινίωπεριπατῶ H. — Nicht sicher erklärt. Nach Pokorny Zeitschr. celt. Phil. 21, 101 illyrisch und mit ἀν-ήνοθε usw. urverwandt. Pisani Ist. Lomb. 75 : 2, 32f. zieht vor, es als messapisch mit ital. andare ‘gehen’ zusammenzustellen. I-104

ἀνδράποδον n. ‘Kriegsgefangener der als Sklave verkauft worden ist’, ‘Sklave’ im allg. (ion. att.; zur Verbreitung E. Kretschmer Glotta 18, 76). Ableitungen. Deminutivum ἀνδραπόδιον (Hyp., Diph., Pap.). — Adj. ἀνδραποδώδης ‘sklavenmäßig’ (Pl., Arist. usw.), wovon ἀνδραποδωδία ‘Sklavengesinnung’ (Arist., Plu.). — Denominatives Verb ἀνδραποδίζω, -ομαι ‘in Knechtschaft versetzen, als Sklaven verkaufen’ (ion. att.). Davon sind abgeleitet: ἀνδραπόδισις ‘Knechtung’ (Xen.), -ισμός ‘ds.’ (att.). — ἀνδραποδιστής ‘Sklavenhändler’ (att.); ἀνδραποδιστικός ‘zum Sklavenverkauf, -händler gehörig’ (Pl., Eup.); ἀνδραποδιστήριος ‘ds.’ (Tz.). — Der Plural ἀνδράποδα (urspr. Konsonantstamm; Dat. pl. ἀνδραπόδεσσι Η 475) "Menschenfüßler", woraus sekundär der Sing. ἀνδράποδον, wurde nach τετράποδα ‘Vierfüßler’ geschaffen; Brugmann Grundr.2 2 : 1, 21, Wackernagel KZ 30, 298, Sommer Nominalkomp. 35, Leumann Hom. Wörter 157f. I-104-105

ἀνδράχνη f. ἄνδραχνος f. (Paus.); auch mit Dissimilation ἀνδράχλη (Thphr. u. a.), ἄνδραχλος (EM, Thphr. v. l.). Pflanzenname, ‘Portulaca oleracea’, auch ‘Sedum stellatum’ (Thphr., Dsk. u. a.), — Unerklärt. I-105

ἀνδρεϊφόντῃ, ‘Ενυαλίῳ ἀ. (Il.) — im Versschluß nach ἀργεϊφόντης (s. d.); v. Wilamowitz Hom. Unt. 299 A. 10, vgl. Wackernagel Unt. 172. I-105

ἀνδριάς s. ἀνήρ. I-105

Ανδρομάχη Die Gemahlin Hektors (Il. usw.); — so genannt, weil ihr Mann in der Männerschlacht zu Hause ist, wie Hektors Sohn seinen Namen ’Αστυάναξ, d. h. ‘Stadtherrscher, Stadtschützer’, nach den Taten seines Vaters erhielt. Kretschmer Glotta 12, 103. Anders über ’Αστυάναξ Roussel REGr. 32, 482ff. I-105

ἄνεμος m. ‘Wind’ (seit Il.). Mehrere Ableitungen: ἠνεμόεις ‘windig, windreich’ (metr. Dehnung, wonach dor. ἀ̄νεμόεις; ep. poet.); ἀνεμώλιος ‘eitel, unnütz’ (ep.), aus *ἀνεμώνιος durch Dissimilation, bzw. nach dem Synonym ἀποφώλιος (Bechtel Lex., Chantraine Formation 43; Risch 113 erinnert an ἀπατήλιος); ἀνεμώδης ‘windig’ (Hp., Arist., hell. u. spät); ἀνεμιαῖος ‘windig, eitel’ (Pl., Kom., Alkiphr. u. a.), nach den Maßadj. auf -ιαῖος? (worüber Chantraine 49). — ἀνεμώτας· ὄνος ἄφετος, ἱερός, τοῖς ἀνέμοις θυόμενος ἐν Ταραντίνοις H.; ἀνεμῶτις Epithet von Athene (als Windstillerin; Paus.). — ἀνεμία ‘Blähung’ (Hp.). — ἀνεμώνη s. d. — Denominative Verba: ἀνεμόομαι ‘vom Winde aufgebläht werden’ (Hp., Pk. usw.); ἀνεμίζομαι ‘mit dem Winde treiben’ (Ep. Jak.). — Gr. ἄνεμος ist mit lat. animus formal identisch; auch aind. ánila- m. ‘Wind, Luft’ kann dazu stimmen, falls aus *anima- dissimiliert. Zum mo-Suffix Porzig Satzinhalte 285f. In Betracht kommt ferner arm. hoɫm ‘Wind’ (mit Dissimilation aus n-m), aber der Anlaut macht Schwierigkeiten; s. darüber Lidén Armen. Stud. 39 A. 1, Petersson KZ 47, 246, Meillet BSL 26, 11. Eine andere Bildung im Keltischen, z. B. kymr. anadl ‘Atem’ (mit tlo-Suffix). — Zugrunde liegt ein zweisilbiges Wurzelverb, aind. áni-ti ‘atmet’; vgl. got. us-anan ‘ausatmen’ und Schwyzer Mél. Boisacq 2, 231ff. — S. auch ἄσθμα und ἄνται. I-105

ἀνεμώνη (Kom., Thphr. usw.). Pflanzenname, ‘Windblume’ (Lehnübersetzung), Ableitung ἀνεμωνίς f. = ἀνεμώνη ἥμερος (Nik., Nonnos). — Prellwitz’ Herleitung aus ἄνεμος sucht Strömberg Pflanzennamen 77 mit verschiedenen Argumenten zu stützen. Unwahrscheinliche semitische Etymologie bei Lewy Fremdw. 49. I-105-106

ἀνενετεῖ · ἀρνεῖται H. — Nach v. Blumenthal Hesychst. 34 = *ἀναινετεῖ; vgl. ἀναίνομαι und αἰνετός. Eher mit Cocceius aus ἀναίνεται entstellt. I-106

ἄνευ Nebenformen: ἄνευν (Epidauros), ἄνευς (Olympia), ἄνις (Megara, hell. Dichter), vgl. Schwyzer-Debrunner 535 : 4a. ‘fern von, ohne’ (seit Il.). Davon ἄνευθε(ν) (ep. lyr.) und ἀπάνευθεν (ep.), auch als Adverbia ‘fern ab’ gebraucht. — Seiner Bildung nach erinnert ἄνευ an den alten Lokativ eines u-Stamms; es ist aber ohne genaue Entsprechung. Man vergleicht einerseits die germanische Gruppe got. inu ‘ohne’ (< *ĕnu), ahd. ānu = ohne (< *ēnu) und aind. ánu ‘entlang’, ānu-ṣák ‘nach der Reihe’; anderseits aind. sanu-tár ‘abseits’, lat. sine usw. Bei der letzten Annahme wäre ἄνευ entweder eine psilotische oder eine "s-lose" Form; das eine ebenso unwahrscheinlich wie das andere. Literatur bei Bq, W.-Hofmann 1, 677 (s. ignosco), WP. 1, 127f., Pok. 318, Wackernagel Symb. phil. Danielsson 390 A. 1. Vgl. s. ἄτερ. I-106

ἀνεψιός m. ‘Vetter’ (seit Il.) mit sekundärem Fem. ἀνεψιά ‘Base’ (Isok., Xen. usw.). Andere Ableitungen: ἀνεψιαδοῦς (vgl. ἀδελφιδοῦς) m. ‘Sohn des Vetters’ (Kom., D. u. a.), auch ἀνεψιάδης (Pachnemunis, Iamb.); dazu ἀνεψιαδῆ ‘Tochter des Vetters’ (Ar.). Abstraktbildung ἀνεψιότης, -ητος f. ‘Vetterschaft’ (Pl., Lex ap. D.). — Bis auf das anlautende, gewiß prothetische ἀ- (anders Schwyzer 433 : 4) entspricht ἀνεψιός völlig aw. naptya- ‘Abkömmling’, aksl. netьjь ‘Neffe’, idg. *nept-ii̯o-, das eine Ableitung des Wortes für ‘Enkel, Neffe’, aind. nápāt, lat. nepōs usw., idg. *nepōt-, darstellt; vgl. νέποδες. I-106

ἄνεῳ, ἄνεω ‘schweigend, still’, ep. Prädikat zu pluralen Subjekten bis auf ψ 93 ἄνεω ἧστο. Davon ἀνεοστασίη· θάμβος H. — Von Eust. zu Ψ93, im allg. auch von den Neueren, als Adverb aufgefaßt (so vielleicht schon Aristarch, s. Buttmann Lexilogus 2, 2); die gewöhnliche Schreibung ἄνεωι wäre dann wegen der angeblichen adjektivischen Funktion bei pluralen Subjekten eingeführt. Vgl. Chantraine Gramm. hom. 1, 249 m. Lit. — Das Wort ist dunkel; die bisherigen Erklärungsversuche (s. Bq mit Add., Bechtel Lex., WP. 1, 114) sind erfolglos geblieben. Vgl. zuletzt Grošelj Živa Ant. 4, 168. I-106

ἄνηθον (-νν-), -τον n. ‘Dill’ (äol., att., hell. u. spät). Ableitung ἀνήθινος ‘aus Dill gemacht’ (Theok., Dsk. u. a.), ἀνηθίτης (οἶνος, Gp.). — LW unbekannten Ursprungs; vgl. λάπαθον und andere Pflanzennamen auf -θον (-θος) bei Chantraine Formation 368. I-106

ἀνήνοθεν Λ 266 (ρ 270) ep. Plusquamperfekt (Perfekt) s. ἐνθεῖν. Vgl. auch ἄνθος am E. I-107

ἀνήρ, ἀνδρός, ἄνδρα (ep. auch ἀνέρα, wonach ἀνέρος usw.; zur Flexion s. Schwyzer 568β) ‘Mann, Mensch’ (seit Il.). Über Sinn und Gebrauch s. Vock Bedeutung und Verwendung von ἀνήρ und ἄνθρωπος. Diss. Freiburg (Schweiz) 1928; Chantraine REGr. 59-60, 219ff.; auch Sommer Nominalkomp. 177ff. Zahlreiche Ableitungen: Demin. ἀνδρίον (Kom., E. Theok.); daraus vielleicht, mit denominalem ντ-Suffix, ἀνδριάς, -άντος ‘Menschenbild, Statue’ (Pi., ion. att.), vgl. Kretschmer Glotta 14, 84ff., weitere Literatur bei Schwyzer 526 : 3 u. 4; verfehlt Szemerényi KZ 71, 215); ἀνδρίς f. ‘Weib’ (Sm.); ἀνδρ(ε)ών m. ‘Männergemach’ (ion. att.) mit ἀνδρώνιον (Delos) und ἀνδρωνῖτις ‘ds.’ (Lys., X. usw., vgl. Redard Les noms grecs en -της 110). Abstrakta: ἀνδρεία (-ηίη, -ία) ‘Mannhaftigkeit, Tapferkeit’ (ion. att.); ἀνδροτής, -τῆτος ‘Manneskraft’ (Π 857, Ω 6), viell. als *δροτῆτα zu lesen, vgl. δρώψ und Leumann Hom. Wörter 221 m. Lit. ἠνορέη ‘ds.’, ion. Umsetzung von äol. ἀ̄νορέα (aus -ρία), vom Metrum begünstigt (Kretschmer Glotta 24, 245f.), wahrscheinlich aus einem Kompositum (vgl. εὐανορία Pi.) abgetrennt, s. Leumann Hom. Wörter 109f., 123 m. Lit.; daraus ἀ̄νόρεος (S.). — Adjektiva: ἀνδρεῖος (ion. usw. ἀνδρήϊος, vgl. Chantraine Formation 52, Schwyzer 468 : 3) ‘männlich, mannhaft, mutig’, wovon ἀνδρειότης ‘Männlichkeit’ (X., Ti. Lokr.) und das Denominativum ἀνδρειόω ‘mutig machen’ (LXX), -όομαι ‘Mann werden’ (Prokl.), wovon wiederum ἀνδρείωμα (Metrod.); — jünger ἀνδρικός ‘zum Manne gehörig, männlich, mannhaft’ (vorw. att.; zu ἀνδρεῖοςἀνδρικός Chantraine Formation 389, 391f.); ἀνδρόμεος ‘menschlich’ (ep.; -μεος wohl = aind. -maya-); ἀνδρώδης ‘mannhaft’ (Emp., Isok. usw.); ἀνδρῷος ‘zum Manne gehörig’ (Muson., Gal. u. a.). — Denominativa: ἀνδρόομαι ‘Mann werden’ (Hdt., Hp., E. usw.), -όω ‘zum Manne machen’ (Lyk.); ἀνδρύνομαι ‘Mann werden’ (Ps. Kallisth.); ἀνδρίζομαι ‘Mann werden, sich als Mann zeigen’ (att. usw.), -ίζω ‘zum Manne machen’ (X.); davon ἄνδρισμα (Max. Tyr.) und ἀνδρισμός (Poll.) ‘männliches Auftreten’. — Über ἀνήρ als Hinterglied (-ήνωρ, -ανδρος) ausführlich Sommer Nominalkomp. 160ff. mit weiterer Lit. und kritischer Erörterung anderer Auffassungen; s. auch zu ’Αλέξανδρος s. ἀλέξω. — Kuiper MAWNied. NR. 14 : 5 will, wenig wahrscheinlich, in -ήνωρ und in νῶρ-οψ ein altes Abstraktum *ἄνερ, *ἄναρ ‘vital energy’ (idg. *ner-; auch in aind. sū-nára- u. a.) finden. — ἀνήρ ist mit arm. ayr, Gen. aṙn ‘Mann’ identisch (zum Lautlichen Bonfante Mélanges Pedersen 20 A. 1) und entspricht bis auf ἀ- aind. nā́ (Stamm nar-), ital. ner- in osk. ner-um ‘virorum’, lat. sab. Ner- usw. (s. W.-Hofmann s. neriōsus), kymr. ner ‘chef, maître’ (Loth Rev. celt. 41, 207L), alb. njer ‘Mann, Mensch’ (vgl. Mann Lang. 28, 38). Dagegen muß die Heranziehung von heth. innar-, luw. annar- in innarau̯atar etwa ‘(Lebens)kraft, hoheitliche Macht’ und anderen Bildungen (zuletzt Kammenhuber Münch. Stud. z. Sprachwiss. 3, 36) immer als sehr hypothetisch betrachtet werden. — Anl. ἀ-, das auch in neuphryg. αναρ erscheint, stellt entweder eine Prothese dar oder beruht auf altem Ablaut. Es fehlt in δρώψ· ἄνθρωπος H., falls, wie wahrscheinlich, aus *νρ-ώψ. — Vgl. νωρει̃. I-107-108

ἄνθεμον s. ἄνθος. I-108

ἀνθερεών, ἀνθέριξ s. ἀθήρ. I-108

ἀνθίας, -ου m. Fischname, ‘Labrus anthias’ (Anan., Kom., Arist.). — Wegen der Farbe so genannt, zu ἄνθος, s. Strömberg Fischnamen 26. I-108

ἄνθος n. ‘Blume’, oft übertragen (seit Il.). Sehr zahlreiche Ableitungen. 1. Substantiva. Deminutiv ἀνθύλλιον (M. Ant., Dsk. usw., zur Bildung Leumann Glotta 32, 214ff.), auch Pflanzenname wie ἀνθυλλίς (Dsk., Plin.) und ἄνθυλλον (Ps.-Dsk., Plin.); ἀνθήλιον v. l. für ἀνθύλλιον (Dsk. 3, 156; 4, 121), auch = κανθήλιον (Charax); ἀνθάλιον Pflanzenname, vgl. Chantraine Formation 74; ἀνθάριον· ἐρύθημα H. (deminutiv-hypokoristisch). — ἀνθήλη ‘die Federkrone der Blumen’ usw. (Thphr., Dsk.), auch auf ἀνθέω zu beziehen; davon ἀνθηλᾶς m. etwa ‘Blumenhändler’, vgl. Olsson Aegyptus 6, 247ff. — ἀνθεών m. ‘Blumenflur, Garten’ (Amasia), ἀνθών (Gloss.). — ἀνθηδών f. ‘Biene’ (vgl. ἀνθρηδών und Chantraine 361), auch Pflanzenname. — ἀνθοσύνη ‘Blüte’ (AP). — ἀνθίας s. bes. — ’Ανθεστήρια n. pl. ‘Blumenfest, Frühlingsfeier’ (ion. att., vgl. Chantraine 63, Schwyzer 470 : 7) mit dem Monatsnamen ’Ανθεστηριών. — Eine unabhängige Parallelbildung ist ἄνθεμον n. ‘Blume, Rosette, Palmette’ (poet. seit Sappho); kaum mit Leumann Hom. Wörter 249ff. aus dem in der Ilias für den Versschluß geschaffenen ἀνθεμόεις (-όεντα, -όεντι; Vorbild ἠνεμόεντα, -όεσσαν) und πολυ-άνθεμος (Sapph.) rückgebildet; dazu sind die Ableitungen zu zahlreich. Davon ἀνθεμώδης ‘blumenreich’ (poet. seit Sapph.), ἀνθεμωτός ‘ds.’ (Attika), ἀνθεμίς Pflanzenname, auch ‘Blümchen’ (Nik., J. u. a.), ἀνθεμίσιον Pflanzenname (Alex. Trall.), ἀνθέμιον ‘Blüte, bes. als Verzierung gebraucht’ (X., Thphr. u. a.); auch die hom. PN ’Ανθεμίων und ’Ανθεμίδης (Leumann a. a. O.), ferner der ON ’Ανθεμοῦς (Makedonien). Aus ἄνθεμον ferner die poetischen Verba ἀνθεμίζομαι und ἐπανθεμίζω (A., bzw. S. in lyr.). — 2. Adjektiva. ἄνθινος ‘aus Blumen bestehend, stammend, blumig, bunt’ (ι 84, Hp., Arist. usw.); ἀνθηρός ‘blumenreich’, vorw. übertr. ‘frisch, glänzend, üppig’ (S., E., Ar., Isok., X. usw.), viell. eher von ἀνθέω (Chantraine Formation 232, Schwyzer 482 : 7); davon ἀνθηρότης (Sch.). Die übrigen Adjektiva sind vereinzelt und spät: ἀνθήεις ‘hellfarbig’, ἀνθήμων ‘blumenreich’ (vgl. auch ἀνθέω), ἀνθικός ‘mit Blumen versehen’, ἄνθιμος ‘aus Blumen stammend’; vgl. Arbenz Adj. auf -ιμος 102. — 3. Verba. ἀνθέω ‘blühen’ mit verschiedenen Präverbien, sehr oft übertragen (λ 320 ἀνθῆσαι, ion. att.); davon ἄνθησις ‘Blüte’ (Thphr., Plu.), ἐξ-ανθέω mit ἐξάνθησις (Hp., Th. u. a.) und ἐξάνθημα (Hp., Arist. usw.), ἄνθημα (Sch.); — retrograde Ableitung ἄνθη ‘das Blühen, Blüte’ (Pl., Nik., Ael.); verbales Adj. ἀνθητικός = ἀνθικός (Thphr.). — ἀνθίζω ‘mit Blumen bedecken, bunt machen, färben’ mit verschiedenen Präverbien (Hdt., S., E., Arist. usw.); davon ἀνθισμός ‘Glanz’ (PHolm.). — ἄνθος ist mit aind. ándhas- n. ‘Kraut’ formal identisch; die übrigen bei Pok. 40f. angeführten Gleichungen sind unbeweisbar (alb. ënde ‘Blüte’, s. G. Meyer Alb. Wb. 5) oder verfehlt (arm. and ‘Feld’, toch. A ānt, B ānte ‘Fläche’, s. Lidén Mél. Pedersen 89ff.). In Betracht kommt dagegen altfries. åndul ‘Marschgras’ usw. (Schwentner KZ 69, 244 nach Holthausen); weit unsicherer ahd. usw. andorn (Loewe, s. Schwentner KZ 71, 32). Zusammenhang mit ἀνήνοθεν (so auch Schwyzer 339) ist nicht zu beweisen; vgl. zu diesem Wort s. ἐνθεῖν. I-108-109

ἄνθραξ, -ᾰκος gew. pl. ἄνθρακες m., ‘Glutkohle’, übertr. ‘Karfunkel, Karbunkel’ (ion. att.). Mehrere Ableitungen: Demin. ἀνθράκιον (Thphr., Inschr. usw.); ἀνθρακιά ‘Glutkohlenhaufen’ (I 213 usw.), vgl., außer Chantraine Formation 82 und Schwyzer 469: 5, Scheller Oxytonierung 66f.; ἀνθρακίας "Kohlenmensch" (Luk., vgl. Chantraine 93); ἀνθρακίτης m. N. eines Edelsteins (Plin.), -ῖτις f. ‘Art Kohle’ (Plin.), vgl. Redard Les noms grecs en -της 45, 50 und 52; ἀνθρακών m. ‘Kohlenhaufen’ (Hdn.), ἀνθράκωμα ‘ds.’ (Dsk.); zur nominalen Ableitung Chantraine 187; ἀνθρακάριος· carbonarius (Gloss.). — Adjektiva: ἀνθρακώδης ‘kohlenähnlich’ (Hp., Arist. u. a.), ἀνθρακηρός ‘zu Kohlen gehörig’ (Alex., Delos), ἀνθράκινος ‘aus Karfunkel, karfunkel-farbig’ (LXX, Pap.). — Denominative Verba: 1. ἀνθρακόομαι ‘zu Kohlen verbrannt werden’ (A., E., Thphr.), auch ‘ein Geschwür bilden’ (Aët.); davon ἀνθράκωσις ‘Verkohlung’ (Dsk.), auch ‘Geschwür, Karbunkel’ (Paul. Aeg., Gal.). — 2. ἀνθρακεύω ‘Kohlen verbrennen, verkohlen’ (Ar., Thphr. u. a.); davon postverbal (evtl. von ἄνθραξ) ἀνθρακεύς ‘Kühler, Kohlenbrenner’ (App., Aesop., Them.); φιλανθρακεύς schon Ar., vgl. Boßhardt Die Nomina auf -ευς 50; ferner ἀνθρακευτής ‘ds.’ (And., Ael.), ἀνθρακεία ‘das Kohlenbrennen’ (Thphr.). — 3. ἀνθρακίζω ‘auf Kohlen rösten oder dörren’ (Ar., Pap.); davon als retrograde Bildung ἀνθρακίδες ‘kleine Fische zum Rösten’ (Philyll.); vgl. ἐπανθρακίδες ‘ds.’ (Ar.) von ἐπανθρακίζω. — Unklar. Vgl. indessen arm. ant‘-el ‘Glutkohle’, wozu noch georg. *nt‘ in v-a-nt‘-ab ‘ich entzünde’ (Vogt NTS 9,333); bildungsmäßig weichen allerdings die Wörter stark voneinander ab. — Verfehlt Winter Prothet. Vokal 45. I-109-110

ἀνθρηδών, -όνος f. ‘Hornis’ (D. S., H.); ἀνθρήνη f. ‘Waldbiene, Wespe’ (Ar., Arist.), woraus ἀνθρήνιον n. ‘Wespennest’ (Ar. u. a.) mit ἀνθρηνιώδης ‘wie ein Wespennest gebaut, röhrig’ (Plu.). — Neben ἀνθρηδών, ἀνθρήνη stehen τενθρηδών f. (Arist., Dsk.), τενθρήνη (Nik.) mit τενθρήνιον (Arist.) und τενθρηνιώδης (Hp., Demokr., Plu.; in der Überlieferung stark entstellt, teilweise zweifelhaft). — Zu beachten ferner πεμφρηδών f. ‘Art Wespe’ (Nik.) und ἀνθηδών f. ‘Biene’ (Damokr. ap. Gal. u. a.), nach ἄνθος umgebildet. Auch die übrigen Wörter haben einander formal beeinflußt und entziehen sich deswegen einer genauen Analyse. — Für ἀνθρήνη und ἀνθρηδών kommt Verwandtschaft mit ἀθήρ, ἀνθέριξ usw. in Betracht (näheres bei WP. 1, 45; Pok. 41); τενθρήνη und τενθρηδών können aus τερθρ- dissimiliert sein und eine Reduplikationssilbe enthalten (vgl. θρῶναξ· κηφήν. Λάκωνες H.) und gehören dann zu θρέομαι, θόρυβος usw.; vgl. dazu (mit teilweise irrigen Schlüssen) Winter Prothet. Vokal 45. — Anders, wenig überzeugend, Ehrlich Betonung 143: eig. "mit Stachel versehen", von τέρθρον ‘Ende (einer Segelstange)’; er vergleicht besonders τεθρηδών· πρωρεύς H., das aber eine scherzhafte Bildung der Seemannssprache nach den Tiernamen auf -ηδών (Chantraine Formation 360f., Schwyzer 529) sein dürfte. I-110

ἄνθρυσκον, auch ἔνθρυσκον n. ‘Kerbel’ (Sapph., Kom., Thphr.). Bei Pollux 6, 106 ἀνθρίσκος m., wovon ἀνθρίσκιον· λάχανον ἔχον ἄνθος, ὡς ἄνηθον. ἢ τὸ ἄννησον H. — Unerklärt. Vielleicht zu ἀθήρ, ἀνθέριξ wegen der stacheligen Früchte. I-110

ἄνθρωπος m. ‘Mensch’, auch ‘Mann’ (seit Il.); vereinzelt f. (meistens verächtlich) ‘Weib’. Lit. s. ἀνήρ. Mehrere Deminutiva, gewöhnlich mit verächtlichem Nebensinn: ἀνθρώπιον (E., Kom., D., X.), ἀνθρωπίσκος (E., Ar., Pl. u. a.), ἀνθρωπάριον (Kom., Demad., Arr.). — Weitere Ableitungen: ἀνθρωπώ· ἡ γυνὴ παρὰ Λάκωσιν H. (zweifelhaft); ἀνθρωπέη, -πῆ f. ‘menschliche Haut’ (Hdt., Poll., vgl. Chantraine Formation 91); ἀνθρωπότης f. ‘Menschlichkeit’ (Ph., S. E. usw.). — Adjektiva: ἀνθρώπειος, ion. usw. -ήϊος (Chantraine 52, Schwyzer 468 : 3) ‘menschlich’ (meist in höherem Stil), ἀνθρώπινος ‘ds.’ (ion. att., vorw Kom. und Prosa), ἀνθρωπικός ‘ds.’ (Pl., Arist. usw.). — Denominative Verba: 1. ἀνθρωπίζομαι ‘sich wie ein Mensch benehmen’ (Ar., Luk.); davon (falls nicht direkt von ἄνθρωπος, vgl. Chantraine 142f.) ἀνθρωπισμός ‘Menschheit’ (Aristipp.); — 2. ἀνθρωπεύομαι ‘sich wie ein Mensch benehmen’ (Arist. u. a.); — 3. ἀνθρωπόομαι ‘Mensch sein’ (Plu.). — Trotz wiederholter Anstrengungen nicht aufgeklärt (s. die Zusammenfassung bei Seiler Glotta 32, 225ff.): 1. Aus *ἀνδρ-ωπ-ος ‘mit Mannesgesicht begabt’ (Hartung, Pott, s. Curtius 307). Dabei bleibt θ für δ unerklärt; unwahrscheinlich Devoto IF 60, 63ff. (illyrisches Wort; θ für δ übertriebene Reaktion gegen die nördliche Abstammung); unwahrscheinlich ebenso Kretschmer Glotta 28, 245f. (*ἀνδρ-ὡπος mit Spir. asper nach ὁράω). 2. Aus *ἀνδρ-ὡπος ‘mit männlichem Aussehen’; das Hinterglied zu got. saiƕan ‘sehen’ usw. (Brugmann IF 12, 25ff.). 3. *ἀνθρ(ο)-ωπος ‘mit bärtigem Gesicht’ (vgl. rum. bărbat ‘Mann’); das Vorderglied zu ἀνθερεών, ἀνθέριξ, s. ἀθήρ (Güntert Sb. Heidelberg 1915 : 10). 4. Verbalnomen zu ἀνατρέπω ‘der Aufrechte’ (G. Meyer Gr.3 210). 5. Verbalnomen zu ἀνατρέφω ‘der Zögling, der Genährte, der Körperliche’ (Brugmann Festgabe Kaegi 29ff., Pisani Rend. Acc. Lincei 6 : 4, 361ff., Acme 1 : 3, 272). Noch anders Holthausen KZ 47, 312 (zu ἀνθηρός); Fick BB 18, 136 (zu ahd. muntar); Ribezzo RIGI 16, 72ff. (*ἄνθρω + πός "die unten Lokalisierten", zu aind. ádhara- usw. mit ἀν- aus n- [?]). — S. noch Pisani Studitfilcl. 12, 300, Petersen AmJPh. 56, 64ff., Prellwitz Glotta 15, 128ff., 16, 151f., Krogmann Glotta 23, 220ff., Kretschmer Glotta 19, 220, Chantraine Mélanges Cumont 121ff., Grošelj Živa Ant. 4, 168, Schwyzer 426 A. 4. — An ἄνθρωπος erinnert entfernt heth. antuḫšaš ‘Mensch’ (Kretschmer Glotta 9, 231f.); Versuch, die beiden Wörter zusammenzubringen, von W. Petersen AmJPh 56, 59f. I-110-111

ἀνί̄̆α, -ί̄η f. ‘Plage’ (ion. att. seit Od., äol. ὀνία). Ableitungen: ἀνιαρός, -ηρός (ion. att. seit Od.) ‘lästig’, auch (selten) ‘betrübt’; ἄνια n. pl. ‘ds.’ (A. Pers. in lyr.), retrograde Bildung nach Muster von φιλία : φίλιος. — Denominative Verba: ἀνιάω ‘beleidigen, belästigen’ (ion. att. seit Od.); daneben ἀνιάζω (ep. seit Il.; zur Bildung Schwyzer 734 θ). — Nicht sicher gedeutet. Am meisten empfiehlt sich Leo Meyers und Wackernagels (Glotta 14, 54f.) Vergleich mit aind. ámīvā f. ‘Plage’, der indessen eine Dissimilation der Labiale m- zu n- voraussetzt. Weniger glaubhaft zu lat. onus usw., s. WP. 1, 132f. m. Lit., Pok. 321f. I-111-112

ἀνιγρός ‘lästig’ (Nik., Kall., Opp. u. a.); ἀνιγρόν· ἀκάθαρτον, φαῦλον, κακόν, δυσῶδες, ἀσεβές H. — Unerklärt. Zusammenhang mit νίζω (J. Baunack RhM 37, 474, v. Blumenthal Hesychst. 34; zum Lautlichen vgl. Schwyzer 299 : 6) wenig glaubhaft. Noch unwahrscheinlicher Ehrlich Sprachgesch. 61f. (zu lat. niger; vgl. zu diesem s. νεβρός). I-112

ἀννίς daneben ἀνώ im Akk. ἀνών IG 9 : 2, 877 (Larisa). · μητρὸς ἢ πατρὸς μήτηρ H., IG 7, 3380 (Böotien); — Ehestens elementarverwandt mit heth. annaš ‘Mutter’, vgl. auch ḫannaš ‘Großmutter’, lyk. χñna ‘Mutter’ (Pedersen Lykisch und Hittitisch 26 m. A.); ferner mit arm. han ‘Großmutter’, lat. anna ‘Pflegemutter’, ahd. ana ‘(Ur)großmutter, Ahne’ u. a. Näheres m. Lit. Pok. 36f. I-112

ἀνοκωχή, ἀνακωχή (s. unten) f. ‘das Anhalten, die Hemmung’, bes. ‘Waffenstillstand’ (Th. u. a.). Denominative Verba: ἀνοκωχεύω, ἀνακ- ‘anhalten’ (tr. u. intr.), ‘zurückhalten, hemmen’ (Hdt., S., Arist. usw.); daneben ἀνακωχέω (Hp.), wovon ἀνακώχησις = σύμπτωσις, ἀνοχή usw. (Bacch. usw. ap. Erotianos s. v.). — Reduplizierte Bildung von ἀνέχω wie δι-οκωχή von διέχω; s. ἔχω. Die weit verbreitete Form ἀνακωχή, -εύω, -έω, nach ἀνα- in antekonsonantischer Stellung, war durch die Verdunkelung der Bildungsweise bedingt; vgl. Chantraine Étrennes Benveniste 12f. I-112

ἀνόπαια (α 320) Bed. unbekannt. ’Ανόπαια f. (Hdt. 7, 216) der Teil des Oeta, der durch den Verrat des Ephialtes bekannt geworden ist, und der steile Pfad, der über ihn führte. Daneben ἀνόπαιον (Emp. 51) mit unklarer Bedeutung, vgl. Diels ad loc. — Schon im Altertum ein dunkles Wort ist ἀνόπαια früh verschiedentlich erklärt worden. Bechtel Lex. sieht darin nach dem Vorgang Wörners Gurt. Stud. 6, 349ff. eine Hypostasierung des Ausdrucks ἀνὰ τῇ ὀπῇ ‘oben an der Dachluke’ und deutet es als ‘Obergeschoß’. I-112

ἄντα, ἄντην Adv. ‘gegenüber, ins Gesicht’ (ep., zum Gebrauch Bolling Lang. 27, 223ff.). Ableitungen: ἀντά̄εις ‘feindlich’ (Pi., dor.). Denominatives Verb ἀντάω ‘entgegenkommen, -gehen’ (ep. poet.) mit ἀντήσεις· ἱκεσίαι, λιτανεῖαι, ἱκετεῖαι H. (dem Sinne nach zu ἄντομαι, s. unten). Daneben ἀπ-αντάω (att., ion. usw.) mit ἀπάντησις ‘Begegnung’ (S., Arist. usw.) und ἀπάντημα ‘ds.’ (E., LXX). — Scheinbar primär, aber in Wirklichkeit von dem Wurzelnomen *ἀντ- (s. unten und Schwyzer 722 : 8) abgeleitet ist ἄντομαι ‘begegnen, angehen, flehen’ (ep. poet.). ἄντα ist als Akkusativ eines alten Wurzelnomens anzusehen, von dem der Lokativ in ἀντί (s. d.) vorliegt; ἄντην wie δήν, πλήν usw. Ursprüngliche Kasusfunktion noch in ἔν-αντα (= ἐν ἄντα) usw., s. Schulze Kl. Schr. 669, Wackernagel Syntax 2, 225. Vgl. got. and(a)- ‘entgegen’, lit. añt, alit. u. dial. antà ‘nach — hin, auf, über’. I-112-113

ἄνται · ἄνεμοι. ἀντάς· πνοάς H. — Wahrscheinlich mit Scaliger in ἀῆται, ἀήτας zu ändern. Sturtevant (s. Lang. 19, 308) verteidigt die Lesung der Hs. und betrachtet ἄνται als eine Ableitung von *an- ‘atmen’, s. ἄνεμος. I-113

ἀντακαῖος m. ‘Art Stör’ (Hdt., Lynk., Ael.), auch adjektivisch (appositiv) gebraucht (Antiph.). — Etymologie unbekannt, wahrscheinlich zurechtgelegtes Fremdwort, vgl. Hdt. 4, 53: κήτεά τε μεγάλα ἀνάκανθα, τὰ ἀντακαίους καλέουσι (scil. οἱ Βορυσθενεῗται). I-113

ἀντάτας ‘Bürge’ (Kreta). — Eig. "der, welcher an Stelle eines anderen Schaden (ἄτη) leidet", als Bahuvrihikompositum. E. Kretschmer Glotta 18, 91 (nach Blaß und Fraenkel). I-113

ἀντηρίς, -ίδος f. ‘Strebepfeiler, Stütze’ (E., X., hell.). Deminutivum ἀντηρίδιον (hell.). — Durch Rückbildung aus ἀντερείδω ‘dagegen stützen, sich entgegenstemmen’ mit Vokaldehnung in der Kompositionsfuge abgeleitet; vgl. Fraenkel Glotta 4, 34, der indessen irrtümlich in -ηρίδ- die Schwundstufe von ἐρείδω (vgl. Hom. ἐρηρίδαται, -το; Hss. falsch -ρεδ-) sucht unter Hinweis auf καλαΐς zu καλὰ ἀείδειν, wo aber eine derartige Schwundstufe fehlt. Somit ist -ιδ- vielmehr als Suffix abzutrennen mit Verstümmelung des Verbalstamms bzw. Haplologie ähnlich wie z. B. in ἐγκλίς zu ἐγκλίνω, ἐμπίς zu ἐμπίνω oder, noch härter, ἐγκρίς ‘Kuchen aus Öl und Honig’ zu ἐγκεράννυμι, s. Strömberg Wortstudien 14f. (wo indessen ἐγκρίς mit Unrecht zu ἐγκρίνω gezogen wird). Zu ἀντηρίς hat man dann eine Bildung auf -ιος gewagt: ἀντήριος· στήμων, καὶ κανὼν ὁ προσκείμενος τῇ θύρᾳ H., nach Muster von παγίς : πάγιος, βωμίς : βώμιος usw. I-113

ἄντηστις nur in κατἄντηστιν θεμένη περικαλλέα δίφρον (υ 387) ‘gegenüber’. — Zusammenbildung zu ἄντην ἵστασθαι, wobei die "Stammform" ἄντη- als Vorderglied eingetreten ist. Als Hinterglied fungiert die antevokalische Schwundstufe -στ- mit suffixalem -ι-, vgl. ἔξαστις aus *ἔξ-αν-στ-ις. Schwyzer IF 30, 434ff. (wo indessen einer etwas abweichenden Analyse der Vorzug gegeben wird), Bechtel Lex. s. v. I-113

ἀντί Präposition und Präverb, außerdem als Adverb in Bahuvrihikomposita ‘angesichts, gegenüber, anstatt’. Zusammensetzungen : ἔναντι, ἀπέναντι, κατέναντι (dor. hell., Wackernagel Hell. 3ff.) mit ἐναντίος ‘gegenüberstehend’ (ion. att., vgl. auch ἔναντα und Strömberg Greek Prefix Studies 118). Ableitung ἀντίος ‘gegenüberstehend, entgegengesetzt’ (alt u. häufig; att. Prosa jedoch lieber ἐναντίος, s. unten). Davon ἀντιάδες f. pl. ‘Tonsillen’ (Mediz.). Denominativ ἀντιόομαι ‘sich entgegenstellen’ (ion. poet., att. Prosa dafür ἐναντιόομαι). Vom Ntr. pl. ἀντία ‘gegenüber’ (Adv.) ἀντιάω (mit ep. Zerdehnung ἀντιόω), nachhom. ἀντιάζω (zur Bildung Schwyzer 734θ, Chantraine Gramm. hom. 1, 357) ‘entgegenkommen, an etw. teilnehmen, angehen’ (ep. ion. poet.). Zusammensetzungen : ἔναντι, ἀπέναντι, κατέναντι (dor. hell., Wackernagel Hell. 3ff.) mit ἐναντίος ‘gegenüberstehend’ (ion. att., vgl. auch ἔναντα und Strömberg Greek Prefix Studies 118). — Zusammensetzungen : ἔναντι, ἀπέναντι, κατέναντι (dor. hell., Wackernagel Hell. 3ff.) mit ἐναντίος ‘gegenüberstehend’ (ion. att., vgl. auch ἔναντα und Strömberg Greek Prefix Studies 118). ἀντί, mit aind. ánti ‘gegenüber’, lat. ante ‘vor’, heth. ḫanti ‘getrennt, gesondert’ identisch, ist eigentlich Lokativ eines Substantivs, das in heth. ḫanza (= ḫant-s) ‘Vorderseite, Front’ bewahrt ist. Eine andere Kasusform ist ἄντα, s. d. Einzelheiten bei WP. 1, 65ff., Pok. 48ff. mit weiterer Lit. S. auch ’Αταλάντη mit hypothetischen Kombinationen. I-113-114

ἀντιάνειρα f. Beiwort der Amazonen (Il.), als Nachbildung davon Beiwort der Athena (Koluth.), außerdem nur Pi. Ol. 12, 16 στάσις ἀντιάνειρα. — Bildung wie κυδι-άνειρα, βωτι-άνειρα, Hypostase von ἀντί und ἀνήρ, eig. ‘männergleich’ (vgl. ἀντίθεος ‘götterähnlich’) aber auch als ‘Männern entgegentretend, männerfeindlich’ aufgefaßt (vgl. ἀντίθεος spät auch ‘gottfeindlich’), außerdem als Bahuvrihi: στάσις ἀντιάνειρα ‘Kampf in dem Männer gegeneinander auftreten’. Snell Gnomon 10, 417, Sommer Nominalkomp. 171 mit Lit. I-114

ἀντικρύ (ep.), ἄντικρυς und καταντικρύ (att., hell. u. spät) ‘gerade gegenüber, geradeaus’. — Zu ἀντί, aber sonst unklar. Nach Kretschmer Glotta 4, 356 zu ἀντικρούω ‘entgegenstoßen’; dagegen erwägt Chantraine Gramm. hom. 2, 148 Zusammenhang mit κάρη. Zur Bildung vgl. Schwyzer 620a I. I-114

ἄντλος m. ‘Schiffsbodenwasser, Kielwasser’ (ep. poet.). Ableitungen: ἀντλία ‘Kielraum, Kielwasser’ (Ar. u. a.), auch ‘Behälter’ (Pap.), ἀντλίον ‘ds.’ (Ar.). Denominatives Verb: ἀντλέω ‘(das Schiffsbodenwasser) schöpfen, pumpen, ausschöpfen, erschöpfen’ (vorw. ion. poet.) mit mehreren späten Verbalnomina: ἄντλησις ‘das Ausschöpfen’, ἀντλησμός ‘ds.’, ἄντλημα ‘Schöpfeimer’. — ἀντλητήρ ‘Ausschöpfer, Schöpfkelle’ mit dem Fem. ἀντλήτρια (Schol.) und dem Adj. ἀντλητήριος; ἀντλητής m. ‘ds.’. — ἀντλητικός ‘zur Bewässerung dienend’ (Pap.). ἄντλος steht wahrscheinlich psilotisch (als ionisches Wort, Chantraine Étrennes Benveniste 23) für *ἅντλος mit Hauchdissimilation und Assimilation des μ für *ἅμ-θλο-ς (Solmsen Wortforsch. 189; vgl. Chantraine Formation 375); vgl. lat. sentina ‘Schiffsbodenwasser’ und lit. semiù ‘schöpfen’; weiteres s. 2. ἀμάομαι. I-114

ἄντομαι s. ἄντα. I-115

ἀντόμους ἄντομος ‘Palisade, Zaun’ (Tab. Heracl.). · σκόλοπας. Σικελοί H., — Für ἀνάτομος, zu ἀνατέμνω. Sehr zweifelhafte Anknüpfung an lat. antemna ‘Rahe’ (s. zu diesem Worte W.-Hofmann) bei v. Blumenthal Hesychst. 16. I-115

ἄντρον n. ‘Höhle, Grotte’ (Od., poet.). Ableitungen: ἀντρώδης ‘höhlenreich’ (X., Arist. usw.), ἀντραῖος ‘in Höhlen hausend’ (E.), ἀντριάδες f. pl. ‘Grottennymphen’ (AP, Phryn.), vgl. κρην-ιάδες, ὀρεστιάδες; ἀντρηΐς f. ‘in Höhlen hausend’ (Antip. Sid.), zur Bildung Chantraine Formation 345f., Schwyzer 464 : 3. — ἄντρον, woraus als LW lat. antrum, ist wahrscheinlich mit arm. ayr ‘Höhle’ identisch, Pisani KZ 68, 161f. Die umstrittene Herleitung aus idg. an- ‘atmen’ (s. ἄνεμος) wird aufs neue von Schwyzer verteidigt (Mél. Bq 2, 234 A. 1, KZ 68, 222, Gramm. 532 : 3: = "wo es dunstet"). I-115

ἄντυξ, -γος f. ‘Schildrand, Wagenkranz’, ‘Rundung’ überhaupt (Il., poet.); zur Bedeutung s. Delebecque Cheval 177f. — Bildung wie ἄμπυξ (s. d.), aus ἀνά und einem Wz. nomen -τυξ zu τεύχω, τετυκεῖν. Vgl. zur Bildung auch καταῖτυξ ‘Sturmhut, Sturmdeckel’ (K 258). I-115

ἄνυμι, themat. ἀνύω, ἁνύω; *ἄνϝω > ἄ̄νω; mit Dentalerweiterung ἀνύτω, att. ἁνύτω (Schwyzer 704 : 1), Aor. ἤνυσα (sekundär, s. unten) ‘zustande bringen, vollenden’ (alt u. häufig). Ableitungen: ἄνυσις ‘Vollendung, Erfolg’ (ep. poet., sp. Prosa), wovon ἀνύσιμος ‘erfolgreich, fördernd’ (X., Pl. usw., vgl. Arbenz Die Adjektive auf -ιμος 35 u. 37); ἄνυσμα ‘ds.’ (Schol.). — ἀν-ήνυ(σ)τος ‘unausführbar, endlos’ (seit Od.); danach das positive ἀνυστός (ἁν-) ‘tunlich’ (E., X. usw.), ἀνυ(σ)τικός ‘wirksam’ (X., Arist. usw.). — ἀνυτής = lat. exactor (Just.). — Das Präsens ἄνυμι ist mit aind. sanóti ‘gewinnen’ im Grunde identisch, s. Schwyzer 696β. Mit diesem Verb ist auch heth. šanḫ-zi ‘er sucht, er strebt’ verglichen worden, s. z. B. Pedersen Hittitisch 185. — Vgl. αὐθέντης. I-115

ἄνωγα ‘befehlen’ (ep. ion. poet.), Perf. mit Präsensbed.sekundäres Präsens ἀνώγω (vgl. Schwyzer 767d : α). Ableitung ἀνωγή ‘Befehl’ (A. R., Argos). — Aus ἄν-ωγα ‘laut aussagen’, mit ἦ ‘er sprach’ (aus *ēĝ-t) ablautend; eine dritte Ablautform im Lateinischen und Armenischen: lat. aio (aus *ăĝ-i̯ō), adagio ‘proverbium’; arm. aṙ-ac ‘proverbium’, Präs. asem ‘sagen’ (mit sekundärem s aus idg. ). Vgl. ἠμί. Einzelheiten bei WP. 1, 114, Pok. 290f., W.-Hofmann s. aio. I-115

ἀξί̄νη f. ‘Axt, Beil’ (seit Il.). Deminutiva: ἀξινάριον, ἀξινίδιον (J.). — Alter Waffenname, mit lat. ascia ‘Axt’ und germanischen Wörtern für ‘Axt’, got. aqizi usw. verwandt, aber im einzelnen unklar, wahrscheinlich Wanderwort. Morphologischer Deutungsversuch bei Specht Ursprung 150, 239, 326f. Weiteres bei W.-Hofmann s. ascia, Feist Vgl. Wb. d. got. Spr. s. aqizi, WP. 1, 39, Pok. 9; s. auch Vasmer Zeitschr. f. slav. Phil. 15, 119f. I-115-116

ἄξιος ‘würdig, wert’ (alt u. häufig). Abstraktbildung ἀξία (aus ἀξι-ία Frisk Eranos 43, 220) ‘Wert, Lohn’ (ion. att.). Denominatives Verb ἀξιόω, -όομαι ‘für würdig, wert erachten, verlangen’ (ion. att.). Davon die Verbalnomina 1. ἀξίωμα ‘Wertachtung, Würde, Verlangung’ (att. hell. u. spät) mit dem Demin. ἀξιωμάτιον (Arr.) und dem Adj. ἀξιωματικός ‘würdevoll’ (hell. usw.); 2. ἀξίωσις ‘Wertachtung, Anspruch, Ansicht’ (Hdt., Th., E. usw., vgl. Holt Les noms d’action en -σις, s. Index). — Allgemein zu ἄγω im Sinn von ‘wiegen’ (vgl. lat. agīna ‘die Schere an der Waage’ und W.-Hofmann s. v.) gezogen, zunächst zu einer nominalen τ-Erweiterung, viell. *ἄξις ‘Gewicht’; somit eig. ‘wichtig’. I-116

ἄξων, -ονος m. ‘Radachse, Achse’ (seit Il.). Ableitungen: Deminutiva ἀξόνιον, ἀξονίσκος (hell.); Adj. ἀξόνιος ‘zur Achse gehörig’ (AP). — Alter Begriff und altes Wort; vgl., mit abweichender Stammbildung, aind. ákṣ-a- m. ‘Achse’; lat. ax-is = lit. aš-ìs = aksl. os-ь ‘ds.’; ahd. ahsa f. ‘Achse’; l-Erweiterungen z. B. in awno. ǫxull m., kymr. echel f. ‘Achse’, lat. āla (aus *aks-lā) ‘Achsel, Flügel’. Alle diese Wörter setzen einen s-Stamm voraus, der vom Verb aĝ- ‘treiben, in Bewegung setzen’ (s. ἄγω) ausgeht; vgl. die Ausführungen bei Benveniste Origines (s. Index). — Vgl. ἅμαξα; außerdem WP. 1, 37, Pok. 6, W.-Hofmann s. āla mit weiterer Lit. I-116

ἄοζος ἄοζοι· ὑπηρέται, θεράποντες, ἀκόλουθοι H. m. ‘Diener (eines Gottes)’ (A. Ag. 231 [lyr.], Kall. Fr. 353 [= Del. 249?], IG 9 : 1, 976 [Korkyra, metr.]). Ableitungen: ἀοζία ‘Bedienung (eines Gottes)’ (Epigr.); denominatives Verb ἀοζέω ‘dienen’ (A. Fr. 54, H.). — Im selben Sinn ὄζος im ep. Ausdruck ὄζος Ἄρηος, falls = θεράπων Ἄ., vgl. ὀζεία (cod. ὀζειέαθεραπεία H. — ὄζος ‘Begleiter’, mit ὄζος ‘Ast’ homonym, kann wie dieses aus idg. *o-zd-o-, d. h. Präfix o- und Schwundstufe von sed- ‘sitzen’, auch ‘Platz nehmen’ (vgl. ὁδός), entstanden sein, also eig. ‘comes, Begleiter’. ἄ-οζος kann ein verdeutlichendes α copulativum enthalten, vielleicht unter Einfluß von ἀοσσέω (s. d.), ἄοσσος. Brugmann IF 19, 379 gegen Schulze Q. 498, wo (mit Bernhardt und Pott, vgl. Curtius 241), formal etwas abweichend, aber an sich auch möglich ἄοζος aus *ἀ-σοδ-ι̯ο-ς erklärt wird. Vgl. auch Fraenkel Nom. ag. 1, 189. I-116

ἀολλής, -ες ‘zusammengedrängt, in geschlossenen Massen’ (ep. poet.). Ableitungen: ἀολλίζω ‘zusammendrängen, versammeln’ (ep. poet.) und ἀολλεῖ· συνάγει H., woraus ἀόλλησις (EM). Adverb ἀολλήδην ‘zusammen’ (Mosch., Opp. u. a.). — ἀολλής wahrscheinlich aus *ἀ-ϝολνής, äol. für *ἀ-ϝαλνής; weiteres s. ἁ̄λής. I-117

ἄορ, -ορος ἄορας Akk. pl. ρ 222 (wahrscheinlich für ἄορα aus Hiatusscheu eingeführt, s. Sommer Nominalkomp. 137 m. Lit., Leumann Hom. Wörter 283 A. 37) n., ‘Schwert’ (poet. seit Il.) zum Gebrauch s. Trümpy Fachausdrücke 60ff.; in späterer Poesie (Kall., Opp.) auch auf andere Waffen bezogen. Keine Ableitungen. Kompositum χρυσάορος, χρυσάορ -α, -ι ep. poet. — Beiwort verschiedener Götter und Göttinnen, auch des Orpheus, ‘mit goldenem Schwert’, nach anderen ‘mit goldenem Tragband, Gehänge’ (vgl. unten), auch EN Χρυσάωρ (Hes. u. a.). ἄορ wird gewöhnlich als Wurzelnomen von ἀείρω mit der ursprünglichen Bedeutung von ‘Gehänge’ gedeutet (Prellwitz, Solmsen Unt. 292), was für χρυσάορος an einigen Stellen unzweifelhaft gut paßt. Der o-Vokalismus ist entweder ursprünglich oder äolische Schwundstufe; letzteres ist mit Rücksicht auf das neutrale Genus vorzuziehen. Vgl. 2. ἀείρω. I-117

ἄορον · μοχλόν, πυλῶνα, θυρωρόν. Κύπριοι H. — Aus *sm̥-u̯oros ‘verschließend’ (s. εἷς); vgl. zunächst aksl. za-vorъμοχλός’, russ. za-vórъ ‘mit Stangen gesperrter Durchgang’ (Solmsen Unt. 297), Verbalnomen zu aksl. za-vrěti ‘schließen’; weiterhin lit. su-vérti ‘schließen’, aind. api-vr̥ṇoti ‘verschließen’, lat. operio ‘ds.’ usw.; s. Schulze Kl. Schr. 672, Bechtel Dial. 1, 445, WP. 1, 280ff. I-117

ἀορτή, ἀορτήρ s. 2. ἀείρω. I-117

ἀοσσέω, nur im Aor. ἀοσσῆσαι belegt (Mosch. 4, 110), ‘helfen, beistehen’. Ableitung ἀοσσητήρ m. ‘Helfer, Beschützer’ (Hom., A. R. u. a.; vgl. Benveniste Noms d’agent 36); vgl. ὀσσητῆρα· βοηθόν und ἐοσσητήρ· ἐπίκουρος, τιμωρός, ἀντὶ τοῦ ἀοσσητήρ H.; dazu Fraenkel KZ 42, 128f. — ἀοσσέω kann entweder ein iteratives Deverbativum oder ein Denominativum sein, in letzterem Falle von *ἄοσσος, das schon von Curtius 460f. mit ἕπομαι, lat. sequor zusammengestellt wurde und somit als *ἄ-οσσος auf idg. *sm̥-soq-i̯os (vgl. lat. socius) zurückzuführen ist. S. ἕπομαι und ὀπάων. Weitere Lit. bei Bq und Bechtel Lex. s. v. ἀοσσητήρ. I-117

ἁπαλός ‘zart, weich’ (ion. att.). Davon ἁπαλία ‘Zartheit’ (Gp.) und ἁπαλίας ‘saugendes Ferkel’ (D. L. 8, 20; nicht ganz sicher); außerdem ἁπάλιον· θῦμα δελφάκιον H. — Denominatives Verb ἁπαλύνω ‘weich machen’ (X., Hp. usw.) mit ἁπαλυσμός (Hp.) und ἁπαλυντής (Zonar.). — Zur Bildung vgl. ὁμαλός, ἀταλός, ἀκαλός (in ἀκαλαρρείτης) u. a. bei Chantraine Formation 245. Sonst dunkel; die zahlreichen unsicheren Vermutungen verzeichnet Bq. I-117-118

ἀπαντάω s. ἄντα. I-118

ἅπαξ ‘einmal’ (seit Od.). — Aus ἁ < *sm̥- ‘ein’ (vgl. εἷς) und -παξ, von πήγνυμι (vgl. ὀδάξ, λάξ, ἀναμίξ usw.). Nähere Analyse unsicher. Nach Schwyzer 620a 1 ist -ς adverbial (bzw. genetivisch-ablativisch) = ‘eines Steckens’; nach Brugmann IF 27, 259 u. a. Nominativ ‘ein Stecken vornehmend’; nach Schulze KZ 33, 395 = Kl. Schr. 314 A. 1 antevokalischer Lokativ aus *ἁπακτι̯ [?]. I-118

ἀπαργία f. N. einer Pflanze, die ihre Blätter auf der Erde hat (Thphr. HP 7, 8, 3). — Nach Strömberg Wortstudien 30f. von ἀργός ‘weißglänzend’ (vgl. auch ἄργεμον, ἀργεμώνη) wegen der Farbe, von der allerdings nichts bekannt ist. I-118

ἅπας ‘all, ganz’ (alt und häufig). — Aus ἁ- (vgl. εἶς) und πᾶς, s. d. I-118

ἀπάτη f. ‘Täuschung, Betrug’ (ion. att. seit Il., zur Bedeutung s. Luther "Wahrheit" und "Lüge", bes. 97ff.). Ableitungen: ἀπατηλός ‘betrügerisch’ (ion. att. seit Il.), vielleicht von ἀπατάω, s. Chantraine Formation 241f., Schwyzer 484, ἀπατήλιος ‘ds.’, metrische Variante zum Vorherigen (Od., Nonn.); ἀπατεών, -ῶνος m. ‘Betrüger’ (Hp., Demokr., Pl. usw.), vgl. Chantraine 163. — Zu ἀπάτυλλα (Kerk., POxy. 1082 Fr. 39) vgl. ἐξαπατύλλω (Ar.) und Leumann Glotta 32, 219 A. 3. — Denominatives Verb: ἀπατάω ‘täuschen, betrügen’ (ion. att. seit Il.). Davon ἀπάτησις ‘Täuschung’ (LXX, Phld.), ἀπάτημα ‘Trug’ (Gorg. u. a.), ἀπατήμων ‘trügerisch’ (Orac. ap. Zos.), ἀπατητικός ‘ds.’ (Pl., Arist. usw.), ἀπατητής ‘Betrüger’ (Gloss.). — Vereinzelt ἀπατεύω = ἀπατάω (Xenoph. 11). — Unerklärt. Semantisch ansprechend und morphologisch allenfalls möglich ist Kuipers (Glotta 21, 283) Anknüpfung an ἠπεροπεύς in der Annahme, ἀπάτη stehe für *ἀπν̥-τᾱ von einem r-n-Stamm *ἄπαρ, *ἀπνός. Seine weiteren Kombinationen (zu ἰάπτω, ἴπτομαι und sogar aind. áka- n. ‘Leid, Schmerz’) sind aber entschieden verfehlt. Die Heranziehung von πόντος, πάτος, got. finþan usw. (Pedersen Cinq. décl. lat. 65 A. 1, Moorhouse Class. Quart. 35, 93ff., s. noch Bq) überzeugt nicht. I-118

Απατούρια n. pl. ‘Apaturienfest’, altes Nationalfest der Ionier, bei dem die neuen Geschlechtsmitglieder in die Phratrien eingeführt wurden (ion. att.). Daneben, als Namen der Aphrodite, ’Απατουρία, ’Απατουριάς, auch (retrogr.) ’Απατούρη (Troizen, Pantikapaion, Phanagoria), außerdem ’Απάτουροντὸ τῆςΑφροδίτης ἱερόν’ (Str. 11, 2, 10). Ferner als Monatsname an verschiedenen Orten ’Απατουριών, -εών, auch ’Απατοριών (Amorgos). — In letzter Instanz aus α copulativum und πατήρ, zunächst wohl als Ableitung eines adj. Kompositums ἀπάτουρος gebildet, vgl. Kretschmer Glotta 2, 210; 4, 336. Wenn, wie wahrscheinlich, ἀπάτουρος eine ionische Form ist, liegt es nahe, eine Grundform *ἀπατορϝος = ὁμοπάτωρ ‘von demselben Vater’ anzusetzen. Aber die Funktion des ϝ ist dunkel; zum lautlichen Vergleich melden sich indessen aind. pítr̥vya- ‘Vatersbruder’ (Schulze Q. 79 A. 3), lat. patruus ‘ds.’ und andere Formen mit -Suffix; s. μητρυιά und W.-Hofmann s. pater. I-118-119

ἀπαφίνιον · Λάκωνες κάρδοπον λιθίνην ... H. — Enthält nach Grošelj Živa Ant. 3, 195f. ein vorindogermanisches Wort für ‘Stein’, παφ-, πεφ-, das auch in dem Inselnamen Πέφνος, vielleicht auch in Πάφος bewahrt worden ist (?). I-119

ἀπαφίσκω (παρ-, ἐξ-), Aor. ἀπαφεῖν, spät ἀπαφῆσαι ‘täuschen, betrügen’ (ep. poet.). — Das Präsens ist wahrscheinlich zum reduplizierten Aorist neugebildet worden, s. Chantraine Gramm. hom. 1, 317, 398. Zur Bedeutung Luther "Wahrheit" und "Lüge" 101ff. — Dunkel. Von Curtius zu ἅπτω usw. gezogen. Dazu vielleicht ἀποφώλιος, s. d. I-119

ἄπαφος · ἔποψ τὸ ὄρνεον H. — Onomatopoetische Bildung mit dem in Tiernamen gewöhnlichen Suffix -αφος. Chantraine Formation 263, Specht Ursprung 266. Vgl. lat. upupa. I-119

ἀπειλή gewöhnl. im Plur., f., ‘ruhmredige Verheißung’, gew. ‘Drohung’ (ion. att. seit Il.). Daneben, wahrscheinlich als denominative Ableitung (vgl. unten), ἀπειλέω ‘prahlend verheißen’, gew. ‘drohen’ (ion. att. seit Il.). — Davon sind abgeleitet: ἀπειλητήρ m. ‘Großsprecher, Droher’ (poet. seit Il.) mit dem Fem. ἀπειλήτειρα (Nonn.); später ἀπειλητής ‘ds.’ (D. S., J.). Adjektiva: ἀπειλητήριος ‘drohend’ (Hdt.) und ἀπειλητικός ‘ds.’ (Pl., X.). Nomina agentis: ἀπειλήματα ‘Drohungen’ (S.), ἀπείλησις ‘ds.’ (Phld.). — Wegen der mehrdeutigen Form etymologisch unklar. Chantraine Gramm. hom. 1, 353 erwägt Identität mit ἀπ-ειλέω ‘zurückdrängen’, wobei ἀπειλή postverbal wäre. Die Bedeutung ‘prahlend verheißen’ ist dieser sonst ansprechenden Annahme nicht ganz günstig. — Im Anschluß an die Ausführungen Froehdes BB 19, 240ff., laut denen eine Grundform *ἀπελ-νι̯- anzusetzen wäre, wobei ferner ἀ- einer Präposition *- (vgl. α copulativum) entsprechen würde, vergleicht Bezzenberger BB 27, 149 lett. pel̃t ‘schmähen, verleumden’; weiterhin kommen in Betracht (mit "beweglichem" s-) got. spill n. ‘Sage, Fabel’ und die entsprechenden germanischen Wörter ebenso wie arm. aṙa-spel ‘Sage, Sprichwort’ (Lidén GHÅ 39 : 2, 46ff.). S. noch WP. 2, 676f, W.-Hofmann s. 2. appellō. I-119-120

ἀπειρέσιος, ἀπερείσιος ‘endlos, unermeßlich’ (ep. poet.). — Metrische Dehnungen, die miteinander rhythmisch abwechseln (Chantraine Gramm. hom. 1, 101), für *ἀπερέσιος, eine erweiternde ιο-Ableitung von *ἀ-περ-ετος, das ein privatives Verbaladjektiv zum Präsens πείρω (s. d.) darstellt. Schulze Q. 245. — In derselben Bedeutung steht ἀπείριτος (κ 195, Hes. Th. 109 u. a.) mit unklarem -ι-. Die Erklärung aus *ἀπερι-ι-τος (zu ἰέναι, Schulze Q. 116 A. 3, Bechtel Lex.) überzeugt nicht. Vgl. noch Schwyzer 106 A. 3 (wenig befriedigend). I-120

ἀπελλαι (Akzent?) (IG 5: 1, 1144, 21; 1146, 41; Gytheion Ia), f. pl. nach H. = σηκοί, ἐκκλησίαι. Ableitungen: ’Απελλαῖος, -αιών dor. Monatsnamen (Delphi, Epidauros, bzw. Tenos); ἀπελλαῖα, τά ‘Opfer, die bei der Versammlung einer Phratrie dargebracht werden’ (Delphi); ἀπελλακάς· ἱερῶν κοινωνούς H. — Denominatives Verb ἀπελλάζω, lakon. für ἐκκλησιάζω (Plu., H.). — Nach Solmsen Wortforsch. 18f. aus idg. *-pel-i̯ă, Schwundstufe von ἐν und einem dem lat. pello ‘stoßen’ entsprechenden Verb, also eig. ‘das Hineinstoßen, Hineintreiben’. Dagegen mit nicht triftigen Argumenten Lagercrantz Mélanges Boisacq 2, 57ff., der als ursprüngliche Bedeutung ‘das Herausrufen’ ansetzt und dadurch bei lat. appello, populus, got. spill (vgl. ἀπειλή) Anschluß findet. Idg. Grundform somit *apo-pelia, in der die Präposition wenig angemessen erscheint. Noch andere Erklärungen bei Bq. — Verfehlt Barić (s. Mayer Glotta 32, 75): makedonisch, zu ὀφέλλω. I-120

ἄπελος n. ‘Wunde’ (Kall. Fr. 343). — Unerklärt. Man erwägt Zusammenhang mit πέλας ‘Haut’ usw. oder mit lat. pello ‘stoßen’. Näheres bei Bq und bei WP. 2, 58f. m. Lit. I-120

ἀπ-εράω ‘ausgießen’ (Thphr., Str. usw.). Davon ἀπέρασις (Thphr., Plu. u. a.). Daneben ἐξ-εράω ‘ausspeien, ausschütten’ (ion. att.) mit ἐξέραμα ‘das Ausspeien’ (NT u. a.), ἐξέρασις ‘Farbflüssigkeit’ (PHolm. 15, 39). Außerdem δι-, κατ-, κατεξ-, μετ-, συν-εράω, alles hell. u. spät. — Wahrscheinlich mit Debrunner IF 48, 282 denominativ zu ἔρα ‘Erde’ (vgl. ἔραζε) mit einem Scholion zu Ar. Vesp. 993: ἐξεράσω· εἰς τὴν γῆν μεταβαλῶ. ἔρα γὰρ ἡ γῆ. Somit bedeutet ἐξερᾶν eigentlich ‘auf die Erde ausschütten’. Bei der Bildung der späteren Komposita war der Zusammenhang mit dem obsoleten ἔρα abhanden gekommen. I-120-121

ἀπερείσιος s. ἀπειρέσιος. I-121

ἀπήνη f. ‘(vierrädriger) Wagen’ (ep. poet. u. spät); zur Bedeutung (mit ἅμαξα synonym) Delebecque Cheval 174f. — Dunkel. Verbindung mit πῆνος ‘Gewebe’, lat. pannus ‘Tuch’ (Bezzenberger BB 27, 149, Meringer KZ 40, 228) ist abzulehnen. Zu bemerken das synonyme Reimwort καπά̄νᾱ (Xenarch. 11, thess.), vgl. Güntert Reimwortbildungen 152; dazu das apokopierte πήνα· ἀπήνη bei H., vgl. Strömberg Wortstudien 45; abweichend Winter Prothet. Vokal 13. — Nach Bănăt̨eanu REIE 3, 141 kleinasiatisch. I-121

ἀπηνής, -ές ‘unfreundlich, hart’ (vorw. ep. u. späte Prosa). Ableitung ἀπήνεια f. ‘Unfreundlichkeit, Härte’ (Thphr., A. R. u. a.). — Vgl. zur Bildung πρᾱνής (πρηνής) und προσηνής (προσᾱνής). Zusammensetzung von ἀπό (bzw. πρό, πρός) mit einem nicht sicher zu bestimmenden Hinterglied, bzw. Suffix. Nach Benfey Or. u. Occ. 1, 193 und anderen (s. Kretschmer Glotta 22, 246f.) von *ἦνος n. ‘Gesicht’ = aind. *ānas- n. ‘ds.’, vgl. ā́nana- n. ‘Mund, Gesicht’. Nicht besser Brugmann Grundr.2 2 : 3, 332f. (zu got. ansts ‘Gunst’ usw.); noch unwahrscheinlicher Prellwitz Glotta 19, 94ff. I-121

ἀπηύρων s. ἀπούρας. I-121

ἄπιον n. ‘Birne’, ἄπιος f. ‘Birnbaum’ (nicht immer auseinandergehalten, vgl. Wackernagel Synt. 2, 17; Pl., Kom., Thphr. usw.). — Wie lat. pirum, pirus mediterranes Kulturwort unbekannten Ursprungs. Das anlautende ἀ- ist nach Kretschmer Glotta 21, 89, Boisacq Rev. de l’instr. publ. 55, 1ff. (wo auch Lit.) ein vorgriechisches Präfix. S. auch Winter Prothet. Vokal 13. I-121

ἄπιος (ἐξ ἀπίης γαίης Hom.) s. ἀπό. I-121

Ἆπις, -εως, -ιδος, -ιος m. N. eines in Ägypten verehrten göttlichen Stiers (Hdt.); N. eines mythischen Königs von Argos (A.). — Herkunft unbekannt. Vgl. die Einwände Kretschmers Glotta 19, 176 gegen Vürtheims Anknüpfung an ἅπτω. I-121

ἁπλόος, ἁπλοῦς, auch ἁπλός (vgl. Brugmann IF 38, 128ff.) ‘einfach, simplex’ (alt und häufig; fehlt zufällig bei Homer; vgl. die Ableitung ἁπλοΐς unten). Gegensatz διπλόος, διπλοῦς, auch διπλός ‘zweifach, doppelt, duplus’ (seit Hom.). Ableitungen: ἁπλοΐς f. (χλαῖνα, Hom., AP) mit dem Deminutivum ἁπλοΐδιον (Pap.); ἁπλοϊκός ‘einfach, schlicht’ (hell. u. spät). — Abstraktbildung ἁπλότης f. ‘Einfachheit, Schlichtheit’ (X., Arist. usw.). — Denominative Verba 1. ἁπλόω ‘entfalten, ausbreiten’ (spät) mit den vereinzelt belegten, ebenfalls späten ἅπλωσις und ἅπλωμα, ebenso wie ἁπλωτικός; 2. ἁπλοΐζομαι ‘einfach, ehrlich handeln’ (X., D. C. u. a.). — ἁπλός, mit lat. simplus formal identisch, kann damit urverwandt sein und ein idg. *sm̥-pl-o-s (vgl. εἷς) fortsetzen. Dasselbe Hinterglied erscheint, außer in δι-πλός, lat. du-plus, auch im Germanischen, z. B. got. twei-fl (Akk.) ‘Zweifel’. (Nicht hierher dagegen mit Hahn Lang. 18, 90ff. heth. šanna-piliš ‘leer, allein’, das aus dem Adverb šanna-pi ‘vereinzelt’ abgeleitet ist). Es handelt sich entweder um ein Wurzelnomen ‘Falte’ (wobei das Ganze ein Bahuvrihikompositum wäre) oder um ein Verb ‘falten’; in diesem Falle haben wir es mit einer Zusammenbildung zu tun (vgl. δίφρος). S. WP. 2, 55f. s. pel- ‘falten’. — Die Form ἁπλόος ist noch nicht befriedigend erklärt. Kretschmer Glotta 12, 218 erwägt volksetymologischen Anschluß an -πλόϝος ‘fahrend’, zu πλέω. Anders Brugmann IF 38, 128ff. (Kritik bei Kretschmer a. a. O.) und Persson Beitr. 750. Vgl. διπλάσιος. I-121-122

ἀπό (ἄπο) ‘fern, weg, (fern) von’ Adv. und Präp. — Altererbtes Adverb und Präverb = aind. ápa, air. apa ‘von — weg’, lat. ab, germ., z. B. got. af ‘ab’; unsicher dagegen heth. appa ‘darnach, zurück, hinter, nach’ (vielmehr zu ὄπι-θεν?, vgl. Friedrich Heth. Wb. s. v. m. Lit.). Zum Gebrauch Schwyzer-Debrunner 444ff. — Davon ἄπο-θεν neben ἄπωθεν ‘von ferne, fern von’ (vgl. Schwyzer 628, Lejeune Les adverbes grecs en -θεν 332). — Von ἀπό vielleicht ebenfalls nach der antiken Deutung das Adjektiv ἄπιος im Ausdruck (τηλόθεν) ἐξ ἀπίης γαίης (Α 270, Γ 49, η 25, π 18). Zweifel bei Schwyzer 461. — Die Vokallänge in ἀ̄πίαν γαῖαν S. OC 1685 (lyr.) ist durch Vermischung mit dem alten Namen des Peloponnesos ’Ᾱπία (γῆ) verursacht. Vgl. Buttmann Lexilogus 1, 63ff. I-122

άπο-διδρά̄σκω, Aor. ἀπ-έδρᾱν ‘weglaufen’ (alt u. häufig; nicht Il., vgl. indessen Ἄδρηστος unten); daneben ἐκ-διδράσκω; das Simplex ist dagegen fast nirgends sicher belegt. Ableitungen: ἀπόδρᾱσις ‘das Weglaufen’ (ion. att.); δρᾱσμός ‘das Ausreißen, die Flucht’ (ion. att., vorw. poetisch). — ἄδρᾱστος intr. ‘der nicht wegläuft’ (Hdt. u. a.), auch als EN Ἄδρηστος, Ἄδραστος (Il. usw.); Fem. ’Αδρά̄στεια N. der Nemesis ‘der man nicht entfliehen kann’ (A., Pl.; zur Bildung Schwyzer 475 m. Lit.); auch ’Αδρηστίνη, vgl. Schwyzer 465, Schwyzer-Debrunner 177. — Erweiterte Verbform δρασκάζω = ἀποδιδράσκω (Lex ap. Lys. 10, 17; Zen.), ἀποδρασκάζω (Tz.); davon δράσκασις H. — δρᾱπέτης m. ‘Flüchtling, entlaufen’ (ion. att.); Herkunft des -π- unbekannt; direkter Zusammenhang mit dem aind. Kausativum drāpayati ‘zum Laufen bringen’ unwahrscheinlich; Vermutungen bei Specht KZ 68, 122ff. Mehrere Ableitungen, vorwiegend spät: δραπέτις, δραπετίδης, δραπετίσκος, δραπετικός, δραπετίνδα. Denominatives Verb δραπετεύω ‘ausreißen, davonlaufen’ (att. u. spät) mit δραπέτευμα (Diokl. Kom.) und δραπετεία H. Abgekürzte Form δράπων H. — Dem athematischen Wurzelaorist ἔ-δρᾱ-ν entspricht formal das aind. Wurzelpräsens drā́-ti ‘er entläuft’ (daneben auch die Intensivbildung dári-drāti). Sonstige Anknüpfungen sind unsicher (: ahd. zittarōn ‘zittern’, slav. *dropy ‘Trappe’ in poln. čech. drop usw., Machek Zeitschr. f. slav. Phil. 17, 260). — Vgl. δραμεῖν, δρόμος. I-122-123

ἀπό-ερσε s. ἀπούρας. I-123

ἀπόθεστος vom Hunde des Odysseus (ρ 296), etwa ‘verachtet, verwahrlost, ungepflegt’; danach Lyk. 540, Kall. Fr. 302, Plu. 2, 159f. — Das Oppositum πολύ-θεστος ‘viel-erfleht’ (Kall.) ebenso wie EN, z. B. ’Ερμό-θεστος, böot. Θιό-φειστος, wozu noch ἄ-θεστος (’Ερινύς H.) zu stellen ist, sprechen entschieden für die Zerlegung ἀπό-θεστος zu θέσσασθαι (Doederlein Hom. Gl. 3, 366 usw.). Wegen der (kaum ernstlichen) Schwierigkeit, der Präposition ἀπο- gerecht zu werden, zieht Leumann Hom. Wörter 64f. die antike Auflösung in ἀ- πόθεστος, zu ποθέω, vor, was wegen der erwähnten Parallelen bedenklich scheint. Auch bei dieser Deutung gehört ἀπόθεστος letzten Endes zu der Wortsippe von θέσσασθαι, s. d. I-123

ἄποινα pl. ‘Wergeld, Lösegeld, Buße’ (vorw. poet. seit Il.), sg. ἄποινον metr. Inschr. (IG 14, 1389, 1, 10). Denominatives Verb ἀποινάω, -άομαι ‘Wergeld fordern’ (Lex ap. D. 23, 28, E. Rh. 177). — Haplologische Substantivierung von *ἀπόποινος, zu ἀποτίνω gebildet nach Muster des Paares ποινή : τίνω. Vgl. Fick BB 18, 136; 138. I-123

ἀπόκυνον n. Pflanzenname, ‘Cynanchum erectum’ (Dsk., Paul. Aeg., Gal.), nach H. auch = μάζα μεμιγμένη φαρμάκῳ πρὸς ἀναίρεσιν κυνῶν. — Eigentlich Substantivierung eines Adjektivs *ἀπόκυνος ‘dem Hunde abgewandt, feindlich’. Näheres bei Strömberg Wortstudien 26. I-123

ἀπολάντιον n. wahrsch. Pflanzenname (σπάρτα ἀπολαντίου PMag. Lond. 1, 121, 209, IIIp). — Unhaltbare Anknüpfung an λέντιον ‘leinenes Tuch’ bei Strömberg Wortstudien 27. I-123

ἀπολαύω ‘genießen’ (ion. att., "von Haus aus kein feines Wort" Wackernagel Unt. 229). Davon die Verbalnomina ἀπόλαυσις (att., s. Holt Les noms d’action en -σις 193 mit Hinweisen), ἀπόλαυσμα (sp.) ‘Genuß’ und das Adjektiv ἀπολαυστικός ‘dem Genuß ergeben, genießbar’ (Arist., Plb. usw.). — Ein entsprechendes Verb ist außerhalb des Griechischen nicht anzutreffen. Gewöhnlich wird ἀπολαύω mit λεία, dor. λᾱίᾱ (aus *λᾱϝ-ίᾱ) ‘Beute’ zu einer indogermanischen Wort- sippe lāu̯- ‘erbeuten, genießen’ gezogen, die vorwiegend in verschiedenen isolierten Nomina vorliegt wie lat. lucrum (aus *lu-tlo-m) ‘Gewinn’, germ., z. B. got. laun n. ‘Lohn’, aksl. lovъ ‘Fang, Jagd’, loviti ‘fangen, jagen’ u. a. m. (dagegen aind. lotra-, lota- ‘Beute’ wohl mind. aus loptra-, vgl. Wackernagel Ai. Gramm. 1, 91). Curtius 362 mit älterer Lit.; näheres bei WP. 2, 379f., W.-Hofmann s. lucrum. I-123-124

ἀπολεῖν[α] · ἀποστρέφειν. Λάκωνες H. — Aus ἀπο-πολεῖν nach Thurneysen Glotta 12, 145. Vgl. ἀπυλιῶναι. I-124

Απόλλων, -ωνος Göttername. Dialektische Nebenformen: ’Απέλλων (dor.), ’Απείλων (kypr.), Ἄπλουν (thess.). — Seit J. Schmidt KZ 32, 327ff. wird die Form ’Απόλλων als analogisch nach dem Vok. Ἄπολλον erklärt, der seinerseits durch Vokalharmonie aus Ἄπελλον entstanden wäre, vgl. noch die PN ’Απελλίων, ’Απελλῆς usw. Aus kypr. ’Απείλων läßt sich eine Grundform *’Απέλι̯ων erschließen, die auch dor. ’Απέλλων, aber nicht thess. Ἄπλουν erklärt. m. Ableitungen: ’Απολλώνιος ‘zu A. gehörig’ (Pi. usw.), substantiviert in verschiedenen Bedeutungen, auch EN, fem. -ιάς; ’Απολλωνιακός ‘ds.’ (Ph. u. a.); Deminutivum ’Απολλωνίσκος (Delos, Ath.); ’Απολλωνιών Monatsname (Halikarnassos); ’Απολλωνιασταί m. N. der Apolloverehrer (Rhodos), vgl. z. B. ’Αρτεμισιασταί und Chantraine Formation 317. — Etymologie unbekannt. Die Versuche, ’Απόλλων aus dem Indogermanischen zu erklären, haben zu keinem überzeugenden Ergebnis geführt. Von den verschiedenen Hypothesen ist immer zu nennen die auf Prellwitz BB 24, 214ff. zurückgehende und u. a. wiederholt von Kretschmer (Glotta 13, 242 A. 1; 15,191; 18, 205; 27, 32; 31, 102) befürwortete Zusammenstellung mit einem Substantiv *ἄπελος ‘Kraft’, das in ὀλιγηπελίη ‘Ohnmacht’ (s. d.) usw. vermutet wird und im Germanischen u. a. in awno. afi n. ‘Kraft’ vorliegen soll; dazu noch mehrere illyrische PN, wie Mag-aplinus, Aplo usw. (Krahe IF 57, 117f.). (Kritik dieser Deutung bei Sommer IF 55, 176 A. 2 und bei Nilsson, s. unten). — Anders Solders Arch. f. Religionswiss. 32, 142ff.: zu ἀπέλλαι· σηκοί H., eig. etwa "Steinfügung", von α copulativum und πέλλα· λίθος H.(?), wegen der großen Bedeutung, die die heiligen Steine im Kult des Apollon hatten; Einwände bei Kretschmer Glotta 27, 32. — Ganz unannehmbar Ehrlich Sprachgesch. 32f., Hopfner KZ 49, 253ff. Ältere Deutungen bei Bq. Da der Gott Apollon zweifellos aus Kleinasien stammt, ist wahrscheinlich auch der Name kleinasiatischer Herkunft. Zu vergleichen ist in erster Linie lyd. Pλdans Artimuk (vgl. s. Ἄρτεμις). Unsicher aber möglich ist die von Forrer erwogene und namentlich von Kretschmer Glotta 24, 203ff. verfochtene Identität mit heth. ] .ap-pa-li-u-na-aš, das wahrscheinlich einen Gott bezeichnet, aber vorn verstümmelt sein kann, vgl. Sommer IF 55, 176ff. — Auf vier Altären aus dem inneren Kleinasien hat Hrozný Archiv Orientální 8, 171ff. einen Namen Apulunas in hethitischer Hieroglyphenschrift erkennen zu können geglaubt; die Lesung muß aber als sehr hypothetisch betrachtet werden. — Näheres bei Nilsson Gr. Rel. 1, 498ff. (bes. 523ff.) mit ausführlichen Literaturnachweisen; s. noch Chantraine L’Ant. class. 22, 68 m. Lit. I-124-125

ἀπόμελι n. ‘Met-art, die von dem Wasser bereitet wurde, mit dem man die Honigwaben wusch’ (Dsk., Gal. u. a.). — Das Präfix drückt eine Abart mit pejorativem Nebensinn aus, s. Strömberg Wortstudien 29f. I-125

ἀπομύσσω s. μύσσομαι. I-125

ἀπούρᾱς Aor. Ptz. act. ‘wegnehmend, beraubend’ (Il. 9mal, außerdem ν 270 und Pi. P. 4, 149 [: ἀπούραις]) für *ἀπο-ϝρᾱς (zur Schreibung vgl. Schwyzer 224, Lejeune Traité de phonétique 154 u. 197). — Umstrittene Form. Vielleicht wie (κατα-)κτά̄ς zu ἔκτᾰ (sekundär ἔκτᾱ), ἔκτᾰμεν Neubildung zum ep. asigmatischen Aor. 3. Sg. ἀπ-ηυρᾱ̆ (= ἀπ-η-ϝρᾱ̆ mit gedehntem Augment), Ptz. med. ἀπουρᾰ́μενος Hes. Sc. 173. Barytonese wohl nach dem σ-Aorist; anders (äolisch) Wackernagel Gött. Nachr. 1914, 119; vgl. Schwyzer 385. Zu ἀπηύρᾱ weiterhin 1. Sg. ἀπηύρων (nach dem Typus ἐτίμα : ἐτίμων); Einzelheiten mit Lit. und Kritik abweichender Ansichten bei Schwyzer 740 A. 5; vgl. noch Chantraine Gramm. hom. 1, 356 u. 379f., Sinclair ClassRev. 39, 99f. — Ein entsprechender σ-Aorist wird in hom. ἀπό-(ϝ)ερσε ‘riß los’ vermutet; für eine Wurzel ϝερ- ‘reißen, greifen’ bietet das Indogermanische mehrere Anhaltspunkte (s. WP. 1, 286f. und 280 zu 12. u̯er- ‘aufreißen, ritzen’ und 6. u̯er- ‘ergreifen, nehmen’), die aber für das Verständnis und die Beurteilung des griechischen Wortes wenig abgeben; vgl. indessen zu 1. ἀρύω und εὑρίσκω. I-125

ἀποφράς, -άδος f., auf ἡμέρα bezogen, ‘unglücklicher Tag, an dem keine Volksversammlung und kein Gericht gehalten wird’ (Pl., Lys., Plu., Luk.), als Übersetzung von nefastus Plu. 2, 518b (ἀποφράδες πύλαι = portae nefastae); selten auf maskuline Begriffe bezogen: ἀποφρὰς ἄνθρωπος Eup. 309; βίος Luk. Pseudol. 32. — Wird allgemein mit φράζω, φραδή, φράδμων verknüpft, wobei -φράς als ein postverbales Wurzelnomen im Anschluß an die Nomina auf -άς zu beurteilen ist, Chantraine Formation 351, Schwyzer 507 (unklar Strömberg Greek Prefix Studies 38f.). Vgl. auch verstümmelte bzw. haplologische Bildungen wie ἀντηρίς, s. d. I-125

ἀποφώλιος ep. und poet. Adj. (seit Od.) unsicherer Bedeutung, von den Alten als ‘ἀνεμώλιος, μάταιος’, d. h. ‘nichtig, eitel’, erklärt. — Zum Vergleich bieten sich einerseits ὄφελος (Schulze Q. 242), anderseits, u. z. besser, ἀποφεῖν· ἀπατῆσαι H. (Doederlein Hom. Gl. 3, 55, Fick KZ 41, 198ff.); somit eig.·trügerisch’. Noch anders Bezzenberger BB 5, 318, Ehrlich Sprachgesch. 29f. Zur Bildung vgl. Chantraine Formation 43. S. auch ἀπαφίσκω, das von ἀποφεῖν nicht getrennt werden kann. Zum ο-Vokalismus (äolisch?) s. Chantraine Gramm. hom. 1, 25f. m. Lit. I-126

ἀποχειροβίοτος (falsch -βίωτος, s. Wackernagel Glotta 14, 55) eig. ‘den Lebensunterhalt von den Händen bekommend’ = ‘von seinen Händen lebend’ (Hdt., X.), — eine Zusammenbildung von βίοτος und ἀπὸ χειρῶν. Daneben, im selben Sinne, ἀποχειρόβιος (Poll., H., Suid.). I-126

ἄππα ‘Vater’ (Kall., Pap., nach EM 167, 32 makedonisch). — Hypokoristisches Lallwort, vgl. πάππα, ἄττα, ἄπφα. — "Grammatikalisierte" Form ἄππας Titel eines Priesterbeamten (Magnesia, Lydien) = τροφεύς H. Vgl. toch. B appa-kke ‘Vater’. I-126

ἀπρίγδα (A. Pers. in lyr.), ἀπρίξ (S., Pl. usw.) ‘fortwährend, festhaltend, unablässig’, — Adv. auf -(γ)δα bzw. -ξ, Schwyzer 620 und 626. Syntheton aus α intensivum und πρίω ‘sägen, mit den Zähnen packen’. — Nach EM 132, 53 auch γένος τι ἀκάνθης (Κύπριοι); vgl. aber ἄρπιξ s. ἄρπεζα. I-126

ἀπροξίς, -ίδος f. N. eines Strauches, ‘Dictamnus albus’ (Pythag. ap. Plin. HN 24, 158). — Unerklärt. I-126

ἀπτερέως ‘flugs, schleunigst’ (Hes., Parm., A. R.). — Zu ἄπτερος ‘beflügelt, schnell’ (Trag. Adesp., H.), von ἀ copulativum und πτερόν, mit metrisch bedingtem -έως. Rupprecht Philol. 78, 395f. gegen Fraenkel Glotta 2, 29ff. — Davon ἀπτερύσσομαι ‘mit den Flügeln schlagen’ (Archil.; nach πτερύσσομαι von πτέρυξ) mit Neubildung ἀπτερύομαι (Arat.; nach ἀφύω : ἀφύσσω usw., s. Fraenkel l. c.). I-126

ἀπτοεπής Beiwort der Hera (Θ 209) unsicherer Bedeutung. — Vielleicht mit Wackernagel BB 4, 2 83f. (vgl. auch Eulenburg IF 15, 162) kontrahiert aus *ἀ-επτο-επής ‘der Worte ausspricht, die nicht gesprochen werden sollten’. I-126

ἅπτω ‘haften, (an)knüpfen, anzünden’, gew. Med. ἅπτομαι ‘anfassen, berühren’ (seit Il.). Ableitungen: ἁφή ‘das Anzünden, das Berühren, der Griff usw.’ (Hdt., Pl., Arist. usw.); davon, oder vielmehr als Deverbativum von ἅπτω, ἀφάω ‘betasten’ nur Präs. (Il., Opp., AP); erweiterte Formen ἀφάσσω ‘ds.’ (ion. hell.) und ἀφάζει· ἀναδέχεται H. — ἅψις ‘das Berühren’ (Hp., Pl., Arist.); ἅψος n. ‘Verbindung’, pl. ‘Gelenke’ (ep.); zur Bildung Schwyzer 513; ἅμμα ‘Schlinge, Knoten, Band’ (ion. poet.) mit dem späten Denominativum ἁμματίζω, wovon ἁμματισμός, und dem Deminutivum ἁμμάτιον (Gal.). — ἁψίς, -ῖδος f. s. bes. — ἅπτρα f. Demin. ἅπτριον ‘Docht einer Lampe’ (Schol.). ἁπτώδιον ‘Spange’ (als Schmuckstück; Pap.), wohl nach ἐνώδιον = ἐνώτιον. — Vielleicht auch ἄφθα, s. d. — Vgl. noch αὐαψή. — Unerklärt. Vgl. die kritischen Erörterungen Kretschmers Glotta 7, 352. — Nach Pisani Ist. Lomb. 73 : 2, 28 aus *ἅπϝω zu aw. āfənte ‘sie werden erreicht’. I-126-127

ἀπυλιῶναι IG 5 (2) p. xxxvi D 1, 20 (Tegea IVa) — steht nach Thurneysen Glotta 12, 145 haplologisch für *ἀπυ-πολιῶναι ‘zurückerstatten’; vgl. s. ἀπολεῖν. I-127

ἄπφα (Eust.), ἀπφίον (Eust.), ἀπφάριον (Xenarch., Smyrna), ἀπφίδιον (Schol.); auch ἀπφία (Poll., H.), ἀπφῦς m. (Theok.). Schmeichelnde Anrede an den Vater und an andere Personen, auch unter Liebenden. Elementarschöpfung, vgl. das unaspirierte ἄππα usw. — Dazu Chantraine REGr. 59-60, 245, Kretschmer Glotta 16, 184 m. Lit.; zum Lautlichen Lejeune Traité de phonétique 61. I-127

ἄρα, ἄρ, enklit. ῥα, woraus mit Elision ῥ’. Daneben kypr. ἔρ(α) H. ‘natürlich, eben, dann; also’ (seit Il.). — Zu lit. ir̃, lett. ìr ‘und; auch, sogar’ aus idg. *; daneben hochstufig lit. ar̃, lett. ar Fragepartikel; vgl. das ebenfalls hochstufige ἔρ(α). Näheres bei Schwyzer-Debrunner 558f.; s. noch Hoenigswald Lang. 29, 288ff. Zu ἀραρίσκω, ἄρτι (s. dd.). — Zum auslautenden -α vgl. auch Schwyzer 622f. m. Lit. I-127

ἀ̆ρά, ion. ἀ̄ρή f. ‘Gebet, Fluch’ (ion. att.). Ableitungen: ἀραῖος ‘zum Gebet, zum Fluch gehörig, fluchbeladen’ (trag.); ἀρατός, -η- ‘fluchbeladen, Gegenstand des Gebets ausmachend, erwünscht’ (poet. seit Il.) mit ἀρατικός (Stoik.). Denominatives Verb ἀράομαι ‘beten, verwünschen’ (poet.), oft in Komposita ἐπ-, κατ-αράομαι (ion. att. usw.). Davon wiederum ἀρητήρ m. ‘Beter, Priester’ (Il. usw.), f. ἀρήτειρα (Kall., A. R. u. a.), ἀρητήριον ‘Ort zum Beten, zum Fluchen’ (Plu.). — Aus ark. κάταρϝος ‘verwünscht’ ist eine Grundform *ἀρϝά zu erschließen, die die wechselnde Quantität des ἀ- erklärt. Das auslautende -α in att. ἀρά ist wahrscheinlich aus dem Verb (-)ἀράομαι oder dem gewöhnlichen Plural ἀραί eingeführt; vgl. die Lit. bei Schwyzer 188 A. 2. Unerklärt. Nicht mit Sturtevant Comp. gr. 1 87, 2 35 zu heth. aruu̯āi- ‘sich niederwerfen, anbeten, huldigen’. Ältere Deutungsversuche bei Bq s. v., WP. 1, 182. I-127

ἄραβος m. ‘Getöse, Gerassel, Klappern (der Zähne)’ (Κ 375, Hes. Sc. 404, Kall. Del. 147, Hld. 5, 3). Daneben, wohl denominativ, ἀραβέω ‘rasseln, erklirren, klappern’ (ep. seit Il.). — Zum Suffix vgl. θόρυβος, κόναβος usw. (Schwyzer 496, Chantraine Formation 260), zum Stamm ἄραδος, ἀράζω. Onomatopoetisch; vgl. Güntert Reimwortbildungen 145f. I-128

ἀράγδην, ἄραγμα, ἀραγμός s. ἀράσσω. I-128

ἄραδος m. ‘heftige Bewegung im Leibe, Herzklopfen’ (Hp., Nik.). Davon ἀραδ<ήσ>ει· θορυβήσει, ταράξει und ἀράδηται· κεκόνηται (?), συγκέχυται H.; vgl. noch ἀράζουσιν· ἐρεθίζουσιν H. — Zur Bildung vgl. κέλαδος, ὅμαδος usw. (Chantraine Formation 359, Schwyzer 508). Onomatopoetisch, vgl. ἄραβος. S. auch WP. 1, 139, Pok. 330 mit fragwertigen außergriechischen Anknüpfungen, außerdem noch Bechtel Dial. 3, 281. I-128

ἀράζω, auch ἀρράζω ‘knurren (vom Hunde)’ (D. H., Ael., Poll., Plu.). Daneben ἀρρίζω (AB) und das reduplizierte ἀραρίζω (Ammon.). — Onomatopoetisch, vgl. ἄραβος und ἄραδος. I-128

ἀραιός (ἁρ- Hdn. Gr.; auch hss.-lich überliefert) ‘dünn, schwach, schlank’, als term. techn. auch ‘locker, porös’ (ep. ion. poet. hell.). Mehrere Ableitungen: ἀραιότης ‘Lockerheit’ (Gegensatz πυκνότης; Hp., Arist. usw.); ἀραιώδης ‘porös’ (Gal.). Faktitives Verb ἀραιόω ‘locker machen’ (Hp., Arist.) mit den Nomina ἀραίωμα, ἀραίωσις. — Unerklärt. Da das Wort wahrscheinlich mit ϝ- anlautete (Sommer Lautst. 114, Uhlenbeck PBBeitr. 30, 261), hat es Specht KZ 59, 63, wenig überzeugend, als *ϝαρασιι̯ός, Positiv zu ῥᾷστος aus *ϝρά̄σιστος (‘dünn’ > ‘leicht zu tun’ [?]) erklären wollen. I-128

ἁράκη, Außerdem ἀρά<κ>η<νφιάλην H. nach Ath. 11, 502b äolisch für φιάλη. — Etymologie unbekannt. I-128

ἄρακος m., auch n. eine Hülsenfrucht, ‘Lathyrus annuus’ (Ar., Thphr. usw.), auch als Konsonantstamm ἄραξ m. (Pap.). Deminutiva: ἀρακίς, ἀρακίσκος (Gal.), ἀράκιον (Gal., Pap.). Adjektiva: ἀρακώδηςἄρακος-ähnlich’ (Thphr.), ἀρακικός ‘aus ἀ. bestehend’ (Pap.). — Etymologie unbekannt. Nach Gehring Glotta 14, 1 kleinasiatisch. Lat. arinca ‘Art Spelt’ bleibt fern. I-128

ἀραρίσκω, Aor. 2 ἀραρεῖν, Aor. 1 ἄρσαι, Perf. ἄρᾱρα (intr.) ‘zusammenfügen, verfertigen, ausrüsten’ (seit Il.). Neben ἀραρίσκω stehen mehrere Nomina, die von einer Wurzel ἀρ- ausgehen, ohne sich direkt auf ἀραρίσκω zu beziehen. So ἅρμα, αρμός, ἁρμονία, ἁρμόζω, ἁρμαλιά, ἀρτύς, ἄρθρον (s. dd.). Direkt von ἄραρα: ἀραρότως ‘fest angefügt’ (A., E., Pl. usw.). — Außerdem sind zu erwähnen: ἄρμενος ‘passend, ausgerüstet’, isoliertes mediales Wurzelpartizip (poet. seit Il.) mit dem substantivierten n. pl. ἄρμενα, s. d. — Ferner ἀρθμός ‘Verbindung, Bund, Freundschaft’ (h. Merc. 524 u. a.) mit ἄρθμιος ‘verbunden, befreundet’ (ep. ion.) und ἀρθμέω ‘sich vereinigen’ (Il., A. R.); vgl. Porzig Satzinhalte 237 (nach θεσμός), Trümpy Fachausdrücke 187. — ἁρμή ‘Vereinigung’ (Hp., Chrysipp., Q. S.); ἄρμᾱ f. ‘Vereinigung, Beischlaf’ (delphisch, Plu., H.). — ἄρσιον· δίκαιον H. ist wahrscheinlich aus ἀν-άρσιος herausgelöst, s. Frisk Adj. priv. 7, Trümpy 182f. — S. noch ἀριθμός, ἀρείων, ἀρέσκω und ἀρετή, ἄρτι, ἁμαρτή, ὄαρ. — Der reduplizierte Aorist ἀραρεῖν, woneben das alte Perfekt ἄρᾱρα, hat sein nächstes Gegenstück im armen. Aorist arari ‘ich machte’ (Präs. aṙnem). Das Präsens ἀραρίσκω ist neugebildet, s. z. B. Chantraine Gramm. hom. 1, 317. Das Wurzelelement ἀρ- ist sonst in einer Reihe von Bildungen verschiedener Sprachen zu Hause, s. die einzelnen Wörter und WP. 1, 69ff., Pok. 55f. I-128-129

ἀράσσω, Aor. ἀράξαι ‘schlagen, stoßen, klopfen’ (vorw. poet. seit Il.), öfters in Komposita wie ἀπ-, συν-, κατ-αράσσω. Davon die Nomina ἀραγμός ‘das Schlagen, das Gerassel’ (Trag., Lyk., H.), ἄραγμα (E., Sor.); Adv. ἀράγ-δην ‘mit Getöse’ (Luk.). An diese Nomina mit γ schließt sich an das sekundär entstandene ἀράγειν· σπαράσσειν H. — Etymologisch unklar, vielleicht onomatopoetisch; vgl. ἄραβος. Ob ῥά̄ττω, ῥήσσω ‘schlagen’ damit verwandt ist (Bechtel Lex. 293 nach J. Schmidt), bleibt fraglich. I-129

ἀρασχάδες Daneben ἀρέσχαι· κλήματα, βότρυες H. und ὀρεσχάς· τὸ σὺν τοῖς βότρυσιν ἀφαιρεθὲν κλῆμα H. · τὰ περυσινὰ κλήματα H. — Dunkel. Strömberg Wortstudien 53f. versucht die erwähnten Wörter mit dem synonymen ὄσχη (nach Harpokration s. ὀσχοφόροι = κλῆμα βότρυς ἐξηρτημένους ἔχον) in Verbindung zu bringen. Vgl. αὐροσχάς. I-129

Αράτυος m. lokrischer Monatsname = November (- Dezember) SIG2 855. — Zunächst aus *’Αράτυια n. pl. ‘Ackerfest’, von *ἀρα-τύς, Verbalnomen von ἀρό-ω ‘pflügen’; vgl. zum α-Vokalismus kret. ἄρα-τρον = ἄρο-τρον usw. Schwyzer Glotta 12, 1f. Über Bildung und Bedeutung noch Benveniste Noms d’agent 73. I-129

ἀράχιδνα f. N. einer Hülsenfrucht, ‘Lathyrus amphicarpus’ (Thphr.). — Vgl. ἄραχος, ἄρακος; sonst dunkel. Vgl. Chantraine Formation 109. I-129

ἀράχνη ‘Spinne, Spinnengewebe’ (Hp., A., Arist. usw.), ἀράχνης m. ‘Spinne’ (Hes., Pi. usw.), woneben ἄραχνος m. (A. Supp. 887). f. Mehrere Ableitungen: ἀράχνιον ‘Spinnen- gewebe’ (Od., Kom., Arist. usw.), auch als Deminutivum ‘kleine Spinne’ (Arist.), mit ἀραχνιώδης ‘spinngewebe-artig’ (Hp., Arist., Dsk.) und dem Denominativum ἀραχνιόομαι, -όω ‘mit Spinnengewebe überzogen werden, bzw. überziehen’ (Arist., Nonn.). Von ἀράχνη ferner die Adjektiva ἀραχνώδης ‘spinngewebe-ähnlich’ (Arist., Ael.), ἀραχνήεις (Nik.) und ἀραχναῖος (AP) ‘zur Spinne gehörig’, ebenso wie das Denominativum ἀραχνάομαι ‘ein Spinnengewebe spinnen’ (Eust.). — ἀράχνηκες· ἀράχναι H. ist eine Umbildung nach σφῆκες, μύρμηκες, σκώληκες usw. — ἀράχνη, falls, wie wahrscheinlich, aus *ἀρακ-σνᾱ, hat ein genaues Gegenstück in lat. arāneus m. ‘Spinne’, arānea f. ‘Spinngewebe’ aus *arak-sneios. Weitere Verwandtschaft mit ἄρκυς (s. d.) usw. ist nicht wahrscheinlich. Näheres bei W.-Hofmann s. arāneus. I-129-130

ἄραχος (Gal.) m. — spätere Form für ἄρακος (s. d.). I-130

ἄρβηλος Vgl. auch ἄρβηλοι γὰρ τὰ δέρματα H. s. v. ἀνάρβηλα. m. ‘rundes Schustermesser’ (Nik. Th. 423), auch übertragen von einer geometrischen Figur (Papp.); näheres darüber Thompson ClRev. 56, 75f., Beazley ibid. 116. — Fremdwort unbekannten Ursprungs. I-130

ἀρβίννη · κρέας. Σικελοί H. — Zu lat. arvīna ‘Fett, bes. um die Eingeweide’, aus dem es wahrscheinlich entlehnt ist (Ribezzo RIGI 12, 196). Nach v. Blumenthal Hesychst. 16 messapisch und mit arvīna urverwandt. Vgl. W.-Hofmann s. arvīna. I-130

ἀρβύλη f. ‘Schuh, der den ganzen Fuß bis an den Knöchel bedeckte’ (Hp., A., E.). Deminutivum ἀρβυλίς (Theok., APl.), Adjektiv ἀρβυλικός (Delos IIIa). — Orientalisches LW aus unbekannter Quelle. Vgl. ἄρμυλα und außerdem ἀρβύκη· τοῦ ὑποδήματος H., das kaum richtig überliefert sein kann. S. auch Knauer Glotta 33, 114 A. 1. I-130

Αργαδεῖς (-ῆς) m. pl. N. einer der vier ionischen Phylen in Attika und anderswo, nach Plutarchos Solon 23 = τὸ ἐργατικόν. — Herkunft unbekannt; vgl. die Bemerkungen von Frisk bei Nilsson Cults 147 A. 17, wo u. a. die dunkle Hesychglosse ἀργάδες· εἶδος φυτοῦ herangezogen wird. S. auch Fraenkel Nom. ag. 2, 180f. m. Lit. I-130

ἀργαλέος Davon ἀργαλεότης f. (Ph., Eust.). — aus *ἀλγαλέος dissimiliert, zu ἄλγος, s. d. I-130

Αργεϊφόντης Epithet des Hermes (Hom. usw.). — Metrische Umbildung von *’Αργοφόντης (Kretschmer Glotta 10, 45ff.). Nicht sicher gedeutet. Die antike Erklärung als "Argostöter" wird von Kretschmer Glotta 24, 236f. und 27, 33 (gegen Chantraine Mélanges Navarre 69ff., der es als vorgriechisch ansieht) verteidigt: "Töter eines örtlichen autochthonen Ungeheuers, des Eponymen der Landschaft Argos, und Befreier der Welt von dem Übel." — Ganz anders Heubeck Beitr. z. Namenforschung 5, 19ff. (mit weiterer Lit.): "sich durch ἄργος (d. h. ‘schnell sich verbreitenden Glanz, strahlende Schnelligkeit od. ä.’) auszeichnend" (zu εὐθένεια usw.); kaum einleuchtend. I-130-131

ἄργελλα woneben ἄργιλλα, ἄργῑλα f. ‘unterirdische Wohnung’ (Magna Graecia, Ephor. u. a.). · οἴκημα Μακεδονικόν, ὅπερ θερμαίνοντες λούονται Suid., — Daraus alb. ragál ́ ‘Hütte’ nach Jokl IF 44, 13ff. Sonst unerklärt. Beziehung zu ἄργιλλος ‘weißer Ton’ scheint fraglich. I-131

ἀργέλοφοι (Ar. V. 672). m. pl. Nach den Sch. und nach AB 8 ‘die Füße des Schaffells’, attisch für ποδεῶνες, auch ‘unbrauchbarer Abgang’ im allg. — Vielleicht mit Bq eine scherzhafte Zufälligkeitsbildung des Ar.; die antike Herleitung aus ἀργός und λόφος kann jedenfalls unmöglich richtig sein. I-131

ἄργεμον auch -ος m. n., ‘weißer Fleck im Auge, albugo’ (Hp., S., Thphr. usw.), auch Pflanzenname (Plin.). — Verhält sich zu *ἄργος in ἀργεστής, ἀργεννός wie ἄνθεμον zu ἄνθος. Vgl. Chantraine Formation 132. Weitere Beziehungen s. 1. ἀργός. — Ob die mohnartige Pflanze ἀργεμώνη ‘Papaver Argemone’ (Krateuas, Dsk. u. a.), die nach Dioskurides als Heilmittel gegen weiße Flecken in den Augen gebraucht wurde (vgl. Strömberg Pflanzennamen 87), ihren Namen wirklich von der Augenkrankheit bezogen hat, sei dahingestellt. Zur Bildungsweise sind dann ἀνεμώνη, ἰασιώνη usw. (Chantraine 208) zu vergleichen. Volksetymologische Umbildung eines Lehnworts ist natürlich nicht ausgeschlossen. Die Erklärung aus hebr. ’argāmān ‘roter Purpur’ (Lagarde Gött. Abh. 35, 205, vgl. Lewy Fremdw. 49f.) ist allerdings semantisch wenig befriedigend. I-131

ἀργεννός, ἀργεστής s. ἀργός. I-131

ἀργής, -ῆτος usw., ep. auch -έτι, -έτα, spätes fem. ἀργέτις ‘blendend weiß, glänzend’ (poet. seit Il.). — Poetische Erweiterung ἀργησ-τής ‘ds.’ (B., A., Theok.), vielleicht nach ὠμηστής (Schwyzer 500 A. 1; anders Fraenkel Nom. ag. 1, 142f.). — Bildung wie γυμνής usw. (Chantraine Formation 267, Schwyzer 499) und zu 1. ἀργός ‘glänzend’ (s. d.), ἀργεστής, ἀργεννός usw. gehörig, aber schwerlich direkt auf den σ-Stamm *ἄργος (vgl. auch ἐναργής, -οῦς) zurückzuführen. I-131

ἀργιλιπής (Archil. 160, Beziehung unsicher wegen der schwankenden Überlieferung), ἀργίλιπες pl. (Nik. Th. 213, von ἔχιδναι, nach den Scholl. = ἔκλευκοι, d. h. ‘weißlich’). — Zu ἀργι- in ἀργι-κέραυνος usw. (s. ἀργός) und λιπεῖν, somit eig. "der das Weiße verlassen hat" mit Umstellung der Glieder für *λιπ-αργής, vgl. λιπ-αυγής usw. I-131-132

ἄργιλλα s. ἄργελλα. I-132

ἄργιλλος, ἄργῑλος ‘weißer Ton’ (Arist., Thphr., Opp.), ἄργιλλα f. ‘ds.’ (Gal.). f. Davon ἀργιλ(λ)ώδης ‘tonartig’ (Hdt.usw.). — Wahrscheinlich zur Sippe von 1. ἀργός mit λ-Suffix, vgl. Chantraine Formation 249, Schwyzer 483. Lat. argilla ist griechisches LW. I-132

Ἄργος n. N. mehrerer Städte, von denen die Hauptstadt in Argolis die bekannteste ist (seit Il.). Davon ’Αργεῖοι, sg. -ος ‘Bewohner von Argos’ (seit Il.), — wovon lat. Argīvī nach Achīvī. — Unerklärt, sicher vorgriechisch. v. Windekens L’Ant. class. 19, 400f., Le Pélasgique 18f. usw. erwägt "pelasgische" Herkunft (zu gr. ἀρκέω, lat. arx usw.). I-132

ἀργός 1. ‘weißglänzend’, auch ‘schnell beweglich’ (vgl. aind. r̥jrá- unten; seit Il.). Ableitungen: ἀργαίνω ‘weiß sein’ (E., Opp., Nonn.); ἀργῖτις (ἄμπελος Verg., Plin.); ferner ἀργᾶς, -ᾶ m. (Achae., Aeschin. u. a.), ἀργόλας m. (Suid.), Bez. verschiedener Schlangenarten. — Dazu als EN mit regelmäßig verschobenem Akzent Ἄργος m. (seit Od.) und ’Αργώ f. "die Schnelle", N. eines bekannten mythischen Schiffes (seit Od.). — Neben ἀργός hat es einen neutralen σ-Stamm gegeben, der außer im Kompositum ἐν-αργής in zwei Ableitungen bewahrt ist: 1. ἀργεσ-τής m. Attribut des Südwindes (νότος, Il.), des Westwindes (Ζέφυρος, Hes.) ‘hell, klar’ (in faktitativem Sinne), auch (mit regelmäßig verschobenem Akzent) ’Αργέστης als Name dieses Windes (Arist. usw.); nur Erweiterung von ἀργής bei Nik. Th. 592; 2. ἀργεννός aus *ἀργεσ-νός ‘weißglänzend’, äol. Form (Il.); aus dem Epos von anderen Dichtern (E. in lyr. usw.) übernommen; — dagegen ist ἀργήεις, dor. ἀργάεις, kontr. ἀργᾶς -ᾶντος ‘weißglänzend’ (A. in lyr., Pi., Orph.) nur eine Erweiterung von ἀργής (s. d.), s. Schwyzer 528. — Das als Vorderglied auftretende ἀργι- (s. unten) liegt dem ep. ἀργι-όεις (v. l. ἀργινόεις) zugrunde (Β 647, 656); ἀργινόεις auch A. R. 4, 1607 und AP 7, 23, vgl. noch ’Αργινοῦσσαι, mit demselben ν-Suffix wie in ἀργεννός; zum Ausgang vgl. φαιδιμόεις und andere erweiterte Formen bei Schwyzer 527 Mom. 3. Zum Vorderglied ἀργι- in ἀργί-πους, ἀργι-κέραυνος, ἀργι-όδων usw. stimmt der Funktion und Bedeutung nach aind. r̥ji- in r̥ji-pyá- (vgl. αἰγυπιός). Diesem Vorderglied entspricht als Simplex r̥j-rá- ‘glänzend, schnell’. Da ἀργι- und ἀργός sich auf dieselbe Weise zueinander verhalten, muß ἀργός durch Dissimilation aus *ἀργ-ρός entstanden sein (Wackernagel Verm. Beiträge 8f.; zum Wechsel ι : ρο Schwyzer 447 mit weiterer Lit.). — Das wurzelhafte Element ἀργ-, das in einer Reihe griechischer Wörter vertreten ist (s. ἄργεμον, ἀργής, ἄργυρος usw.), findet sich in zahlreichen anderen Sprachen wieder, z. B. lat. argentum (s. ἄργυρος), aind. árjuna- ‘weiß, licht’, toch. A ārki, B arkwi ‘weiß’, heth. ḫarkiš ‘weiß, hell’, illyr. Flußname Argao (Krahe IF 58, 211f.). Ein anderer Ablaut muß in aind. r̥jrá- und somit auch in ἀργός vorliegen. — Ob ἀργός ‘rasch’ = aind. r̥jrá- ‘ds.’ ein anderes Wort darstellt (zu lat. rego usw., WP. 2, 362f. mit Persson Beitr. 828 A. 1), ist strittig. Nach Bechtel (s. Lex. 57) ist der Begriff des Leuchtens aus dem der schnellen Bewegung geflossen, was an und für sich ohne Zweifel möglich ist. In Anbetracht der weit verbreiteten und offenbar uralten hierhergehörigen Farbwörter müßte es sich dann um eine sehr früh eingetretene Bedeutungsverschiebung handeln, bei der die Vorstellung der Bewegung ganz in den Hintergrund gedrängt wäre. Eher ist von einer ursprünglichen Anschauung auszugehen, der sowohl das Leuchten wie die schnelle Bewegung inhäriert; Pok. 64 nach Schulze Kl. Schr. 124 A. 6. I-132-133

ἀ̄ργός 2. ‘untätig, unwirksam’ (ion. att.). Davon ἀ̄ργία ‘Untätigkeit’, ἀ̄ργέω ‘untätig, unwirksam sein’ (beide ion. att.) und mit rein formaler Erweiterung ἀ̄ργώδης ‘untätig’ (Aesop.). Außerdem ἀ̄ργίς f. "die Unwirksame" = ‘Nacht’ (Orph.) und ἀ̄ργεύομαι = ἀ̄ργέω (Gal.). — Durch Kontraktion aus ἀ-(ϝ)εργός (seit Il.) entstanden, Bahuvrihikompositum von α privativum und (ϝ)έργον (s. d.). I-133

ἄργυρος m. ‘Silber’ (seit Il.). Mehrere Ableitungen: ἀργύρεος, ἀργυροῦς ‘silbern’ (seit Il.), ἀργύρειος ‘ds.’ (att.), ἀργυρώδης ‘reich an Silber’ (X.). — ἀργύριον ‘Silber(münze), Geld’ (ion. att.; zur Bildung Chantraine Formation 58) mit ἀργυρικός ‘Geld betreffend’ (hell. u. spät). Deminutivbildung, meistens verächtlich, ἀργυρίδιον (Kom , Isok. u. a.). — Ferner ἀργυρίς ‘silbernes Gefäß’ (Pi., Pherekr. usw.), ἀργυρίτης, f. -ῖτις ‘Silber enthaltend’, als Pflanzenname "Silberkraut" (Strömberg Pflanzennamen 26), auch ‘Geld betreffend’ (X., Plb. usw.), ἀργύριος m. Pflanzenname (H.), auch äol. = ἀργύρεος (Alkm.), ἀργυρωταί pl. N. einer Behörde in Sillyon, vgl. Fraenkel Nom. ag. 1, 170. — Denominative Verba: 1. ἀργυρόομαι, -όω ‘mit Silber bedeckt od. versehen werden’, bzw. ‘versilbern’ (Pi., Dialex. usw.) mit dem Verbalnomen ἀργύρωμα ‘Silbergeschirr’ (Lys., Antiph. usw.; kann auch direkt von ἄργυρος gebildet sein), wovon das Deminutivum ἀργυρωμάτιον (Arr.) und das Adj. ἀργυρωματικός (Ephesos). 2. ἀργυρίζομαι ‘Geld erpressen’ (Din., J. usw.) mit ἀργυρισμός (Str., Ph. usw.). 3. ἀργυρεύω ‘nach Silber graben’ (D. S., Str.); unabhängig davon (wohl nach χαλκευτική, vgl. Chantraine Formation 396) ἀργυρευτική f. (sc. τέχνη) ‘Silberschmiedekunst’ (Eustr.). — Öfter als Vorderglied, z. B. ἀργυρό-πεζα (Il. usw.), von Thetis u. a., nach Pisani Rev. ét. anc. 37, 145ff. ‘mit einem Fuß von Silber’ wie kelt. ’Αργεντόκοξος. — ἄργυρος hat eine unmittelbare Entsprechung in messap. argorian (: ἀργύριον) und argora-pandes (aus *arĝuro-pondios? Krahe Sprache 1, 39; s. außerdem Mayer Glotta 24, 192 gegen Ribezzo, der Entlehnung aus dem Griechischen annimmt). Es geht zunächst von demselben u-Stamm aus, der in ἄργυ-φος (s. d.) und weiterhin in aind. árju-na- ‘weiß, licht’, lat. argū-tus usw. vorliegt (dagegen kaum in toch. B ārkwi, s. Pedersen Tocharisch 109, und noch weniger mit Specht Ursprung 114 in ārc-une mit suffixalem -une). Andere Sprachen haben dafür einen n-Stamm, der in lat. argentum klar hervortritt und mit Recht auch in aw. ərəzatəm und aind. rajatám angenommen wird (Vermutungen über den Wechsel bei Specht a. a. O., der aber in seinen Kombinationen weit über das Beweisbare und Wahrscheinliche hinausgeht); wieder anders arm. arcat‘ (wie erkat‘ ‘Eisen’). — Die formale Variation läßt vermuten, daß der Gebrauch des Silbers bei den Indogermanen jedenfalls wenig eingebürgert war, schließt aber dessen Kenntnis nicht aus. Das Germanische, Baltische und Slavische haben ein anderes Wort irgendwoher entlehnt (Silber, lit. sidãbras, aksl. sьrebro usw.). Vgl. Schrader-Nehring Reallex. 2, 394, Ipsen Stand und Aufgaben 228. I-133-134

ἄργυφος ‘weißglänzend’ (Hom.), ἀργύφεος ‘ds.’ (Hom., Hes. usw.). — Von demselben Stamm wie ἄργυ-ρος vermittels des φο-Suffixes gebildet, das u. a. in Farbenadjektiven zu Hause ist, Chantraine Formation 263, Schwyzer 495 m. Lit. Unwahrscheinliche Vermutung über -υ- (äolisch für -ο-?) bei Chantraine Gramm. hom. 1, 25. I-134

ἄρδᾰ f. ‘Schmutz’ (Pherekr. 53). Daneben ἄρδαλος ‘ds.’ (Erot., H.); nach Erot. auch = ἄνθρωπος ὁ μὴ καθαρῶς ζῶν; ἀρδάλους· εἰκαίους H. (?). Vgl. Wörter wie αἴθαλος, πτύαλον (Chantraine Formation 245). Denominatives Verb ἀρδαλόω ‘beschmutzen’ (Hp., LXX u. a.). — Dunkel. Die semantisch mögliche Anknüpfung an ἄ̄ρδω ‘benetzen’ (Curtius 229) wird durch die Kürze des anlautenden ἀ- in ἄρδα erschwert. Der Ausgang ist mehrdeutig: entweder aus -ρδι̯ᾰ (> -ρzδᾰ > -ρδᾰ) oder mit sekundärer Kürzung aus -η nach Schwyzer 476 Mom. 6 (mit weiterer Lit.). I-134

ἄρδις, -ιος f. ‘Pfeilspitze’ (Hdt., A. Pr. 880 [lyr.]), ‘Pfeil’ (Lyk.). Davon ἀρδικός· φαρέτρα H. — Nicht sicher erklärt. Vielleicht zu air. aird (aus *ardi-) ‘Punkt, Spitze, Himmelsrichtung’ (Fick4 2, 19; 1, 356), anord. erta (aus *artjan) ‘aufstacheln, anreizen’, mind. aḷi (aus *aḍi, idg. *r̥di-) ‘Biene, Skorpion’ (Lüders Schriften 429). I-134-135

ἄ̄ρδω (ἀ̄- nach Hdn. Gr. 2, 109) ‘bewässern’ (ion. att.). Ableitung ἀρδμός ‘Tränkplatz’ (ep. seit Il.), erweiterte Form. ἀρδηθμός (Lyk., Nik.; vgl. Chantraine Formation 137, Schwyzer 493). Außerdem ἀρδάνιον ‘Wasserkrug usw.’ (Gramm.), ἀρδάλια· τοὺς πυθμένας τῶν κεραμίδων, οὕς ἔνιοι γοργύρας καλοῦσιν H. — Eine formale Erweiterung ist ἀρδεύω (A. Pr. 852, Arist., hell. u. spät, Schwyzer 732 mit A. 7 m. Lit.) mit mehreren Ableitungen: ἀρδεία ‘Bewässerung’ (Str., Plu. usw.), ἄρδευσις ‘ds.’ (Plb. u. a.) mit ἀρδεύσιμος (H., vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 86); ἀρδευτής m. ‘Bewässerer’ (Man.). Zu bemerken noch das Kompositum νεο-αρδής (Φ 346). — Etymologie unbekannt. Die anlautende Länge will Kretschmer Glotta 3, 294f. aus *ἀ-ϝάρδω erklären mit prothetischem Vokal vor dem Digamma, das durch das Kompositum νεοαρδής nahegelegt wird. Die Anknüpfung an ἐρράδαται (aus *ϝεϝράδαται) mit Curtius u. a. und an lett. werdīt ‘sprudeln’, lit. versmė̃ ‘Quelle’ (Ehrlich Sprachgesch. 30f.) ist kaum haltbar, erstens weil δ in ἐρράδαται (zu ῥαίνω) wahrscheinlich sekundär entstanden ist (Schwyzer 672), zweitens wegen der stark abweichenden Bedeutung der baltischen Wortsippe. — Weitere Literatur bei WP. 1, 148f. und 268f. I-135

Αρέθουσα f. Name verschiedener Quellen, z. B. auf Ithaka (ν 408), vgl. v. Wilamowitz Glaube 1, 186. Davon ’Αρεθούσιος (AP). — Zwei verschiedene Hypothesen sind vorgeschlagen worden : 1. zu ἀρέσκω, ἀρετή als "die Gefällige", vgl. Schönbrunn, ngr. καλοβρύσι (Aly Glotta 5, 57f.); 2. zu idg. *redhō etwa ‘quellen, fließen’, das in mehreren europäischen Flußnamen, z. B. Radantia (> nhd. Rednitz), gespürt werden kann (Krahe PBBeitr. 71, 476f., Beitr. z. Namenforschung 2, 230f.). I-135

ἀρειή f. ‘Verwünschung, Drohung’ (Il.). Davon ἀρειάω ‘drohen’ (Hippon.). Ein stammverwandtes Kompositum ist ἐπήρεια (gemeingr. ), s. d. — Gewöhnlich mit aind. irasyā́ ‘Übelwollen, Neid (?)’ (RV. 5, 40, 7) identifiziert, was nicht unmöglich, aber sowohl wegen der Form als auch der Bedeutung etwas bedenklich ist. Vgl. ἀρή. I-135

ἀρείων ‘besser, tüchtiger, edler’ (Hom. und ältere Poesie), — primärer Komparativ neben dem schwachstufigen Superlativ ἄριστος, s. d. — Die Möglichkeit der von Güntert IF 27, 67 vertretenen Auffassung, ἀρείων sei wie λωΐων u. a. ein unechter Komparativ, der durch Umformung eines Positivs ἄρειος entstanden wäre, hat Seiler Steigerungsformen 116ff. im Prinzip zugegeben, jedoch mit der wesentlichen Abänderung, daß er anstatt des von Güntert angenommenen ἄρειος ‘kriegerisch’ ein gleichlautendes *ἄρειος im Sinn von ‘Vorteil, Nutzen bringend’ (zu ἄρος· ὄφελος H.) anzusetzen geneigt ist. I-135-136

ἀρέσκω, Aor. ἀρέσαι ‘befriedigen, gefallen’ (seit Il.). Vom Präsensstamm: ἄρεσκος ‘gefällig, schmeichlerisch’ (Arist., Thphr.) und auch (nach den zahlreichen Abstrakta auf -εία, vgl. Chantraine Formation 89f.) ἀρεσκεία ‘gefälliges, schmeichelndes Wesen’ (Arist., hell.). Eine retrograde Ableitung von ἀρεσκεία ist ἀρεσκεύομαι ‘sich schmeichlerisch betragen’ (Klearch., Plu., M. Ant.) mit ἀρέσκευμα (Plu., Epikur.) und ἀρεσκευτικός, (M. Ant.). — Vom Verbalstamm: ἄρεσις ‘Gefälligkeit’ (Priene IIa). Ebenso, mit "anorganischem" σ (Schwyzer 503, Chantraine 305), ἀρεστός ‘angenehm, beliebt’ (ion., poet., hell.) und ἀρεστήρ m. "Versöhner", N. eines Opferkuchens zur Sühnung eines Gottes (Inschr., Ael. Dion. u. a.) mit ἀρεστήριος ‘versöhnend’ (D. H.), ἀρεστηρία (θυσία) und ἀρεστήριον (Inschr.); dazu noch ’Αρέστωρ PN (Hes. u. a.) und ἀρέσμιον ‘honorarium’ (Stiris, vgl. Schwyzer 493 A. 10). — Das Präsens ἀρέ-σκω und der Aorist ἀρέ-σαι fußen auf einer zweisilbigen Wurzel, die auch in ἀρείων und ἀρετή (s. d.) vorliegt und eine Wechselform zu dem einsilbigen ἀρ- in ἀραρίσκω, ἀραρεῖν usw. (s. d.) darstellt. Vgl. die Lit. bei Schwyzer 708 A. 8. I-136

ἀρετή f. ‘Tüchtigkeit, Stärke usw.’ (seit Il.). Davon die seltenen Denominativa ἀρετάω ‘gedeihen’ (Od. und späte Prosa) und ἀρετόομαι ‘tüchtig sein’ (Simp.). — Die Bildung von ἀρετή ist nicht ganz klar. Man kann es entweder als eine primäre Bildung von ἀρε- in ἀρέ-σκω, ἀρέ-σαι oder aber, u. zw. wegen der Bedeutung besser, als eine sekundäre Bildung vom Nominalstamm in ἀρε-ίων auffassen. Vgl. die Lit. bei Schwyzer 501; außerdem Prellwitz Glotta 19, 88f. (= "das Gut-sein", Abstraktbildung von idg. *aro-s ‘füglich, gut, passend’; hypothetisch). Anders Brandenstein Archiv Orientální 17 : 1, 81f. (‘Fügung, Fug’, zu ἀραρίσκω). — Zur Bedeutung s. u. a. noch Keyßner Gottesvorstellung und Lebensauffassung im griech. Hymnos, Stuttgart 1932, S. 50 u. 160ff. I-136

ἀρή f. ‘Schaden, Unheil, Verderben’ (Hom., Hes., A. in lyr.). Verwandte Bildungen sind das ep. Partizip ἀ̄ρημένοςβεβλαμμένος’ (Hom.) und ἄρος· βλάβος ἀκούσιον H., mit ἀπ-αρές· ὑγιές H., wohl auch der Göttername Ἄρης, s. d. Wenig wahrscheinlich betrachtet Porzig Satzinhalte 321 ἀρή als eine Neubildung zu ἀ̄ρημένος für das altererbte ἄρος und für ἀρειή. Spekulationen über die Stammbildung (alter -Stamm?) bei Bechtel Lex. — Hierher ἀρειή (s. d.); weitere Beziehungen unsicher, vgl. WP. 1, 151, Pok. 337, Duchesne-Guillemin BSL 41, 155, der toch. A rse etwa ‘Haß’ hinzufügt. Ältere Literatur bei Bq. Verfehlt Ehrlich Sprachgesch. 31f. (aus *ϝαρά zu (ϝ)έρρω, got. wairsiza ‘schlimmer’). I-136-137

ἀρήγω ‘helfen, beistehen (gegen etw.)’, vorwiegend poet. seit Il.; zur Verbreitung usw. s. Erika Kretschmer Glotta 18, 99f. Ableitungen: ἄρηξις ‘Hilfe, Beistand’ (A., S.), ἀρηγών, -όνος m. f. ‘Helfer, -in’ (poet. seit Il.) mit ἀρηγοσύνη ‘Hilfe’ (AP, Epigr.). Mit altem Ablaut ἀρωγή ‘Hilfe, Beistand’ und ἀρωγός, -όν ‘Helfer, helfend’ (beide vorw. poet. seit Il.); Versuch, ἄρηξις und ἀρωγή semantisch zu differenzieren, bei Holt Les noms d’action en -σις 145f. — Nicht sicher erklärt. Wird gewöhnlich mit einer germanischen Wortsippe, ahd. geruohhen, as. rōkjan, awno. rø̄kja usw. ‘Sorge tragen, Rücksicht nehmen’ (mit altem -Vokalismus) verglichen und weiterhin, in der sehr hypothetischen Annahme einer Bedeutungsentwicklung ‘aufrichten’ > ‘Sorge tragen’, zu lat. rego, gr. ὀρέγω (s. d.) usw. gezogen. Die daraus folgende Gleichung ἀρηγών = aind. rā́jā ‘König’ (Schulze Kl. Schr. 172 A. 3 mit Fragezeichen) bleibt aber auch unter dieser Voraussetzung recht zweifelhaft. — Zur Vokalprothese s. Harl KZ 63, 18. I-137

ἀρήν (Gortyn ϝαρήν), Gen. ἀρνός usw., neugebildete Nominative ἀρνός (Aesop.), ἀρής, ἄρνον (Pap.) ‘Schaf, Lamm’ (seit Il.). Ableitungen: ἄρνειος ‘vom Schaf od. Lamm’ (ion. att.), wie αἴγειος, βόειος usw. (Chantraine Formation 50f.); ἀρνέα f. ‘Schaffell, -pelz’ (Hdn.), ‘Schafzucht’ (POxy. 2, 297, 8; richtig übersetzt?) wie αἰγέα usw. (Chantraine 91); ἀρνεῖον ‘Metzgerei’ (Didym.), wie κναφεῖον usw. (Chantraine 61). Deminutivum ἀρνίον ‘Lämmchen’, auch ‘Schaffell’ (Lys.usw.); volkstümliche Erweiterung ἄριχα (Akk.)· ἄρρεν πρόβατον H., βάριχοι (= ϝ-)· ἄρνες H. (Chantraine 403). — Außerdem ἀρνακίς ‘Schafpelz’ (Ar., Pl., Theok. usw.), wohl haplologisches Femininum von *ἀρνό-νακος (adj. Bahuvrihi von νάκη; Schwyzer 263). — Fraglich dagegen ἀρνειός, ἀρνευτήρ (s. d.). Vgl. noch *ῥήν, das aus Komposita wie πολύ-ρρην (aus *πολύ-ϝρην) herausgelöst werden kann (zur Form des Hintergliedes s. Sommer Nominalkomp. 66ff.). — ἀρήν, aus ϝαρήν, ist mit arm. gaṙn, -in (n-Stamm) ‘Lamm’ identisch. Eine Erweiterung davon liegt vor in aind. úraṇ-a- m. ‘Widder, Lamm’, falls aus *u̯uraṇa- (Hübschmann Pers. Studien 150 A. 2); ebenso in npers. barra ‘Lamm’ aus *u̯arnāka, vgl. mpers. varak ‘Widder’; idg. *u̯r̥ren-. Entfernter damit verwandt ist lat. vervēx ‘Hammel’. Alle diese Wörter kommen Ableitungen eines Wortes für ‘Wolle’ sein, das in aind. ura-bhra- m. ‘Widder’ (eig. "Wollträger"?) vermutet worden ist. In Betracht kommt noch εἶρος ‘Wolle’ aus *ἔρϝος, falls aus *ϝέρϝος dissimiliert, s. d. I-137-138

Ἄρης, Ἄρεως usw. (zur Flexion Schwyzer 576), böot. lesb. Ἄρευς, der griech. Kriegsgott, auch Rache- und Schwurgott (Arkadien, Athen usw., s. Kretschmer Glotta 11, 195ff.), metonymisch für ‘Krieg’ (Trümpy Fachausdrücke 152f.). Davon das Femininum Ἄρεια in ark. τὰνΑθάναν τὰν Ἄρειαν und das Adjektiv Ἄρειος, ion. ’Αρήϊος, lesb. ’Αρεύϊος (Ζεὺς Ἄρειος Epirus, Ἄρειος πάγος Athen). Außerdem der Name ’Αρητάδης (Bechtel Namenstud. 11). — Vgl. noch Kretschmer Glotta 15, 197. Wahrscheinlich mit den alten Grammatikern und Lexikographen (z. B. EM 140) zu ἀρή ‘Schaden, Unheil, Verderben’, vgl. noch mit Schulze Q. 454ff. ἄρος· βλάβος ἀκούσιον H. Die Stammbildung ist indessen noch nicht aufgeklärt: weder der Versuch von Schulze l. c., die verschiedenen Flexionsformen auf verschiedene Stammformen zurückzuführen, noch die Hypothese Bechtels l. c., darin (wie in ἀρή) einen alten -Stamm zu sehen, kann als überzeugend betrachtet werden. — Verfehlt Fennell ClassRev. 13, 306; Ehrlich KZ 38, 90ff. I-138

ἀρθμός s. ἀραρίσκω. I-138

ἄρθρον n. ‘Glied, Gelenk’, auch als grammatischer Terminus ‘Glied, Artikel’ (Hdt., Hp., S., E., Arist. usw.). Ableitungen: ἀρθρῖτις (νόσος) ‘Gicht’ (Hp. usw.) mit ἀρθριτικός (Hp., Gal. usw.; auch direkt auf ἄρθρον zu beziehen); ἀρθρικός ‘zum Gelenk, zum Artikel gehörig’ (Gal., Gramm.); ἀρθρώδης ‘mit Gliedern versehen’ (X., Arist., Gal.) mit ἀρθρωδία (Gal.). Denominatives Verb: ἀρθρόομαι, -όω ‘gegliedert sein, gliedern’ (Hp., Hermipp., X. usw.) mit ἄρθρωσις ‘Gliederung’ (Phld., Str. u. a.). — Von ἀρ- in ἀραρίσκω usw. (s. d.) mittels des θρο-Suffixes (Schwyzer 533, Chantraine 374). I-138

ἀρι- untrennbares verstärkendes Präfix ‘gut, sehr’ (vorw. poetisch seit Il.) in ἀρί-γνωτος, -δείκετος, -πρεπής usw. — Wohl zu ἄριστος (s. d.) usw. — Die verlockende Gleichung mit aind. ari- in ved. ari-gūrtá-, ari-ṣtutá- (Reuter KZ 31, 594 A. 1, Neisser Zum Wörterbuch des RV 1, 98ff., 2, 19ff.) hängt von der Bedeutung des umstrittenen aind. Präfixes ab; außerdem kommt dafür auch das synonyme ἐρι- in Betracht. — Gegen die Zusammenstellung mit aind. ari- m. ‘Fremder, Fremdling’ (Thieme Der Fremdling im R̥gveda 159ff.) mit Recht Specht KZ 68, 42f. I-138

ἀρι-δείκετος ‘hochberühmt’ (ep. seit Il.), — wahrscheinlich nicht zu δείκνυμι, sondern mit metrischer Dehnung für *ἀρι-δέκετος (Schulze Q. 242), thematisches Verbaladjektiv bzw. Zusammenbildung auf -ετο- von δεκ-, s. δηδέχαται. I-138-139

ἀρί-ζηλος ep. (seit Il.) für ἀρί-δηλος ‘sehr deutlich, leicht erkennbar’. — Nach Fick 1, 454 und Schulze Q. 244 A. 1 (vgl. noch Bechtel Lex. s. v.) aus *-δι̯ηλος zu δέατο usw., s. d. Wohlbegründeter Zweifel an dieser Erklärung bei Shipp Studies 50ff. I-139

ἀριθμός ‘Zahl, Anzahl, Zählung’ (allg. seit Od.); durch Metathese ἀμιθρός, -έω (ion., vgl. Schwyzer 268). m. Nominale Ableitung ἀρίθμιος ‘zur Zahl gehörig’ (spät). Denominatives Verb ἀριθμέω ‘zählen’ (seit Il.) mit den Nomina actionis ἀρίθμημα (A., Secund.), ἀρίθμησις (ion. hell.) ‘Zählung’ (vgl. Holt Les noms d’action en -σις 126) und dem Adjektiv ἀριθμητικός ‘zur Zählung gehörig’, vorw. als t. t. ‘arithmetisch’ (Pl., Archyt., Arist. usw.); ferner das Nomen agentis ἀριθμητής ([Pl.] Just. 373b neben μετρητής). — Ableitung auf -θμο- des in νήρι-τος ‘zahllos’ vorliegenden Wurzelelements ἀρι-; vgl. noch die PN ’Επήριτος, ark. Πεδάριτος und das ark. Appellativum ’Επάριτοι ‘die Auserlesenen’, Wackernagel Unt. 250 m. Lit., Philol. 86, 133ff. — Außergriechische Beziehungen unsicher; man vergleicht die germ. Sippe awno. rīm n. ‘Rechnung’, ahd. rīm m. ‘Reihe(nfolge), Zahl’, air. rīm ‘Zahl’; außerdem noch lat. rītus ‘Gebrauch, Sitte usw.’, die alle auf eine Wurzel rī- zurückführen, von der also gr. ἀρι- eine (vokalprothetische?) Variante darstellen würde. I-139

ἀρίς 1. -ίδος f. ‘Drillbohrer’ (Hp., Kall. Kom. usw.); — term. techn. unbekannter Herkunft. Die Bildungsweise ist dieselbe wie in ἀκίς, δοκίς, σανίς usw. (Chantraine Formation 337, Schwyzer 465). I-139

ἀρίς 2. -ίδος f. Pflanzenname, ‘δρακοντία μικρά’ (Ps.-Dsk., Gal. u. a.). — Deminutivum von ἄρον; vgl. auch ἀρίσαρον. I-139

ἀρίσαρον n. Pflanzenname, ‘Arisarum vulgare’ (Dsk.). — Hängt irgendwie mit ἄρον (s. d.) zusammen und scheint den Ausgang von ἄσαρον und anderen Pflanzennamen bezogen zu haben (Strömberg Pflanzennamen 157f.); die Einzelheiten bleiben dunkel. I-139

ἀριστερός ‘der linke, links’ (seit Il.), — mit dem kontrastbildenden (differenzierenden; vgl. Benveniste Noms d’agent 115ff.) Suffix -τερο- zum selben Grundwort wie ἄρισ-τος. Davon der Pflanzenname ἀριστερεών (Plin., Ael.) = περιστερεών und Umbildung nach diesem; s. Strömberg Pflanzennamen 153.251f. — Die linke Seite wurde ursprünglich als glückverheißend aufgefaßt; so auch in lat. sinister, ahd. winister, aw. vairyastāra- ‘links’ (sofern nicht ein uralter Euphemismus vorliegt). Für die Griechen waren die linksseitigen Omina ungünstig. Zum Problem im allg. s. J. Cuillandre La droite et la gauche dans les poèmes homériques. Paris 1944. — Anders über ἀριστερός, wenig überzeugend, Ribezzo RIGI 9, I-139-140

ἄ̄ριστον n. ‘Frühstück’, in der klass. Zeit am Mittag eingenommen, "déjeuner" (seit Il.). Davon zwei Denominativa: 1. ἀ̄ριστάω ‘frühstücken’ (ion. att.) mit ἀριστητής ‘Frühstücker’, d. h. der zweimal täglich ißt (Hp.), ἀριστητικός ‘der das Frühstück liebt’ (Eup.), ἀριστητήριον ‘Refektorium’ (BCH 15, 184). 2. ἀριστίζω ‘mit einem Frühstück bewirten’ (Ar. usw.), -ίζομαι ‘frühstücken’ (Hp.); zur Bedeutung Schwyzer 736. — Eig. "Frühessen", Zusammenbildung aus einem Lokativ ἆρι (aus *αἴερ-ι, s. ἦρι) und der Schwundstufe der Wurzel ἐδ- ‘essen’ (s. ἐσθίω) vermittels eines το-Suffixes: *αἰερι-δ-τον; näheres Bechtel Lex. s. v. I-140

ἄριστος ‘der beste, erste, vornehmste’ (seit Il.). Davon ἀριστίνδην Adv. ‘nach Geburt und Rang’ (att. usw.; zur Bildung Schwyzer 627), woraus durch Substantivierung ἀριστίνδᾱς m. (Sparta). — Eine substantivierende Umbildung nach den Berufsnamen auf -εύς (βασιλεύς usw.) bzw. Rückbildung aus ἀριστεύειν (Leumann Hom. Wörter 138 mit Boßhardt Die Nomina auf -ευς 25) ist ἀριστεύς, vorw. Plural, Hom. ἀριστῆες ‘optimates’ (seit Il., vgl. Schwyzer 476). Von ἀριστεύς oder direkt von ἄριστος (vgl. Schwyzer 732) kommt ἀριστεύω ‘der erste usw. sein, sich auszeichnen’ (seit Il.) mit ἀριστεία f. ‘Heldentat’ (Gorg., Pl., S. usw.) und ἀριστευτικός ‘auf den ἀριστεύς, bzw. das ἀριστεύειν bezüglich’ (Max. Tyr., Plu.), die auch von ἀριστεύς ausgehen können (vgl. Chantraine Formation 88ff., 396). Ebenso ἀριστεῖα, ion. ἀριστήϊα n. pl. ‘Heldenlohn, Siegespreis’, selten sg. ἀριστεῖον. Dagegen ἀριστεῖος ‘zu den ἄριστοι gehörig’ (D. H., Plu.) direkt von ἄριστος, vgl. Chantraine 52. — Späte Bildungen von ἀριστεύω sind ἀριστευτής m. ‘Verbesserer’ (Secund.) und ἀρίστευμα ‘Heldentat’ (Eust., Gp.). — Zahlreiche Eigennamen: ’Αρίστων, ’Αριστίων u. a. — ἄριστος gehört als primärer Superlativ zum hochstufigen Komparativ ἀρείων (s. d.). Als Verwandte kommen in erster Linie in Betracht das Präfix ἀρι- und das Nomen ἀρετή. Weitere Beziehung zu ἀραρίσκω (Güntert IF 27, 58) bleibt hypothetisch; vgl. noch Schwyzer 538 A. 11. I-140

ἄριχα s. ἀρήν. I-140

ἀριχάομαι s. ἀναρριχάομαι. I-140

ἀρκάνη · τὸ ῥάμμα ᾧ τὸν στήμονα ἐγκαταπλέκουσι διαζόμεναι H. — Seit Curtius 341 zu ἄρκυς (s. d.) gezogen mit demselben Suffix wie in δρεπάνη, καπάνη, θηγάνη und anderen Gerätenamen (Chantraine Formation 198f., Schwyzer 489f.). Vgl. noch ἄρκευθος. I-140-141

Αρκάς, ’Αρκάδες pl. Volksname, vgl. s. ἄρκτος. I-141

ἄρκευθος f. ‘Wacholder, Juniperus’ (Hp., Theok., Thphr. usw.). Davon ἀρκευθίς, -ίδος f. ‘Wacholderbeere’ (Hp., Thphr. usw.) mit ἀρκευθιδίτης (οἶνος) ‘Wein aus Wacholderbeeren’ (Dsk. 5, 46 ed. Sprengel, vgl. Redard Les noms grecs en -της 95); Adj. ἀρκεύθινος ‘aus ἄ.’ (LXX, Dsk.). — Wegen der zum Flechten verwendbaren Zweige vielleicht nach Lidén IF 18, 507f. zu ἄρκυς ‘Netz’ mit griechischer θ-Erweiterung eines u-Stamms (vgl. Chantraine Formation 368, Schwyzer 510f.). Jedenfalls nicht besser mit Persson Beitr. 964 (nach Endzelin KZ 44, 59ff.) zu lett. (r)zis ‘Wacholder’, aind. r̥kṣara- m. ‘Spitze, Dorn’. Fremder Ursprung ist natürlich keineswegs ausgeschlossen. I-141

ἀρκέω, Fut. ἀρκέσω, Aor. ἀρκέσ(σ)αι ‘abwehren, helfen; genügen, hinreichen’ (seit Il.). Davon die Verbalnomina ἄρκεσις ‘Hilfe’ (S., Thera) mit ἀρκέσιμος ‘helfend’ (Syrien; vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 93) und ἄρκεσμα H. (als Erklärung von ἄρκος). Auch ἄρκος n. ‘Abwehr’ (Alk., H.), das wie ein Grundwort von ἀρκέω aussieht, ist vielmehr wegen der geringen Verbreitung eine (postverbale) Ableitung davon. — Unklar ist dagegen die Bildung, z. T. auch die Bedeutungsentwicklung von ἄρκιος (ep. seit Il.), ursprünglich wohl ‘zuverlässig, sicher’, aber auch (sekundär nach ἀρκέω?) ‘hinreichend, genügend’, vgl. Buttmann Lexilogus 2, 35ff., Perrotta Studitfilclass. 4, 253; vielleicht ist von einem primären Verb oder einem Wurzelnomen unbekannten Sinnes auszugehen. — Vgl. noch ποδάρκης. — Da ἀρκέω kaum als ein Denominativum von ἄρκος anzusehen ist (s. oben), steht nichts im Wege, es mit lat. arceo ‘verschließen, abwehren’ gleichzusetzen. Aus anderen Sprachen gehört hierher das armen. Verbalnomen argel ‘Hindernis’; unsicher dagegen das primäre hethitische Verb ḫark- ‘halten, haben’ (s. Friedrich Heth. Wb. 56); noch zweifelhafter lit. rãktas ‘Schlüssel’, ahd. rigil ‘Riegel’. Näheres bei Pok. 65f. mit weiterer Literatur. I-141

ἄρκτος f. (m.), jüngere Form mit Erleichterung der Konsonantengruppe, evtl. unter volksetymologischem Anschluß an ἀρκέω, ἄρκος m. f. (seit LXX) ‘Bär, Bärin’, auch als N. eines Sternbildes ‘Ursa maior’, ‘der Norden’ (seit Il.; vgl. Scherer Gestirnnamen 131ff.). Deminutive Ableitungen: ἀρκτύλος (Poll.), ἄρκυλλος (Sch. Opp.), ἄρκιλος (Eust.); letzteres nach Bechtel Dial. 2, 780f. auch zu lesen bei H. für ἄρκηλα· ... Κρῆτες τὴν ὕστριχα (= ‘Igel, Stachelschwein’); aber ἄρκηλος ist auch überliefert bei Kallix. und Ael., und zwar im Sinne von ‘Pantherjunges, Art Panther’. — Auch die übrigen Ableitungen, die sich vorwiegend auf das Sternbild und den Norden beziehen, sind ziemlich sparsam belegt: ἀρκτικός ‘nördlich’ (Arist. usw.), okkasionell ‘zum Bären gehörig’ (Pap.); ἀρκτῷος ‘ds.’ (Luk., Lib., Nonn.; nach ἑῷος von ἕως); ἄρκ(τ)ειος ‘zum Bären gehörig’ (Dsk., D. Chr. usw.; nach αἴγειος, βόειος usw.); ἀρκτῆ (aus -έη) f. ‘Bärenfell’ (Anaxandr.; nach παρδαλέη usw.); ἄρκτιος ‘nördlich’ (Nonn.), ἄρκτιον n. Pflanzenname, ‘Inula candida’ (Dsk., Nik., Plin.; nach dem Bären genannt, s. Strömberg Pflanzennamen 118). — Denominatives Verb ἀρκτεύω, -εύομαι ‘als Bärin (im Dienst der Artemis Brauronia) auftreten’ (Lys., Sch. Ar. Lys. 645). — Ob der Volksname ’Αρκάδες als "Bärenmänner" hierhergehört, ist dagegen sehr zweifelhaft, s. Sommer A. u. Sprw. 63f. m. Lit. u. Kritik anderer Ansichten. — ἄρκτος ist der griechische Vertreter einer alten Bezeichnung des Bären, die in einer Reihe idg. Sprachen erhalten ist: aind. ŕ̥kṣa-, aw. arša-, arm. arǰ, lat. ursus, kelt., z. B. mir. art. Unsicher dagegen heth. ḫartagga- N. eines Raubtiers. Im Germanischen und Baltisch-Slavischen wurde der alte Name durch Tabu von anderen Bezeichnungen verdrängt; vgl. darüber zuletzt Emeneau Lang. 24, 56ff. Daß der alte Name des Bären, gr. ἄρκτος usw., seinerseits auf dieselbe Weise in uralter Zeit entstand, ist sehr wahrscheinlich. Die alte Deutung als "Zerstörer, Schädiger" (zu aind. rákṣas- n. ‘Zerstörung, Beschädigung’, aw. raš- ‘beschädigen’; so zuletzt Specht KZ 66, 27, Ursprung 7 u. 37) ist lautlich haltbar, sofern man rákṣas- von ἐρέχθω (s. d.) trennen will. — Ältere Literatur bei WP. 1, 322. I-141-142

ἄρκυς, -υος f., meist im Plur., ‘Netz’ (ion. att.), ἄρκυον ‘ds.’ (EM, nach δίκτυον), außerdem ἄρκυλον· δίκτυον H. — Keine weiteren Ableitungen. — Nicht sicher gedeutet. Nach Lidén IF 18, 507f. als "das Geflochtene, das Gewobene" mit ἄρκευθος und ἀρκάνη (s. dd.) zum slavischen Wort für ‘Weide’, russ. rokíta, serb. ràkita, slovak. rakýta usw., urslav. *orkytā, idg. *arqū-tā, wozu nach Bezzenberger BB 21, 295 A. 1 noch lett. érkuls ‘die Spindel, das Ärmchen am Spinnrade, darum der Flachs gewickelt wird’. Dagegen kaum hierher ἀράχνη usw. (Walter KZ 12, 377 usw.; s. Curtius 341). — Es liegt kein Anlaß vor, mit Grimme Glotta 14, 17 ἄρκυς und ἀρκάνη als orientalische Lehnwörter zu betrachten. — Ältere Literatur bei Bq. S. auch ἀφάρκη. I-142

ἅρμα 1. n. (pl.) ‘Wagen’, bes. ‘Streitwagen’, ‘Gespann’ (vorw. poet. seit Il.; zum Gebrauch bei Hom. Delebecque Cheval 170f.). Davon ἁρμάτειος ‘zum (Streit)wagen gehörig’ (E., X. usw.; vgl. Chantraine Formation 52), ἁρματόεις ‘ds.’ (Kritias), ἁρματίτης ‘im Wagen fahrend’ (Philostr., Pap., vgl. Redard Les noms grecs en -της 111), Demin. ἁρμάτιον (Gloss.). Zwei okkasionelle Denominativa: ἁρματεύω ‘einen Wagen treiben, fahren’ (E. Or. 994), ἁρματίζομαι ‘in einen Wagen hinstellen’ (Lyk.). ? Zu ἅρμα als Hinterglied s. Sommer Nominalkomp. 11ff. — Verbalnomen von ἀρ- ‘fügen’ in ἀραρίσκω; wegen des Spiritus asper ist vielleicht ein ursprüngliches Suffix -σμα anzunehmen (Schwyzer 523, Chantraine Formation 175); der Spiritus asper findet sich indessen auch in den übrigen Bildungen mit μ-Suffix : ἁρμός, ἁρμόζω, ἁρμονία, ἁρμαλιά; vgl. dazu Meillet MSL 10, 140 A. 1, Sommer Lautst. 133ff. — Die außergriechischen zahlreichen Wörter mit m-Suffix von ar- ‘fügen’, z. B. lat. arma pl. ‘Waffen, Rüstung’, armentum ‘Herde, Großvieh’ (formal zu ἅρμα stimmend, aber davon unabhängig gebildet), arm. y-armar ‘passend, angemessen’; mit anderem Ablaut aind. īrmá- m. ‘Vorderbug’, lat. armus m. ‘der oberste Teil des Oberarms’, got. arms ‘Arm’ usw., haben für das Verständnis der griechischen Wörter kein unmittelbares Interesse. — Bănăt̨eanu REIE 3, 138f. hält ohne Grund ἅρμα ebenso wie die meisten anderen gr. Wörter für ‘Wagen’ für kleinasiatisch. I-142-143

ἄρμα 2. n. ‘Speise, Nahrung’, nach Hellad. ap. Phot. p. 533 B von Hp. benutzt; im Plur. schwach bezeugte v. l. (für ἅρμενα) bei Hes. Th. 639. — Falls überhaupt richtig, entweder zu αἴρω, -ομαι im Sinn von ‘ergreifen, zu sich nehmen’ (φορβὰν ἱερᾶς γᾶς σπόρον ... αἴρων S. Ph. 707) oder zu ἀραρίσκω, vgl. ἄρμενα im Sinn von ‘Speise’ und ἁρμαλιά. — Außerdem bei H. als Erklärung von νωγαλεύματα ἢ νωγαλίσματα· τὰ κατὰ λεπτὸν ἐδέσματα. οἱ δὲ τὰ μὴ εἰς χορτασίαν, ἀλλὰ τρυφερὰ ἄρματα, womit ngr. (Pont., Kapp.) ἄρματα ‘weiblicher Schmuck’ zu vergleichen ist (Kukules ’Αρχ. ’Εφ. 27, 61ff.). I-143

ἁρμαλά Daneben ἁρμαρά (Pap.). Pflanzenname, ‘Raute’, = πήγανον ἄγριον (Dsk.); nach Ps.-Dsk. 3, 45 syrisch für πήγανον κηπαῖον. — Aus dem Semitischen, vgl. arab. harmal ‘Raute’. I-143

ἁρμαλιά f. ‘zugeteilte Nahrung, Speise’ (Hes., Theok., A. R., Pap.). Daneben, im Vokal nach ἁρμόζω usw. umgebildet, αρμολια, -εα (Pap.), außerdem ἄρμωλα· ἀρτύματα. ’Αρκάδες H., das im Suffix mit ἁρμαλιά ablauten kann, s. Hoffmann Dial. 1, 101, Bechtel Dial. 1, 388. Die übrigen bei H. überlieferten Formen, ἀρμόγαλα· τὰ ἀρτύματα. Ταραντῖνοι (an falscher Stelle) und ἀρμώμαλα (s. ἄρμωλα) können schwerlich richtig sein. Kühne Erklärungsversuche bei v. Blumenthal Hesychst. 26. — Zu notieren noch das denominative ἡρμαλώσατο· ἔλαβεν H. — ἁρμαλιά enthält ein suffixales Element -μαλ-, das seinerseits aus einem μ-Suffix erweitert sein kann (Frisk Eranos 41 50ff.) Der dadurch gewonnene Anschluß an ἁρμός usw. leuchtet semantisch nicht unmittelbar ein; vgl. indessen ἄρμενα im Sinn von ‘Speise’. Scheller Oxytonierung 88, wo näheres über die Bildung, erinnert noch an 2. ἄρμα ‘Speise, Nahrung’. Zu den Bildungen auf -ιά noch Chantraine Formation 82 und Schwyzer 469 und 483. I-143-144

ἄρμενα n. pl. (selten sg.) ‘Segel, Takelwerk; Werkzeuge, Instrumente; Speise’ (ep. ion. seit Hes.), eig. ‘das Ausgerüstete, Ausrüstung’, Substantivierung von ἄρμενος, s. ἀραρίσκω. Davon ἀρμενίζω ‘segeln’ (Gloss.), ngr. auch ‘besorgen, leiden u. a.’ (Papageorgiou ’Αθ. 24, 459ff). — Die Auffassung Leumanns Hom. Wörter 311, nach der ἄρμενον, -α aus einem homerischen Dichterausdruck entwickelt wäre, ist kaum zu halten. I-144

ἁρμόζω, att. -όττω, Aor. ἁρμόσαι, dor. ἁομόξαι, ‘zusammenfügen, -passen, verbinden’ (seit Il.). Ableitungen: ἁρμοστής, dor. -τήρ m. Amtstitel, insbes. der spartanischen Statthalter in den von Sparta abhängigen Städten (Inschr., Th., X. usw.), ἁρμόστωρ (ναυβατῶν A. Eu. 456) etwa ‘Befehlshaber’, vgl. Benveniste Noms d’agent 31 und 45, außerdem die seltenen Nomina agentis ἅρμοσμα ‘zusammengefügtes Werk’ (E. Hel. 411), ἅρμοσις ‘das Stimmen eines Instruments’ (Phryn., Theol. Ar.) mit ἁρμοστικός (Theol. Ar.). — Daneben, mit -γ- (vgl. dor. ἅρμοξα, ἅρμοκται) : ἁρμογή ‘Zusammenfügung’, vorw. als term. techn. der Literatur, der Musik, der Medizin, der Malerei (Eup., Plb., D. H. usw.). — Seiner Bildung nach ist ἁρμόζω ein denominatives Verb, dessen genauer Ausgangspunkt allerdings unbekannt ist. Das darin enthaltene μ-Suffix erscheint u. a. in ἁρμός ‘Fuge, Gelenk, Nagel’ (S., E., Ph. Mech. usw.) mit dem lokativischen Adverb ἁρμοῖ ‘soeben, jüngst’ (A., Pi., Hp. usw.; vgl. Persson Eranos 20, 82ff.) und in ἁρμόδιος ‘zusammenpassend, angemessen, bequem’ (seit Thgn.), dessen -δ- von dem -ζ- in ἁρμόζω schwerlich zu trennen ist. Vgl. noch ἁρμοίματα· ἀρτύματα H. und Schwyzer 467 A. 4; außerdem Specht Ursprung 340. Weitere Verwandte s. 1. ἅρμα und ἀραρίσκω. I-144

ἁρμονία f. ‘Fügung, Fuge, Bund, Ordnung usw.’, oft als musikal. term. techn. (seit Il.; zur Bedeutung im allg. s. Porzig Satzinhalte 209f.; ausführlich B. Meyer ‘Αρμονία. Bedeutungsgeschichte von Homer bis Platon. Zür.-Diss. Freiburg [Schweiz] 1932). Davon (nach den Adjektiven auf -ικός) in musikalischem Sinne ἁρμονικός (Pl. usw.); außerdem die seltenen ἁρμόνιος, -ίως ‘passend, harmonisch’ (LXX, J., Ph. usw.), ἁρμονιώδης (Sokr. Ep.). — Denominatives Verb ἁρμονίζω ‘zusammenfügen, bilden’ (AP). — Das Adjektivabstraktum ἁρμον-ία (zur Bildung im allg. Schwyzer 468f., Chantraine Formation 78f.) setzt ein Adjektiv ἅρμων voraus, das nur als EN belegt ist und als solches im Patronymikon ‘Αρμονίδης (Ε 60) enthalten ist. Es liegt außerdem als Hinterglied im Kompositum βητ-άρμων ‘Tänzer’ (θ 250, 383; s. d.) vor und kann auch als Grundlage von ἁρμόσυνοι vermutet werden, nach H. ἀρχή τις ἐν Λακεδαίμονι ἐπὶ τῆς εὐκοσμίας τῶν γυναικῶν. Es ist wie 1. ἅρμα (s. d.) von ἀρ- ‘fügen’ mittels eines Suffixes -men-, mon- abgeleitet. — Vgl. ἀραρίσκω. I-144-145

ἁρμός s. ἁρμόζω. I-145

ἄρμυλα · ὑποδήματα. Κύπριοι H. — Die Ähnlichkeit mit ἀρβύλη (s. d.) kann natürlich nicht zufällig sein. Entweder haben wir es mit verschiedener Wiedergabe ein und desselben Fremdwortes zu tun oder ist ἄρμυλα aus ἀρβύλη durch volksetymologische Angleichung an die Sippe ἁρμόζω usw. entstanden. Alter indogerm. Suffixwechsel β : μ (Specht Ursprung 269) ist selbstverständlich ausgeschlossen. I-145

ἀρνακίς s. ἀρήν. I-145

ἀρνειός, richtiger ἀρνηός (s. unten), att. ἀρνεώς m. ‘Schafbock, Widder’ (seit Il.). Att. ἀρνεώς läßt auf ein ursprüngliches ionisches ἀρνηός schließen, das in der Homerüberlieferung von ἀρνειός verdrängt wäre (Wackernagel Akzent 32). — Fem. pl. ἀρνηάδες, -άδων (äol., Del.3 644, 15); dazu ἀρνηΐς, -ΐδος f. Name eines Festes in Argos (Ael.). Hierher auch ’Αρνιάδᾱς (Kerk., Thumb IF 9, 302). — Seit alters zu (ϝ)ἀρήν gezogen, wobei die digammalose Form mit Meister HK 200 als ein Element der lebenden Sprache der Dichter gegenüber dem traditionellen ϝαρήν zu erklären ist. Sowohl wegen des fehlenden Digamma wie wegen der Bedeutung hat aber Meillet IF 5, 328f., wahrscheinlich richtig, ἀρνειός aus *ἀρσνειός (d. h. *ἀρσν-ηϝός), zu ἄρσην, als das männliche Tier erklärt, vgl. ὄϊν ἀρνειόν im Gegensatz zu θῆλυν κ 572. Näheres über die Wortbildung Bechtel Lex.; zur Bedeutung Benveniste BSL 45, 103. S. auch ἀρνευτήρ. I-145

ἀρνέομαι, Aor. ἀρνήσασθαι ‘leugnen, verneinen, abschlagen’ (seit Il.). Ableitungen: ἄρνησις ‘das Leugnen, die Verneinung; die Negation’ (Trag., Pl., D., Gramm.; vgl. Holt Les noms d’action en -σις 146f. u. a.) mit ἀρνήσιμος (S.; vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 81; nach ἀμφισβητήσιμος?) und ἀρνητικός ‘verneinend, negativ’ (Chrysipp., Numen. usw.). Außerdem die wahrscheinlich postverbalen ἄπ-αρνος und ἔξ-αρνος (ion. att.) von ἀπ-, ἐξ-αρνέομαι. — Nicht sicher erklärt. Die Zusammenstellung mit arm. uranam ‘verneinen’ (Bugge Beitr. zur etym. Erläuterung d. arm. Sprache 38f.) hat Meillet BSL 26, 19f. wieder aufgenommen. Sie setzt einen Ablautswechsel ar : ōr voraus (arm. uranam kann aus idg. *ōr- entstanden sein, muß es aber nicht). Kühne Hypothesen bei Mayrhofer KZ 71, 75ff. (: zu aw. rah- ‘abtrünnig sein’, intens. rārəšyeiti, kaus. rā̊ŋhayeiti [?]) und bei Müller-Graupa PhilWoch. 61, 43ff., 91ff., 167 (: zu ἀρήν ‘Bock’ [?]). I-145-146

ἀρνευτήρ, -ῆρος m. ‘Taucher’, auch als Vogelname (Hom., Arat., H., auch Hdt. durch Entlehnung aus dem Epos, Fraenkel Nom. ag. 1, 207). Ableitung ἀρνευτήρια n. pl. ‘Taucherkünste’ (Arat.). — Daneben die jüngere Bildung ἀρνευτής m. als Epithet eines Fisches (Numen. ap. Ath., Eust.; vgl. Strömberg Fischnamen 50 m. Lit.). — ἀρνευτήρ setzt als Nom. agentis zunächst ein Verb ἀρνεύω voraus, das tatsächlich bei Lykophron belegt ist; ob alte Bildung oder aus ἀρνευτήρ von neuem rückgebildet (so Fraenkel Nom. ag. 1, 9f.), sei dahingestellt. Die antike Herleitung aus ἀρήν (Sch. AT zu Μ 385: ἀρνευτὴρ ὁ κυβιστήρ, παρὰ τοὺς ἄρνας· οὗτοι γὰρ κυβιστῶσιν ὥσπερ τὸν ἀέρα κυρίττοντες) dürfte im Prinzip richtig sein; nur ist das Grundwort nicht ἀρήν, sondern ἀρνειός (s. d.) aus *ἀρσνηϝός; ἀρνεύω also eig. ‘mache einen Bocksprung’. Ein Zwischenglied *ἀρνεύς vorauszusetzen (Bechtel Lex. 63), ist in Anbetracht der stark produktiven Verba auf -εύω nicht notwendig; vgl. Fraenkel a. a. O. I-146

ἄρνυμαι, Aor. ἀρέσθαι ‘erlangen, erwerben, gewinnen’ (vorw. poet. seit Il.). Verbalnomen ἄρος n. ‘Nutzen’ (A. Supp. 885, Lesung zweifelhaft; H., Eust.). Aus dem Ausdruck μισθὸν ἄρνυσθαι ist das Kompositum μισθαρνέω ‘um Lohn dienen’ (ion. att.) erwachsen; das vermittelnde Nomen μίσθαρνος (μισθάρνης) ist tatsächlich bei Poll. 4, 48 und bei H. s. v. πελάται (bzw. Phot., H., Suid.) belegt, aber vielleicht trotzdem als postverbal zu betrachten. — ἄρνυμαι ist ein altes schwachstufiges νυ-Präsens (s. Schwyzer 696), das in arm. aṙnum (Aor. aṙi) ‘nehmen’ sein genaues Gegenstück hat und auch in aw. ərənav- ‘gewähren, zuweisen’, heth. arnuzi ‘hin-, herbringen’ vorliegen kann (falls nicht zu ὄρνυμι, aind. r̥ṇóti; s. die Lit. bei Friedrich Heth. Wb. s. v.). I-146

ἄροκλον = φιάλη (Nik.Fr. 129). — Unerklärt. I-146

ἄρον n. Pflanzenname, ‘Arum, Natterwurz, Art Schilfrohr’ (Thphr., Dsk. usw.). — Nicht sicher erklärt. Oft zu lat. (h)arundo ‘Rohr’ gezogen, s. W.-Hofmann s. v. mit Lit. — Vgl. 2. ἀρίς und ἀρίσαρον. I-146

ἄρος 1. = ὄφελος H., s. ἄρνυμαι; 2. = βλάβος ἀκούσιον H., s. ἀρή. I-147

ἄροτρον, kret. ἄρατρον (vgl. unten) n. ‘Pflug’ (seit Il.). Zahlreiche, meistens späte Ableitungen, die z. T. mit den primären Bildungen von ἀρόω semantisch konkurrieren: ἀροτρίτης (falsch -ήτης) ‘zum Pflug gehörig’ (AP, vgl. Redard Les noms grec en -της 37), ἀροτραῖος ‘agrestis’ (AP), ἀρότριος Epithet des Apollo (Orph., auch auf ἀροτήρ bezüglich). — Denominative Verba: 1. ἀροτρεύω ‘pflügen’ (Pherekyd., Lyk., Nik., Babr.) mit ἀροτρεύς ‘Pflüger’ (Theok., Bion, Arat.; Versende, vgl. Boßhardt Die Nomina auf -ευς 67), ἀροτρευτήρ ‘ds.’ (AP) und ἀρότρευμα ‘das Pflügen, das Säen’ (Poet. ap. Stob.); 2. ἀροτριάω = ἀρόω (Kall., Thphr. usw., vgl. Schwyzer 732) mit ἀροτρίασις (LXX u. a.) und ἀροτρίαμα ‘gepflügtes Land’ (Sch. Ar.); 3. ἀροτριόω = -ιάω (LXX); 4. ἀροτριάζω ‘pflügen’ (Pap.) mit ἀροτριαστής (EM) und ἀροτριασμός (Sch. Opp.). — ἄροτρον, mit -ο- wie in ἀρόω usw. für älteres (?) ἄρατρον (kret.), ist ein altes Nomen instrumenti, das als Benennung des Pfluges in zahlreichen idg. Sprachen erhalten ist: arm. arawr, lat. arātrum (mit sekundärem nach arāre), mir. arathar, awno. arðr. Daneben stehen andere Bildungen: lit. árklas, aksl. ralo, beide mit l-Suffixen (*arə-tlo-, bzw. -dhlo); noch anders toch. AB āre (mehrdeutig). — Vgl. ἀρόω, ἄρουρα. I-147

ἄρουρα f. ‘Ackerland, Land’ (vorw. poet. seit Il.), auch als Maßbezeichnung (in Ägypten; Hdt., Pap.). Davon einige Ableitungen: ἀρουραῖος ‘ländlich’ (ion. att.), ἀρουρίτης ‘ds.’ (Babr., vgl. Redard Les noms grecs en -της 22); zwei Deminutiva: ἀρούριον (AP) und ἀρουρίδιον (Pap.); außerdem die zur Maßbezeichnung gehörenden ἀρουρηδόν n. ‘Fläche, die nach dem Arurenmaß vermessen ist’ (Substantivierung eines Adverbs *ἀρουρηδόν), ἀρουρισμός ‘Vermessung nach ἄρουραι’ (als von *ἀρουρίζειν), beide aus Ägypten durch die Papyri bekannt ebenso wie das latinisierte ἀρουρατίων ‘Flureinteilung’ (VIp). — ἄρουρα ist eine feminine Ableitung auf -ι̯α von einem Verbalnomen *ἄρο-ϝαρ ‘das Pflügen’, zu ἀρόω (s. d.), und heißt somit eigentlich ‘Land zum Pflügen, Bauen’ (s. Schwyzer 520 oben). Mit *ἄροϝαρ, einem alten r-n-Stamm, ist zunächst zu vergleichen mir. arbor (aus *aru̯r̥), Gen. (air.) arbe (aus *aru̯ens) ‘Getreide’; vgl. Benveniste Or. 20f., 112f.; s. noch W.-Hofmann s. arvus und WP. 1, 70f., Pok. 63. — Die Zusammenstellung mit aind. urvárā f. ‘Fruchtfeld, Saatland’, aw. urvarā f. ‘Pflanze’ (zuletzt Otrębski KZ 66, 246f.) ist nicht haltbar. I-147

ἀρόω, Aor. ἀρόσαι ‘pflügen, ackern, pflanzen, bauen’ (seit Il.). Mehrere Ableitungen. Nomina agentis: ἀροτήρ m. ‘Pflüger usw.’ (seit Il.; vgl. Benveniste Noms d’agent 35 und 44), sekundär ἀρότης m. (ion. att., poet.; vgl. Fraenkel Nom. ag. 1, 215). — Nomina actionis: 1. ἄροτος m. ‘das Pflügen, (gepflügtes) Land, Saatland, Saat(zeit)’ (seit Il.); davon ἀροτήσιος (ὥρη Arat. 1053, nach den Zeitadjektiven auf -ήσιος, s. Chantraine Formation 42) und ἀροτικός ‘zum Pflügen brauchbar’ (Gal.; auch auf ἀρόω direkt bezüglich); 2. ἄροσις ‘das Pflügen usw.’ (Arist., Arat., Ael.), schon in alter Zeit konkretisiert ‘Ackerland’ (Hom. usw., vgl. Benveniste Noms d’agent 75, Porzig Satzinhalte 336; nicht richtig Holt Les noms d’action en -σις 78: "possibilité de labourer"), wovon ἀρόσιμος ‘anbaubar’ (Thphr., Str. usw.; vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 47); vereinzelt mit sekundärer Länge ἄρωσις (Pap.) und ἀρώσιμος (S. Ant. 569; durch das Metrum gefördert, vgl. Arbenz 48); 3. ἄρωμα ‘bebautes Land, Saatfeld’ (S., Kom.; nach den hochstufigen Bildungen auf -ωμα, -ημα; vgl. Specht KZ 63, 210); 4. ἀροσμός ‘das Ackern’ (Pap.); 5. *ἀρατύς im Monatsnamen Αράτυος, s. d. ? Ein altererbtes Nomen instrumenti ist ἄροτρον, s. d. — S. noch ἄρουρα. — ἀρόω ist ein altes primäres Verb auf zweisilbiger Wurzel, in der -ο die Tiefstufe (idg. ə) repräsentiert ebenso wie -ᾰ in den dorischen Formen ἄρατρον, Αράτυος (s. dd.), Fut. herakl. ἀράσαντι, ther. rhod. ἐνάρατον (vgl. dazu Schwyzer Glotta 12, 1f.). Eine sichere Erklärung des Wechsels -o : - steht noch aus; s. Schwyzer 362 und 683 m. Lit., außerdem Specht KZ 66, 21l. — Aus anderen Sprachen sind zu erwähnen 1at. arāre (ursprünglich athematisch mit wahrscheinlich sekundärem für aus idg. ə) und die -Präsentia mir. airim, got. arjan, lit. ariù (Inf. árti), aksl. orjǫ (Inf. orati). Die Bedeutung ist überall ‘pflügen, ackern’; die Zurückführung auf eine Wurzel erə- ‘zertrennen’ (Specht KZ 68, 42 A. 2) ist gelinde gesagt hypothetisch und ohne jedes Interesse. I-147-148

ἁρπάζω, Aor. ἁρπάξαι (Hom., Pi. usw.), ἁρπάσαι (ep. ion., att.) ‘raffen, rauben’ (seit Il.). Neben ἁρπάζω steht in einigen Nomina ein Gutturalstamm, der dem Verb zugrunde liegen kann: ἅρπαξ f. ‘Raub’ (Hes. Op. 356), m. ‘Räuber’ (Ar., Myrtil. usw.), auch attributivisch (adjektivisch) gebraucht mit dem Superlativ ἁρπαγίστατος (Leumann Mus. Helv. 2, 11); ἁρπαγή ‘Raub, Beute’ (seit Sol.), ἁρπάγη ‘Harke, Rechen’ (E., Men. usw.); ἅρπαγος m. ‘Haken’ (A., S.), auch EN. — Von ἅρπαξ bzw. ἁρπαγή wahrscheinlich ἁρπαγεύς ‘Räuber’ (Them.; vgl. Boßhardt Die Nomina auf -ευς 73), wohl auch *ἁρπαγών im lat. LW harpagō ‘Enterhaken’ (seit Plaut.; Leumann Sprache 1, 210f.; vgl. harpaga, harpax). — Von ἁρπάζω dagegen ἁρπακτήρ m. ‘Räuber’ (ep. seit Il.) mit der seltenen Ersatzform ἁρπακτής (Kall.); ferner die Nomina actionis ἁρπαγμός ‘Raub, (unerweiterte) Beute’ (Plu., Vett. Val.; Ep. Phil. 2, 6, wozu Jaeger Hermes 50, 587ff.), ἅρπαγμα ‘ds.’ (Lyk., LXX), ἁρπακτύς f. ‘Raub’ (Kall.; vgl. Benveniste Noms d’agent 72). — ἁρπάγιον ‘Art Gefäß, an die κλεψύδρα erinnernd’ (Alex. Aphr.). — Diesen Nomina schließen sich einige Adjektiva an: ἁρπάγιμος ‘geraubt, gestohlen’ (Kall., AP u. a.; vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 100), erweiterte Form ἁρπαγιμαῖος ‘ds.’ (Orph. u. a.; vgl. Chantraine Mélanges Maspero 2, 219ff.); ἁρπακτικός ‘räuberisch’ (Luk. usw.), ἁρπακτήριος ‘ds.’ (Lyk.). Außerdem das Adverb ἁρπάγδην ‘hinraffend, gierig’ (A. R., Opp., Aret.). Im Vergleich zu den Gutturalbildungen sind die an den Aorist ἁρπάσαι anzuknüpfenden Formen weniger stark belegt : ἅρπασμα (Pl., Men. usw.), ἁρπασμός (Plu.), ἅρπασις (Phryn.), ἁρπαστικός (Arist., Phld.), ἅρπασος N. eines Raubvogels (Ant. Lib.). — Wie erwähnt, läßt sich ἁρπάζω unschwer als ein Denominativum zu einem Gutturalstamm ἁρπαγ- erklären. Hinter diesem nominalen Gutturalstamm liegt wahrscheinlich ein einsilbiges Element ἅρπ- (wovon ἁρπάζω an und für sich eine formelle Erweiterung auf -άζω sein könnte, s. Schwyzer 734). Dies kann in ἅρπη ‘Sichel’, auch N. eines Raubvogels, vermutet werden, s. d. Dagegen ist das poetische und späte Ptz. ἁρπάμενος (AP, Nonn.) eine sekundäre Bildung nach den Aoristptz. auf -άμενος. — Vgl. noch ἅρπυς, ἅρπυια, ἁρπαλέος. I-148-149

ἁρπαλέος -έως ‘mit Wohlbehagen, gern’; auch ‘heftig, wegraffend’ (Ar. Lys. 331 [lyr.], A. R., AP usw.) . ‘reizend, erwünscht, angenehm’ (poet. seit Od., vgl. Debrunner IF 23, 17), — Durch Kontamination von ἁρπαλ- und ἁρπαγ- scheint ἁρπάλαγος m. N. eines Jägerwerkzeugs (Opp. K. 1, 153) entstanden zu sein. ἁρπαλέος ist durch Dissimilation aus ἀλπαλέος, zu ἄλπνιστος (s. d.), ἔπαλπνος entstanden. Die undissimilierte Form ist tatsächlich bei Hesych ἀλπαλαῖον (leg. -έονἀγαπητόν bewahrt. Sekundärer Anschluß an ἁρπάζω erklärt sowohl den Spiritus asper wie die Bedeutungsentwicklung. Debrunner GGA 1910, 14, Wackernagel KZ 43, 377f. Daraus erweitert ἁρπάλιμα· ἁρπακτά, προσφιλῆ H. (nach καρπάλιμος, Arbenz Die Adj. auf -ιμος 29); außerdem ἁρπαλά· ἁρπακτικά H. Denominatives Verb ἁρπαλίζω ‘gern aufnehmen, willkommen heißen’ (A.), ἁρπαλίζομαι· ἀσμένως δέχομαι H. I-149

ἀρπεδής (ἁρ-) ‘eben, flach’ (Nik. Th. 420). Erweiterte Form ἀρπεδόεις (Antim. Kol., H.). Denominatives Verb ἀρπεδίσαι· ὁμαλίσαι, ἐδαφίσαι H. — Anknüpfung an πέδον liegt nahe (vgl. ἄ-πεδος ‘eben, flach’), aber die Herleitung aus ἀρι-πεδής (Did., Hdn., Hoffmann Dial. 2, 235) überzeugt nicht. — Daneben mit abweichendem Anlaut ἐρπεδόεσσα· ἐπίπεδος H.; vgl. s. ἔρθυρις. I-149-150

ἁρπεδόνη ‘Seil, Faden des leinenen Brustharnisches, Strick um Wildbret zu fangen, Bogensehne usw.’ (Hdt., X. usw.), auch -εδών f. (AP, J. usw.). Zur Bildung vgl. die Werkzeugnamen auf -δών und -όνη (Schwyzer 529f. und 490, Chantraine Formation 361f. und 207). f. Davon ἁρπεδονίζειν· λωποδυτεῖν. καὶ διὰ σπάρτου θηρᾶν H. — Unerklärt. Der Vergleich mit aind. arpáyati ‘anbringen, einstecken, befestigen’ (seit Curtius 341) ist semantisch wenig zutreffend; außerdem ist arpáyati ehestens als eine indische Neubildung zu betrachten. Anschluß an ἅρπη, ἁρπάζω befriedigt auch nicht für den ältesten Gebrauch des Wortes. Die bei H. gegebenen Erklärungen sind offenbar durch nachträgliche Assoziation mit ἁρπάζω bedingt. I-150

ἄρπεζα etwa ‘Hecke, Zaun’ (Nik., pl.; vgl. ἀρπέζας· τοὺς αἱμασιώδεις τόπους. οἱ δὲ τείχη καὶ περιβόλους. οἱ δὲ τὰ κλιμακώδη χωρία H.). ἄρπεζος f. ‘ds.’ (Mylasa). f. Daran erinnern ἄρπισαι· αἱμασιαί. ἢ τάφρους und ἄρπιξ· εἶδος ἀκάνθης. Κύπριοι H. — Etymologie unbekannt. Die Anknüpfungen an ἅρπη, ἁρπεδόνη, ἁρπάζω (Prellwitz, L. Meyer, s. auch Schwyzer 473 A. 5) überzeugen nicht. I-150

ἅρπη (seit Il.) f. ‘Sichel’, auch N. eines Raubvogels (metonymisch nach den sichelförmigen, gekrümmten Krallen; näheres bei Bechtel Lex., Thompson Birds). Daneben bei H. das maskulinisch umgebildete ἅρπης ("Sichler")· εἶδος ὀρνέου. ἢ ἰκτῖνος. Κρῆτες. Nach Leumann Hom. Wörter 294 ist der Vogelname (auch in Kreta) der Homerinterpretation entsprungen; kaum überzeugend. Wegen des als kretisch gegebenen ἅρπης sieht Bechtel Dial. 2, 781, schwerlich mit Recht, darin einen alten -Stamm. — ἅρπη ist bis auf den Auslaut mit aksl. srъpъ, lett. sirpe ‘Sichel’ lautlich identisch und wahrscheinlich urverwandt. Aus anderen Sprachen können hierher gehören lat. sarpiō und sarpō, sarpere ‘die Weinstöcke beschneiteln’ und ahd. sarf ‘scharf, rauh’. Näheres bei W.-Hofmann s. sarpiō. Für ἅρπη orientalische Entlehnung anzunehmen (Grimme Glotta 14, 17), ist somit überflüssig. — Aus ἅρπη oder einem nahestehenden Grundwort stammen wahrscheinlich ἅρπαξ (eig. "mit Krallen versehen"?) und ἁρπάγη, die ihrerseits die Grundlage des Verbs ἁρπάζω (s. d.) haben bilden können; vgl. WP. 2, 501 gegen Wood ClassPhil. 3, 74. I-150

ἁρπίς, -ῖδος (-ίδος) f. ‘Art Schuh’ (Kall., Suid.). Nach EM 148, 36 = κρηπίς . — Unerklärt. Etwa zu ἅρπη nach der Form? I-150

Αρποκράτης (’Αρπ-), auch Καρποκράτης (Inschr., Pap. u. a.), — aus ägypt. Ḥar-pe-chrot. Sittig KZ 45, 242ff., Lévy REGr. 26, 262. I-151

Ἅρπυια f., gewöhnl. im Plur., ‘die Harpyien’, unheimliche Dämonen, die mit dem Sturmwind verknüpft werden (seit Il.). Daneben die offenbar alte Dualform ’Αρεπυίᾱ (Aigina). — Reduplikationsloses substantiviertes Partizip auf -υια wie ἄγυια, αἴθυια usw. (Schwyzer 541). Die zweisilbige Stammform in ’Αρεπυίᾱ (das neben Ἅρπυια steht wie ὀρόγυια neben ὄργυια) ist für die sonst naheliegende Anknüpfung an ἅρπη, ἁρπάζω (von denen indessen der Spiritus stammt) nicht günstig. Der Ausdruck Ἅρπυιαι ἀνηρέψαντο (ξ 371 = α 241) läßt vielmehr auf Verwandtschaft mit ἐρέπτομαι ‘raufen, abrupfen, fressen’ (s. d.) schließen. Bechtel Lex. I-151

ἅρπυς ἅρπυν· ἔρωτα. Αἰολεῖς H. ‘Liebe’ (Parth.). — Nach EM 148, 35 παρὰ τὸ ἁρπάζειν τὰς φρένας, was semantisch zweifellos möglich ist. Man muß dann eine Art Rückbildung mit Abstreifung des Verbsuffixes annehmen. I-151

ἀρράβη · θύρα. οἷον γέρ<ρ>ον H. — Nach Lewy Fremdw. 130 semitisch, zu hebr. ’ārab ‘flechten’. Verfehlt H. Petersson Från filol. fören. i Lund. Språkliga uppsatser IV (Lund 1915) 139f.: zu ἄρριχος, lit. rẽzgis ‘Korb’, lat. restis. I-151

ἀρ(ρ)αβών, -ῶνος m. ‘Handgeld, Unterpfand’ (Antiph., Is. usw.). Davon ἀρραβωνίζεται· ἀρραβῶνι δίδοται H. — Semitisches LW, vgl. hebr. ‘ērābōn ‘Unterpfand’; näheres bei Lewy Fremdw. 120, s. auch Schwyzer 153, 316. — H. glossiert ἀρραβών auch mit ἄγκιστρον. Unwahrscheinlicher Erklärungsversuch bei Lewy Fremdw. 130. I-151

ἄρρατος = ἀμετάστροφος (Pl. Kra. 407d; außerdem R. 535c, Ax. 365a; ἀνέρος ἀρράτοιο Euph. 24 mit falscher Länge). — Aus *ἀ-ϝρᾰτ-ος, zu idg. u̯ert- ‘wenden, drehen’, s. ῥατάναν. Schwyzer RhM 80, 209ff., Sommer Nominalkomp. 86. I-151

ἀρρηνής Theok. 25, 83 ζάκοτόν τε καὶ ἀρρηνές (scil. θηρίον; vom Hunde); nach H. ἄγριον, δυσχερές. Davon ἀρρηνεῖν· λοιδορεῖν. καὶ γυναικὶ πρὸς ἄνδρα διαφέρεσθαι H. — Expressives Wort unbekannter Herkunft. Ob von ἀρ(ρ)άζω ‘bellen, heulen’ (so Prellwitz Glotta 19, 104) mit Bildung nach στρηνής, ἀπηνής? I-151

ἀρρηφόρος f. N. der Mädchen, die in Athen die Symbole der Göttin Athena in Prozession trugen (Paus., Plu. usw.). Davon das Abstraktum ἀρρηφορία ‘Prozession der ἀρρηφόροι’ (Lys.; ausführlich darüber Adrados Emerita 19, 117ff.) und das Denominativum ἀρρηφορέω (Ar., Din. u. a.). Außerdem das substantivierte τὰ ἀρρηφόρια (Sch. Ar., EM). — Daneben mit anderem Anlaut ἐρρηφόρος, -έω (Inschr., näheres bei Meisterhans3 15 A. 67); ferner ἐρσηφόρος, -ία (auch ἐρσε-, ἐρσο-; Inschr., Sch. Ar.). — Nicht sicher gedeutet. Schon die Alten erklärten es aus ἄρρητος ‘ungesagt, geheimnisvoll’ (mit unverständlicher Unterdrückung der Silbe -το-; für ein athematisches ἀρρητ- fehlt jede Stütze), bzw. aus ἔρση ‘Tau’, auch N. einer der Töchter des Kekrops. Vgl. G. Meyer Gr.3 353 A. mit Lit., Debrunner GGA 1910, 14f. Verfehlt Fick KZ 43, 132f. (ἄρρη attisch für ἔρση). I-151-152

ἀρριχάομαι s. ἀναρριχάομαι. I-152

ἄρριχος f. (m.) ‘Korb’ (Ar., Thphr., AP), ἄρσιχος (D. S., Marm. Par., Amorgos). Deminutivum ἀρριχίς f. (Ath.). — Unerklärt. Verfehlt Petersson KZ 47, 256f. (s. WP. 2, 374) und Specht Ursprung 251 und 256. Dasselbe Suffix wie im synonymen σύριχος u. a. (Schwyzer 498, Chantraine Formation 402). I-152

ἀρρωδέω s. ὀρρωδέω. I-152

ἄρσεα · λειμῶνες H. — Nicht sicher gedeutet. Nach Schwyzer 513 (mit Curtius 298 und Froehde BB 21, 191) zu ἄρδω mit suffixalem -σος wie in ἄλσος usw. Specht Ursprung 319 hält ἄρσος für eine alte Nebenform zu ἄλσος mit indogermanischem Schwanken zwischen l und r; nicht zu empfehlen. I-152

ἀρσενικόν, ἀρρενικόν auch ἀρρενική f. n. ‘Arsenik’ (Arist., Thphr., Str. usw.). — Orientalisches LW, letzter Hand aus mpers. *zarnīk ‘golden, goldfarbig’ (vgl. npers.-arab. zarnīx, zarnīq ‘Arsenik’ und s. zu χλόη, χλωρός), wohl durch semitische Vermittlung (syr. zarnīkā ‘Arsenik’) mit volksetymologischem Anschluß an ἀρσενικός, ἀρρενικός ‘männlich’. Lewy Fremdw. 55 nach Lagarde; vgl. noch Hübschmann IF 19, 457 m. A. 4, Schrader-Nehring Reallex. s. v. I-152

ἄρσην, -ενος (ep.), ἄρρην (att.), ἔρσην (ion. lesb. kret. usw.), ἄρσης (lak.) ‘männlich’. Komparationsformen ἀρρέντερος ‘männlich’ (ark.), ἐρσεναίτερος (el.), beide vielleicht sekundär für ἄρσην gegenüber θηλύτερος (Benveniste Noms d’agent 117f.). — Ableitungen: ἀρσενικός, -ρρ- ‘männlich’ (hell. u. spät), ἐρσενικός (Pap.), ἀρσένιος (Teuthis); ἀρσένιον n. ‘männliches Kind’ (Pap.) — Adverb ἀρρενωδῶς ‘männlich’ (LXX). — Abstrakta: ἀρρενότης f. ‘Männlichkeit, masculinum’ (Stoik. usw.), ἀρσένωμα ‘männlicher Same’ (Sch. Opp.), vgl. die ähnlichen denominalen Bildungen auf -(ω)μα bei Schwyzer 523, Chantraine Formation 187. — Denominatives Verb: ἀρρενόομαι ‘Mann werden, sich als Mann benehmen’ (Luk., Ph. usw.). — Ion. usw. ἔρσην ist mit aw. apers. aršan- ‘Mann, Männchen’ identisch; die Tiefstufe in ἄρσην, ἄρρην erscheint in dem abgeleiteten aind. r̥ṣa-bhá- ‘Stier’. Dazu ferner nach aller Wahrscheinlichkeit aind. árṣati ‘fließen’; vgl. die synonyme Reimbildung aind. vŕ̥ṣan- zu várṣati ‘regnen’ (s. zu ἔρση, οὐρανός, οὐρέω); dazu Benveniste BSL 45, 100ff. — Die weiteren Anknüpfungen bei Bq, WP. 1, 149ff., Pok. 336 sind hypothetisch, z. T. verfehlt. — Vgl. ἀρνειός, ἀρνευτήρ. I-152-153

ἀρτάβη f. N. eines persischen und ägyptischen Maßes (Hdt., Pap.). — Das Wort ist wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs. Vgl. Hultsch P.-W. s. v. Davon in den Papyri mehrere Ableitungen: ἀρτάβιος ‘eine A. messend’, ἀρταβιαῖος ‘ds.’ (nach den Maßadjektiven auf -(ι)αῖος Chantraine Formation 49), ἀρταβίειος od. -ιεῖος ‘ds.’; vgl. zur Bildung κοτυλίειος (-ιεῖος), von κοτύλη, usw. (Mayser Pap. I 3, 95); Abstraktum ἀρταβιεία (-βεία, -βία) ‘Abgabe von einer Artabe’. I-153

ἄρταμος m. ‘Metzger, Koch’ (S., X., Epikr. usw.). Davon ἀρταμέω ‘schlachten, zerstückeln’ mit ἀρτάμησις ‘das Schlachten’ (Thebe). — Nach Eustathios 577, 45 = ὁ εἰς ἄρτια τέμνων und somit haplologisch für *ἀρτί-ταμος, bzw. *ἀρτό-ταμος ‘kunstgerecht zerschneidend’ (durch Zusammenbildung). Eine bessere Erklärung ist jedenfalls nicht gefunden. Vgl. J. Schmidt Kritik 83f.; s. ἄρτι und ἄρτος; außerdem Ἄρτεμις. I-153

ἀρτάω ‘anbinden, an-, aufhängen, abhängen’ (ion. att.). Davon die Nomina actionis ἄρτημα Bezeichnung verschiedener Gegenstände wie ‘Ohrgehänge’ (Hdt.), ‘angehängtes Gewicht’ (Arist. u. a.) usw.; ἄρτησις ‘das Aufhängen’ (Papp.), ἀνάρτησις ‘ds.’ (Thphr. usw.), ἀρτησμός ‘ds.’ (AB). — Außerdem das konkrete ἀρτάνη ‘Strick, Schlinge (zum Hängen)’ (A., S.), nach dem synonymen πλεκτάνη und anderen Gerätenamen auf -άνη (Schwyzer 489f., Chantraine Formation 197ff.). — ἀρτάω aus *ἀϝερτάω ist eine sekundäre Verbalbildung, die sich zum primären ἀείρω ‘anbinden, aufhängen’ (s. d.) verhält wie z. B. lat. gestāre zu gerere. Die Entstehungsweise ist im einzelnen nicht aufgeklärt, s. Schwyzer 705f. mit Lit. Vgl. noch ἀρτήρ, ἀρτηρία. I-153

ἀρτεμής ‘frisch, gesund’ (ep. seit Il.) Davon zwei späte Ableitungen: ἀρτεμέω ‘gesund sein’ (Nonn.), ἀρτεμία ‘Gesundheit’ (Max., AP, Prokl.). — Unerklärt. Mehrere vergebliche Deutungsversuche: haplologisch aus *ἀρτι-δεμής (zu δέμας, Prellwitz); ἀρ- = ἀρι- (vgl. ἀρπεδής) und *τέμος (zu τημελέω, Fick-Bechtel Personennamen 439, vgl. Hoffmann Dial. 2, 235). Noch anders Ehrlich Betonung 43 A. 2. I-153

Ἄρτεμις, dor. Ἄρταμις, -ιδος, -ιτος f. Göttinnenname (seit Il.). Ableitungen: ’Αρτεμίσιος, ’Αρταμίτιος m., auch ’Αρτεμισιών, Monatsname (Th. usw.), -ον n. ‘Artemistempel’ (Hdt., Ar. usw.), auch ‘(kleines) A.-bild’ (Hyp.); ’Αρταμίτια n. pl. ‘A.-feier’ (Delphi). — ἀρτεμιδήϊον n., ἀρτεμισία f. Pflanzennamen, vgl. Strömberg 100. — ’Αρτεμισιασταί m. pl. N. der A.-verehrer (Athen), wie von *ἀρτεμισιάζω; vgl. ’Απολλωνιασταί usw. (Chantraine 316). — Der Name Ἄρτεμις erscheint auch in lydischen Inschriften (Artimuś, Artimuλ, Artimu-k; vgl. zu Απόλλων); ob aber der Name deswegen als lydisch anzusehen ist (v. Wilamowitz Hellenistische Dichtung 2, 50; Glaube 1, 324), bleibt fraglich. Noch zweifelhafter ist die Annahme illyrischer Herkunft (aus illyr. *artos ‘Bär’, Sánchez Ruipérez Emerita 15, 1ff. und Zephyrus 2, 89ff.). Kretschmer Glotta 15, 177 erwägt sog. "protindogermanischen" Ursprung. Die Erklärungen aus dem Griechischen selbst sind ebenfalls hypothetisch. Gegen die Deutung als "Bärengöttin" (zu ἄρκτος ‘Bär’; zuletzt Pisani Rev. ét. anc. 37, 149f.) s. Kretschmer Glotta 27, 34, der an der Anknüpfung an ἄρταμος ‘Schlächter’ festhält. Aber die Schreibung Ἄρταμις mit -α- ist vielmehr auf Volksetymologie zurückzufuhren, vgl. Schwyzer 256. Wertlos Glaser Mitt. d. Vereins klass. Phil. in Wien 6, 55ff. — Näheres bei Nilsson Gr. Rel. 1, 451ff.; vgl. noch die Einzelheiten bei Sánchez Ruipérez 1. c., außerdem Chantraine L’ant. class. 22, 67. I-153-154

ἀρτέμων, -ονος m. ‘Bramsegel, Bramstange’ od. ähnl. (Act. Ap. 27, 40, vgl. Moulton-Milligan Vocabulary s. v.), Bed. unsicher bei Lyd. Mens. 2, 12. Deminutivum ἀρτεμώνιον (Tz. ad Lyk. 359). — Lat. LW artemo(n) seit Lucil. als Name eines Segels od. ähnl., bei Vitr. 10, 2, 9 außerdem = ‘der dritte Kolben im Flaschenzuge’. Technisches Wort, dessen Sinn und Geschichte noch der Aufklärung bedarf. Die lautlich naheliegende Anknüpfung an ἀρτέομαι oder ἀρτάω nach den Geratenamen auf -μων (Chantraine Formation 172, vgl. Schwyzer 522) entbehrt bisher einer semantischen Motivierung. I-154

ἀρτέομαι ‘sich rüsten, bereit machen’, auch in Komp. ἀν-, παρ-αρτέομαι (Hdt., Arr.). Ableitung ἄρτησις (Hdt. 1, 195; aber v. l. ἄρτισις, von ἀρτίζω). — Daneben ἀρτίζω (vgl. αἰτέω : αἰτίζω) ‘bereit machen, ausrüsten’ (Theok., D. S. u. a., καταρτίζω Hdt. usw.), das indessen auch auf ἄρτι (s. d.) zurückgehen kann. — Letzten Endes geht ἀρτέομαι auf ἀρ- in ἀραρίσκω zurück; als Zwischenglied diente wohl eine nominale Bildung auf -τ-, vgl. Schwyzer 705f. Direkte Ableitung von ἄρτι ist nicht glaubhaft. Vgl. noch ἐπαρτής ‘gerüstet’ (Od., A. R.), wohl von ἐπαρτίζω (Hp., A. R.). Ein neutrales Subst. *ἄρτος anzusetzen (Schwyzer 512), ist unnötig. — S. auch ἀρτέμων. I-154

ἀρτήρ m. 1. "der Erheber", Gegenstand womit etwas getragen wird (LXX Ne. 4, 17 [11]): aus *ἀϝερ-τήρ, zu 1. ἀείρω ‘erheben’; 2. eine Art Schuhe (Pherekr. 38, H.): kann als "Anbinder, Angebundenes" zu 2. ἀείρω ‘anbinden’ gehören; allenfalls auch zu ἀρτάω mit Haplologie für *ἀρτη-τήρ. Dazu ngr. (pont.) ὀρτάρια ‘Socken’; Amantos ’Αρχ. ’Εφ. 28, 85ff. I-154-155

ἀρτηρία f. ‘Arterie’, auch ‘Luftröhre’ (Hp., Pl., Arist. usw.); zur Bedeutung vgl. Strömberg Wortstudien 60. Davon ἀρτηριακός (Mediz.) und ἀρτηριώδης (Gal. usw.); außerdem ἀρτηρίασις ‘Bronchitis’ (Isid. Etym. 4, 7, 14) als von einem Krankheitsverbum *ἀρτηριάω (Schwyzer 732), nach ψωρίασις, ἐρυθρίασις usw., vgl. Holt Les noms d’action en -σις 137 A. 3. — Wie das semantisch nahestehende ἀορτή (s. 2. ἀείρω) wahrscheinlich zu ἀείρω ‘anbinden, aufhängen’ aus *ἀερτηρία; somit zunächst Abstraktbildung von *ἀ(ϝ)ερ-τήρ mit konkreter Bedeutung wie in λαυκανίη ‘Kehle’, κοιλία, καρδία und anderen Körperteilbenennungen, s. Chantraine Formation 81. Die Bedeutungsentwicklung scheint in ähnlichen Bahnen wie bei ἀορτή verlaufen zu sein. I-155

ἄρτι Adv. ‘gerade, eben, erst’ (als Simplex nicht bei Homer; vgl. indessen unten). Davon ἄρτιος (seit Il.) ‘angemessen, richtig, bereit’, auch ‘grad’ (von Zahlen), mit dem Nomen ἀρτιότης f. (Arist.), dem Adverb ἀρτιάκις ‘gerademal’ (Pl.) und dem Verb ἀρτιάζω ‘grad oder ungrad spielen’ (Ar. usw.); davon wiederum ἀρτιασμός (Arist.). — Von ἄρτι ferner (falls nicht Nebenform von ἁρτέομαι, s. d.) ἀρτίζω, gewöhnl. ἀπ-, ἐξ-, καταρτίζω ‘ordnen, einrichten, ausrüsten’ mit mehreren nominalen Ableitungen; vom Simplex ἀρτιστῆρες pl. Beamtenbezeichnung in Elatea. Als Vorderglied findet sich ἄρτι in zahlreichen Zusammensetzungen, gew. mit temporaler Bedeutung ‘eben, jüngst’. Einige hauptsächlich alte Komposita zeigen indessen einen abweichenden Sinn: so ἀρτι-επής, ἀρτί-φρων, ἀρτί-πος (Hom. usw.); ἀρτί-χειρ, ἀρτι-μελής (Pl. usw.), wo ἄρτι ehestens adjektivisch als ‘richtig, gerade’ zu deuten ist. Anders Knecht Τερψίμβροτος 16: eig. ‘nahe’, vgl. lit. artì ‘nahe bei’; zu ἀρτιεπής s. auch Bechtel Lex., schwerlich richtig; zum ganzen Bildungstypus außerdem Pisani Ist. Lomb. 73 : 2, 33ff. m. Lit. — ἄρτι hat eine genaue Entsprechung in arm. ard ‘soeben, jetzt’, das wie ἄρτι auch als Vorderglied benutzt wird, z. B. ard-a-cin ‘soeben geboren, ἀρτι-γενής’. Es erklärt sich am einfachsten als erstarrter Lokativ eines Konsonantstamms *ἀρ-τ-, etwa ‘Fügung, Ordnung’, von ἀρ- in ἀραρίσκω. Schwyzer 622. Anders Benveniste Or. 1, 98: -ι Akk. sg. n. — Nahe verwandt ist lit. artì ‘nahe bei’, vgl. oben. I-155

ἀρτίαλα n. pl. N. eines Ohrenschmucks, ‘Ohrringe’ od. ähnl. (äol., Poll. 5, 97). — Unerklärt. Ob zu ἄρτιος mit suffixalem -αλο-, das in mehreren technischen Termini zu Hause ist (Schwyzer 483f., Chantraine Formation 245f.)? I-155-156

ἄρτος m. ‘Brot’ (seit Od.). Davon das seltene Deminutiv ἀρτίσκος m. (Hp., Dsk., Gal.) und ἀρτίσκιον (Damokr.). Von den sehr zahlreichen Komposita mit ἄρτος als Vorderglied ist zu erwähnen ἀρτο-κόπος ‘Brotbäcker’ (ion. att.); das Hinterglied zu πέσσω, πέπων (s. dd.), wohl mit Metathese derselben Art wie in lit. kepù ‘backen’ für *pekù = aksl. pekǫ, aber davon unabhängig. Lit. bei Schwyzer 298f. und Bq s. ἄρτος. Ursprüngliche Lautfolge mit bewahrtem Labiovelar in ägäisch a-to-po-qo = ἀρτοποqοι? — Nicht sicher gedeutet. Zugehörigkeit zu ἀρ- ‘zusammenfügen, verfertigen’ als Verbalnomen auf -τος (Prellwitz) ist wohl nicht ganz ausgeschlossen (vgl. ἄρμενα und 2. ἄρμα), aber sehr unsicher. Nach Pisani Ricerche Linguistiche 1, 141 ist ἄρτος aus einem iranischen *arta- ‘Mehl’ entlehnt, vgl. aw. aša- ‘gemahlen’, npers. ārδ ‘Mehl’, zu idg. al- ‘mahlen’, s. ἀλέω. Hubschmid Sardische Studien (Bern 1953) 104 erinnert dagegen mit Recht an bask. arto ‘Mais(brot)’, aspan. artal ‘especie de empanada’ usw. und betrachtet dementsprechend ἄρτος als Substratwort. I-156

ἀρτύω ‘zurüsten, bereiten’, auch von der Speise ‘würzen’, oft mit Präfix wie ἐξ-, κατ-αρτύω (seit Il.). Davon einige Verbalnomina : 1. ἄρτυμα ‘Würze, Gewürz’ (ion. poet., spät) mit den späten Ableitungen ἀρτυμάτιον, ἀρτυματώδης, ἀρτυματικός; ἀρτυμᾶς und ἀρτυματᾶς m. ‘Gewurzhändler’ (Pap.; zur Bildung Chantraine Formation 31f., Schwyzer 461 mit Lit.; außerdem Petersen ClassPhil. 32, 121ff.). — 2. ἄρτυσις ‘das Zurichten, Würzen’ (Ph., D. S. usw.). — 3. ἀρτυτήρ N. eines Beamten (Thera). — 4. Außerdem das Adj. ἀρτυτικός ‘zum Würzen geeignet’ (Sch.); ἀρτυτικόν n. ‘Würze’ (Sammelb. 5224, 50). — Neben ἀρτύω steht seit alters, vorw. episch, mit sekundärer ν-Erweiterung (δύω : δύνω usw., Schwyzer 727f.; zum Aspekt [determinativ?] Brunel Aspect verbal 88) ἀρτύνω mit der postverbalen Bildung ἀρτύνᾱς m. N. eines Beamten in Argos und Epidauros (Th.); auch ἄρτυνος (Plu. u. a.), vgl. Schwyzer 491. ἀρτύω muß seiner Bildung gemäß ein denominatives Verb sein; das vorauszusetzende Nomen ist indessen nur bei H. belegt: ἀρτύς· σύνταξις, ἀρτύν· φιλίαν καὶ σύμβασιν ἢ κρίσιν, ist aber wohl trotzdem alt. Mit diesem ἀρτύς stimmt nämlich arm. ard, Gen. ardu ‘Ordnung’ und lat. artus -ūs m. ‘Gelenk, Glied’ formal gänzlich überein. Es kann somit eine vorgriechische tu-Ableitung von ar- ‘fügen’ in ἀραρίσκω vorliegen; >vgl. noch die verwandten aind. r̥tú- m. ‘bestimmte Zeit, Ordnung usw.’, aw. ratu- m. ‘Richter(spruch), Zeit(abschnitt)’. Porzig Satzinhalte 338ff. I-156-157

ἄρυα · τὰΗρακλεωτικὰ κάρυα H. — Die formale Beziehung von ἄρυον zu dem geläufigen synonymen κάρυον liegt auf der Hand; vgl. Strömberg Pflanzennamen 155f. H. bringt noch αὐαρά· τὰ Ποντικὰ κάρυα. — Mit ἄρυα vergleicht G. Meyer Alb. Wb. 17 alb. ar̄ε f. ‘Nußbaum’, aksl. orěchъ ‘Nuß’, wozu weiterhin lit. ríešas, ríešutas ‘Nuß’, lett. riẽksts ‘(Hasel)nuß’, apreuß. buccareisis ‘Buchecker’ (Trautmann Altpreuß. Sprachdenkm. 314, Balt.-slav. Wb. 241). Das nähere Verhältnis dieser Wörter zueinander bleibt noch aufzuklären; die morphologische Analyse bei Specht Ursprung 62, 146, 236 ist allzu schematisch, um überzeugen zu können, da späte Entlehnung und sekundäre Angleichung in Betracht zu ziehen sind. Vgl. die Ausführungen Fraenkels Gnomon 22, 238, wo parallele Entlehnung aus unindog. Quelle vermutet wird. I-157

ἀρύβαλλος m. ‘Sack, Beutel, der zusammengeschnürt werden kann’ (Stesich., Antiph.), ‘kugelförmige Gießkanne mit schmalem Hals’ (Ar., Ath.). Deminutivum ἀρυβαλλίς f. (H., EM). — Nach H. und Fraenkel Glotta 4, 35 aus ἀρύειν und βάλλειν durch asyndetische Verbalverbindung. — Die Erklärung setzt u. a. voraus, daß die Bedeutung ‘Gießkanne’ gegenüber ‘Sack’ primär sei, was sehr zweifelhaft ist. Wahrscheinlich entweder ägäisches oder vielmehr mit Krahe (brieflich) nordbalkanisches (illyr., maked.) Lehnwort; vgl. zu βαλλάντιον. I-157

ἀρύω 1. mit τ-Erweiterung (Schwyzer 704) in att. ἀρύτω, lesb. (Alk.) ἀρυτήμενοι, Aor. ἀρῠ́σαι ‘schöpfen’ (seit Hes.). Mehrere Ableitungen: ἀρυστήρ, -ῆρος m. ‘Löffel, Kelle’, auch als Flussigkeitsmaß (Alk., Semon., Hdt. usw.); daneben ἀρυτήρ (Dsk., Pap.). Fem. ἀρυστρ-ίς, -ίδος (AP), gewöhnl. ἀρύταινα ‘ds.’ (Ar., Antiph., Thphr., Pap.) mit direkter Anlehnung an ἀρύτω, s. Chantraine Formation 109; Deminutivum ἀρυταίνιον (Lebena IIa). — ἄρυσ-τις f. ‘Löffel’ (S.); zur Bildung und zum Lautlichen Schwyzer 504, Chantraine 275f.; dagegen in Komposita ἐτν-, ζωμ-, οἰν-ήρυσις (Kom. usw.; das Simplex ἄρυσις nur Afric. Kest.). Deminutivum ἀρύστιχος m. (Kom., Aegina). — Im selben Sinn noch ἀρυσάνη (Timo), vgl. λεκάνη und andere Gerätenamen Chantraine 198, außerdem Stang Symb. Oslo. 2, 65f.; ἀρυσᾶς (Delos), wohl ehestens Berufsbezeichnung ‘Schöpfer’ (Schwyzer 461 m. Lit.); in der Bedeutung dagegen abweichend ἄρυσος m. ‘Weidenkorb’ (Hdn.), vgl. τάμισος, πέτασος und andere griechische, bzw. fremde Nomina auf -σος Schwyzer 516, Chantraine 435. — Dazu noch die Adjektiva ἀρυτήσιμος (wie von *ἀρύτησις, AP) und ἀρύσιμος ‘schöpfbar, trinkbar’ (Sch.), vgl. Arbenz, Die Adj. auf -ιμος 100f.; ἀρυστικός ‘zum Schöpfen dienend’ (Ael.). — ἀρύω steht wahrscheinlich für *ϝαρύω (vgl. (ϝ)αρυσσάμενος Hes. Op. 550) und kann als primäres zweisilbiges Verb (mit sekundärem σ in ἀρυστήρ u. a.) zu arm. gerem ‘(gefangen) nehmen’, weiterhin zu εὑρίσκω ‘finden’ und air. fūar ‘inveni’ gehören, vielleicht auch zu mir. feraim ‘ausgießen’. Ablautsmäßig verhält sich (ϝ)αρύω zu εὑρίσκω wie βαρύς zu βρίθω; zu (ϝ)αρύω : arm. gerem vgl. καλύπτω : air. celim. — Frisk Eranos 50, 1ff. mit semantischen Parallelen und Kritik anderer Erklärungsversuche. S. auch εἴρερον. I-157-158

ἀρύω 2. ‘sprechen, rufen’ nur lexikalisch belegt: ἀρύει· ἀντὶ <τοῦ> λέγει, βοᾷ; ἀρύουσαι· λέγουσαι, κελεύουσαι; ἀρύσασθαι· ἐπικαλέσασθαι H. Nach EM 134, 12 syrakusanisch. — Unerklärt. Von Meillet BSL 26, 19f. zu ἀρνέομαι (s. d.) gezogen. Man könnte auch bei (ϝ)ερῶ usw. ‘sagen’ Anschluß finden. I-158

ἀρχή f. 1. ‘Anfang, Ursprung’ (seit Il.); 2. ‘Herrschaft, Regierung’ (seit Pi.; vgl. Deubner Herm. 43, 640). Ableitungen : Von 1 : ἀρχαῖος ‘ursprünglich, altertümlich, alt’ (seit Pi.; vgl. Sandsjoe -αῖος 7 m. A. 1) mit dem Abstraktum ἀρχαιότης f. ‘Altertümlichkeit’ (Pl., D. H. usw.) und zwei späten Denominativa: 1. ἀρχαΐζω ‘altertümlich sein’, vom Stil usw. (D. H., Plu.) mit ἀρχαϊσμός ‘Altertümlichkeit’ in Stil und Sprache (Men., D. H. usw.); 2. (ἀρχαιόομαι :) ἀρχαιωθείς (χρόνος) ‘veraltet’ (Pap. VIp). Von ἀρχαῖος auch ἀρχαϊκός ‘altmodisch’ (Ar., Antiph. usw.; vgl. Chantraine Formation 393). — Von 2: ἀρχικός ‘zur Herrschaft gehörig, zum Herrschen befähigt’ (A., Th., Pl. usw.; vgl. Chantraine 386), später auch auf 1. ἀρχή bezogen (Phld. u. a.). Ferner das Deminutivum (in verächtlichem Sinn) ἀρχίδιον (Ar., D.) und die gewöhnliche Ortsbezeichnung ἀρχήϊον, ἀρχεῖον ‘Regierungsgebäude’, sekundär ‘Behörde’, mit ἀρχειώτης (Dig.) und ἀρχειωτικός (Lyd.); das dorisierte ἀρχέτας m. ‘Herrscher, zum Herrscher gehörig’ (E.), das auch auf ἄρχω zurückgehen könnte (Schwyzer 500); drei Titel von Priesterinnen: ἀρχῖτις (Thasos), ἀρχίνη (Syros), beide falsch mit -ει- geschrieben, und ἀρχηΐς (Amyklai). — Das denominative ἀρχεύω ‘der erste sein, gebieten’ (ep. seit Il.), auch als beamtlicher Terminus (Paphos, Kos), gehört wohl eher zu ἀρχός, s. d., falls nicht einfach eine Erweiterung von ἄρχω nach βασιλεύω, ἀριστεύω. — ἀρχή ist Verbalnomen von ἄρχω, s. d. I-158

ἀρχός 1. — Verbalnomen von ἄρχω, s. d. I-158

ἀρχός 2. m. ‘Mastdarm, After’ (Hp., Arist.). — Etymologie unbekannt. Oder einfach = 1. ἀρχός als scherzhafte Ironie in euphemistischer Absicht? — Verfehlt Prellwitz KZ 47, 295, s. WP. 1, 143. Nach Froehde BB 21, 325 und Specht Ursprung 238 (vgl. auch 254) Nebenform zu ὄρρος; ganz willkürlich. I-158-159

ἄρχω Aor. ἄρξαι ‘der erste sein’ = 1. ‘anfangen, beginnen’ (zum Gebrauch bei Homer s. Bradač PhilWoch. 50, 284f., Porzig Satzinhalte 46ff.; attisch gewöhnl. Medium); = 2. ‘herrschen’ (seit Il.). Davon das Nomen agentis ἀρχός m. ‘Führer, Anführer’ (ep. poet. seit Il.) mit dem denominativen ἀρχεύω ‘der erste sein, gebieten’ (ep. seit Il.), auch als amtlicher Terminus (Paphos, Kos), vgl. Leumann Hom. Wörter 295; es könnte allerdings auch eine Erweiterung von ἄρχω nach βασιλεύω, ἀριστεύω sein. Gewöhnlicher ist das partizipiale ἄρχων, -οντος m. ‘Befehlshaber’, N. der höchsten Beamten, namentlich in Athen, ‘Archont’; Fem. ἀρχοντίς (Cat. Cod. Astr.) kürzere Form ἀρχίς (Tenos). Seltene und späte Ableitungen: ἀρχοντικός ‘zum Archonten gehörig’ (AP, Pap. usw.), ἀρχοντεύω ‘Archont sein’ (Olbia), ἀρχοντιάω ‘zu herrschen wünschen’ (Sch., Lyd.). — ἄργματα n. pl. ‘Erstlingsopfer’ (ξ 446) = ἀπάργματα (Ar. u. a.), ἀπαρχαί; daneben ἄρχματα H. mit analogisch bewahrtem -χ-. — Zu ἀρχή s. bes. — Unerklärt. — Die bisherigen Deutungsversuche, alle wertlos, sind bei Bq und bei Schwyzer 685 A. 4 verzeichnet. — Vgl. ὄρχαμος. I-159

ἄρωμα n. ‘Gewürz, wohlriechendes Kraut’ (Hp., X., Arist. usw.). Davon einige hellenistische und späte Ableitungen: ἀρωματικός, ἀρωματίτης, ἀρωματώδης und das Denominativum ἀρωματίζω ‘würzen, nach Gewürz riechen oder schmecken’. — Unerklärt. Hypothese bei Wood ClassPhil. 21, 63ff. I-159

ἆσαι Aor. Inf., ‘(sich) sättigen’ (Hom.). daneben ἄ̄-μεναι, wahrscheinlich als athematischer Wurzelaorist aufzufassen (die Länge kann metrisch sein) mit dem Konj. ἕωμεν (aus *ἥ-ο-μεν); Fut. ἄσειν. Außerdem bei Hes. Sc. 101 das thematische Präsens ἅ̆εται (so cod. Laur.; die übrigen Hss. ἄαται, das für athematisches oder kontrahiertes ἆ-ται stehen muß, vgl. ἆται· πληροῦται H.). Näheres bei Solmsen Unt. 93f. Negiertes Verbaladjektiv ἄ-ατος > ἆτος s. d. — Altes Verb, das nur in vereinzelten Formen erhalten ist. Ableitungen davon sind ἅδην und ἄση (s. dd.), die sich vom Verb ganz losgelöst haben. Andere idg. Sprachen haben nur isolierte Bildungen bewahrt, die wie die griechischen Formen entweder auf eine idg. Hochstufe sā- oder auf eine Tiefstufe - zurückgehen, s. zu ἅδην und ἄση. I-159

ἀσαλής nach EM l51, 49 bei A. (Fr. 319) = ‘ἄφροντις, ἀμέριμνος’ als Attribut von μανία. Davon nach EM bei Sophron (113) ἀσάλεια (cod. ἀσαλέα) = ‘ἀμεριμνία καὶ ἀλογιστία’. — Nach EM von σάλη = ‘φροντίς’, aber eher von σάλος (mit Übergang zum σ-Stamm), nach H. u. a. auch = ‘φροντίς, ταραχή’, das mit σάλος ‘unruhige Bewegung’ identisch ist, s. d. Von ἀσαλής und ἀσαλεῖν (cod. ἀσάλεινἀφροντισθῆναι ist σάλη, auch σάλα (H., Phot., Suid.) dann eine retrograde Bildung. I-159-160

ἀσάμινθος f. ‘Badewanne’ (Hom., davon vereinzelt auch in der übrigen Lit.). — Ägäisches LW mit demselben νθ-Suffix wie in den vorgr. Ortsnamen Κόρινθος, Ὄλυνθος usw. (Chantraine Formation 371, Schwyzer 510). Sonst unklar. — Gaerte PhW 1922, 888 und v. Blumenthal IF 48, 50 erinnern an sumer. babyl. asam ‘Tongefäß für Wasser’, v. Blumenthal auch, u. zwar weit weniger überzeugend, an den Flußnamen und ON Asamus, bzw. Anasamus in Moesia inferior. Auch die Anknüpfungen an verschiedene andere Namen bei Güntert Sb. Heidelb. 23 : 1, 23f. und bei Alessio Stud. italfilclass. N. S. 20, 121ff. sind als sehr hypothetisch oder als irrig zu betrachten. Verfehlt ebenfalls Pisani Rend. Acc. Lincei 6 : 5, 5f. Erklärung aus dem "Pelasgischen" bei van Windekens Le Pélasgique 3 usw. — Vgl. Kretschmer Glotta 20, 25l; 22, 253. Ältere Versuche sind bei Bq registriert. I-160

ἄσαρον Kürzere, nicht gräzisierte Form ἄσαρ (Aët., Suid.). n. ‘Haselwurz, Asarum europaeum’ (Krateuas, Dsk. usw.). Davon ἀσαρίτης (οἶνος; Dsk., Gp.). — Dunkel. Nach Prellwitz von ἄση, nach Lewy Fremdw. 47 semitisch, nach Krause KZ 67, 213 wiederum thrakisch (zu idg. aḱ- ‘Spitze’, entweder von den Blättern oder eher von dem scharfen Aroma [?]). — Vgl. noch ἀρίσαρον und Strömberg Pflanzennamen 158. I-160

ἄσβεστος Verbaladj. von σβέννυμι, ‘unlöschbar, ungelöscht’ (seit Il.). — Als Subst. entweder vom "ungelöschten" Kalk (τίτανος) oder von einem brennbaren Mineral unbestimmter Art. Dagegen niemals ‘Asbest’ (= ἀμίαντος). DielsKZ 47, 203ff. I-160

ἄσβολος ἀσβόλη f. (Semon., Dsk., Gal.; zur Form Schwyzer-Debrunner 32 A. 4). - f. (m.) ‘Ruß, Kohlenstaub’ (Hippon., Ar. usw.), — Unklar. Zum Vergleich sind einige Wörter für ‘Asche’, ‘trocken’ usw. herangezogen worden, z. B. gr. ἄζω ‘dörren, trocknen’, got. azgo, ahd. asca ‘Asche’, arm. ačiwn ‘Asche’, azazim ‘dörren’, die miteinander z. T. starke Ähnlichkeiten aufweisen. Die morphologische Analyse von ἄσβολος ist schwierig. Ob darin wirklich als Hinterglied das Substantiv βόλος ("Aschen-wurf") steckt (Prellwitz u. a.; auch Pok. 69, Fraenkel Lexis 3, 57 und Schwyzer 440 mit verschiedenen Deutungen des angeblichen Vordergliedes), ist sehr zweifelhaft. Vgl. ἄζω und die dort zitierte Literatur. Davon vereinzelt belegte Ableitungen: ἀσβολώδης ‘rußig’ (Dsk.), ἀσβολόεν· μέγα, ὑψηλόν, μέλαν H., offenbar von einem Gebäude, und die Denominative (ἀσβολόομαι) ἠσβολωμένος (Macho u. a.), ἀσβολάω (Aesop.), ἀσβολαίνεται· fuscatur (Gloss.). I-160-161

Ασγελάτας Epithet des Apollo (Anaphe). Vgl. s. 1. αἴγλη. I-161

ἀσελγής ‘ausgelassen, schwelgerisch, frech’ (att.). Davon ἀσέλγεια ‘Ausgelassenheit usw.’ (att., hell.). Denominatives Verb ἀσελγαίνω (wie ὑγιαίνω zu ὑγιής usw.) ‘ἀσελγής sein’ (att.); vereinzelt ἀσελγέω (Sch.); davon wahrscheinlich unabhängig (vgl. Chantraine Formation 178) ἀσέλγημα (Plb., Pap. u. a.). — Unerklärte Nebenform: ἀσάλγαν· ὕβριν, ἀμέλειαν; ἀσαλγάνας· φοβερός H.; vgl Havers IF 28, 194ff. — Mehrere vergebliche Erklärungsversuche: Havers l. c. (: böotisch für *ἀθελγής; Bedeutung nicht günstig); Prellwitz KZ 47, 295f. (: lett. tulzums ‘Geschwulst’ usw. [?]); Pisani KZ 68, 163f. (: arm. eɫc ‘verdorben, schlecht’, z-eɫc ‘ausschweifend, unzüchtig’; lautlich unmöglich). I-161

ἄση, äol. ἄσᾱ f. ‘Ekel, Unbehagen, Verdruß’ (äol. ion., Pl., E. usw.). Abgeleitete Adjektive ἀσηρός (-ᾱ-) ‘ekelhaft, lästig’ (äol., ion. usw.), ἀσώδης ‘ds.’ (Hp., Plu. u. a.). Verb, wahrscheinlich denominativ (vgl. unten), ἀσάομαι (-άω Thgn.) ‘Ekel usw. empfinden’ (äol. ion., Arist. u. a.). — Mit einer ursprünglichen Bedeutung ‘Übersättigung’ gehört ἄση zu ἆ-σαι, ἄ̄-μεναι, aber die Bildungsweise ist unklar. Nach Solmsen Wortforsch. 242ff. mit analogisch bewahrtem oder wiederhergestelltem σα-Suffix zur Tiefstufe ἀ̆-, idg. *-. Die Identifizierung von ἀσάομαι mit lat. satiāre (Brugmann-Thumb 350), wobei ἄση postverbal wäre, setzt eine im Griechischen sonst nicht vorhandene t-Erweiterung voraus, um von anderen Bedenken zu schweigen, s. Solmsen l. c., wo auch gegen eine Grundform idg. *-ti̯ā. Bessere Stütze im Griechischen hätte ein ursprüngliches *ἄδσ-ᾱ, Erweiterung vom σ-Stamm in ἅδος ‘Sättigung, Überdruß’ (Il.); die Vereinfachung des -σ- in den äolischen Formen (bis auf das unsichere ἀσσαροτέρας Sapph. 77) wäre dem epischen Einfluß zuzuschreiben; s. Schwyzer 321 m. Lit. — Vgl. ἆσαι, ἅδην, ἀδμολίη. I-161

ἄσθμα n. ‘schweres, kurzes Atmen, Keuchen’, als mediz. Terminus ‘Asthma’ (ion. poet. seit Il.). Davon das von den Medizinern gebrauchte Adj. ἀσθματικός, vereinzelt ἀσθματίας, ἀσθματώδης; ferner das Denominativum ἀσθμαίνω ‘schwer atmen, keuchen’ (seit Il.); daneben die späte Bildung ἀσθμάζω (AB); unsicher ἀσθμάομαι (Pap., vgl. Kapsomenakis Voruntersuchungen 26 A. 4), wovon immerhin ἄσθμησις (Gloss.). — Die Bildung von ἄσθμα ist im einzelnen etwas unklar. Jedenfalls ist es eine θμα-Ableitung (vgl. ἴ-θμα usw.), wahrscheinlich von an(ə)- ‘atmen’ in ἄνεμος (s. d.). In der so gewonnenen Grundform *ἄνσθμα (vgl. die Literatur bei Schwyzer 337) bleibt das -σ- noch zu rechtfertigen; vgl. indessen ἰ-σθμός; ähnlich lat. hālāre ‘hauchen’, falls nach geläufiger Auffassung aus *an-slā- (denominativ). — Ältere Erklärungen bei Bq. I-161-162

ἄσιλλα f. ‘das über dem Nacken auf beiden Schultern ruhende Tragholz’ (Simon., Pap. u. a.). — Unerklärt, wahrscheinlich LW (vgl. Schwyzer 308). Unwahrscheinliche semitische Etymologie bei Lewy Fremdw. 110. "Pelasgische" Erklärung bei van Windekens Le Pélasgique 7 1ff. I-162

ἀσίρακος m. Art Heuschrecke (ohne Flügel; Dsk., Gal.). — Ägyptisches LW? Vgl. Strömberg Wortstudien 16. I-162

ἄσις, -ιος f. ‘Schlamm, Unrat’ (Φ 321, Nik., Charito). Davon ἀσώδης (A. Supp. 31 [lyr.]); für *ἀσιώδης nach dem Homonym von ἄση?; vielleicht auch ἄσιος als Epithet von λειμών Β 461 (mit Eust.), falls nicht einfach zu ’Ασία. — Nicht sicher erklärt. Von Schulze BerlAkSb. 1910, 793 (= Kl. Schr. 11 6f.) mit ai. ásita- ‘dunkelfarbig, schwarz’ (vgl. ai. hári- ‘gelb’ neben hári-ta- ‘ds.’) zusammengestellt unter Heranziehung zahlreicher semantischer Parallelen (die indessen nicht alle stichhaltig sind). Dabei muß ἀ- (= ai. a-) aus idg. - erklärt werden, wodurch sich idg. s in ἄσις gehalten zu haben scheint, vgl. Schwyzer 307. — Unannehmbar Krause KZ 67, 211f.: ἄσις eig. ‘spitzer Flußsand, Steingrieß’ zu aḱ ‘Spitze’ als thrakisches LW. Ältere verfehlte Erklärungen bei Bq; s. noch van Windekens Le Pélasgique 13 usw. I-162

ἀσκάλαβος Eidechsenart (GDI 3123 [Korinth], Nik., Ant. Lib.). Daneben die längere (ursprünglichere?) Form ἀσκαλαβώτης (Ar., Arist.), vgl. γαλεώτης neben γαλεός; ohne anlautenden Vokal σκαλαβώτης (Orak. ap. Eus. PE 5, 12); besser beglaubigt καλαβώτης (LXX, Pap.). Außerdem bei H. καλαβύστης (argivisch) und sogar ἀσκόλαχα (?); vgl. Chantraine Formation 403; dazu κωλώτης (Arist., Babr.; s. κῶλον). m. — Unerklärt; wahrscheinlich ägäisches LW. Der Ausgang -βος findet sich in mehreren Wörtern unbekannten Ursprungs, darunter in einigen Tiernamen; s. Chantraine 2 60ff. Verfehlt Prellwitz s. v. — Die schwankende Form läßt auf volkstümlichen Ursprung schließen; vgl. Winter Prothet. Vokal 18f. Zur Benennung der Eidechse s. Schrader-Nehring Reallex. 230f. I-162

ἀσκάλαφος m. N. eines unbekannten Vogels, vielleicht einer Eulenart (Arist., vgl. Thompson Birds s. v.). Daneben κάλαφος· ἀσκάλαφος. Μάγνητες H. — Das Suffix -φος ist in Tiernamen wohlbekannt; im übrigen dunkel. Zum Anlaut vgl. Winter Prothet. Vokal 17. I-163

ἀσκαλώνιον (κρόμυον) n. ‘Zwiebel aus Askalon’ (Palästina). — Vgl. Strömberg Pflanzennamen 125. I-163

ἀσκάντης m. ‘schlechtes Bett, Totenbahre’ (Ar., Luk., AP). — Unerklärt. I-163

ἀσκαρίζω s. σκαίρω. I-163

ἀσκαρίς, -ίδος f. ‘Eingeweidewurm, Springwurm, Stechmückenlarve’ (Hp., Arist.). Ableitung: ἀσκαριδώδης (Hp.). Daneben σκαρίδες· εἶδος ἑλμίνθων H. — Nach L. Meyer, Prellwitz, Strömberg Wortstudien 24 postverbal zu ἀσκαρίζω ‘springen, hüpfen’; semantisch nicht ganz überzeugend. — Dt. Springwurm ist Lehnübersetzung. I-163

ἄσκαρος Vgl. ἀσκηρά· εἶδός τι τῶν καστανίων H. m. Art Fußbekleidung, auch ein musikalisches Instrument, ‘Klapper, κρόταλα’ H. Ähnlich Poll. 4, 60. — Unerklärt. I-163

ἀσκελής (κ 463), als Adverb ἀσκελές (α 68, δ 543), -έως (Τ 68), Bedeutung unsicher. — Gewöhnlich zu σκέλλω ‘ausdörren’ und einem unbelegten *σκέλος ‘Dürre’ gezogen; also entweder mit α privativum ‘nicht ausgetrocknet, weich’ (vgl. περι-σκελής ‘ringsum getrocknet, hart’) oder mit α copulativum ‘ausgetrocknet’ = 1. ‘saft- und kraftlos’, 2. ‘hart’. Keine dieser Deutungen paßt ohne gewisse Schwierigkeiten an sämtlichen Stellen. Vermutlich war das Wort schon zur Zeit der epischen Dichter der lebendigen Sprache fremd und die Bedeutung somit schwankend. Bechtels Versuch, Lex. s. v., von der ersten Bedeutung aus dem tatsächlichen Gebrauch gerecht zu werden, ist nicht ganz überzeugend. S. auch Winter Prothet. Vokal 18 m. A. 2, der auf ἀσκαλεῶς· ἄγαν σκληρῶς H. (falsch für ἀσκελέως?) aufmerksam macht. I-163

ἀσκέρα f. ‘Winterschuh mit Pelzfutter’ (Hippon., Herod., Lyk.). Deminutivum ἀσκερίσκος m. (Hippon.). — Nach Prellwitz zu ἀσκέω; vielmehr Fremdwort (lydisch?, vgl. Kretschmer Glotta 27, 37; s. auch Schwyzer 61). I-163

ἀσκέω, Aor. ἀσκῆσαι Mehrere Ableitungen, Nomina actionis: ἄσκησις f. ‘(gymnastische) ?bung’ (ion. att.) ‘Lebensführung, Askese’ (helh.usw.; s. Pfister Festgabe für Ad. Deißmann [1927] 76ff.; vgl. auch Holt Les noms d’action en -σις 123); ἄσκημα n. ‘Übung’ (Hp., X. usw.); ἀσκεία (H.); postverbale Bildung ἄσκη f. = ἄσκησις (Pl. Kom.). — Nomina agentis : ἀσκητής m. ‘der künstlich und beruflich Eingeschulte’, bes. ‘der Athlet’ (att.), ‘Eremit’ (Ph.); unsicher ἀσκητήρ (Poet. ap. Gal. Protr. 13) mit Fem. ἀσκήτρια ‘Nonne’ (Cat. Cod. Astr.). — Adj. (von ἀσκητής oder von ἄσκησις oder sogar direkt von ἀσκέω) ἀσκητικός ‘arbeitsam’ (Pl. Lg. 806a), ‘zum Athleten gehörig’ (Ar.), ‘asketisch’. — Keine Etymologie. Ältere Erklärungsversuche bei Bq. ‘verarbeiten, schmücken’ (vorw. ep. ion. poet.), ‘üben, ausüben’ (vorw. ion. att. Prosa und Kom.). Vgl. H. Dreßler The usage of ἀσκέω and its cognates in Greek documents to 100 A. D. (The Cath. Univ. of Am. Patristic Studies 78) Washington 1947. I-163-164

ἀσκηθής (ξ 255 nach Eustathios ἀσκεθέες für ἀσκηθέες = -θεῖς, kaum richtig; vgl. Leumann Hom. Wörter 263 A. 3 m. Lit.) ‘unversehrt, wohlbehalten’ (vorw. ep. aber auch Tegea und Epidauros). — Scheint ein Substantiv *σκῆθος n. ‘Schaden’ vorauszusetzen, das mit einer germ.-kelt. Wortsippe, got. skaþis n. ‘Schaden’, ir. scathaim ‘verstümmeln, lahmen’ zusammengestellt worden ist (Osthoff PBBeitr. 13, 459), was möglich ist unter der Voraussetzung, daß θ die idg. tenuis aspirata th vertreten kann. I-164

Ασκληπιός, Urspr. Heros (Il.), dann Heilgott, anfänglich in Epidauros beheimatet. Ausführlich darüber E. u. L. Edelstein, Asclepius. A Collection and Interpretation of the Testimonies. 1-2. Baltimore 1945. dor. -ᾱπιός; dialektale Nebenformen Αἰσκλαπιός (epid. u. troiz.), ’Ασχλαπιός (böot.), ’Ασκαλαπιός (thess.), ’Ασκαλπιός (gort.), Αἰσχλαβιός (Erzfigur aus Bologna mit korinthischen Schriftzeichen), vgl. Kretschmer Glotta 30, 116. m Davon das Patronymikon ’Ασκληπιάδης m. (seit Il.), mit ’Ασκληπιάδειος N. eines Metrums usw. (Heph. u. a.); ’Ασκληπίεια (-ίδεια) n. pl. ‘A.-fest’ (Pl. usw.); ’Ασκληπιεῖον n. ‘A.-tempel’ (Plb., Str.); ’Ασκληπιακός (Aristid., Dam.); ’Ασκληπιασταί (-ᾱπ-) m. pl. N. der A.-verehrer (Rhodos usw.; vgl. zu ’Αρτεμισιασταί s. Ἄρτεμις). — ἀσκληπιάς f. Pflanzenname (Dsk., Gal.; vgl. Strömberg Pflanzennamen 99). — Die zahlreichen älteren Versuche, ’Ασκληπιός aus dem Griechischen zu erklären, worüber P.-W. 2, 1643, Grégoire (s. unten) 40ff., müssen als gescheitert angesehen werden. Einen neuen Versuch dieser Art macht H. Grégoire (unter Mitwirkung von R. Goossens und M. Mathieu) in der Arbeit Asklèpios, Apollon Smintheus et Rudra. Bruxelles 1949 (Mém. Acad. Roy. de Belgique. Classe des lettres. 2. sér. 45), indem er ’Ασκληπιός als "le héros-taupe" zu σκάλοψ, ἀσπάλαξ ‘Maulwurf’ zieht mit Hinweis auf die behauptete Ähnlichkeit zwischen dem Tholos in Epidauros und dem Bau des Maulwurfs. In sprachlicher Hinsicht steht dieser Vergleich auf sehr schwachen Füßen, da die wechselnden Formen des Heilgottnamens, die nach Kretschmer l. c. auf pelasgisch-tyrrhenischen Ursprung des Namens schließen lassen, mit den ebenfalls wechselnden Namen des Maulwurfs nur eine entfernte Ähnlichkeit aufweisen. I-164-165

ἀσκός m. ‘die abgezogene Haut’, gew. ‘der daraus gefertigte lederne Schlauch’ (seit Il.). Deminutiva: ἀσκίον (Hp., Krates Kom. u. a.), ἀσκίδιον (Ar., Posidon.). — Weitere Ableitungen: ἀσκίτης (sc. ὕδρωψ) m. ‘Art Wassersucht, Patient dieser Krankheit’ (Epikur, Mediz.; vgl. Redard Les noms grecs en -της 104); — ἄσκωμα ‘lederne Polsterung’ (als Ruderunterlage; Ar., Ruf. u. a.; zur Bildung vgl. Chantraine Formation 187, außerdem Morrison ClassQuart. 41, 126f.); Demin. ἀσκωμάτιον (Hero). — Zu ἀσκώλια s. bes. — Denominatives Verb ἀσκώσατο· ἠχθέσθη H.; vgl. ngr. ἀσκοφυσῶ = φουσκώνω, ὀγκοῦμαι ‘vor Zorn (wie ein Schlauch) aufschwellen’ Kukules ’Αρχ. ’Εφ. 27, 61ff. — Dunkel. Ältere Erklärungen bei Bq (darunter ein Versuch von Baunack Stud. 1, 258ff., ἀσκός und ἀσκέω zu verknüpfen). Die Neueren sind kaum glücklicher gewesen: H. Petersson Et. Miszellen 15 (zu νάκος· s. Kretschmer Glotta 15, 197), Specht KZ 66, 220 (zu aind. átka- ‘Bekleidung, Gewand’; sowohl Form wie Bedeutung erregen Bedenken). — Zu bemerken ϝασκώνδας böot. EN; aber bei Homer fehlt jede Spur von ϝ- in ἀσκός. Vgl. Kretschmer Glotta 9, 21 5f. I-165

ἄσκρα · δρῦς ἄκαρπος H. — Hubschmid Sardische Studien (Bern 1953) 83f. vergleicht treffend bask. azkáŕ ‘Art Eiche’, wozu noch (vor)lat. aesculus ‘Berg-, immergrüne Wintereiche’. Es würde sich somit um ein Substratwort unbekannter Herkunft handeln. I-165

ἄσκυρον (-ος H.) n. ‘Art Johanniskraut, Hypericum’ (Dsk., Gal.). — Unerklärt. I-165

ἀσκώλια n. pl. ‘Schlauchfest’ zu Ehren des Dionysos, der zweite Tag der ländlichen Dionysien (Sch. Ar. Pl. 1129). Daneben ἀσκωλιάζω (Ar. Pl. 1129), nach den Sch. ‘an den ἀ. auf eingefetteten Schläuchen hüpfen’, wovon nach Poll. 9, 121 ἀσκωλιασμός, sonst (Arist. u. a.) ‘auf einem Bein hüpfen’. Die Deutung von ἀσκωλιάζω als Denominativ von ἀσκώλια kommt auch bei Poll. vor und liegt unzweifelhaft am nächsten; eine Herleitung von ἀσκώλια aus ἀσκός mittels eines ()lo-Suffixes (vgl. Chantraine Formation 243f., Schwyzer 484; anders, nicht vorzuziehen, Wackernagel Gött. Nachr. 1902, 140) leuchtet auch unmittelbar ein. — Unter Berufung einerseits auf σκωλοβατίζω ‘auf Stelzen gehen’ (Epich.), anderseits auf ἀγκωλιάδεν· ἅλλεσθαι Κρῆτες (AB 1, 327, 5), ἀγκωλιάζων· ἁλλόμενος τῷ ἑτέρῳ ποδί H. will Schulze Q. 141 A. 2 (vgl. auch Debrunner GGA 1910, 6) ein Grundwort *ἄσκωλος < *ἄν-σκωλος ansetzen. Aber dann wäre entweder ἀσκώλια von ἀσκωλιάζω zu trennen, was nicht zu empfehlen ist, oder das Wort wäre — falls überhaupt authentisch und nicht Scholiastenerfindung — als retrograde Bildung nur volksetymologisch auf ἀσκός bezogen (so Liddell-Scott-J.). Eher ist anzunehmen, daß ἀγκωλιάζω das lautähnliche ἀσκωλιάζω im Sinn von ‘auf einem Bein hüpfen’ semantisch beeinflußt hat. — ἀσκωλίζω (Pl. Smp. 190 D) ist nach den zahlreichen Verba auf -ίζω umgebildet. I-165-166

ἄσμενος ‘erfreut, froh’ (ion. att. seit Il.). Davon ἀσμενίζω ‘mit Freude aufnehmen, zufrieden sein’ (hell. u. spät) mit ἀσμενισμός ‘Zufriedenheit’ (Ph.). Daneben ἀσμενέω (Din.). — Isoliertes Partizip unsicherer Herkunft. Nach Buttmann Ausf. Sprachl. 2, 10 und J. Schmidt KZ 27, 320, denen sich u. a. Schwyzer 749 A. 3 anschließt, als sigmatischer Aorist aus *ϝάδ-σ-μενος zu ἁνδάνω, ἥδομαι (s. dd.); zu beachten indessen, daß sowohl die hss. Überlieferung wie gewisse Grammatikernachrichten für den Lenis sprechen, s. McKenzie ClassQuart. 20, 193f. — Anders Wackernagel Verm. Beiträge 6: zu νέομαι aus *n̥s-s-menos, indem er, auf einige Homerstellen gestützt, als ursprüngliche Bedeutung ‘gerettet’ ansetzt, was indessen kaum nötig ist, s. Bechtel Lex. s. v. Andere, nicht überzeugende Motivierung für Anschluß an νέομαι Meringer WuS 9, 116f. I-166

ἀσπάζομαι, Aor. ἀσπάσασθαι ‘freudig empfangen, begrüßen, küssen’ (seit Il.). Davon die Verbalnomina ἀσπασμός (Thgn. usw.), ἄσπασμα (E., Ph. usw.), ἀσπαστύς f. (Kall.; vgl. Benveniste Noms d’agent 72f.) ‘Gruß, Liebkosung’. — Ein altes Adjektiv (seit Il.) ist ἀσπάσιος ‘willkommen, freudig’, von ἀσπάζομαι nach den zahlreichen Adjektiven auf -σιος gebildet (Schwyzer 466, Chantraine Formation 41). Außerdem (neben dem alten Verbaladj. ἀσπαστός) auch ἀσπαστικός ‘freudig, freundlich’ (Plb. usw.). — Über die expressive und volkstümliche Infixbildung ἀσπακάζομαι (Kom. Adesp.; = τὸ ἀσπάζομαι. πέπαικται H.), wozu ἀσπακῶς· φιλοφρόνως H., s. außer Schwyzer 417 A. 1 und 644 m. Lit. auch Frisk Nom. 62ff. — Nicht sicher erklärt. Vielleicht zu σπάω als "an sich ziehen" mit neugebildetem Präsens; anlautendes ἀ- dann entweder mit Radermacher WienStud. 41, 1ff. prothetisch oder mit Kretschmer Glotta 12, 189f. aus *ἀν-σπάζομαι. — Ältere Literatur bei Bq. I-166

ἀσπαίρω ‘zucken, zappeln’, nur Präsens (ion. poet. seit Il.). Keine nominalen Ableitungen. — Erweiterte Form (wie von einem Verbalstamm *ἀσπαρ-) ἀσπαρίζω (Arist.), vgl. ἀσκαρίζω : σκαίρω. — Das damit gleichbedeutende, aber erheblich später und sparsamer belegte σπαίρω (Arist., A. R. usw.) will Güntert Reimwortbildungen 146 durch Kontamination mit σκαίρω erklären; es kann aber auch direkt mit lit. spiriù ‘mit dem Fuße stoßen’ gleichgesetzt werden. Jedenfalls ist ἀ- in ἀσπαίρω ein sekundäres Element und als solches eher als rein lautliche Vokalprothese (Literatur bei Schwyzer 412) als mit Kretschmer KZ 33, 566, Glotta 12, 189f. aus präfigiertem ἀν- = ἀνα- zu erklären. I-166-167

ἀσπάλαθος f. (m.) N. verschiedener dorniger Sträucher (Thgn., Kom., Pl. usw.); zur Bedeutung s. Dawkins Journ. of HellStud. 56, 7. — Etymologie unbekannt. Der Versuch Solmsens Wortforsch. 21 A. (m. Lit.; s. auch Persson Beiträge 2, 803), ἀσπάλαθος durch Anknüpfung an σπαλύσσεται· σπαράσσεται, ταράσσεται H.; σφαλάσσειν· τέμνειν, κεντεῖν H. usw. (s. ἀσπάλαξ) aus dem Indogermanischen zu erklären ("woran man sich reißt, ritzt, Zupfer, Reißer"), hat höchstens hypothetischen Wert. Eher LW (Schwyzer 510, Chantraine Formation 368). — Ältere, ganz unbefriedigende Erklärungen bei Bq. I-167

ἀσπάλαξ, -ακος ‘Maulwurf’ (Arist., Antig., Ael. usw.; zur Bedeutung Thompson ClRev. 32, 9ff.). Daneben σπάλαξ m. f. (Arist., LXX, Ael.), ἀσφάλαξ m. (Babr., Str., Hdn.) und σφάλαξ (Paus.). m. — Da -αξ in Tiernamen ein gewöhnliches Suffix ist (κόραξ, σκύλαξ, πόρταξ, ὕραξ usw., Schwyzer 486, Chantraine Formation 378), kann man für (ἀ)σπάλαξ Anschluß bei einer sehr weitverzweigten Wortsippe, idg. sp(h)el- ‘spalten, absplittern, abreißen’ (WP. 2, 677ff. m. Lit.), suchen, die im Griechischen u. a. durch σπολάς ‘abgezogenes Fell, Harnisch’ (s. d.) vertreten ist. Mithin wäre (ἀ)σπάλαξ "der Aufreißer" od. ähnl. Anlaut. ἀ- ist dabei prothetisch (Schwyzer 412, Kretschmer Glotta 21, 89); nach Winter Prothet. Vokal 19 ist dagegen für die Kurzform eher Apokope anzunehmen. — Hierher wird auch gezogen σφαλάσσειν· τέμνειν, κεντεῖν H., das sogar ein Denominativum des in σφάλαξ vorliegenden Gutturalstammes sein könnte, sofern -άσσειν nicht als ein einheitliches Suffix zu beurteilen ist (Schwyzer 733). — Das synonyme σκάλοψ ist damit nicht verwandt, s. d. I-167

ἀσπάλους - Daneben ἀσπαλιεύς ‘Fischer’ (Nik., Opp.) und ἀσπαλιεύω ‘fischen, angeln’ (Aristaen., Suid.) mit ἀσπαλιευτής ‘Fischer’ (Pl.). Diese Formen, deren gegenseitiges Verhältnis mehrdeutig ist (vgl. Boßhardt Die Nomina auf -ευς 65f.), scheinen nach ἁλιεύς usw. gebildet worden zu sein (nicht mit Schwyzer 476 A. 5 aus *ἀσπαλ-αλιεύς). Auch ἀσπαλία· τοῦ ἁλιέως ἐργασία (H., Suid.) kann für ἀσπαλιεία stehen und somit von ἀσπαλιεύω ausgehen. · τοὺς ἰχθύας. ’Αθαμᾶνες H. Direkt von ἄσπαλος dagegen wohl ἀσπαλίσαι· ἁλιεῦσαι, σαγηνεῦσαι (AB 183). Vgl. Fraenkel Nom. ag. 2, 62f. — Unklar. Von Solmsen Wortforsch. 21 A. wird ἄσπαλος zu lat. squalus N. eines großen Fisches, awno. hvalr ‘Walfisch’, apreuß. kalis ‘Wels’ unter Annahme von prothetischem ἀ- gezogen. Wieder anders Fick BB 18, 141; s. WP. 2, 541. — Eher mit Huber Comm. Aenip. 9, 21 Mittelmeerwort. I-167-168

ἀσπάραγος s. ἀσφάραγος. I-168

ἀσπάσιος s. ἀσπάζομαι. I-168

ἀσπερχές Adv. ‘eifrig, heftig, unablässig’ (Hom.). — Mit a copulativum (intensivum) direkt von σπέρχω ‘drängen, einherstürmen’ (s. d.) gebildet; vgl. Chantraine Formation 427. I-168

ἄσπετος ‘unendlich, unermeßlich’ (ep. poet. seit Il.). — Eigentlich ‘unsäglich’, ἄ-σπ-ετος, als negiertes Verbaladjektiv zu ἐννέπω (aus *ἐν-σέπω), ἐνι-σπ-εῖν (s. d.). I-168

ἀσπιδής etwa ‘ausgedehnt, geräumig’, nach gewissen Gewährsmännern (vgl. Fraenkel KZ 43, 202ff.) in Λ 754 διἀσπιδέος πεδίοιο zu lesen statt διὰ σπιδέος π. — Wenn richtig, ehestens aus α copulativum (intensivum) und einem Nomen *σπίδος bzw. einem dazugehörigen Verb (s. σπίδιος), s. Fraenkel l. c. Nach Bechtel Lex. s. ἀσπίς dagegen aus *ἀν-σπιδής ‘entlang gebreitet’. — Die Lesung σπιδέος erklärt sich am einfachsten aus einem Adj. *σπιδύς, vgl. Schwyzer 513 A. 11 m. Lit. Unwahrscheinlich Leumann Hom. Wörter 58ff.: (ἀ)σπιδέος durch Mißverständnis von ἀσπίδας Π 774 entstanden. I-168

ἀσπίς 1., -ίδος f. ‘Schild’, eig. ‘Rundschild’ (im Gegensatz zu σάκος, Trümpy Fachausdrücke 20ff.; seit Il.). Deminutivbildungen: ἀσπίδιον (Hermipp., Men. u. a.), auch Pflanzenname (Dsk.; vgl. Strömberg Pflanzennamen 55), ἀσπιδίσκη und -ίσκος (LXX, Inschr. usw.), ἀσπιδίσκιον (Inschr. u. a.), ἀσπιδισκάριον (Lyd.). — Andere Ableitungen: ἀσπιστής ‘schildtragend(er Krieger)’ (Il.), sekundär ἀσπιστήρ (S., E.) und ἀσπίστωρ (A. Ag. 404 [lyr.]), vgl. Chantraine Formation 327 u. 325f., Fraenkel Nom. ag. 1, 22 u. 137; 2, 29; dazu ἀσπιστικός (D. H.). — Daneben ἀσπιδίτης (S. Fr.), wohl nach ὁπλίτης; gewöhnlicher ἀσπιδιώτης (Il., Theokr., Plb., AP), ursprünglich metrisch bedingt (Meister HK 30), aber auch durch στρατιώτης gestützt; vgl. Redard Les noms grecs en -της 41; — ἀσπιδόεις ‘aus Schilden bestehend’ (Opp.), aber vgl. zu 2. ἀσπίς. — Außerdem ἀσπιδεῖον Bed. unsicher (Inschr., Pap.); vgl. die zahlreichen Bildungen auf -εῖον bei Mayser Pap. I 3, 12ff., außerdem ἀσπιδεῖα· τὰς πτυχὰς τῶν ἀσπίδων H. — Seltenes Denominativum: ἀσπίζω ‘schirmen’ (Lydien, H., Suid.). — Herkunft unsicher. Die Deutung als "die dem Kämpfer entlang gebreitete Fläche" aus *ἀν-σπίς, zu σπίδιος usw., s. ἀσπιδής (Bechtel Lex.), überzeugt nicht; auch die Zusammenstellung mit lit. skỹdas ‘Schild’ (Bezzenberger BB 1, 337f. usw., s. Bq und Pisani Ist. Lomb. 73: 2, 23) muß als unbefriedigend betrachtet werden, s. WP. 1, 50 A. 1. — Der Gedanke, in ἀσπίς einen Baumnamen zu suchen (Schrader BB 15, 285), ist an und für sich ansprechend; die Anknüpfung an ahd. aspa ‘Espe’ usw. scheitert indessen daran, daß in diesem Wort die ursprüngliche Lautfolge -ps-, nicht -sp-, war; s. WP. 1, 50. — So liegt denn die Vermutung nahe, daß die ἀσπίς im Gegensatz zu dem einheimischen σάκος wie viele andere Waffengeräte von einem fremden Volke mitsamt der Benennung übernommen wurde; vgl. Trümpy a. a. O. I-168-169

ἀσπίς 2. -ίδος f. N. der ägyptischen Kobra ‘Coluber haie’ (Hdt., Ar. usw.). Davon ἀσπιδόεις (Poet. ap. S. E., Opp.). — Falls nicht Fremdwort, wohl = 1. ἀσπίς wegen des beim Angriff schild- oder scheibenähnlich erweiterten Halses. — Unannehmbar Holthausen IF 39, 64. I-169

ἄσπληνον, -ος m. Daneben ἀσπληνίς· βοτάνης εἶδος H. n., Pflanzenname. — Von a privativum und σπλήν wegen der vermuteten Fähigkeit der Pflanze, die Milzsucht zu heilen. I-169

ἄσπρις f. Eichenart, ‘Quercus Cerris’ (Thphr.) — Unerklärt. Nicht zu ahd. aspa ‘Espe’ usw. (Hoops Waldbäume 122) wegen lett. apsa und anderer Formen, die die ursprüngliche Lautfolge -ps- bewahrt haben, s. WP. 1, 50. I-169

ἄσσα, att. ἄττα n. pl. = τινὰ, ἅττα = ἅτινα. S. τίς. I-169

ἀστακός m. ‘Meerkrebs’ (Philyll., Arist. usw.). Daneben ὀστακός (Aristom. u. a.; nach Ath. 3, 105b attisch), woraus ἀστακός durch Vokalassimilation (J. Schmidt KZ 32, 390). — Eig. "mit Knochen versehen, Knochentier", alte κ-Ableitung des in ai. asthán-, asthn- (z. B. Gen. asthn-áḥ) vorliegenden n-Stammes (Nom. ásthi, vgl. ὀστέον). Idg. Grundform wäre somit *osthn̥-qó-s. Dasselbe Suffix erscheint als kompositionelles Element im aind. Bahuvrihi an-ástha + ka- ‘ohne Knochen’. Zur Bedeutung vgl. mind. aṭṭhi-taco ‘Krebs’ aus *asthi-tvacas- ‘knochenhäutig’ (Schulze KZ 43, 380 = Kl. Schr. 376 m. Lit.). — Vgl. außer ὀστέον auch ἀστράγαλος, ὄστρακον. I-169

ἀσταφίς, -ίδος ‘getrocknete Weintraube, Rosine’ (Tegea, ion. att.), daneben ὀσταφίς (Kratin., Nikopho) und σταφίς (Hp., Theok., LXX usw.). f. Ableitungen: ἀσταφιδῖτις (ῥῶξ; AP, vgl. Redard Les noms grec en -της 111, Schulze KZ 62, 258); σταφίδιος und σταφιδίτης (οἶνος; Hp. bzw. Orib., vgl. Redard 99); auch σταφιδευταῖος (Hp.; wie von *σταφιδευτής, *σταφιδεύω). Denominatives Verb σταφιδόω ‘Weintrauben trocknen, Rosinen bereiten’ (Dsk., Gp.). — Bildung wie κεδρίς, κεφαλίς und andere Pflanzenteile bzw. -produkte; der Stamm erinnert an σταφυλή ‘Weintraube’ (s. d.); sonst unklar. Zur Frage des Anlauts (prothetischer Vokal oder Vokalwegfall?) Winter Prothet. Vokal 19 und 21 m. Lit. I-169-170

ἄσταχυς m. ‘Kornähre’ (ep. ion.). — Prothetische Form von στάχυς, s. d. Winter Prothet. Vokal 19 glaubt eher an Apokope. I-170

ἀστεμφής Adv. ἀστεμφέως (Od.) ‘fest, starr’ (poet. s. Il.). — Von einem verschollenen Nomen *στέμφος, bzw. Verb *στέμφω etwa ‘stützen, drücken, pressen’; vgl. στέμφυλα n. pl. ‘ausgepreßte Oliven’, s. auch στόμφος und στέμβω. Das ἀ- ist dabei copulativ aufzufassen: ‘zusammengedrückt, -gepreßt’ (Bq); anders Bechtel Lex. mit Curtius u. a.: ‘der nicht gedrückt, nicht gepreßt werden kann’. I-170

ἀστεροπή f. ‘Blitz’ (Κ 154 v. l., Pi., Ar.). Ableitungen: ἀστεροπητής, -οῦ m. Beiname des Zeus (Il. usw.); daneben ἀστεροπῆτα κεραυνόν (IG 14, 641) nach hom. ἀργῆτα κεραυνόν; — ἀστεροπαῖος (Corn.). — Neben ἀστεροπή steht das gewöhnlichere στεροπή (seit Il.), außerdem noch ἀστραπή (Hdt. usw.) mit ἀστράπτω (seit Il.), s. d.; dieselbe "schwache" Stammform auch in στροπά· ἀστραπή. Πάφιοι und στορπάν (cod. -τιάντὴν ἀστραπήν H., woraus das Zeusepithet Στορπᾶος (Tegea); vgl. Porzig Satzinhalte 255f. — Wahrscheinlich mit Curtius eig. "Stern-auge" von ἀστήρ und ὀπ- (in ὄψ ‘Auge’, ὄψομαι usw.) mit dem Kompositionssuffix -η (ὀπή ‘Öffnung, Loch’!), eine Deutung, die durch arm. payl-akn ‘Blitz’ (von paylem ‘glänzen’, bzw. payl ‘Glanz’ und akn ‘Auge’) und areg-akn ‘Sonne’ (von arew ‘Sonne’ und akn) sehr an Wahrscheinlichkeit gewinnt (Meillet Handes Amsorya 41, 757ff., s. Idg. Jb. 13 VIII 98; BSL 34, 131). — Ganz anders Winter Prothet. Vokal 35. — Die Form στεροπή kann entweder die einsilbige Stammform enthalten, die in ahd. Stern usw. vorliegt (wobei ἀστεροπή als sekundärer Anklang an ἀστήρ zu erklären ist), oder durch Apokope entstanden sein. Vgl. Scherer Gestirnnamen 20f. I-170

ἄστηνος ‘elend, unglücklich’ (Rhenea IIa). Denominativ ἀστηνεῖ· ἀδυνατεῖ H. Der "athemat." Plural ἀστῆνες· ταλαίπωροι, δυστυχεῖς H. ist wahrscheinlich verderbt. — Nach EM 159, 11 παρὰ τὸ μὴ στάσιν μηδοἴκησιν ἔχειν. Von α privativum und demselben Hinterglied wie in δύστηνος, s. d. I-170

ἀστήρ, -έρος im Plur. gewöhnl. ἄστρα, sekundärer Sing. ἄστρον (Schwyzer 581 Zus. m. Lit.) m., ‘Stern’, auch übertragen in verschiedenen Bedeutungen (seit Il.). Zahlreiche Ableitungen, vorw. hell. u. spät. Deminutiva: ἀστερίσκος, oft übertragen (Kall., Thphr. usw.) mit ἀστερίσκιον (Apollon.); ἀστηρίδιον ‘sternartiges Ornament’ (Pap.). — Adjektiva: ἀστερόεις ‘gestirnt, mit sternartigen Verzierungen’ (Il. usw.); ἀστερωτός ‘ds.’ (Inschr. IIIa); ἀστέριος ‘gestirnt, sternartig usw.’ (Arat., Kall. usw.) mit Ntr. ἀστέριον, u. a. als Pflanzenname (Krateuas usw., vgl. Strömberg Pflanzennamen 48, 50); ἀστεριαῖος ‘sternähnlich’ (Kleom. u. a.); ἀστερικός ‘zu den Sternen gehörig’ (Theol. Ar.), ἀστερώδης (Sch.). — Substantiva: ἀστερίας Fisch- und Vogelname (Philyll., Arist., vgl. Strömberg Fischnamen 28, Thompson Birds 57); ἀστερίτης (λίθος) N. eines mythischen Steins (Ptol. Heph. u. a., vgl. Redard Les noms grecs en -της 52), fem. ἀστερῖτις Pflanzenname (Ps.-Apul., Redard 69). — Zur Schwundstufe in ἄστρα (ἄστρον): ἄστριον ‘sternartiges Ornament’ usw. (Inschr. usw.); ἀστρῷος ‘gestirnt, zu den Sternen gehörig’ (AP, Phlp.); ἀστρικός zu den Sternen gehörig’ (Philostr. usw.); ἀστραῖος ‘gestirnt’ (Nonn. u. a.). — Zwei seltene Denominativa: ἀστερίζω ‘in Konstellationen ordnen’ usw. (Hipparch. u. a.); ἀστερόω ‘in Sternen verwandeln, mit Sternen versehen’ (Placit., Sch.). — ἀστήρ stimmt im Anlaut zu arm. astɫ ‘Stern’, im Stammauslaut zu dem entsprechenden Wort im Keltischen, Germanischen und Tocharischen, z. B. bret. sterenn, got. staírno, toch. B ścirye. Die übrigen Sprachen, die das Wort bewahrt haben, lassen sowohl idg. -r wie -l zu: aw. Akk. sg. stār-əm, aind. Nom. pl. tā́raḥ, Instr. stŕ̥-bhiḥ, lat. stella aus *stēr-lā oder (wohl besser) *stēl-nā. — Die Anknüpfung dieses alten Wortes für ‘Stern’ an ein idg. Verb ster-, stel- ‘ausbreiten, ausstreuen’, z. B. lat. sterno, aksl. steljǫ (seit Kuhn KZ 4, 4), ist ganz hypothetisch. Verfehlt Krogmann KZ 63, 256ff. und v. Windekens Revue belge de phil. 21, 141ff. (zu idg. ā̆s- ‘brennen’). Herkunft aus dem Sumerisch-Babylonischen (Ištar ‘Venus’; z. B. Ipsen IF 41, 179ff.) muß als völlig unbewiesen und äußerst unwahrscheinlich betrachtet werden, vgl. Schrader-Nehring Reallex. 2, 481, Specht KZ 62, 249 m. A. 3, Scherer Gestirnnamen 23. — Lett. stars ‘Ast, Strahl’ und damit verwandte Wörter (Fraenkel Gnomon 22, 236) sind schon wegen der stark abweichenden Bedeutung fernzuhalten; s. dazu WP. 2, 628 und 637 mit anderen Kombinationsmöglichkeiten. — Ausführlich über die ganze Wortgruppe Scherer Gestirnnamen 18ff. I-170-171

ἄστλιγξ s. ὄστλιγξ. I-171

ἀστός s. ἄστυ. I-171

ἀστραβδα (Akz. unsicher) παίζειν (Herod. 3, 64). Bedeutung unbekannt. — Bildung wie κρύβδα, κύβδα, μίγδα usw. (Schwyzer 626). Dunkel; in Betracht kommen: ἀστράπτω, ἀστράβη, auch στρέφω. Lit. bei Bq. I-172

ἀστράβη f. ‘bequemer Sattel, Mauleselsattel’ (att.). Davon ἀστραβεύω (Pl. Kom. 39), ἀστραβίζω (A. Supp. 285). — Herkunft unbekannt, wahrscheinlich technisches LW, vgl. Chantraine Formation 262 : 8. Verwandtschaft mit ἀστραβής (Prellwitz) ist nicht zu begründen. I-172

ἀστραβής, -ές ‘gerade, fest’ (Pi., Hp., Pl., Thphr. usw.). Davon ἀστραβίζειν· ὁμαλίζειν, εὐθύνειν H. mit ἀστραβιστήρ. Erweiterte Form ἀστραβαλίζειν (EM), nach den Verba auf -αλίζειν (τροχαλίζειν u. a.). — Zu στραβός (s. d.), στρεβλός, στρόβιλος usw. Das jedenfalls privative Adjektiv kann entweder von einem neutralen s-Stamm oder direkt von einem Verb ausgehen. I-172

ἀστράγαλος ‘Halswirbel, Sprungbein, (daraus gemachter) Würfel’ (seit Il.), ἀστραγάλη f. ‘ds.’ (Anakr., Herod.). m. Mehrere nominale Ableitungen: Demin. ἀστραγαλίσκος (Delos IIa u. a.). Ferner ἀστραγαλωτός ‘aus ἀ. gemacht’ (Krates Kom. usw.) mit dem Femm. ἀστραγαλωτή Pflanzenname (Philum. u. a.); zu den Bildungen auf -(ω)τός von Nomina s. Schwyzer 503 : 4, Chantraine Formation 305 par. 243, außerdem Krahe IF 48, 224f.; — ἀστραγαλώδηςἀ.-ähnlich’ (Tz.), ἀστραγάλειος ‘talaris’ (Aq.). — Außerdem ἀστραγαλῖτις ‘Art Iris’ (Gal.), ἀστραγαλῖνος ‘Goldfink’ (Dionys.). — Vom Denominativum ἀστραγαλίζω ‘würfeln’ (Kom., Pl.) stammen ἀστραγάλισις ‘das Würfeln’ (Arist.), ἀστραγαλιστής ‘Würfelspieler’ (Kom.), Adj. ἀστραγαλιστικός (Eust.). — Eine hypokoristische Subtraktionsbildung ist ἄστρις f. = ἀστράγαλος (Kall.) mit ἀστρίζω (Poll.); dazu, mit volkstümlichem (hypokoristischem) χ-Suffix, ἄστριχος m. (Antiph.), vgl. Schwyzer 498. — ἀστράγαλος ist mittels eines λ- Suffixes (vgl. Chantraine Formation 247) von einem alten Wort für Knochen gebildet, das auch dem Wort für Meerkrebs ἀστακός zugrunde liegt und einen r-n-Stamm enthält, der im Griech. in ὄστρ-ακον, ὄστρ-ειον, im Altind. in asthn-áḥ (Gen.) zutage tritt. Daran ist ein -γ angefügt, das wahrscheinlich aus dem Nominativum stammt und mit dem gutturalen Element in den altind. r-n-Stämmen, z. B. ásr̥-k, Gen. asn-áḥ ‘Blut’ (vgl. ἔαρ) identisch ist. Das anlautende ἀ- ist wie in ἀστακός durch Vokalassimilation (Vokalharmonie) entstanden. Außer der Lit. bei Bq und WP. 1, 185f. s. bes. Benveniste Or. 7 und 28. Unannehmbar Winter Prothet. Vokal 37ff. — Vgl. ἀστακός, ὄστρακον, ὀστρύς, ὀστέον. I-172

ἀστραλός · ὁ ψαρὸς (= ‘Star’) ὑπὸ Θετταλῶν H. — Erinnert auffallend an das lat.-germ. Wort für Star, lat. sturnus, ahd. stara f. usw. (Curtius, Fick). Anknüpfung an den in sturnus verbauten n-Stamm (über *ἀστρν̥λός, s. Schwyzer 483 : 4) ist dann nicht ausgeschlossen. Nach Wood u. a. (s. WP. 2, 649) zu ἀστήρ. Vgl. W.-Hofmann s. sturnus, außerdem Winter Prothet. Vokal 19, Thompson Birds s. v. I-173

ἀστραπή f. ‘Blitz’ (Hdt., A., Pl. usw.; Epos dafür (ἀ)στεροπή, wohl aus metrischen Gründen). Davon ἀστραπαῖος (Arist. usw.) und ἀστράπιος (Orph.); außerdem ἀστραπηδόν (Aristobul.). — Neben ἀστραπή steht, mit dem Aussehen eines Denominativs, ἀστράπτω, Aor. ἀστράψαι ‘blitzen’ (seit Il.) mit den spärlich belegten ἄστραψις (Suid.) und ἀστραπτικός (Sch.). Später belegte poetische Nebenform στράπτω (S., A. R. u. a.), dazu neugebildet στραπή (EM). — Wenn, wie seit alters angenommen wird, ἀστραπή zu (ἀ)στεροπή gehört, muß die innere Silbe einen alten Ablaut (vgl. ἀστρά-σι) enthalten, vgl. Schwyzer 360. Der Wegfall des ὀ- im Hinterglied bleibt indessen etwas auffällig, wenn auch eine idg. Tiefstufe (ə)q- möglich ist; man hätte *ἀστροπή, *ἀστρόπτω erwartet. Oder wurde *ἀστρόπτω von ἀστράπτω nach Muster von den zahlreicheren Verba auf -άπτω abgelöst, wozu sekundär ἀστραπή? — Vgl. ἀστεροπή mit Lit. I-173

ἄστρις, ἄστριχος s. ἀστράγαλος. I-173

ἄστυ, -εος, att. -εως n. ‘Stadt’ (seit Il.). Ableitungen: ἀστικός ‘städtisch’ im eigtl. Sinn (A., Th., Lys. usw.) mit produktivem ικο-Suffix, auch aufἀστός (s. unten) bezüglich; mitunter ἀστυκός, in Anlehnung an ἄστυ, vgl. Schwyzer 498, Chantraine Formation 394; — ἀστεῖος ‘städtisch’ in übertragenem Sinne, ‘fein gebildet, hübsch usw.’ (att., Arist. usw.), vgl. zu diesem Begriff Lammermann Von der att. Urbanität und ihrer Auswirkung in der Sprache. Diss. Göttingen 1935. Davon die späten ἀστειότης (Vett. Val. u. a.) und ἀστειοσύνη (Lib.), das denominative ἀστεΐζομαι (Str., J. usw.) mit ἀστεϊσμός (Demetr. Eloc., D. H. usw.) und ἀστέϊσμα (Tz.), außerdem noch ἀστεϊεύομαι (Sch.). — ἀστίτης m. ‘Mitbürger’ (S.) nach πολίτης. — Eine sehr eigenartige Bildung ist ἄστυρον ‘Stadt, Städtchen’ (Kall., Nik.). — Früher belegt als die schon genannten Ableitungen ist ἀστός m. ‘Bürger, Mitbürger’ (seit Il.), das für *ἀστϝ-ός, mit Anknüpfung an die hochfrequente Nom.-Akk.-Form, stehen muß, vgl. thess. ϝαστϝός unten. Davon ἄστιος = ἀστικός (Kreta, Stymphalos, Delos). ἄστυ aus ϝάστυ (in böot. ϝάστιος Gen., ark. ϝασστυ-όχω (Gen.), vgl. thess. ϝαστϝός usw.) entspricht bis auf die Quantität aind. (ved.) vā́stu n. ‘Wohnstätte’ (daneben das erheblich später belegte und wahrscheinlich jüngere vastu n. ‘Ort, Ding’), wozu sich noch messap. vastei (Dat., Krahe Glotta 17, 100) und toch. A waṣt, B ost ‘Haus’ gesellen. Dieser Bildung zugrunde liegt ein altes Verb, das u. a. in ai. vásati ‘verweilen, wohnen’, got. wisan ‘verweilen, sein’, vielleicht auch in heth. ḫuiš-zi ‘er lebt’ erhalten ist. Das Griech. hat dagegen nur die zweisilbige Form ἄεσα (Aor.), s. d. — Neben der tu-Ableitung in ἄστυ usw. stehen andere nominale Bildungen, z. B. got. wists f. ‘Wesen, Natur’ (aus *u̯es-ti-s, vgl. ‘Εστία), air. foss ‘Ruhe’ (aus *u̯os-to-s). — Unerklärt bleibt der griech. α-Vokal, der zu der sonst herrschenden e-o-Serie (z. B. got. wisan : was) nicht stimmt. — Zum Lenis s. Schwyzer 227 m. Lit. I-173-174

Αστυάναξ vgl. s. Ανδρομάχη. I-174

ἀσυρής ‘unrein, schmutzig, häßlich’ (Plb., LXX, Phld.). — Etymologie unsicher. Vielleicht aus α copulativum und *σύρος, Verbalnomen zu σύρω ‘schleifen, zerren’ mit derselben Bedeutungsverschiebung wie in σύρμα, συρφετός ‘Kehricht, Unrat’. I-174

ἀσύφη f. Art κασία (Peripl. M. Rubr. 12, Dsk. 1, 13). — Fremdwort unbekannter Herkunft. I-174

ἀσύφηλος Adj. unbekannter Bedeutung, etwa ‘rücksichtslos, beschimpfend’ oder ‘töricht’? (Ι 647, Ω 767, Q. S.). — Nach den Schol. zu Ven. A und Bechtel Lex. zu σοφός. Curtius 512 vergleicht noch Σίσυφος, σέσυφος· πανοῦργος H., σαφής. Andere Versuche, alle sehr unwahrscheinlich oder unmöglich, bei Bq. I-174

ἄσφαλτος -ον n. f. (m.), ‘Asphalt, Erdharz’ (Hdt., Hp., Arist. usw.). Davon ἀσφάλτιον ‘Asphaltklee’ (Dsk.; vom Geruch, s. Strömberg Pflanzennamen 62); ἀσφαλτῖτις ‘erdharzig’ (βῶλος usw., Str., D. S. u. a., Redard Les noms grecs en -ίτης 108); ἀσφαλτώδης ‘dem A. ähnlich, voll von A.’ (Arist., Str. u. a.) mit ἀσφαλτωδεύομαι ‘mit A. überziehen’. — Denominatives Verb ἀσφαλτόω ‘mit A. bestreichen’ (LXX) mit ἀσφάλτωσις (Suid.); auch ἀσφαλτίζω ‘wie A. riechen’ (Dsk.). — Negiertes Verbaladjektiv von σφάλλεσθαι. "Der Asphalt ist dasjenige Bindemittel, das die Mauern vor dem σφάλλεσθαι, dem Umgestoßenwerden, schützt." Diels KZ 47, 207ff. mit Kritik semitischer Etymologien. Zur "kausativen" Bedeutung des Verbaladjektivs vgl. ἀμέθυστος. I-174

ἀσφάραγος 1. m. ‘Schlund, Kehle’ (Χ 328, Plu., Q. S.). Vgl. σφάραγος· βρόγχος, τράχηλος, λαιμός, ψόφος H., = φάρυγξ (Apion ap. Phot.). — Unerklärt. Vielleicht mit 2. ἀσφάραγος identisch als *‘(hohler) Stengel, Röhre’, s. Persson Beitr. 1, 444. Die apokopierte Form durch Assoziation mit σφαραγέομαι ‘prasseln, zischen’? — Nach Fick 1, 574 zu lit. springstù, spriñgti ‘würgen’ (intr.). Unannehmbar Winter Prothet. Vokal 20. I-174-175

ἀσφάραγος 2. auch ἀσπάραγος m. ‘Spargel, junger Trieb’ (Kom., Thphr., Plb. usw.). Davon ἀσφαραγία ‘Wurzelstock des Spargels’ (Thphr., vgl. Strömberg Theophrastea 84, 114) und ἀσφαραγωνία ‘Spargelkranz’ (Plu.), vgl. βρυωνία, ῥοδωνία usw. Hatzidakis ’Αθ. 28, 114. — Unter den vielen Wörtern, die als nähere oder entferntere Verwandte in Betracht kommen (s. WP. 1, 672ff.), seien erwähnt: gr. σφαραγέομαι ‘strotzen, voll sein’, lit. spùrgas ‘Sproß’, ai. sphū́rjati ‘hervorbrechen’. Die näheren Beziehungen dieser Wörter sind aber schwierig festzustellen sowohl wegen der schwankenden Form wie vor allem wegen der mannigfachen Sinnfärbungen. Für ἀσφάραγος kommt außerdem Entlehnung in Betracht. I-175

ἀσφόδελος m. lilienartige Pflanze, ‘Asphodill’ (Hes., Arist. usw.). Ableitungen: ἀσφοδελός Adj. ‘mit A. bewachsen’ (Od., h. Merc.; zum Akzentwechsel Schwyzer 420); ἀσφοδελώδης ‘A.-ähnlich’ (Thphr.), ἀσφοδέλινος ‘aus A.’ (Luk.). — Fremdwort unbekannter Herkunft. Ältere Deutungsversuche bei Bq. I-175

ἀσχαλάω (Hom., auch Archil. und E.), gewöhnlicher ἀσχάλλω (ion. att. seit Od.), beide nur im Präsensstamm (mit Ausnahme vom vereinzelten Fut. ἀσχαλεῖ) ‘sich ärgern, betrübt sein’. — Wohl mit L. Meyer und Curtius (s. Bq und Bechtel Lex.) von einem (nur virtuell existierenden?) Adjektiv *ἄσχαλος ‘der sich nicht halten kann’, Zusammenbildung von α privativum und dem Aoriststamm σχ-εῖν mittels eines αλο-Suffixes. I-175

ἀσχέδωρος m. ‘der wilde Eber’ (A. Fr. 191, Skiras 1) — Wahrscheinlich mit Kretschmer KZ 36, 267f. dorisch für *ἀν-σχε-δορϝ-ος ‘der Lanze widerstehend’, "Trotzespeer" als ursprüngliches Epithet; vgl. μεν-έγχης, μεν-αίχμης; s. auch zu ἀλέκτωρ (s. ἀλεκτρυών). I-175

ἀσχίον n. ‘Trüffel’ (Thphr. HP 1, 6, 9). — Unerklärt. Unhaltbar Prellwitz KZ 46, 172. Semitische Etymologie bei Lewy Fremdw. 31. I-175

ἀταβυρίτης (ἄρτος) eine Art Brot (Sopat.). — Von ’Αταβυρία, alter Name von Rhodos. Vgl. Redard Les noms grecs en -ίτης 88. I-175

Αταλάντη f. N. einer mythischen Jungfrau, aus Arkadien und Böotien bekannt (seit Hes.). — Etymologie unsicher. Die naheliegende und schon früh laut gewordene Erklärung als Femininum von ἀτάλαντος, also ‘die gleichwertige (Frau)’, d. h. ‘männergleich’ wie ἀντιάνειρα, hat Kretschmer Glotta 3, 266ff. und 22, 251 unter Kritik anderer Ansichten wieder aufgenommen. Hoffmann Makedonen und nach ihm Brandenstein Atalante (Wien 1949) deuten es als ‘mit zartem Antlitz’, von ἀταλός und *ἀντ- ‘Vorderseite, Antlitz’ (s. ἀντί), unter Vergleich von PN wie Εὐ-άντα, ’Αρί-αντος. — Volksetymologische Umbildung eines ungriechischen Namens? I-175-176

ἀταλός ‘kindlich, jugendlich, zart’ (poet. seit Il.). Denominatives Verb ἀτάλλω (nur Präsensstamm) ‘munter umherhüpfen’, trans. ‘aufziehen’ (poet. seit Il.) mit ἀτάλματα· παίγνια H. — Mit innerer Reduplikation (Schwyzer 648) ἀτιτάλλω ‘aufziehen, pflegen’ (poet. seit Il.). Davon ἀτιτάλτας m. ‘Pflegevater’ (Gortyn), vgl. Debrunner IF 21, 90. — Nicht sicher erklärt. Nach Leumann Glotta 15, 153ff. und Hom. Wörter 139ff. ist ἀταλός aus dem Ausdruck ἀταλὰ φρονέων ausgelöst, der seinerseits durch Zerlegung von ἀταλαφρονέων entstanden ist. Wie δολοφρονέων aus δολό-φρων usw. ist ἀταλαφρονέων aus ἀταλάφρων erweitert, das wiederum als Gegenstück zu ταλάφρων geschaffen wurde. — Diese scharfsinnige aber etwas verwickelte Hypothese hat vor allem den Vorzug, daß sie den sonst schwerverständlichen Kompositionsvokal α erklärt. Vgl. die Bemerkungen von Bolling Lang. 27, 74. — Ältere Etymologien, alle gänzlich unbefriedigend, bei Bq. I-176

ἀτάλυμνος f. = κοκκυμηλέα, ‘Pflaumenbaum’ (Nik. Al. 108). — Herkunft unbekannt, ohne Zweifel Fremdwort; vgl. Solmsen Wortforsch. 64 A. 3. Zur Bildung Schwyzer 524, Chantraine Formation 216. I-176

ἀτάρ adversative Konjunktion ‘dagegen, aber usw.’ (vorw. poet. seit Il.). — Zusammenfügung aus *ἀτ = lat. at (wohl auch in got. -þan ‘aber’) und ἄρ (s. d.). Vgl. αὐτ-άρ und W.-Hofmann s. at. Zum Gebrauch Schwyzer-Debrunner 559, Chantraine Gramm. hom. 2, 344, 352f. I-176

ἀτάρβακτος ‘unerschrocken’ (Pi., B.). — Privatives Verbaladjektiv von einem unbelegten *ταρβάσσω oder *ταρβάζω, zu τάρβος, ταρβέω (s. d.), sofern nicht einfach eine expressive Umbildung von ἀταρβής, ἀτάρβητος. — Vgl. ἀτάρμυκτος (Euph., Nik.) von ταρμύσσω ‘erschrecken’ (Lyk.), s. d. I-176

ἀταρπιτός, ἀταρπός s. ἀτραπός, ἀτραπιτός. I-176

ἀταρτηρός ep. Adj. (seit Il.) unsicherer Bedeutung, ‘rücksichtslos, verderblich’ (?). Daneben ἀταρτᾶται· βλάπτει, πονεῖ, λυπεῖ H., Bildung wie ἀρτάω (s. d.). — Sonst dunkel. Stürmer IF 47, 299 geht von einem unbelegten *ἄταρτος ‘unzerreiblich’ (vgl. ἀτέραμνος, τείρω) aus; ähnlich schon Bechtel Lex. mit allerlei morphologischen Kombinationen. Über andere Hypothesen s. bei Bq. I-176

ἀτάσθαλος ‘unbesonnen, übermutig, frevelhaft, verblendet’ (äol. und ion. seit Il., auch späte Prosa). Davon ἀτασθαλίαι pl. (so immer Hom.), sg. -ίη, -ία (Hes., Hdt., Pi. usw.) und ἀτασθάλλω (nur Präs. Ptz., σ 57, τ 88). — Unerklärt. Hypothese bei Frisk Eranos 31, 21ff.: Ableitung auf -αλος von *ἄτασθος mit Hauchversetzung für *ἄ-θαρστος = ai. -dhr̥ṣta- ‘unwiderstehlich’, zu θάρσος, θρασύς, vgl. ἀτάσθαλα ἐθρασύνετο (Ael.). — Oft, aber mit Unrecht, zu ἄτη gezogen (Hesychios, Schwyzer, Lagercrantz, Pisani); dagegen Frisk a. a. O. und Leumann Hom. Wörter 215 A. 10, wo auch andere Vorschläge besprochen werden. — Unhaltbar Pisani IF 54, 295ff. I-177

ἀτειρής poet. Adj. (seit Il.) unsicherer Bedeutung, etwa ‘unversehrt, hart’. — Schon wegen der nicht feststellbaren Bedeutung etymologisch mehrdeutig. Gewöhnlich zu τείρω ‘aufreiben’, lat. tero gezogen, u. zwar entweder mit der in τέρυ, τρύω vorliegenden u-Erweiterung aus *ἀτερϝ-ής (Froehde BB 20, 218, Ehrlich KZ 39, 570, Bechtel Lex.) oder etwa mit der i-Erweiterung in lat. trīvī (und τείρω??, Specht) aus ἀτερι̯-ής (Specht KZ 66, 212) oder endlich mit metrischer Dehnung für *ἀτερής (Schwyzer 286). — Nach Wackernagel Verm. Beiträge 14ff. aus *ἀτερσ-ής zu τέρσομαι ‘trocken werden’, also eig. *‘nicht trocken, frisch’; ähnlich (aus *ἀτερσ-ι̯ής) Brugmann-Thumb 148. I-177

ἀτέμβω nur Präsens ‘in Schaden bringen, berauben’, Med. ‘zu Schaden kommen, verlustig gehen’ (ep. seit Il.), auch ‘schelten’ (A. R. durch falsche Interpretation von φ 312, s. Leumann Hom. Wörter 33). Davon ἀτέμβιος· μεμψίμοιρος EM. — Nicht sicher erklärt. Vielleicht mit Bezzenberger BB 1, 69 zu aind. dabhnóti ‘beschädigen’, dambhá- m. ‘Betrug’ mit Verlust der Aspiration nach Nasal wie in θάμβος gegenüber τέθηπα, ἔταφον usw. und mit derselben Entwicklung wie in πύνδαξ gegenüber ai. budhná- ‘Grund, Boden’ (Schwyzer 333). Anl. ἀ- dann wohl "copulativ". Die Einzelheiten bleiben unklar, vgl. WP. 1, 850f. m. Lit.; s. auch Pisani Rev. intern. ét. balk. 3, 18 A. 3. Ältere Literatur bei Bq. I-177

ἀτενής, -ές ‘straff, unverwandt, aufmerksam’ (Hes., Pi. usw., vorw. poet.). Davon ἀτενίζω ‘starren, mit unverwandtem Blick hinsehen’ (Hp., Arist. usw.) mit ἀτενισμός (Thphr. u. a.) und ἀτένισις (Paul. Aeg.). — Eig. ‘mit Spannung’ aus a copulativum (ion. Psilose) und einem Subst. *τένος n. ‘Spannung’, formal = lat. tenus n. ‘Schnur mit Schlinge’, wohl auch = Adv. tenus ‘bis an’, eig. ‘Erstreckung’, ai. tánas- n. ‘Nachkommenschaft’, s. Solmsen Wortforsch. 22f., Fraenkel KZ 43, 206. Vgl. τείνω. I-177

ἄτερ Präp. ‘ohne, fern von’ (ep. ion. trag., auch späte Prosa). Davon ἄτερθε(ν), äol. ἄτερθα ‘ds.’ (Pi., A. u. S. in lyr., Hdn.) und mit ἀπό kombiniert (vgl. Schwyzer 632 : 2) ἀπάτερθεν, auch als Adv. (Il. usw.). — ἄτερ, psilotisch für *ἁτέρ (äol. Barytonese oder Proklise? Schwyzer 385) ist mit dem german. Adv. ahd. suntar ‘abgesondert, aber’, nhd. sonder(n) usw. identisch; idg. *sn̥-tér. Daneben, mit anderer Stammform, aber im Suffix übereinstimmend, ai. sanu-tár ‘abseits von, weit weg’. — Lit. bei Bq und WP. 2, 494f. Vgl. ἅτερος (s. ἕτερος). I-178

ἀτέραμνος ‘hart, unerbittlich’ (ion. poet. seit Od., Arist. usw.). Davon die Abstrakta ἀτεραμνία (Hp.), ἀτεραμνότης (Thphr.) und das erweiterte Adj. ἀτεραμνώδης (Gal.). — Von α privativum und einem Nomen *τέραμα (s. τείρω, τέρην), eig. ‘ohne Aufreibung’; s. Frisk Adj. priv. 5f., Sommer Nominalkomp. 11 A. 2. — Neben ἀτέραμνος steht in derselben Bedeutung das themavokallose ἀτεράμων (Ar., Pl., Thphr. u. a.). I-178

ἅτερος dor. usw. für ἕτερος s. d. I-178

ἀτέων isoliertes Ptz. (Υ 332, Hdt. 7, 223, Kall. Fr. 537). — Von Bechtel Lex. zu ἄτη gezogen (vgl. Schwyzer 705 : 3) und mit ‘verblendet, tollkühn’ od. ähnl. wiedergegeben. Dann ist Υ 332 ἀ̄τέοντα mit Synizese oder sogar ἀ(ϝ)α-τέοντα zu lesen, s. v. Blumenthal Herm. 75, 427f. — Ältere Hypothesen bei Bq. I-178

ἄτη f. ‘Schaden, Schuld, Verblendung’, auch personifiziert (ion. poet. seit Il.), ‘Buße’ (Gortyn). Zur Bedeutung Havers KZ 43, 225ff. (ursprünglich ‘Schlag’?), außerdem Stallmach Ate. Diss. Göttingen 1950. Ableitungen: ἀτηρός ‘verblendet, unheilbringend’ (Thgn., A. usw.) mit ἀτηρία (Pl. Kom., X.); ἀτάομαι (ἀϝατάομαι, s. unten) ‘Schaden leiden’ (S., E.) ‘einen Prozeß verlieren, eine Geldstrafe erleiden’ (Gortyn, Gytheion). Kompositum ἄν-ατος, auch ἄπ-ατος (Gortyn). — Aus ἀϝάτη kontrahiert, wie aus αὐάτα (Alk., Pi.) und dem Denominativum ἀϝατᾶται (Gytheion; außerdem ἀγατᾶσθαι [= ἀϝα-]· βλάπτεσθαι H.) hervorgeht. Somit ist anlautendes ἀ- als lang anzusehen, wozu indessen Archil. 73 (v. Blumenthal Herm. 75, 427f. dafür ἄση; aber s. Leumann Hom. Wörter 215 A. 10) und A. Ag. 131 (Hermann ἄγα) im Widerspruch stehen. — ἀϝἀ-τη ist ein Verbalnomen von *ἀϝά-σαι, s. ἀάω. — Der Vorschlag, ἄτη in zwei Wörter zu zerlegen (Bechtel Lex. s. ἀτέω, Benveniste Mélanges Pedersen 498), ist nicht zu empfehlen. I-178

ἀτημελής s. τημελέω. I-178

ἀτίζω, Aor. ἀτίσ(σ)αι ‘nicht achten, unbesorgt sein, verachten’ (Il., Trag., A. R. u. a.). — Bildung auf -(ί)ζω zu dem in τίω (s. d.) vorliegenden Stamm; vgl. das synonyme οὐκ ἀλεγίζω; das vermittelnde privative Adjektiv fehlt und ist vielleicht nur virtuell vorhanden gewesen. Vermutungen darüber (von Froehde BB 20, 220f. und Schulze Q. 64 A. 4) bei Bq. Vgl. Risch 166 und das später und weit spärlicher belegte ἀτίω. I-178-179

ἀτιτάλλω s. ἀταλός. I-179

ἀτίω ‘nicht ehren’ (Thgn. 621, Orph. L. 62). — Zufallsbildung, antithetisch zu τίω geschaffen nach Muster von τιμάω : ἀτιμάω (von ἄτιμος ausgehend, aber nach τιμάω umgebildet). Vgl. das früher belegte ἀτίζω. I-179

Ἄτλας, -αντος m. ‘Atlas’ (Od., Hes., Hdt., A. usw.), N. eines Gottes, der die Säulen des Himmels trägt; ursprünglich wahrscheinlich N. eines arkadischen Gebirges, der dann durch das Epos allgemein verbreitet wurde und besonders (durch ionische Seefahrer?) auf das Atlasgebirge in Westafrika übertragen wurde, s. Solmsen Wortforsch. 24; über Atlas als Personifikation der Weltachse Tièche Mus. Helv. 2, 65ff. Davon ’Ατλαντίς f. (Hes. usw.), u. a. Name einer mythischen Insel, nach Brandenstein Atlantis (Wien 1951, = Arb. Inst. Sprachw. 3) = Kreta; ferner ’Ατλαντικός (E., Pl., Arist. usw.) und ’Ατλάντειος (Kritias). — Zusammenbildung von α copulativum und dem in τλῆ-ναι vorliegenden Stamm τλᾱ-, wobei Umbildung nach den ντ-Stämmen in Betracht kommt (zu bemerken ’Ατλᾱγενέων Hes. Op. 383), vgl. Schwyzer 526 und Kretschmer Glotta 7, 37 A. 1. — Der Name des afrikanischen Atlasgebirges ist indessen auch mit berberisch ádrār ‘Berg’ in Beziehung gebracht worden, so namentlich Steinhauser Glotta 25, 229ff., wobei sich der Verf. bemüht, die phonetischen und morphologischen Schwierigkeiten zu beheben. Ähnlich Brandenstein Archiv Orientální 17 : 1, 69ff. (mit vielen abenteuerlichen Spekulationen): volksetymologische Umbildung von berb. ádrār nach dem griechischen Namen. I-179

ἀτμήν, -ένος m. ‘Diener, Sklave’ (Kall. u. a.). Daneben ἄτμενος m. (Archil., s. POxu. 8, 1087 Kol. 2, 38, Kall. Fr. 538), auch Adj. = δουλικός (H.). Femin. ἀτμενίς ‘Dienerin’ (EM), auch ἀδμενίδες (EM) nach δμώς, δμωή (Wackernagel GGN 1914, 119, Fraenkel Glotta 32, 24; Lexis 3, 55ff.). Andere Ableitungen ἀτμενία ‘Sklaverei’ (Man., AP), ἀτμένιος ‘mühsam’ (Nik.). Denominativum ἀτμεύω (für *ἀτμενεύω, Nik.). — Unerklärt; wahrscheinlich kleinasiatisch, von der alexandrinischen Kunstpoesie aufgegriffen, s. Fraenkel Gnomon 21, 39; s. auch Debrunner GGA 1910, 6f. I-179

ἀτμός ‘Dampf, Dunst, Rauch’ (A., Arist. usw.), ἀτμή f. ‘ds.’ (Hes. Th. 862). m. Ableitungen: ἀτμίς f. (zur Bildung Schwyzer 464f.) ‘feuchter Dampf, Dunst’ (Hdt., Pl., Arist. usw.) mit ἀτμιδώδης (Arist. u. a.) und ἀτμιδόομαι ‘in Dampf verwandelt werden’ (Arist.). — ἀτμώδης (Arist., Thphr. u. a.), ἀτμίζω ‘dampfen, dunsten’, auch auf ἀτμίς beziehbar (S., X., Arist. u. a.). — Aus ἀετμός kontrahiert, vgl. ἀετμόν· τὸ πνεῦμα, ἄετμα· φλόξ H. Durch Abtrennung eines suffixalen Elements -τ-μο- (vgl. Schwyzer 493, Chantraine Formation 136) erhält man Anschluß an ἄελλα (s. d.) aus *ἄϝε-λ-ι̯ᾰ und letzter Hand wahrscheinlich an ἄημι; anderseits meldet sich auch ἀυτμή (s. d.) zum Vergleich. Zu einem fraglichen Ablaut ἀϝε- : ἀ(ϝ)υ- s. besonders Solmsen Unt. 271f. — Außerhalb des Griechischen ist an ai. ātmán- ‘Seele’, ahd. ātum ‘Atem’ zu erinnern, die, obgleich unverwandt, eine ähnliche Bildungsweise zeigen. Vgl. Bq und WP. 1, 221f. I-179-180

ἆτος — aus ἄατος kontrahiert, s. d. I-180

ἀτρακίς, -ίδος f. Distelart (Gal.). — Von ἄτρακτος mit (dissimilatorischer?) Erleichterung der Konsonantengruppe, vgl. ἄρκος neben ἄρκτος. Zur Bildung s. Chantraine Formation 344, vgl. auch Strömberg Pflanzennamen 105. — Eine andere Deminutivbildung ist ἀτρακτυλλίς, s. ἄτρακτος. I-180

ἄτρακτος m. (f.) ‘Spindel’ (Hdt., Pl., Ar., Arist. usw.), auch ‘Pfeil’ (S.; ἄ. τοξικός A. Fr. 139), nach Th. 4, 40 lakonisch. Deminutivum ἀτράκτιον (Epic. anon. in Arch. Pap. 7, 9, Fr. 10; auch POxy. 14, 1740, 2). Ferner ἀτρακτυλ(λ)ίς, -ίδος ‘Spindeldistel’ (Arist., Thphr., Theok. u. a.); zur Bildung vgl. Schwyzer 485, Chantraine Formation 252, Leumann Glotta 32, 214ff. — Die Ähnlichkeit mit ai. tarku- ‘Spindel’ springt in die Augen. Beiden Wörtern scheint ein (nirgends belegtes) primäres Verb der Bedeutung ‘drehen, winden’ zugrunde zu liegen, zu dem lat. torqueo ein Intensivum darstellt (Leumann Lat. Gramm. 318). Wie in στρατός, σπάρτον u. a. ist in ἄτρακτος der Tiefstufe ein το-Suffix hinzugefügt worden, vgl. Chantraine Formation 300f. Anl. ἀ- bleibt wie oft dunkel. Gr. κ gegenüber lat. qu in torqueo ist regelmäßig, wenn man mit Schwyzer 299 gr. κ aus idg. q vor Konsonant entstanden sein läßt oder mit Walde lat. qu in velares q + -Suffix zerlegt; letzteres jedenfalls etwas fraglich. — Hierher u. a. noch alb. tjerr ‘spinnen’ (Pedersen Zur tocharischen Sprachgeschichte 19; sehr zweifelhaft dagegen das daselbst angeführte toch. tsärk- ‘quälen’); weitere Verwandte bei WP. 1, 735, W.-Hofmann s. torqueo. — Vgl. ἀτρεκής. I-180

ἀτραπός, ep. ἀταρπός f. ‘Pfad, Fußsteig’ (ion. att. seit Il.). Davon ἀτραπίζω ‘durchwandern’ (Pherekr.). — Erweiterte epische Form ἀταρπιτός (ρ 234), nach ἁμαξιτός, s. d. und Kretschmer KZ 38, 129. Verbalnomen, wohl als Zusammenbildung aus α copulativum und einem Verbalstamm τραπ- bestehend, der auch in τραπέω ‘keltern’, eig. ‘austreten’ (s. d.), mit o-Stufe in τροπέοντο· ἐπάτουν H. vorliegt. I-180-181

ἀτράφαξυς, -υος ‘Gänsefuß, Atriplex’ (Hp., Ar., Thphr. usw.). Nebenformen, z. T. volksetymologisch bedingt: ἀδράφαξυς (ἀδρ-), ἀνδράφαξυς, ἀτράφαξις, vgl. Hdn. Gr. 1, 539; 2, 49; 467 und Strömberg Pflanzennamen 160 m. A., wo weitere Lit. f. — Etymologie unbekannt. Daraus entlehnt lat. atriplex, vgl. W.-Hofmann s. v. I-181

ἀτρεκής, -ές, -έως Adv. ‘genau, bestimmt, zuverlässig’ (ep. ion. poet., hell.); über Bedeutung und Gebrauch Luther "Wahrheit" und "Lüge" 43ff., s. auch Becker Das Bild des Weges 105ff. und Leumann Hom. Wörter 304f. Ableitungen: ἀτρέκεια, -είη (-ίη) ‘der genaue Sachverhalt, Wahrheit’ (ion., Pi. usw.); ἀτρεκότης ‘ds.’ (Sch.). Denominatives Verb ἀτρεκέω ‘genau usw. sein’ (E. Fr. 315). — Wohl als *‘unverdreht’, ‘unumwunden’ mit Curtius und Benfey (s. Bechtel Lex. s. v.) zu ἄτρακτος (s. d.) und ai. tarku- ‘Spindel’ aus α privativum und *τρέκος n. ‘Drehung’. Ein Problem bietet des Gutturals wegen lat. torqueo; die Zerlegung von qu in q und suffixalem ist ein Notbehelf. — Andere Erklärungen bei Bq. I-181

ἀτρέμα, ἀτρέμας s. τρέμω. I-181

ατροπανπαις daneben πρατοπανπαις. Adj. unsicherer Bedeutung (IG 5 (1) 278f.; lakon. Knabenagoninschr.); — Wohl mit Kretschmer Glotta 3, 269f. ἁδροπάμπαις zu lesen = ‘der reife, ausgewachsene πάμπαις’. S. auch Bechtel Dial. 2, 324 und v. Blumenthal Hesychst. 24f. I-181

ἀτρύγετος ep. Beiwort des Meeres, auch des Äthers, später (AP) auch auf andere Begriffe übertragen, — von den Alten als ‘unfruchtbar’, zu τρυγάω, gedeutet, aber auch (Hdn. Gr. 2, 284) im Sinn von ‘unermüdlich wogend’ zu τρύω gezogen ("παρὰ τὸ τρύειν πλεονασμῷ"), eine Deutung, die in neuerer Zeit u. a. von Wecklein MünchAkSb 1911 : 3, 27 aufgenommen worden ist: *ἀτρύετος zu ἄτρυτος wie ἀτίετος zu ἄτιτος; von *ἀτρύετος durch Entfaltung eines γ-Lautes ἀτρύγετος; ganz willkürlich. — Dagegen nach Brandenstein PhilWoch 56, 62f. von τρύξ ‘ungegorener, trüber Wein’ vermittels eines davon abgeleiteten Verbs, also ‘nicht getrübt, rein, abgeklärt’; morphologisch nicht ganz befriedigend. — Unhaltbar Pisani Ist. Lomb. 73 : 2, 41ff. — Von diesen Deutungen scheint die als ‘unfruchtbar’ den Vorzug zu verdienen, wenngleich das formale Verhältnis zu τρυγάω noch der Aufklärung bedarf. Zur Bildung vgl. Schwyzer 502, Chantraine Formation 300; s. noch Leumann Hom. Wörter 214 A. 8. I-181-182

ἄττα 1. Vok. ‘Väterchen’ (Hom.). — Familiäres Lallwort elementarer Natur, das u. a. in mehreren indogerm. Sprachen wiederkehrt und ohne Zweifel ein gemeinsames Erbstück darstellt: lat. atta und, mit durchgeführter Flexion, heth. attaš, germ., z. B. got. atta, -ins usw.; mit suffixaler Erweiterung aksl. otьcь. Vgl. Chantraine REGr. 59-60, 244. S. auch ἄππα und W.-Hofmann s. atta. I-182

ἄττα 2. = τινὰ, ἅττα = ἅτινα. S. τίς. I-182

ἀτταγᾶς, -ᾱ (Ar., Hippon. u. a.), ἀτταγήν, -ῆνος (Arist., Thphr.), auch ἀτταγῆς, -έος (Opp.) ‘Art Rebhuhn, Tetrao francolinus’, vgl. Thompson Birds s. v. — Zur Bildungsweise Schwyzer 461 und m. 487, Chantraine Formation 31 und 167; zum Lautlichen Björck Alpha impurum 63 und 272. Deminutivum ἀτταγηνάριον (Gramm.) und, mit Anlautsverlust, ταγηνάριον (Suid., Lex. de Spir.) wie ταγήν = ἀτταγήν (Suid.); vgl. Strömberg Wortstudien 45. Eine andere Ableitung ist der Fischname ἀτταγῖνος (Dorio ap. Ath., Hs. -εινός), wohl nach der Farbe, s. Strömberg Fischnamen 120. Zur Bildung vgl. κορακῖνος, ἐρυθρῖνος usw., Schwyzer 491, Chantraine Formation 204. —Unerklärt; nach Ael. N. A. 4, 42 onomatopoetisch nach dem Geschrei. — Hesych bietet ein anklingendes ἀτταβυγάς· εἶδος ὀρνέου. I-182

ἀττάκης, -ου und ἀττακύς (LXX), ἄττακος m. (Aristeas, Ph.). m. Art Heuschrecke. — Unerklärt. Vgl. zu ἀττέλαβος. I-182

ἄττανα · τήγανα. καὶ πλακοῦς ὁ ἐπαὐτῶν σκευαζόμενος H. Deminutivum ἀττανίδες· πλακοῦντες ἔνθρυπτοι H. Andere Ableitung ἀττανίτης ‘Art Kuchen’, neben τηγανίτης (Hippon.) und ταγηνίτης (Ath.); vgl. Redard Les noms grecs en -της 87f. und Lambertz Glotta 6, 4 A. 5. — nerklärt. Nach Ernout BSL 30, 92 etruskisch. I-182

ἀττάραγος m. ‘Brosamen, Bißchen, τὸ ἐλάχιστον’ (Ath., Kall., H.). — Volkstümliches Wort ohne Etymologie. I-182

ἀττέλαβος, -εβος m. ‘kleinflügelige, eßbare Heuschrecke’ (Hdt., Eub., Arist. usw.). — Unerklärtes Fremdwort. Semitische Etymologie bei Lewy Fremdw. 17 A. 1. Vgl. noch Strömberg Wortstudien 16, der sowohl für ἀττέλαβος wie für andere Namen der Heuschrecke mit ägyptischer Herkunft rechnet. I-182

ἀττηγός m. ‘Bock’ (Magn. Mae. IIa; Eust. ad ι 222). — Nach Eust. war ἀττηγός unter gewissen Ioniern im Gebrauch; Arnobius 5, 6 bezeichnet das Wort attagus ‘hircus’ als phrygisch. I-182

ἄττομαι ‘das Gewebe anzetteln’ (Hermipp. 2). Davon ἄσμα ‘Kettenfaden’ (AB) neben gewöhnlicherem δίασμα (Kall., LXX, Nonn. u. a.) von διάζομαι = ἄττομαι (Nikophon), s. unten. — ἄττομαι steht für ἄτ-ι̯ομαι; daneben δι-άζομαι durch analogische Entgleisung nach den außerpräsentischen Tempora (Debrunner IF 21, 216). — Herkunft unsicher. Nach Bezzenberger BB 5, 313, Bechtel Lex. 130f. zu ἤτριον, s. d. Anders G. Meyer BphW 1891, 570 und Alb. Stud. 3, 24: zu alb. ent, int ‘das Gewebe anzetteln’ (dazu auch Mann Lang. 17, 21), wozu außerdem noch ai. átka- m. ‘Gewand, Mantel’ (?). I-183

ἀτύζομαι, Aor. Pass. ἀτυχθείς, spätere Epik ἀτύζω, Aor. ἀτύξαι ‘erschrecken’ (itr., bzw. tr.; ep. lyr. seit Il.). Davon ἀτυζηλός ‘schrecklich’ (A. R.). — Nicht sicher gedeutet. Benveniste Mélanges Pedersen 496ff. und Sapir Lang. 12, 175ff. vergleichen heth. ḫatugi- ‘schrecklich, furchtbar’, Mann Lang. 28, 32 alb. tus ‘erschrecken’. Ältere Erklärungsversuche, alle verfehlt, bei Bq. I-183

αὖ Adv. ‘wieder, abermals, hingegen’ (vorw. poet. seit Il.), als Präfix in αὐ-χάττειν· ἀναχωρεῖν, ἀναχάζεσθαι H. — Mit lat. au- in au-fugio usw., balt. au-, aksl. u- ‘weg, ab’ identisch, außerdem wahrscheinlich mit aind. áva ‘(her)ab’ verwandt. — Das idg. Adv. *au ‘zurück, wieder’ ist sowohl im Griechischen wie in anderen Sprachen Verbindungen mit anderen Adverbien und Partikeln eingegangen: so αὖ-τε (vgl. αὐ-τ-άρ, ὅ-τε usw.), αὖ-τι-ς, αὖ-τι-ν (vgl. αὐ-τί-κα), αὖ-θι, αὖ-θι-ς, αὖ-θε (näheres bei Schwyzer 629); vgl. aus anderen Sprachen osk. auti = lat. aut; lat. autem; sehr fraglich dagegen got. auk (= gr. αὖ γε??) ‘denn, aber, auch’ und sonstige damit identische germanische Partikeln. I-183

αὐαίνω, αὐαλέος s. αὖος. I-183

αὐαψή = αὐαντήξηραντικὴ νόσος, Dörrsucht’ (Hipp. gloss.), — Kontamination von αὖος, αὐαίνω, bzw. αὐαντή, und ἅπτω ‘angreifen, entzünden’, vgl. χορδαψός ‘Darmverschluß, Darmverschlingung’ mit den Bemerkungen Strömbergs Wortstudien 100f. I-183

αὐγή f. ‘Lichtstrahl’ (im Plur., vgl. Schwyzer-Debrunner 43), ‘Licht, Glanz’ (vorw. poet. seit Il.). Ableitungen: αὐγήεις ‘lichtäugig’ (Nik.), αὐγίτης (λίθος) N. eines Edelsteins (Plin.; vgl. Redard Les noms grecs en -της 52f.); αὐγῖτις Pflanzenname = ἀναγαλλὶς ἢ Φοινικῆ (Ps.-Dsk.; vgl. Redard 67, 70 und Strömberg Pflanzennamen 25). — Denominative Verba: 1. αὐγάζομαι, -άζω ‘klar sehen, bestrahlen, leuchten’ (poet. seit Il., LXX usw., vgl. Prévot Rev. de phil. 61, 252f.) mit den seltenen Verbalnomina αὔγασμα (LXX) und αὐγασμός (Placit.), außerdem αὐγάστειρα ‘Licht gebend’ (Orph.). 2. αὐγέω ‘leuchten’ (LXX). — Für sich steht αὖγος bei H. als Erklärung von ἠώς, wohl postverbal, und Αὐγώ f. N. eines Hundes (X.), wohl Kosename, s. Schwyzer 478, Chantraine Formation 115ff. — Wahrscheinlich altes Verbalnomen zu einem verschollenen primären Verb. Dazu zieht man alb. agój ‘tagen’, agume ‘Morgenröte, Morgen’ (Persson Beitr. 369 A. 2); in Betracht kommt auch aksl. jugъ ‘Süden, Südwind’ (Berneker IF 10, 156, Fick KZ 20, 168; anders über jugъ Berneker Etym. WB 458). I-183-184

αὐδή f. ‘(menschliche) Stimme, Laut, Rede’ (poet. seit Il.). Ableitungen: αὐδήεις ‘mit (menschlicher) Stimme begabt’ (poet. seit Il.); denominatives Verb αὐδάω, Aor. αὐδῆσαι ‘reden, sprechen, einen anreden’ (vorw. poet. seit Il.) mit der erweiterten Form αὐδάζομαι, -άζω, Aor. αὐδάξασθαι und αὐδάσασθαι ‘ausrufen’ (Hdt., Kall., Lyk. usw.). — Nebenform äol. αὔδω f. (Sapph.), Neubildung nach den Nomina auf -ώ. — Zur Bedeutung und Gebrauch von αὐδή und Ableitungen s. Fournier Les verbes "dire" 229f. — αὐδ-ή geht als Verbalnomen von einer einsilbigen Tiefstufe der Wurzel au̯ed- aus, deren Dehnstufe in ἀ(ϝ)ηδ-ών vorliegen kann und die auch in ἀείδω erscheint, wenngleich die nähere Analyse strittig bleibt. Eine andere einsilbige Wurzelvariante bildet das Hinterglied in ‘Ησί-(ϝ)οδος und findet sich noch in ϝοδόν (geschr. γοδόνγόητα und ϝοδᾶν (geschr. γ-)· κλαίειν H.; s. noch οὐδήεσσα. Dazu die Schwundstufe in ὑδέω usw. — Dieselbe einsilbige Wurzelform erscheint in aind. vádati ‘sprechen, reden’ mit der Schwundstufe ud-, z. B. im Ptz. ud-itá-, und in lit. vadinù ‘rufen, nennen’; Dehnstufe z. B. aind. vāda- m. ‘Laut, Ruf’, aksl. vada ‘calumnia’, ahd. far-wāʒan ‘verneinen’. Sehr fraglich dagegen toch. A wätk-, B watk- ‘befehlen’. — Vgl. s. ἀηδών, ἀείδω, ὑδέω, οὐδήεσσα m. Lit., außerdem WP. 1, 251f., Pok. 76f. m. Lit. I-184

αὐερύω, Aor. αὐερύσαι ‘zurückziehen’ (Hom., Pi. u. a.). — Äol. aus *ἀν-ϝερύω über *ἀϝ-ϝερύω, Bechtel Lex. s. v., Schwyzer 106 und 224 m. Lit. Weiteres s. ἐρύω. I-184

αὐθά̄δης, -ες ‘selbstgefällig, anmaßend’ (ion. att.). Davon αὐθάδεια, auch -ία (Suffixübertragung, Schwyzer 469, Chantraine Formation 88) ‘Selbstgefälligkeit, Anmaßung’ (att., hell. u. spät); αὐθαδικός (Ar.). Denominative Verba αὐθαδίζομαι (Pl., Them.) mit αὐθάδισμα (A.) und αὐθαδιάζομαι (J. usw.) ‘selbstgefällig usw. sein’. — Aus *αὐτο-ϝᾰ́δης, Zusammenbildung von αὐτός und dem Verbalstamm in ἁδ-εῖν durch Krasis in der Kompositionsfrage; ion. (kontrahierte) Nebenform αὐτώδης nach A. D. Pron. 74, 9 und H. Weiteres s. ἁνδάνω. I-184-185

αὐθέντης, -ου m. ‘Urheber, Ausführer, Selbstherr’, auch ‘Mörder’, vgl. unten (Hdt., Trag., Antipho, Thuk., Plb. usw.). Ableitungen, alle nachklass. und spät: Fem. αὐθέντρια = κυρία (Lydien; zur Bildung Chantraine Formation 106); αυθεντία ‘Machtvollkommenheit, Selbstherrschaft’ (LXX, Pap. usw.); αὐθεντικός ‘zuverlässig, richtig, authentisch’ (Pap. u. a.). Denominativa : 1. αὐθεντέω ‘Herr sein über etwas, zu etw. berechtigt sein’ (Pap., NT) mit αὐθέντημα· auctoramentum (Gloss.); 2. αὐθεντίζω trans. ‘etw. in seinem Machtbereich haben’ (BGU 103, 3). — Die Nebenform αὐτο-έντης (S. OT 107, nach den Sch. auch El. 272) ebenso wie das gleichgebildete συνέντης· συνεργός H. lassen auf ein Hinterglied *ἕντης schließen, das die Vollstufe der in ἁνύω ‘zustande bringen, vollbringen’ vorliegenden Wurzel enthalten kann; αὐθέντης wäre somit eine Zusammenbildung von αυτός und dem betreffenden Verb mittels des Suffixes -της = ‘der selbst etw. vollbringt’. Die Bedeutung ‘Mörder’ kann entweder als Euphemismus erklärt werden oder durch Assoziation mit θείνω entstanden sein, s. Fraenkel Nom. ag. 1, 237ff., wo ausführlich über Bedeutungsgeschichte und Verbreitung. — Anders Kretschmer Glotta 3, 289ff. (s. auch 4, 340) : in αὐθέντης seien zwei Wörter zusammengefallen, *αὐτο-θέντης zu θείνω (durch Haplologie) und *αὐτ-ἕντης mit unklarem Hinterglied. — Zur Geschichte von αὐθέντης im Neugr. und Türkischen s. auch Maidhof Glotta 10, 10 m. Lit. I-185

αὖθι ‘gleich hier, dort, sogleich’ (ep. seit Il.), später mit αὖθις kontaminiert ‘wieder’ (Kall., Lyk. u. a.). — Wahrscheinlich durch Haplologie aus αὐτόθι entstanden (Meillet MSL 20, 106f.). — Att. αὖθις, rhegin. αὖθιν scheinen aus einer Mischung von αὖθι und αὖτις bzw. αὖτιν hervorgegangen zu sein (Schwyzer 629). Zu den adverbiellen Endkonsonanten -ς und -ν, die letzten Endes mit alten Kasusendungen in Zusammenhang stehen, s. Schwyzer 619f. I-185

αὐίαχοι (Ν 41 φλογὶ ἶσοι ἀολλέες ἠὲ θυέλλῃ || ἄβρομοι αὐίαχοι) — äol. für *ἀ-ϝίϝαχοι mit Verschiebung der Silbengrenze (Schwyzer 224) zu ἰαχή (aus *ϝιϝαχή) und ἀ-, nach Aristarch copulativum (intensivum) ‘mit vereintem (lautem) Geschrei’; nach Apion und Hesych, weniger wahrscheinlich, privativum ‘ohne Geschrei, lautlos’; βρόμος wird öfters von Feuer, Wind und ähnlichen Begriffen gebraucht. I-185

αὐκήλως · ἕως ὑπὸ Τυρρηνῶν H. — Nach Kretschmer Glotta 14, 310 in αὐσήλως oder αὐσήλ zu ändern und zu etr. usil ‘Sonne’ = angebl. sabin. *ausel in Auselii, Aurelii zu ziehen; *ausel wird von Kretschmer Glotta 13, 111 als Kontamination von idg. *ausōs (s. ἕως) und *sāu̯el (s. ἥλιος) erklärt. Berechtigter Zweifel bei Fraenkel KZ 63, 172. I-185-186

αὖλαξ s. ἄλοξ. I-186

αὐλή f. ‘äußerer oder innerer Hof, Wohnung’ (seit Il.). — αὐλή, αὖλις sind λ-Ableitungen der in ἰαύω ‘ruhen, übernachten’ (s. d.) vorliegenden Wurzel, die auch in arm. aw-t‘ ‘Stelle des Übernachtens’ und ag-anim ‘übernachten’ vorliegt. Eine Weiterbildung des in αὐλή, αὖλις erscheinenden l-Stamms ist vielleicht toch. B aulāre, A olar ‘Genosse’ (Schneider IF 57, 199); anders v. Windekens Lexique étymologique s. v. — Ob auch ἄεσα (s. d.) hierher gehört, bleibt sehr unsicher. Ableitungen: αὔλειος ‘zum Hof gehörig’ (seit Od.), wohl nach ἕρκειος gebildet; selten und spät αὐλαῖος (LXX) mit der Substantivierung αὐλαία f. ‘Vorhang’ (Hyp., Thphr. usw.), auch αὐλεία (Andania); — αὔλιον n. ‘Landhaus, Hürde, Grotte’ (h. Merc. u. a.); Adj. αὔλιος ‘zur αὐλή bzw. zum αὔλιον gehörig’ (A. R. u. a.); αὐλία· ἔπαυλις ἢ ἡ μικρὰ αὐλή (AB 463); — αὐλικός ‘zum Hof gehörig’ (Plb., Phld. u. a.). — Deminutivum αὐλίδιον (Thphr.). — αὐλίτης (αὐλήτης H.) ‘Meier, Verwalter des Viehhofes’ (S., A. R.; vgl. Redard Les noms grecs en -της 37). — αυλ-ιάδες (νύμφαι, APl.), vgl. κρην-ιάδες u. a. Chantraine Formation 357, Schwyzer 508; anders, kaum richtig, Jüthner ’Επιτύμβιον Swoboda 113 (zu αὔλιον ‘Grotte’). — Denominatives Verb αὐλίζομαι, Aor. αὐλίσασθαι ‘im Hof liegen, im Freien übernachten, lagern’ (ion. att.) mit den seltenen und späten Verbalnomina αὔλισις (Ael.), αὐλισμός (Sm., H.), αὔλισμα (Sch.), außerdem mit dem Nomen loci αὐλιστήριον (Herm., Aq.). Neben αὐλή steht mit anderer Stammbildung αὖλις, -ιν, -ιδος f. ‘Nachtlager (im Freien)’ (poet. seit Il.). I-186

αὔληρα s. εὔληρα. I-186

αὖλις s. αὐλή. I-186

αὐλός m. ‘Röhre, röhrenartiger Körper, Flöte’ (seit Il.). Ableitungen: Deminutivum αὐλίσκος ‘Röhrchen, kleine Flöte’ (Thgn., Hp., S., Arist. usw.), αὐλίδιον (Alex. Trall.). — αὐλών m. f. ‘höhlenartige Gegend, Schlucht, Tal, Graben’ (ion. att.); zum lokalbezeichnenden (augmentativen?) ών-Suffix s. Schwyzer 488, Chantraine Formation 164, Humbert Mélanges Boisacq 2, 1ff., Petersen ClassPhil. 32, 121ff.; davon Demin. αὐλωνίσκος m. (Thphr.), αὐλων-ιάδες (νύμφαι, Opp.; vgl. αὐλ-ιάδες zu αὐλή), Αὐλωνεύς Beinanne des Dionysos (Attika), αὐλωνίζω H. — αὐλωτός ‘mit Röhre versehen’ (A.). — Denominatives Verb αὐλέω ‘(die Flöte) blasen’ (ion. att.), wovon wiederum mehrere Nomina: αὔλησις ‘Flötenspiel’ (Pl., Arist.; vgl. Holt Les noms d’action en -σις 127 A. 4), αὔλημα ‘Flötenstück’ (Pl., Ar.); αὐλητής (ion. att.) und αὐλητήρ (ion.) ‘Flötenspieler’ mit den Femininbildungen αὐλητρίς (ion. att.), Demin. αὐλητρίδιον (Theopomp. Hist. u. a.), und αὐλήτρια (D. L.); von αὐλητής das Adj. αὐλητικός ‘den Flötenspieler, bzw. das Flötenspiel, die Flöte betreffend’ (Pl., Arist. usw.; auch auf αὐλέω, αὐλός bezüglich). — Dazu die Nomina loci αὐλητήριον ON (H.) und αὐλητηρία· αὐλῶν θήκη H. — Eine Bildung für sich ist αὖλιξ (cod. αὐλίξφλέψ H.; zur Bildung vgl. besonders χόλιξ, aber auch αὐλίξαι im Sinn von δραμεῖν H., nach Baunack Philol. 70, 361 vom Ablaufen des Wassers; daneben αὐλίξαι· στασιάσαι H. von αὐλή. — Zur Bedeutung des unklaren αὐλῶπις, Beiw. des Helms (Il.), vgl. Krischen Philol. 97, 184ff., Trümpy Fachausdrücke 44. — αὐλός hat mehrere nahe Verwandte in anderen idg. Sprachen. Formal damit identisch sind lit. aũlas m. ‘Stiefelschaft’, nnorw. aul ‘der hohle Stengel der Angelica’, wahrscheinlich auch lat. alvus ‘Höhlung’ (mit Metathese; näheres bei W.-Hofmann s. v.); hierher ferner mit geringen Abweichungen in der Bildung z. B. lit. aulỹs, aksl. ulьjь m. ‘Bienenstock’ (eig. ‘hohler Baumstamm’); apr. aulis ‘Schienbein’, aulinis ‘Stiefelschaft’; aksl. ulica f. ‘Gasse’. Ob dagegen arm. , uɫi ‘Weg’ mit Pedersen KZ 39, 459 hierher gehört, ist sehr fraglich, da der Anlaut mehrdeutig ist. Falls hierher, ist ein Ablaut ū̆ anzusetzen. Beiseite bleibt jedenfalls yɫi ‘schwanger’, s. Meillet Esquisse2 48 mit Lit. und einer anderen (unsicheren) Deutung. Alter Ablaut (ēu- ?) muß ebenfalls vorliegen in awno. huann-jōli ‘der hohle Stengel der Angelica’. — Pok. 88f., WP. 1, 25f. mit weiterer Lit.; vgl. noch Güntert Reimwortbildungen 154 (αὐλός : lit. aũlas, καυλός : lit. káulas vorgr. Reimwörter). S. auch ἔναυλος. I-186-187

αὔξω, erweitert αὐξάνω (ion. att.; zum Aspekt [determinativ?] Brunel Aspect verbal 6), ἀέξω (poet. seit Il.), αὐξύνω (Aesop.), Aor. αὐξῆσαι, spät (Nonnos u. a.) ἀεξῆσαι ‘mehren, fördern; wachsen’ (zur Bedeutung s. auch Gonda Ancient-Indian ojas 77f.). Mehrere Ableitungen. Nomina actionis: αὔξησις (ion. att.), αὐξησία (personifiziert; Hdt. u. a.), αὔξημα (Hp., E.), αὔξη (Pl. u. a.), αὖξις (H., v. l. Pl. Phlb. 42d) ‘Vermehrung, Wachstum’. Nomen agentis αὐξητής m. ‘Vermehrer’ (Orph.), außerdem als Bez. der Göttin des Wachstums Αὑξώ (Paus., Poll.; zur Bildung Schwyzer 478, Chantraine Formation 115ff.). — Außerdem αὐξίς, -ίδος f. ‘das Junge des Thunfisches’ (Phryn. Kom., Arist., Nik.; vgl. Strömberg Fischnamen 127), von αὔξω oder αὔξη. — Adjektiva: αὐξητικός ‘wachsend, mehrend’ (Hp., Arist. usw.), αὔξιμος ‘ds.’ (Hp., A. u. a.; vgl. Arbenz Die Adj. auf -ιμος 50ff.), αὐξηρός (Nik.; unsicher); die beiden letzteren wohl eher von αὔξη als von αὔξω. — αὔξω und ἀ(ϝ)έξω stellen zwei miteinander ablautende Wechselformen eines und desselben Stammes dar, der seinerseits eine (ursprünglich wahrscheinlich nur präsentische) s-Erweiterung einer idg. Wurzel aug-, au̯eg- ist, die in ihrer einsilbigen Form mehrfach vorliegt: lat. augeo, germ., z. B. got. aukan ‘sich mehren’, awno. auka ‘vermehren’, lit. áugti ‘wachsen’ (dessen Stoßton die Zweisilbigkeit der Wurzel verrät). Die s-Erweiterung, die übrigens mit dem s-Stamm in lat. augus-tus, aind. ójas- n. ‘Kraft, Stärke’ in Verbindung stehen kann, erscheint in lat. auxilia n. pl. ‘Verstärkungen’, auxilium ‘Hilfe’, lit. áukštas ‘hoch’, toch. B auks-, A oks- ‘wachsen’. — Die zweisilbige Form au̯eg-s- ist in dieser Gestalt außerhalb des Griechischen nicht nachweisbar, sondern nur in der einsilbigen Variante u̯eg-s-: germ., z. B. got. wahsjan, aind. vakṣáyati ‘wachsen lassen’, aw. vaxš- ‘wachsen (lassen)’ zu belegen. Es liegt nahe, lat. vegeo als die s-lose Form davon zu betrachten, wozu dann weiter mit Dehnstufe ai. vā́ja- m. etwa ‘Kraft, Gewinn’ od. ähnl., germ., z. B. got. wokrs m. ‘Zins’, nhd. Wucher. Da aber vegeo und Verwandte, nach den mutmaßlichen altiranischen Vertretern der Sippe, z. B. ap. vazraka- ‘groß’, zu schließen, palatales enthalten, muß das als sehr zweifelhaft betrachtet werden. Anderseits begegnet eine Schwundstufe ug-s- in den aind. Ptz. Präs. úkṣant-, ukṣámāṇa- und im awest. Präsens uxšyeiti ‘wächst’; die s-lose Form endlich in aind. aw. ugrá- ‘gewaltig, stark’ mit demselben r-Stamm wie in aw. aogarə n. ‘Kraft’ neben dem s-Stamm in aw. aoǰah- = aind. ójas- n. ‘Kraft’, lat. augus-tus. — Zum Ablautwechsel vgl. besonders ἀλκ-ή : ἀλέξ-ω. — Weitere Lit. bei WP. 1, 22f. und bei Pok. 84f. I-187-188

αὖος, att. αὗος ‘dürr, trocken’ (seit Il.). Mehrere Ableitungen. Adjektivabstraktum αὐότης f. ‘Trockenheit’ (Arist.); als solches fungiert auch αὐονή (Archil., A. in lyr., Herod.), Bildung wie καλλονή, ἡδονή usw. (Schwyzer 490, Chantraine Formation 207), aber näheres Vorbild unbekannt. — Erweiterte Adjektivformen: αὐαλέος ‘dürr, trocken’ (poet. seit Hes.) nach ἀζαλέος, ἰσχαλέος u. a.; vgl. auch αὐαίνω (Schwyzer 484, Chantraine Formation 253); αὐηρός (AP), vgl. αὐστηρός unten; außerdem αυσόν· ξηρόν H. mit demselben s-Suffix wie in ρυσός, γαυσός usw. (Schwyzer 516, Chantraine 454). — Denominatives Verb: αὐαίνω, αὑαίνω (Komp. ἀπ-, ἀφ-, κατ-, καθ-αυαίνω) ‘trocken machen, dörren’; davon αὔανσις ‘das Austrocknen’ (Arist.; vgl. Holt Les noms d’action en -σις 136 A. 1), αὐασμός ‘ds.’ (Hp., AB), vgl. μαραίνω : μαρασμός und Schwyzer 493, Chantraine 141f.; außerdem αὐαντή (sc. νόσος) ‘Dörrsucht’ (Hp.), vgl. Strömberg Wortstudien 100; s. auch αὐαψή. — Das bei Hdn. belegte αὕω· ξηραίνω (außerdem ἀφαύει Ar. Eq. 394, das indessen Solmsen Unt. 277 in ἀφᾱνεῖ, von ἀ̄νέω = αἵνω, ändern will) sieht wie ein primäres Verb aus, ist aber wahrscheinlich sekundär nach einem uralten denominativen Bildungstypus (Schwyzer 723) neben αὗος entstanden. — Davon αὖσις (EM). — Neben αὖος aus idg. *saũsos (vgl. unten) stehen zwei bedeutungsverwandte Adjektive: αὐσταλέος ‘struppig, schmutzig’ (ep. seit Od.; vgl. αὐαλέος usw. oben und Bechtel Lex. s. v.) und αὐστηρός ‘herb, streng’ (Hp., Pl. usw.) mit αὐστηρία, αὐστηρότης, die von einem mit -τ- gebildeten Nomen (*αὖστος n.? Schwyzer 482 A. 14) auszugehen scheinen; zu beachten immerhin das synonyme καύστ-ειρα. — αὖος, αὗος geht über hαῦος (Dissimilation) bzw. über *αὖhος (Dissimilation und Hauchversetzung, vgl. Schwyzer 220 oben) auf *hαῦhος zurück und ist mit lit. saũsas, aksl. suchъ, ags. sēar, mnd. sōr ‘trocken’ identisch: idg. *saũsos ‘trocken’. Dagegen ist aind. śoṣa- (aus *soṣa- assimiliert) m. ‘das Austrocknen’, auch Adj. ‘trocken machend’, obwohl damit formal identisch, sowohl wegen der abweichenden Bedeutung wie wegen des späten Auftretens als ein neugebildetes Verbalnomen zu śúṣyati (s. unten) zu betrachten. Hierher noch alb. ϑań ‘trocknen’, denominativ aus *sausniō (vgl. das davon unabhängige αὐαίνω). — Neben idg. saus- steht, damit ablautend, sus- in aind. śúṣ-ka- (aus *suṣ-ka-, vgl. oben) = aw. huška-, apers. uška- ‘trocken’, wahrscheinlich auch in lat. sūdus ‘trocken, sonnig’ aus *suz-do- (anders WP. 2, 520). Derselbe Ablaut auch in mehreren Verbalformen, z. B. aind. śúṣ-yati, lett. sust ‘trocken werden’. Weiteres bei WP. 2, 447f., W.-Hofmann s. sūdus m. Lit. — S. auch αὐχμός. I-188-189

αὔρα s. ἀήρ. I-189

αὐρι · ταχέως (AB 464). Als Vorderglied in αὐρι-βά-τᾱς ‘schnellschreitend’ (A. Fr. 280), Zusammenbildung von αὖρι βαίνειν (βῆναι) mit dem Suffix -της. — Etymologie unbekannt. Vgl. αὐροί. I-189

αὔριον Adv. ‘morgen’ (seit Il.). Davon αὐρίζειν· τὸ εἰς αὔριον ὑπερτίθεσθαι (H., EM), αὐρινός Adj. ‘morgend’ (Gloss.). — Erweiterung (nach σήμερον?) aus *αὖρι, einem erstarrten Lokativ eines r-Stammes, der auch als Hinterglied in der Zusammenbildung ἄγχ-αυ-ρος (νύξ) ‘dem Morgen nahe’ (A. R. 4, 111) vorliegen könnte. Diese einmalige Form erklärt sich aber unschwer als eine leichte Modifikation von *ἀγχ-αύριος, Hypostase des Ausdrucks ἄγχι τῆς αὔριον. — Sein nächstes Gegenstück hat αὔριον aus *αὔσρι-ον (vgl. Schwyzer 282 und 349) in lit. aušr- ‘Morgenröte’, das ebenfalls auf ein idg. Nomen *ausr- zurückgeht. Daneben mit anderem Ablaut aind. usr-- ‘morgendlich’. Weiteres s. ἕως; vgl. auch ἠϊκανός. I-189-190

αὐροί · λαγοὶ [ἴσαυροι] H. — Vielleicht zu αὖρι· ταχέως H. — Nach Keil Herm. 23, 317 und Latte Glotta 32, 41f. ist ἁυροί (= ἁβροίλάγ<ν>οι zu lesen. Nach Pisani Rend. Acc. Lincei 6 : 8, 342f. (mit Kritik anderer Ansichten) ligurisch; sehr hypothetisch. S. auch Lagercrantz Symb. phil. Danielsson 146f. (mit unhaltbaren textkritischen Schlüssen). I-190

αὐροσχάς, -άδος f. N. einer Weinsorte (Parth.), auch = τὸ κατὰ βότρυν κλῆμα (Eratosth.). Ableitung auf -άς (vgl. ὀρχάς, κοτινάς und andere Pflanzennamen auf -άς bei Chantraine 353) von einem *αὔρ-οσχος, — Bahuvrihikompositum mit ὄσχος, ὄσχη ‘junger Zweig der Weinrebe mit Trauben’ als Hinterglied? Das Vorderglied ist freilich unklar. Vgl. ἀρασχάδες und Strömberg Wortstudien 53. I-190

αὔσιος s. αὐτός. I-190

αὐσταλέος, αὐστηρός s. αὖος. I-190

αὐτάρ ‘aber, hinwieder’ (ep. kypr.), αὖτε ‘abermals, wiederum’ (poet. seit Il.). S. αὖ und ἀτάρ. I-190

ἀϋτέω, ἀϋτή s. 1. αὔω ‘schreien, rufen’. I-190

αὐτίκα Adv. ‘auf der Stelle, sogleich’ (seit Il.). — Zeigt denselben Ausgang wie τηνίκα, ἡνίκα, πόκα, ὅκα usw.; zum Anfang vgl. αὖ, αὖτι-ν, auch αὐτός. Im einzelnen unklar, vgl. Schwyzer 629 Zus. 1 m. Lit. I-190

ἀϋτμή ‘Atem, Hauch, Dunst’ (Hom., Q. S., Opp.). Daneben ἀϋτμήν, -ένος m. (Ψ 765, γ 289). f. — Erinnert nach Form und Bedeutung stark an ἄετμα· φλόξ, ἀετμόν· τὸ πνεῦμα H., die einerseits schwerlich von ἀτμός (s. d.) getrennt werden können, anderseits mit ἄημι verwandt zu sein scheinen. Aber die Einzelheiten bedürfen noch der Aufklärung; unbefriedigend Solmsen Unt. 271 und Schwyzer 493. I-190

αὐτόδιον Adv. oder Adj. im Akk. (θ 449) unklarer Bedeutung, wahrscheinlich ‘auf der Stelle, sogleich’. — Nach einer antiken Deutung = ἐξ αὐτῆς τῆς ὁδοῦ ἐλθόντα, nach Schulze KZ 29, 258 aus *αὐτό-διϝον mit Hinweis auf αὐτ-ῆμαρ ‘am selben Tage’ und auf aind. sa-dívaḥ ‘sogleich’; also zu lat. dies und zu Ζεύς, s. d. Geistreich, aber unsicher; vgl. auch Sommer Nominalkomp. 75 A. 5. I-190

αὐτοκράτωρ, -ορος m. f. ‘Selbstherrscher, mit unumschränkter Gewalt versehen’ = lat. imperator (att. hell.; vgl. Fraenkel KZ 42, 116ff.). Davon die in der Kaiserzeit gebildeten αὐτοκρατορία, αὐτοκρατορικός, αὐτοκρατορεύω usw., zur Wiedergabe der entsprechenden lat. Begriffe imperium, imperatorius, imperare usw. Fem. αὐτοκράτειρα (Orph.). — Statt αὐτοκρατής (zu κράτος, κρατέω) nach den Nomina agentis auf -τωρ umgebildet; Schwyzer 531 A. 11 (mit Lit.). I-190-191

αὐτόματος, (-η), -ον ‘aus eigenem Antrieb, von selbst geschehend’ (seit Il.). Abstraktbildung: αὐτοματία N. der Glücks- und Zufallsgöttin (Plu.); denominatives Verb: αὐτοματίζω ‘eigenmächtig handeln’, Med. ‘von selbst geschehen’ (Hp., Xen. usw.) mit αὐτοματισμός ‘was ohne menschliches Zutun geschieht, Zufall’ (Hp., Alkid., D. H. usw.); außerdem αὐτοματεῖν H. als Erklärung von αὐτοφαρίζειν. — Alte Zusammenbildung von αὐτός und der Schwundstufe der in μέ-μον-α, μέ-μα-μεν, μένος (s. dd.) vorliegenden Wurzel mittels des Suffixes -τος. Phonetisch stimmt -ματος zum Hinterglied in lat. com-mentus und zu den selbständigen Partizipien ai. matá-, lit. miñtas ‘gedacht’ usw. Zum Bildungstypus s. Chantraine Formation 303f., Schwyzer 502f. m. Lit. I-191

αὐτός ‘selbst’ (seit Il.), in den obl. Kasus auch als anaphorisches Pronomen der 3. Person gebraucht. (ὁ) αὐτός ‘derselbe, der nämliche’ Ableitungen: αὐτίτης (sc. οἶνος) Bed. strittig, s. Redard Les noms grecs en -της 96, auch ‘alleinig’ (Arist.); αὐτότης f. ‘Identität’ (S. E.); — ταὐτότης f. ‘ds.’ (Arist. u. a.); denominative Verba ταὐτόομαι ‘identifiziert werden’ (Dam., Prokl.), ταὐτίζω ‘als Synonyme benutzen’ (Prokl., Eust.). — Sehr zahlreiche Komposita, worüber Vintschger Die αὐτο-Komposita sprachwissenschaftl. klassifiziert. Progr. Gmunden 1899; vgl. noch die Ausführungen bei Sommer Nominalkomp. 83ff., 153ff. — αὔτως Adv. (mit oppositivem Akzent, vgl. οὑτῶς neben οὗτος usw.; Schwyzer 384) ‘gerade so, für sich allein, lediglich usw.’ mit verschiedenen modalen Sinnfärbungen. Teilweise können diese in einer älteren konkreten Bedeutung von αὐτός wurzeln, die bei seiner Grammatikalisierung verlorenging, aber auch in der Ableitung αὔσιος ‘eitel, vergeblich’ (Ibykos) erhalten blieb. Ein zwingender Grund, wegen gewisser Homerstellen ein besonderes αὔτως ‘eitel, nichtig’ neben αὔτως ‘gerade so, für sich allein’ (zu αὐτός) anzunehmen (Doederlein, Froehde, s. Bechtel Lex., ebenso Schwyzer 614), scheint nicht vorzuliegen. — Da die grammatische Bedeutung ‘selbst’ jedenfalls aus einem älteren konkreten Gebrauch hervorgewachsen ist, dieser aber unbekannt bleibt, haben alle etymologischen Versuche einen sehr beschränkten Wert, vgl. die Lit. bei Bq und bei Schwyzer 613f. So könnte an und für sich das von Froehde BB 20, 193ff. für αὔτως ‘eitel, nichtig’ zum Vergleich herangezogene germanische Adjektiv, got. auþs, auþeis, nhd. öde usw., auch für αὐτός in Betracht kommen. — Vgl. Mezger Word 2, 229. I-191-192

αὐχέω ‘sich rühmen, prahlen’ (Hdt., A. usw., vorw. poet.). Verbalnomina: αὔχημα ‘Prahlerei, Zierde’ (Pi., S., Th. usw.) mit αὐχηματίας ‘Prahler’ (Sch., Eust.) und αὐχηματικός (Eust.); αὔχησις ‘ds.’ (Th., Aq.); retrograde Bildungen 1. αὔχη ‘ds.’ (Pi.; αὐχάν· καύχησιν H.; verfehlt Güntert Reimwortbildungen 153f.) mit αὐχήεις (Opp., AP), falls nicht vielmehr direkt von αὐχέω; 2. αὖχος ‘ds.’ (Sch.). Andere Ableitungen: αὐχαλέος ‘ruhmredig, stolz’ (Xenoph., H., vgl. besonders θαρσαλέος zu θάρσος, θαρσεῖν), αὐχητής m. (Poll.), αὐχητικός (Sch.). — Zusammensetzung (mit verbalem Hinterglied) κενε-αυχής ‘eitel prahlend’ (Il. usw.). — Unerklärt. εὔχομαι, εὐχή lassen sich lautlich damit nicht verknüpfen. I-192

αὐχήν, -ένος m. ‘Nacken, Hals’, auch übertragen von einer Land- oder Meerzunge usw. (seit Il.). Ableitungen: αὐχένιος ‘zum Nacken gehörig’ (Od. usw.); Demin. αὐχένιον (An. Ox., Eust.), αὐχενίας m. ‘mit Stiernacken versehen’ (Gloss.). — Denominatives Verb αὐχενίζω ‘den Hals abschneiden’ (S.), ‘am Hals greifen od. binden’ (Ph., Hippiatr.) mit αὐχενιστήρ m. (Lyk., Hippiatr.). — Neben αὐχήν steht äol. ἄμφην (Theok.), außerdem noch αὔφην bei Jo. Gramm. Comp. 3, 16, das aber sehr zweifelhaft ist, vgl. Solmsen Wortforsch. 118 A. 2. Das gegenseitige Verhältnis dieser Formen zueinander bleibt unklar. Daß sie ursprünglich zusammengehören, ist nicht zu bezweifeln; vielleicht sind sie sogar im Grunde identisch. Schwyzer 296 setzt für ἄμφην (nach Schulze GGA 1897, 909 A. 1; vgl. auch Solmsen Wortforsch. 118 m. A. 1) eine Grundform *ἀγχϝ-ήν, zu aind. aṃhú- ‘eng’ usw. (s. ἄγχω), an, die durch Vorwegnahme des Labials auch αὐχήν ergeben hätte; vgl. noch Pisani Ricerche Linguistiche 1, 182ff. Aus dem Armenischen gehört jedenfalls hierher awji-k‘ (Pl.) ‘Hals’, s. Adontz Mélanges Boisacq 1, 10 m. A. 2. I-192

αὐχμός m. ‘Trockenheit, Dürre, Schmutz’ (ion. att.). Ableitungen: αὐχμηρός ‘trocken, schmutzig’ (ion. att.; zur Bildung Chantraine Formation 232f.) mit den seltenen αὐχμηρότης, αὐχμηρία, αὐχμηρώδης; αὐχμώδης ‘ds.’ (Hdt., E., Arist. usw.); dazu die einmaligen oder sehr seltenen αὐχμήεις (h. Hom. 19, 6; vgl. Schwyzer 527, Chantraine 272f.) und αὐχμαλέος (Choeril., Amynt.; nach ἀζαλέος u. a.; Chantraine 253f.). — Denominatives Verb αὐχμέω, auch αὐχμάω, ‘trocken, schmutzig sein’ (ion. att. seit Od.). — αὔχμωσις ‘Schmutz’ ([Gal.] 16, 88), eher aus αὐχμός erweitert (vgl. Chantraine 279) als von einem unbelegten *αὐχμόομαι abgeleitet. — Eine späte Nebenform ist αὐχμή f. (Q. S., Phryn.). — Zu αὖος (Curtius usw.) mit einem suffixalen Element -χμ-, über dessen Entstehung und weitere Beziehungen allerlei unsichere Vermutungen vorgebracht worden sind, s. WP. 2, 447f., Schwyzer 493 A. 4 m. Lit. I-192-193

αὔω 1. (nur Ipf. αὖε), Aor. ἀῧσαι, Fut. ἀΰσω ‘laut schreien, rufen’ (poet. seit Il.). Davon ἀϋτή ‘Geschrei, lautes Rufen’ (vgl. Trümpy Fachausdrücke 153ff.), woneben ἀϋτέω = αὔω (beide poet. seit Il.); ἀϋτέω, das bis auf das späte ἠΰτησα (Nonn., Epigr. Gr.) nur im Präsensstamm vorkommt, kann sowohl denominativ von ἀϋτή wie deverbativ von αὔω sein (Schwyzer 705f.). — αὐονή ‘Geschrei’ (Semon. 7, 20; vgl. Marg Charakter 17). — Die expressive Bedeutung von αὔω usw. läßt onomatopoetischen Ursprung vermuten. Entfernter Zusammenhang mit ἰυγή, ἰύζω (s. d.) ist wohl nicht ausgeschlossen; im übrigen dunkel. Hypothesen sind notiert bei WP. 1, 210, Bq s. ἀυτέω. — Specht KZ 59, 121 trennt αὖε von ἀῧσαι, ἀϋτή usw. und zieht es zu αὐδή, ἀείδω, ἄβα· τροχὸς ἢ βοή H.; s. dd. I-193

αὔω 2. ‘Feuer holen’ (ε 490, Med. Arat. 1035). Mehrere Komposita, vor allem ἐν-αύω ‘anzünden’, Med. ‘Feuer holen’, auch übertr. (ion. att.) mit ἔναυσμα ‘Funke’ usw. (hell. u. spät) und ἔναυσις (Plu. Kim. 10; auch vom Wasserholen); — ἐξ-αῦσαι· ἐξελεῖν (H., auch Pl. Kom.) mit ἐξαυστήρ ‘Feuerzange, κρεάγρα’ (A., Inschr., Poll. usw.); — κατ-αῦσαι· καταντλῆσαι (cod. καταυλῆσαι), καταδῦσαι H.; vgl. noch καθαῦσαι· ἀφανίσαι H.; unsicher καταύσεις (Alkm. 95); — προσαύω ‘anbrennen’ (S. Ant. 619, lyr.). — Außerdem πυραύστης m. "Feuerholer", ‘Lichtmotte’ (A., Arist., Ael.), πυραύστρα f. ‘Feuerzange’ (Attika), πύραυστρον n. ‘ds.’ (Herod., cod. πύραστρον), alles Zusammenbildungen aus πῦρ αὔειν. — Dazu mit analogisch geschwundenem σ γοιν-αῦτις· οἰνοχόη H. — Falls, wie wahrscheinlich, die Beziehung auf das Feuer sekundär ist, kann αὔω aus *αὔσω bzw. *αὔσι̯ω mit ano. ausa bzw. lat. hauriō (mit sekundärem h-) identisch sein. Der Vergleich mit lit. sáuja ‘Handvoll als Maß’ (Schulze Kl. Schr. 191) könnte auf Zusammenfall von zwei verschiedenen Verba hindeuten. Zur Sache s. besonders Schulze a. a. O.; ältere Lit. bei WP. 1, 27f. Vgl. W.-Hofmann s. hauriō. — Vgl. auch ἀφύσσω. I-193

αὔω 3. = ἰαύω (Nik. Th. 263, 283), s. d. I-193

αὕω 4. · ξηραίνω (Hdn.) s. αὖος. I-193

ἀφαδία ‘Mißfallen, Feindschaft’ (Eup. 34). - Daneben ἄφαδος ‘verhaßt, verfeindet’ (EM) und ἀφάδιος ‘ds.’ (Hdn.). f. — Ableitungen von ἀφανδάνω, ἀφαδεῖν (Od. usw.), s. ἁνδάνω. I-194

ἀφάκη auch ἄφακος (Schwyzer-Debrunner 30) f., ‘Wicke, Vicia angustifolia’ (Pherekr., Arist. usw.). — Von Dsk. und Gal. nach Aussehen und Gebrauch mit φακός ‘Linse’ verglichen. Das anlautende ἀ- sucht Strömberg Wortstudien 46f. als privativ-pejorativ zu deuten; auch Haplologie aus *ἀπο-φάκη (vgl. ἀπό-λινον, ἀπό-μελι usw.) könnte in Betracht kommen (Frisk Subst. priv. 20). Die Stammbildung bereitet gewisse Schwierigkeiten, die Strömberg zu beseitigen versucht. — Anders Prellwitz und Lewy, s. Strömberg a. a. O. Vgl. auch Winter Prothet. Vokal 13. I-194

ἀφαμιῶται m. pl. Bez. der Sklaven in Kreta (Str., Ath.). — Eig. ‘Leute die im Zustande der ἀφαμία (= ἀφημία) leben, von denen es keine φήμη gibt’, Bechtel Gött. Nachr. 1920, 252f.; s. noch Redard Les noms grecs en -της 9, 29. Vgl. ἀφημοῦντας· ἀγροίκους H. I-194

ἄφαρ Adv. ‘sofort, sogleich’ (ep. lyr. seit Il.). Davon ἀφάρτερος komp. Adj. (Ψ 311) ‘schneller’; ἀφαρεί· ταχέως καὶ ἀκόπως (EM, H., Suid.). — Nicht sicher erklärt. Wahrscheinlich mit ἄφνω verwandt; vielleicht urspr. neutraler r-n-Stamm. Vgl. Schwyzer 519, 624 A. 5. I-194

ἀφάρκη f. N. eines immergrünen Baumes, ‘Arbutus hybrida’ (Thphr.). — Nicht sicher erklärt. Nach Strömberg Wortstudien 27ff. als "Netzpflanze" zu ἄρκυς, ἀρκάνη, wobei ἀπο- eine Relation ausdrücken soll; vgl. die ähnlichen Bildungen ἀπό-λινον, ἀπό-μελι, in denen indessen ἀπο- ehestens privativ-pejorativ ist (dagegen in ἀπό-σπληνος ‘Rosmarin’ privativ-aufhebend: ‘gegen Milz(leiden) schützend’, vgl. ἀπό-κυνον). Die Aspirierung ἀφ- erklärt sich nach S. durch die aspirierte Form ἅρκυς (Et. Gen., Paus. Gr.). — Alles sehr unsicher. — Über das mit ἀφάρκη irgendwie (über *ἀφαρκίς, *ἀφαρκιδεύω?) in Verbindung stehende ἀφαρκίδευτον· ἀγρευτόν, ἀθυσίαστον H. s. Strömberg a. a. O. I-194

ἀφάσσω, ἀφάω, s. ἅπτω. I-194

ἀφαυρός ‘schwach, ohnmächtig, kraftlos’ (ep. ion. poet. seit Il.). Davon ἀφαυρότης f. (Anaxag.). Denominatives Verb ἀφαυροῦται (Erot., v. l. ἀμαυροῦται) als Erklärung von ἀμαλδύνεται. — Unklar. Wahrscheinlich aus ἀμαυρός und einem bedeutungsähnlichen Wort (φαῦλος, φλαῦρος?) kontaminiert. Risch 64 denkt fragend an πιφαύσκω, φάος. Ältere Versuche bei Bq. I-194

ἀφελής, -ές ‘einfach, schmucklos’ (ion. att.). Ableitungen: αφέλεια, -είη f. (Hp., Antiph. usw.); spät ἀφελότης f. (Act. Ap., Vett. Val.), vgl. Chantraine Formation 298. — Nicht sicher erklärt. Nach Persson Beitr. 2, 797 A. 3 eig. "ohne Unebenheit", von α privativum und *φέλος n., das u. a. auch in φελλεύς ‘unebener, steiniger Boden’ (s. d.) vorliegen soll. Ebenso Pisani Ist. Lomb. 73, 494. I-194-195

ἄφενος (auch m., wohl nach πλοῦτος, vgl. Fehrle Phil Woch. 46, 700f). n. ‘Reichtum, Vermögen’ (ep. poet. seit Il.). Davon (mit Vokalsynkope und auffallender Endbetonung) ἀφνειός, ἀφνεός ‘reich, begütert’ (poet. seit Il.; über Gebrauch und Bedeutung Hemelrijk Πενία en Πλοῦτος. Diss. Utrecht 1925). Daraus durch Rückbildung ἄφνος n. (Pi. Fr. 219). — Erweiterte Form ἀφνήμων (Antim.) nach πολυκτήμων und anderen Adj. auf -ήμων. — Als Hinterglied in den EN Δι-, Κλε-, Τιμ-αφένης. — Denominatives Verb ἀφνύει, ἀφνύνει· ὀλβίζει H.; ῥυδὸν ἀφνύνονται· πλουτοῦσιν Suid. (vgl. Schwyzer 728). — Unerklärt. Die Zusammenstellung mit ai. ápnas- n. ‘Besitz, Reichtum’ (Bréal MSL 13, 382f.; vgl. s. ὄμπνη) ist u. a. von Pisani Ist. Lomb. 73, 515 wieder aufgenommen worden unter Annahme einer Grundform *apsnos- (> ἄφνος), die die offenbar ältere Form ἄφενος nicht berücksichtigt. — Ältere Versuche bei Bq und WP. 1, 679. "Pelasgische" Erklärung bei van Windekens Le Pélasgique 74f. I-195

ἀφήτωρ, -ορος m. Epithet des Apollon (Ι 404), von ἀφίημι, s. Fraenkel Nom. ag. 1, 14f., 42, somit eig. "Entsender", aber nähere Bedeutung unklar. — Die antike Erklärung als ‘Bogenschütze’ ist von Kraus WienAkAnz. 87, 516ff. in Zweifel gezogen worden; nach ihm vielmehr "Aussender" = ‘der Gott, dem man vor der Ausfahrt opfert’ (?). — Nach Eustathios und den Scholl. (alternativ) = ‘Prophet’ (Eust. ὁμοφήτωρ), also aus α copulativum und φημί, eine unrichtige Deutung, die auch bei H. ἀφητορεία· μαντεία erscheint. I-195

ἄφθα, ἄφθαι f. gew. im Plur. Art Kinderkrankheit, ‘Mundschwamm’. Davon ἀφθώδης und ἀφθάω (Hp.) mit ἄφθησις (Hippiatr.). — Unklar; vielleicht zu ἅπτω. I-195

ἀφία f. ‘Feigwurz, Ranunculus ficaria’ (Thphr. HP 7, 7, 3). — Unerklärt. Die volksetymokogische Anknüpfung an ἀφιέναι (τὸ ἄνθος) bei Thphr. sucht Thiselton-Dyer JournofPhil. 33, 206f. mit zweifelhaftem Erfolg semantisch zu begründen. Eher LW. I-195

ἀφίας · βωμός H. — Wertloser Deutungsversuch von E. Maaß Arch. f. Religionswiss. 23, 228. I-195

ἄφλαστον n. ‘der Ausläufer des Schiffshecks, der Knauf am Schiffshinterteile’ (Ο 717, Hdt. 6, 114 u. a.) — Nach Diels KZ 47, 209f. (m. Lit.) und Bechtel Dial. 3, 285 eig. "das was die Zertrümmerung verhütet oder verhüten soll", von α privativum und φλάω ‘zertrümmern’, was unzweifelhaft wie eine Volksetymologie klingt. Wohl eher mit Hermann Gött. Nachr. 1943, 1f. vorgriechisch. Verfehlt Winter Prothet. Vokal 16. — Daraus lat. aplustra, -ōrum. I-195-196

ἀφλοισμός m. ‘Schaum, Geifer’ (Ο 607). — Verbalnomen auf -σμός zu ἔφλιδεν· διέρρεεν, διαπέφλοιδεν· διακέχυται, πεφλοιδέναι· φλυκταινοῦσθαι H. usw., s. φλιδάω. Anlaut. ἀ- ist als copulativ (intensiv) zu erklären, sofern man nicht vorzieht, Kontamination mit dem synonymen ἀφρός anzunehmen. I-196

ἄφνω Adv. ‘jählings, plötzlich’ (A., E., Eup., Th., D. usw.), selten und spät ἄφνως (Epigr. Gr. 468; vgl. Schwyzer 405, 624 A. 5). — Wahrscheinlich mit ἄφαρ verwandt (s. d.) und wie dieses aus einer erstarrten Kasusform eines nominalen r-n-Stammes hervorgegangen (Schwyzer 520). Dazu zwei Nebenformen bei H.: ἀφνός· ἐξαίφνης und ἀφνίδια· ἀφνίδαν, ἄφνω; letzteres aus αἰφνίδιος kontaminiert, vgl. αἴφνης. — Ältere Deutungen bei Bq. I-196

ἀφόρδιον n. ‘Exkremente’ (γαστρός, Nik.). — Aus *ἀφόδιον (von ἄφοδος ‘Exkremente’) euphemistisch (nach φόρος) oder drastisch (nach πορδή) verdreht? I-196

ἄφρα f. ‘Art Pflaster’ (Aët. 15, 14). — Ohne Etymologie. I-196

ἄφρισσα f. Pflanzenname = ἀσκληπιάς, d. h. ‘Feigwurz’ (Apul. Herb. 15). — Unerklärt. Ob Bildung auf -ισσα zu ἀφρός? I-196

Αφροδίτη f. die Göttin der Liebe (seit Il.). Davon die Deminutiva ’Αφροδιτάριον N. einer Augensalbe (Gal.), ’Αφροδιταρίδιον ‘Liebling’ (Pl. Kom.). Ferner das Adj. ’Αφροδίσιος ‘zu A. gehörig’ (ion. att.) mit den substantivierten ’Αφροδίσιον ‘A.-tempel’, ἀφροδίσια n. pl. ‘Liebesgenuß usw.’; zum letzteren das Adj. ἀφροδισιακός und das Denominativ ἀφροδισιάζω ‘der Liebe genießen’ (ion. att.), wovon ἀφροδισιασμός, ἀφροδισιαστής ‘Wollüstling’, ἀφροδισιαστικός; dagegen ’Αφροδισιασταί N. der Aphroditeverehrer (Rhodos) von’Αφροδίτη, vgl. ’Απολλωνιασταί, s. Απόλλων. — Herkunft unbekannt. Unhaltbare Erklärungen aus dem Griechischen (Kretschmer KZ 33, 267), bzw. aus dem Indogermanischen (E. Maaß N. Jb. f. d. klass. Altertum 27, 457ff.; dazu die Kritik Kretschmers Glotta 6, 305f.). — Da die Göttin selbst aus dem Orient oder dem östlichen Mittelmeergebiet stammt, ist ihr Name zweifelsohne vorgriechisch. Der semantisch naheliegende Vergleich mit der semitischen Göttin der Fruchtbarkeit Aštoret, Astarte (Hommel N. Jb. f. klass. Philol. 125 [1882], 176), die von Grimme Glotta 14, 18 wieder aufgenommen worden ist (allerdings mit der wenig überzeugenden Annahme, die Göttin sei durch hethitische Vermittlung zu den Griechen gekommen), muß in sprachlicher Hinsicht immer als möglich gelten, da bei diesem Namen mit starker volksetymologischer Angleichung zu rechnen ist. — Abzulehnen Hammarström Glotta 11, 21 5f.: ’Αφροδίτη eig. ‘Herrin, Vorsteherin, Fürstin’, vorgriechisch zu dem ebenfalls vorgr. πρύτανις, etr. (e)prϑni. — Ausführlich über Aphrodite Nilsson Gr. Rel. 1, 489ff. I-196-197

ἀφρός m. ‘Schaum, Geifer’ (seit Il., vorw. poet.). Ableitungen: ἀφρώδης ‘schäumend’ (Hp. usw.), ἀφριόεις ‘ds.’ (Nik. u. a.; metrisch bedingt, s. Chantraine Formation 272). ἀφρῖτις, -ιδος f. ‘Art ἀφύη’ (Arist. usw., s. Redard Les noms grecs en -της 81 m. Lit.). Mehrere Denominativa : 1. ἀφρέω ‘schäumen’ (Il., Hp.); 2. ἀφρίζω ‘ds.’ (ion. att.) mit ἀφρισμός (Mediz.) und ἀφριστής m. (AP, codd. falsch ἀφρηστής; Sch.); 3. ἀφριάω ‘ds.’ (Opp.; zur Bildung Schwyzer 732); 4. ἀφρόομαι ‘ds.’ (Theol. Ar.). — Auch ἀφρίους· ἀθέρας H. ist gewiß hierherzuziehen. — Nicht sicher erklärt. Die Zusammenstellung mit dem reduplizierten arm. prpur ‘Schaum’ (Meillet BSL 31, 51f., wozu weiterhin, sehr zweifelhaft, σπείρω usw.), wobei ἀ- prothetisch wäre, ist verlockend, aber nicht strikt zu beweisen. — Die alte Gleichung mit aind. abhrá- n. ‘Wolke’, ὄμβρος usw. (s. Bq) ist wegen der abweichenden Bedeutung aufzugeben. I-197

ἀφύη f. ‘Fischbrut, kleine Fische verschiedener Art’ (Epich., Ar. usw.; im Att. nur im Plur. nach H. s. ἀφύων τιμή; zum Sachlichen ausführlich Thompson Fishes s. v.). Ableitungen: Demin. ἀφύδιον (Ar.; zum Lautlichen Schwyzer 199); ἀφυώδης ‘weißlich’ (Hp.). Denominatives Verb ἀφύω ‘weißlich, bleich werden’ (Hp.), wahrscheinlich retrograde Ableitung aus ἀφυώδης nach δάκνω : δακνώδης u. a. (Chantraine Formation 431). — Unerklärt. Die Zurückführung auf α privativum und φύω (woraus die Mittelmeerbez. nonnats) ist wohl als Volksetymologie zu verstehen. Unrichtig Bechtel Dial. 3, 285: ἀφύη nach der Farbe benannt, vgl. ἀφυώδης und ἀφύω (die ja im Gegenteil aus ἀφύη stammen). Noch andere Versuche bei Bq. I-197

ἀφυσγετός m. Bed. unsicher, ‘Schlamm’? (Λ 495, Opp.), von Nik. adjektivisch gebraucht als Epithet der Wassersucht und des Nektars (Al. 342 bzw. 584; auf ἀφύσσω bezogen). — Bildung wie συρφετός usw. (Schwyzer 501, Chantraine Formation 300); sonst dunkel. I-197

ἀφύσσω, woneben ἀφύω in ἐξ-αφύοντες (ξ 95), ἐξαφύουσιν· ἐξαντλήσουσιν H., Aor. ἀφύσ(σ)αι, Fut. ἀφύξω ‘schöpfen’ (ep. poet.). Davon einige spärlich belegte Ableitungen: ἀφυσμός (Suid.) und ἀφύσιμος (Sch.), auch ἀφύξιμος (Nik.; vgl. den Gutturalstamm des Fut.). Vom Präsensstamm ἄφυσσαν· τὴν κοτύλην <παρὰ> Ταραντίνοις H. Unsicher ἀφύστα· κοτύλη, στάμνος H. und ἀφυτρίς (cod. ἀφύτριςἀρύταινα (cod. ἅρπαινα) H. — Unerklärt. Unglaubhafte Deutungsversuche bei Bezzenberger BB 27, 151 (zu lat. imbuo) und Oehler (s. Schulze Q. 311: ἀφ + υσ-, Schwundstufe von αὐσ- in 2. αὔω ‘Feuer holen’). Das Präsens ἀφύσσω ist wahrscheinlich vom Aorist aus gebildet (Schwyzer 717 m. Lit.), ebenso ἀφύω (Debrunner Mus. Helv. 2, 199). I-197-198

Αχαιμένης, -εος, -ους m. Ahnherr des ältesten persischen Königshauses (Hdt. usw.) = apers. Haxāmaniš. Davon ’Αχαιμενίδαι pl. Nachkommen des ’Α., vornehmer persischer Clan, aus dem die persischen Könige hervorgingen (Hdt. usw.); ’Αχαιμένιος ‘persisch, Perser’ (A. Pl. usw.); ’Αχαιμενία ein Teil Persiens (St. Byz.); ’Αχαιμενῖτις f. Beiname Babylons (Epiphan.), vgl. Redard Les noms grecs en -της 188. — ἀχαιμενίς, -ίδος f. Pflanzenname (Ps.-Dsk., Plin.); zum Namenstypus Strömberg Pflanzennamen 134ff. — Gr. -αι- in ’Αχαι-μένης gegenüber -- in apers. Haxā-maniš ist wahrscheinlich von Ταλαι-μένης, Πυλαι-μένης usw. eingedrungen (vgl. Schwyzer 448 m. Lit.). Anders Jacobsohn KZ 54, 261f.: -αι- von der Stammform haxāi- = aind. sakhāy- (?); dazu Kretschmer Glotta 18, 226. I-198

ἀχαίνη f. ‘Art Brot, das von den Weibern an den Thesmophorien gebacken wurde’ (Semus 13). — Ohne Etymologie. I-198

ἀχαΐνης ‘Hirsch im zweiten Lebensjahre, Spießer’; ἀχαΐνη f., auch ἀχαιΐνη ‘Reh’ (Arist., Babr. u. a.). m. Ableitung ἀχαιινέη f. ‘Hirsch- od. Rehfell’ (A. R., Opp.). — Unerklärt. I-198

Αχαιοί pl. m. N. eines griechischen Stammes, ‘Achäer’, sg. ’Αχαιός ‘achäisch’ (seit Il.), f. ’Αχαιαί, sg. -ά (vgl. Schwyzer 460 m. A. 4). Ableitungen: ’Αχαιΐς, -ίδος f. ‘das Achäerland’ (sc. γαῖα) oder ‘die Achäerin’ (sc. γυνή), auch ’Αχαιϊάς f. (seit Il.); ’Αχαιϊκός, att. ’Αχᾱϊκός (vgl. zum Lautlichen Schwyzer 265f.) ‘achäisch’; ’Αχαιΐη, att. ’Αχᾱΐα f. N. einer thessalischen und peloponnesischen Landschaft ‘Achaja’, auch Stadtname (Rhodos usw.), vielleicht als ’Αχαία (dreisilbig) zu lesen, vgl. unten. — Denominatives Verb ἀχαΐζιεν· ἑλληνίζειν H. — Der Volksname ’Αχαιοί aus ’Αχαιϝοί (wovon lat. Achīvī) ist auch aus ägypt. Quellen bekannt: ägypt. ’qjw’, gewöhnlich als Aqaiwaša gedeutet. Ebenso haben viele Forscher, namentlich Kretschmer (vgl. unten), in heth. Aḫḫijavā griech. ’Αχαιΐα aus *’Αχαιϝία (bzw. *’Αχαίϝα; diese Form noch in dem Stadtnamen ’Αχαία?; vgl. Kretschmer Glotta 21, 227) wiedererkennen wollen. Gegen eine voreilige Identifikation von Aḫḫijavā und ’Αχαιΐα hat vor allem Sommer wiederholt das Wort ergriffen (Aḫḫijavā-Urk., A. u. Sprw., IF 55, 169ff.). — Referat der früheren Diskussion bei Schwyzer 7 9f.; dazu bes. die neue Behandlung von Kretschmer Glotta 33, 1ff., wo nach Schaeffer Aḫḫijavā mit der mykenisch-achäischen Niederlassung Enkomi auf Kypros identifiziert wird. Da der ursprüngliche Sinn des Namens ’Αχαιοί unbekannt ist, sind alle Etymologien leere Spekulationen. Nach Güntert Weltkönig 73, WuS 9, 130ff. soll es als *"die Gefährten, Freunde" mit aind. sákhā, apers. haxā- (vgl. s. ’Αχαιμένης) ‘Genosse, Freund’ identisch sein; dazu Kretschmer Glotta 15, 190; 17,250. I-198-199

ἀχάλιον n. Pflanzenname, = σιδηρῖτις, ἀλθαία (Hippiatr.). — Ohne Etymologie. I-199

ἀχά̄νη f. N. eines Maßes = 45 μέδιμνοι (Ar., Arist.); ‘Kasten’ (Phanod., Plu.). — Unerklärt. I-199

ἀχαρνώς, -ώ auch ἄχαρνος, ἀχάρνᾱς (Kallias Kom., Ath., Arist.) Andere, ähnliche Formen: ἀχάρνα, ἀχέρνα (cod. -λα) H.; ἀκαρνάν (Ath.), ἀκάρναξ· λάβραξ H. m., Fischname = ὀρφώς, viell. ‘Barsch’. — Zum ρν-Element, wohl fremd, Chantraine Formation 208f., Schwyzer 491. Sonst unklar. — Zur Sache Thompson Fishes 6f. I-199

ἀχά̄της, -ου m. ‘Achat’ (Thphr. usw. ) — Unerklärtes Fremdwort. Semitische Etymologien bei Lewy Fremdw. 56. — Der Fluß Achates auf Sizilien ist wahrscheinlich nach dem Stein benannt, nicht umgekehrt. Auch der PN Achates stammt vom Steine. Vgl. Lewy ebd. I-199

ἄχερδος f. (m.) ‘wilder Birnbaum, Pyrus amygdaliformis’ (Od., S., Theok. usw.). — Zur Bildung Chantraine Formation 359, Schwyzer 508. — Nicht sicher erklärt. Von Bugge BB 18, 184 und Mann Lang. 28, 34 mit alb. darδe ‘Birne’ verglichen; von Jokl Festschrift Kretschmer 89ff. weiterhin zu idg. ĝher(s)- ‘starren’ (WP. 1, 610; Pok. 445f.) gezogen unter der ganz hypothetischen Annahme einer Bedeutungsentwicklung ‘Dorngebüsch’ > ‘wilder Birnbaum’. Anlaut ἀ- wäre kopulativ. — Älterer Versuch bei WP. 1, 608 und Bq s. ἀχράς; vgl. d. W. S. auch Schrader-Nehring Reallex. 147. I-199

ἀχερωΐς, -ίδος f. ‘Weißpappel, Populus alba’. — Da ἀχερωΐς in erster Linie als eine Ableitung auf -ίς zu beurteilen ist, kann das Endelement -ωΐς (aus *-ωσις?) schwerlich direkt mit lit. úosis und anderen baltisch-slavischen Wörtern für ‘Esche’ verglichen werden (Prellwitz BB 24, 106f.; weitere Lit. bei Bq und WP. 1, 184 A. 1). Zu der im übrigen ansprechenden Zusammenstellung mit ’Αχέρων s. d. — Abzulehnen Machek Lingua Posnaniensis 2, 152. I-199-200

Αχέρων, -οντος m. N. mehrerer Flüsse, auch mythischer Strom der Unterwelt (seit Od.). — Vielleicht ντ-Ableitung von einem Nomen *ἄχερος ‘Teich, See’, das auch in einigen baltisch-slavischen Wörtern, lit. ẽžeras, ažeras, apreuß. assaran, aksl. jezero ‘See’, gesucht worden ist (s. zuletzt Krahe Beitr. z. Namenforschung 2, 235f. mit älterer Lit.; anders Vaillant BSL 29, 38ff.); hierher noch nach Jokl in Eberts Reallexikon 6, 39 und 43 der Volksname Oseriates (Ober-Pannonien; Plin., Ptol.); vgl. Mayer Glotta 24, 189. Somit wäre ’Αχέρων eigentlich ‘teichbildend, sumpfbildend’. Aber die Hesychglosse ἀχερούσια· ὕδατα ἑλώδη ist natürlich vom Namen des Unterweltsstromes gebildet und somit kein direktes Zeugnis für die ursprüngliche Bedeutung des Appellativs. — Zur ντ-Ableitung s. bes. Kretschmer Glotta 14, 97f. Von *ἄχερος vielleicht auch (mit unklarer Bildung) ἀχερωΐς, s. d. Ableitungen: ’Αχερούσιος (A., Th. usw.), f. -ιάς (Pl., X.); jüngere Bildung ’Αχερόντ(ε)ιος, f. -ιάς (E. usw.). I-200

ἀ̄χήν, -ῆνος m. ‘arm, dürftig’, nach der Form zu urteilen (Chantraine Formation 166f., Schwyzer 487) wohl eigentlich ein substantivisches Appellativum, etwa "Habenichts, gueux" (Theok., Epigr.). Davon ἀ̄χηνία ‘Armut, Entbehrung’ (A., Ar.). Erweiterte (umgebildete) Form ἀχηνεῖς· κενοί H. — Neben diesen dorischen Formen haben Lexikographen dasselbe Wort in ion. att. Lautgestalt bewahrt: ἠχῆνες· κενοί, πτωχοί H.; dazu, mit anderer Stammbildung, ἠχ-άνω· πτωχεύω Suid. (vielleicht als *ἰ̄χάνω zu lesen, vgl. unten); als Hinterglied (nach den adj. σ-Stämmen) in κτεαν-ήχης· πένης H. — Die Form ἀεχῆνες· πένητες H. beruht auf Volksetymologie (α privativum und ἔχω). Unsicher ob hierher ἀχαιος (IG 3, 1385). — Neben ἀ̄χήν usw. steht mit anderem Vokalismus ἰ̄χανάω ‘begehren’ (Hom., Babr., Herod.), wozu vielleicht noch das unsichere ἴχαρ (A. Supp. 850, lyr.). Auch im Indoiranischen scheint derselbe Vokalwechsel (aus āi?) : vorzuliegen; vgl. einerseits aind. ī́hate ‘begehren’, aw. izyeiti ‘streben, verlangen nach’, anderseits aw. āzi- m. ‘Gier, Begierde’ usw. Vgl. Wackernagel Verm. Beiträge 11f.; weitere Einzelheiten bei WP. 1, 40f. — Toch. A ākāl, B akālk ‘Wunsch, Begierde’ (v. Windekens Lexique étymologique 11) sind mehrdeutig; abzulehnen der Vergleich mit toch. B yoko ‘Durst’ (Pedersen Tocharisch 42). I-200

ἄχθομαι, Aor. ἀχθεσθῆναι ‘beladen, belastet sein’, gew. übertr. ‘sich gedrückt fühlen, betrübt sein’ (seit Il.). — Nicht sicher erklärt. — Wenn man in ἄχθομαι, ἄχθος das θ als verbal-nominales Formans abtrennt, was unzweifelhaft am nächsten liegt (vgl. z. B. βρίθω : βρῖθος : βριαρός; πλήθω : πλῆθος : πίμπλημι), bleibt ein Gutturalstamm ἀχ-, bzw. ἀκ- oder ἀγ- übrig. Dadurch erhält man Anschluß an ἄχομαι, ἄχνυμαι ‘betrübt sein, trauern’ (Curtius 63 und 190; danach Brugmann, Schwyzer u. a.), wobei indessen die konkrete Bedeutung ‘beladen sein’, bzw. ‘Ladung’ sich schwerlich erklären läßt. Walde in WP. 1, 40 A. 2 (ähnlich schon Prellwitz) ist deshalb geneigt, von ἄγω im Sinn von ‘fortschaffen’ auszugehen, wovon ἄχ-θος ‘Ladung’, ἄχθομαι ‘beladen sein’; die übertragene Bedeutung ‘sich gedrückt fühlen’ wäre durch Assoziation mit den lautähnlichen ἄχομαι, ἄχνυμαι begünstigt. Vgl. auch ὀχθέω. Daneben ἄχθος n. ‘Ladung, Last, Bürde’, auch übertr. ‘Beschwerde, Mühe’ (vorw. poet. s. Il.); Verhältnis zu ἄχθομαι unklar, vgl. Schwyzer 723. — Mehrere Ableitungen, meist spärlich belegt. Von ἄχθος : ἀχθεινός ‘lästig, unangenehm’ (E., X. usw.), wozu noch die seltenen ἀχθηρός (Antiph. 94, unsicher), ἀχθήεις (Mark. Sid. 96), ἀχθήμων (Man. 4, 501); letzteres kann auch von ἄχθομαι ausgegangen sein. Denominatives Verb ἀχθίζω ‘laden’ (Babr.), außerdem ἀχθήσας (zu lesen ἀχθίσας?)· γομώσας, ἤγουν πληρώσας H., wie von *ἀχθέω. — Von ἀχθομαι, evtl. aus ἄχθος erweitert: ἀχθηδών, -όνος f. ‘Last, Belästigung’ (A., Th., Pl. usw.); zur Bildung vgl. ἀλγηδών u. a., Schwyzer 529f., Chantraine Formation 361. I-200-201

Αχιλλεύς, ep. auch ’Αχιλεύς Sohn des Peleus und der Thetis (seit Il.). Davon ’Αχιλλήϊος, f. ’Αχιλληΐς, att. ’Αχίλλειος. — Das Schwanken λλ ~ λ, das in dem entsprechenden Schwanken σσ ~ σ in ’Οδυσ(σ)εύς ein Gegenstück hat, ist nicht sicher erklärt. Nach Sjölund Metrische Kürzung im Griechischen (Diss. Uppsala 1938) 29ff. ist ’Αχιλεύς durch metrische Kürzung veranlaßt; ähnlich Chantraine Gramm. hom. 1, 110. Zweifel bei Debrunner IF 57, 149. Schulze Q. 230 A. 2 sieht in ’Αχιλ(λ)εύς zwei hypokoristische Wechselformen eines unbekannten Vollnamens. — Die antike Herleitung aus ἄχος ‘Schmerz, Trauer’ hat Kretschmer Glotta 4, 305ff. wieder aufgenommen, indem er ein vermittelndes *ἄχιλος (vgl. ὀργίλος von ὀργή usw.) ansetzt. Eher ist vorgriechischer Ursprung anzunehmen, s. z. B. Debrunner l. c. Vgl. die Ausführungen bei Boßhardt Die Nomina auf -ευς 139f. I-201

ἀχλύ̄ς(später -ῠς), -ύος f. ‘Nebel, Finsternis, Dunkel’ (ion. poet. seit Il., hell. u. späte Prosa). Ableitungen: Adjektiva: ἀχλυώδης ‘neblicht, trübe’ (Hp., Arist., hell. usw.); ἀχλυόεις ‘trübe, dunkel’ (Epigr. ap. Hdt., hell. u. späte Epik). Denominative Verba: ἀχλύω ‘dunkel werden oder machen’ (ep. seit Od.) mit ἄχλυσις ‘Verdunkelung’ (Syn. Alch.); ἀχλύνομαι ‘dunkel werden’ (Q. S.); zur Bildung Schwyzer 727 (unten) f., 733 ε; ἀχλυόομαι, -όω ‘dunkel werden, bzw. machen’ (Thphr. u. a.). — Für sich steht ἀχλυδιᾶν· θρύπτεσθαι H. nach den Krankheitsverben auf -ιᾶν (Schwyzer 732), anscheinend mit einer hiatustilgenden δ-Erweiterung; wahrscheinlich liegt eine Kontamination mit χλιδᾶν (χλιδιᾶν) vor. — ἀχλύς kann bis auf das Genus und die darauf beruhende Vokallänge mit apreuß. aglo n. (u-Stamm; Pauli, s. Kretschmer KZ 31, 332) identisch sein. ? Die Heranziehung des reduplizierten arm. aɫǰ-a-m-uɫǰ-k‘ (pl.) ‘Finsternis’ (Meillet MSL 10, 279; vgl. H. Petersson Arische und armen. Studien 124ff.) setzt, außer der an sich möglichen Metathese von idg. gh-l, noch eine Palatalisierung des gh in voraus. Alb. vágull ‘dunkel, schwachsichtig’ (Mann Lang. 28, 38) muß wegen des Anlauts ausscheiden. I-201-202

ἄχνη f. ‘Spreu, Schaum, Flaum’ (poet. seit Il., auch Hp.). Davon ἀχνῶδες· ἄχνῃ ὅμοιον H. — Zum Vergleich melden sich einerseits — mit anderem Suffix — ἄχυρον ‘Spreu’, anderseits — im Suffix dazu stimmend, aber im Guttural abweichend — lat. agna (aus *ac-nā) ‘Ähre’, got. ahana ‘Spreu’ usw. (vgl. zu ἄκων). In letzterem Falle wäre also für ἄχνη eine Suffixform -snā (vgl. Schwyzer 327) anzusetzen mit Anlehnung an einen s-Stamm (vgl. zu ἀκοστή), falls man nicht Einfluß von ἄχυρον mit ursprünglicher Aspirata annehmen will. Weitere Lit. bei Bq und WP. 1, 30 m. A. 3. — Vgl. ἄχυρον. I-202

ἄχνυμαι, ἄχομαι, ep. Ptz. auch ἀχεύων, ἀχέων (vgl. unten); Aor. ἀκαχέσθαι, ἀκαχεῖν, ἀκαχῆσαι, Perf. ἀκάχημαι, wozu ein neues Präs. ἀκαχίζομαι, -ίζω; es kommen hinzu die seltenen Präsentia ἀκαχύνω (Antim.), ἀκάχομαι (Q. S.) und ἀχνάσδημι (Alk. 81), Umbildung auf -άζω von *ἄχνημι, *ἄχναμαι (neben ἄχνυμαι, vgl. Schwyzer 693 A. 4, 716 Mom. 4). ‘betrübt sein, trauern’, Akt. ‘betrüben’ (ep. lyr. seit Il.); Daneben als altes Verbalnomen ἄχος n. ‘Trauer, Leid, Schmerz’ (vorw. ep. lyr. seit Il.); außerdem ἀχνύς, -ύος f. (Kall.) nach ἄχνυμαι. — Der neutrale s-Stamm ἄχος hat eine genaue formale Entsprechung in dem ursprünglichen neutralen s-Stamm got. agis n., ags. ege m. ‘Furcht, φόβος’; der Bedeutungsunterschied ist aber nicht zu übersehen. Zu dieser und anderen nominalen Bildungen gesellt sich das primäre thematische Ptz. got. un-agands ‘furchtlos, ἀφόβως’, das zu dem ebenfalls thematischen ἄχομαι stimmt; parallele Neubildungen sind indessen bei so produktiven Formkategorien natürlich keineswegs ausgeschlossen, vgl. Jacobsohn KZ 45, 342. — Das Präteritopräsens got. ōg ‘ich fürchte’ ebenso wie air. ad-āgor ‘ich fürchte’ (beide aus idg. oder ) bestätigen die aus anderen Gründen wahrscheinliche Annahme, daß ἄχνυμαι die bei den νυ-Präsentia zu erwartende schwundstufige Wurzelform enthält. — In ἀχεύων könnte der Rest eines nasallosen athematischen Präsens *ἀχευ-μι (neben ἄχ-ν-υ-μαι) bewahrt sein; das daneben stehende ἀχέων kann sich zu ἄχος wie κρατέων zu κράτος verhalten, s. Schwyzer 696 β, 724 Mom. 1. Anders urteilt über diese mehrdeutigen Formen Fraenkel Mélanges Boisacq 1, 366f.: ἀχέων aus *ἀχέϝ-ων, ἀχεύων dagegen aus *ἀχεύ-ι̯ων; letzteres auch Schulze Q. 64; vgl. noch Fraenkel Lexis 2, 194f. Nach K. Meister HK 33 ist das immer am Versende (gegenüber ἀχέων im Versinnern) auftretende ἀχεύων vom Metrum verursacht. I-202-203

ἀχράς, -άδος f. ‘wilder Birnbaum und seine Frucht, Pyrus amygdaliformis’ (Kom., Arist. usw.). Davon ἀχράδινος (Dsk.) und der parodierende Demos-name ’Αχραδούσιος (Ar. Ec. 362). — Bildung wie οἰνάς, ἐρινάς und andere Baum- und Pflanzennamen (Chantraine Formation 356f.), aber sonst dunkel. Ob das ausgesprochen suffixale δ in ἀχρ-άδ- mit dem δ in dem synonymen, aber ganz anders gebildeten ἄχερδος (s. d.) zusammenhängt, ist zweifelhaft. Vielleicht umgebildetes Fremdwort. I-203

ἀχρεῖον Akk. sg. n. Bedeutung unsicher (ἀχρεῖον ἰδών Β 269; ἀ. δἐγέλασσε σ 163; ἀ. κλάζειν Theok. 25, 72); als Vorderglied in ἀχρειό-γελως Adj. (Kratin.); ἀχρείως γελᾶν (APl.). — Wohl einfach mit ἀχρεῖος ‘nutzlos, eitel’ (s